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Kroatien

Montenegro: Skadarsee

Bodo Müller am 29.10.2014

Naturwunder auf dem Balkan: Der große Skadarsee ist bei uns noch nahezu unbekannt – und ein Geheimtipp für Bootsleute, die das Abenteuer suchen.

Fotostrecke: Montenegro: Skadarsee

Skadarsee

Meer aus Rosen: Der Skadarsee an der Grenze von Montenegro und Albanien.

Die Mitarbeiterin der Charteragentur klingt skeptisch: "Wo wollen Sie ein Motorboot chartern?" "Auf dem Skadarsee", antworte ich zielsicher."In Afrika?" "Nein, nein. Der Skadarsee zählt zu den größten Seen Europas."
"In Europa? Nie gehört."
"Manchmal ist er sogar größer als der Bodensee, das hängt vom Wasserstand ab", kann ich noch hinzufügen.
"Größer als der Bodensee? Kenne ich nicht, tut mir leid ..." 

Das war die dritte Charteragentur, bei der ich versucht habe, ein Motorboot auf dem Skadarsee zu mieten. Ich gebe auf und löse stattdessen direkt ein Ticket nach Podgorica, der Hauptstadt von Montenegro. Der See liegt im Süden des Landes, und schon beim Landeanflug versuche ich, einen Blick auf seine Oberläche zu erhaschen. Zwischen Hochgebirgsgipfeln sehe ich stattdessen eine grüne Ebene, in der gelegentlich verschlungene Wasserläufe das Sonnenlicht spiegeln. Soll das etwa der Skadarsee sein? Gibt es da überhaupt genug Platz, um mit einem Boot fahren zu können? Jetzt werde ich selbst skeptisch.

Skadarsee

Meer aus Rosen: Der Skadarsee an der Grenze von Montenegro und Albanien.

Der See bleibt ein Rätsel

Laut Karte liegt der See nur 13 Kilometer Luftlinie von der Adria entfernt. Eingebettet in einer eindrucksvollen Gebirgslandschaft, bildet er die heutige Grenze zwischen Montenegro und Albanien. Sein Name kommt von der albanischen Stadt Shkodra (montenegrinisch: Skadar), die im Südosten des Sees liegt. Am interessantesten soll jedoch der Nordwesten sein, wo sich der See in viele Fjorde auffächert. Diese dünn besiedelte Gegend mit ihren geheimnisvollen Schluchten könnte der Schauplatz des Karl-May-Bandes "Durch das Land der Skipetaren" gewesen sein.

In Podgorica frage ich in einem Touristenbüro, wo man am Skadarsee ein Boot mieten kann. Eine junge Montenegrinerin fährt mit ihren dunkelbraunen Augen über eine Wandkarte des Sees und meint, ich solle mir ein Auto leihen und nach Rijeka Crnojevića fahren. Das sei die alte Königsstadt von Montenegro, nur eine knappe Stunde von hier. Sie nimmt die Karte von der Wand und schenkt sie mir.

Skadarsee

Meer aus Rosen: Der Skadarsee an der Grenze von Montenegro und Albanien.

Vom Airport fahre ich über eine abenteuerliche Gebirgsstraße etwa 30 Kilometer weit in Richtung Westen. Die mittelalterliche Stadt Rijeka Crnojevića liegt an einem schmalen Canyon, dem westlichen Zipfel des Skadarsees. Von hier stammt das Adelsgeschlecht der Crnojević, die vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert das Fürstentum und spätere Königreich Montenegro im politischen Spannungsfeld der übermächtigen Nachbarn Serbien und Österreich-Ungarn regierten.

Ein Meer aus Seerosen

Die Straße windet sich in engen Kurven am Steilhang eines Gebirgszuges entlang. Etwa fünf Kilometer vor dem Ziel stoppe ich bei einer Haarnadelkurve. Hier müsste man schon den Skadarsee sehen können. Der Blick in Richtung Südosten zeigt ein Gebirgspanorama mit grünen Kegeln, die von einem absolut ebenen, grünen Teppich in den Himmel ragen. So weit das Auge blicken kann, zieht sich die Ebene. Stellenweise wachsen darin kleine Bäume oder Büsche. Und innerhalb des Teppichs blinkt ein silberner Streifen. Ich mache ein Foto und zoome auf dem Display in das Bild hinein: Unglaublich! Der grüne Teppich ist ein Meer aus Seerosen!

Das schmale silberne Band dazwischen ist das markierte Fahrwasser. Erst bei genauerer Betrachtung erkenne ich, dass dort auch kleine Boote fahren. Die Straße folgt den Windungen des Fjords zum westlichen Ende des Skadarsees. Alte Steinhäuser am Wasser deuten an, dass ich an meinem Ziel angekommen bin: Rijeka Crnojevića – die ehemalige Stadt der montenegrinischen Herrscher. Nur noch wenige Menschen wohnen hier zwischen Gebirge und See. Aber die steinernen Bauten zeugen von einer großen Vergangenheit. Eindrucksvollstes Beispiel und Wahrzeichen der Stadt ist die alte freitragende Steinbogenbrücke, die neben der berühmten Brücke von Mostar zu den schönsten des Balkans zählt. Hier beginnt und endet die Schiffbarkeit auf dem Skadarsee.

„Wo kann ich hier ein Motorboot mieten?“

Auf dem See, der hier nur noch ein Fluss ist, machen Jugendliche Wettfahrten auf alten schmalen Fischerbooten. Die kleine alte Stadt ist liebevoll gepflegt wie ein Touristenort und dennoch herrscht hier eine weltentrückte Stille. Die Bogenbrücke ist nur zu Fuß passierbar. Aus den steinernen Ritzen sprießen Salbei, Rosmarin und kleine Feigenbäumchen. Ich habe das Gefühl, eine Zeitreise anzutreten.

"Wo kann ich hier ein Motorboot mieten?" frage ich den Besitzer eines Lokals neben der Steinbogenbrücke. Der Mann gießt mir einen Grappa ein: "Fremde sollten sich nicht allein auf den Skadarsee wagen. Ab Virpazar starten motorisierte Touristenboote auf den See hinaus."

Ich fahre an der Westküste nach Süden, immer wieder die imposanten Ausblicke genießend, bis Virpazar, das touristische Zentrum am See. Im Hafenamt frage ich einen Mann in einer schicken Uniform, wo man ein Motorboot mieten kann und breite meine Karte aus. Er legt seinen Zeigefinger auf die eingezeichneten Schilfwälder an der Nordküste und sagt "Nationalni Park. Eco Resort Plavnica."

Mitten im Nationalpark

Da ich keine Alternative habe, fahre ich zweifelnd zum Nationalpark. Umso mehr staune ich, dass ich inmitten von Schilfwäldern ein sehr schönes Hotel mit einer kleinen Marina entdecke. Und dann die Überraschung: Hier kann man Motorboote chartern! Filip heißt der freundliche Juniorchef der Anlage: "Wir haben schnelle Daycruiser vom Typ Rinker. Übernachten können Sie bei uns im Resort oder in einer der kleinen Pensionen rund um den See." Ich buche mich im Resort ein.

Tags darauf trifft auch Skipperin Siegrun ein. Filip macht den Tank voll und fragt dann höflich, ob er uns am ersten Tag begleiten könne.Warum nicht? Er legt zwei gekühlte Flaschen Wein ins Cockpit, öffnet eine davon und schenkt in Plastikbechern ein: "Auf eine schöne Reise!"

Ins Schilf geschnittene Wasserstraße

Wir verlassen das Eco Resort auf einer ins Schilf geschnittenen Wasserstraße. Nach einem Kilometer öffnet sich der Horizont. Kein Dickicht mehr, keine Seerosen, sondern ein freier Blick bis Albanien. Dann führt unser Kurs westwärts zu dem Damm, der den nordwestlichen Teil des Skadarsees vom südlichen See trennt. Er wurde noch im sozialistischen Jugoslawien gebaut, um eine Auto- und Eisenbahnverbindung von der montenegrinischen Hauptstadt zu den Adriahäfen zu schaffen. Die alte schiffbare Verbindung über den Fluss Bojana durch Albanien zur Adria wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr benutzt und ist heute versandet.

Über ein verschlungenes Labyrinth von Wasserwegen steuert Filip durch eine uralte Kulturlandschaft, in der Menschen seit Generationen am und auf dem Skadarsee leben, Schifffahrtskanäle anlegten sowie Häuser und Festungen bauten. Einer der sehenswerten Orte ist Žabljak Crnojevića. Bauern und Fischer siedeln unten am Kanal, über dem Wasser thront die Ruine einer Festung. Auch hier ist alles noch sehr ursprünglich.

Boote sind das wichtigste Verkehrsmittel

Highlight des Tages ist das Fischerdorf Karuč. Das Fahrwasser führt durch einen schwer zu überschauenden Irrgarten aus Seerosen und Schilfwäldern. Ich gebe zu, dass wir den Weg hierher ohne ortskundigen Führer nicht gefunden hätten.

Auch innerhalb des Dorfes mit seinen auf Landzungen verstreut liegenden Gehöften ist das Boot das wichtigste Verkehrsmittel. Frauen arbeiten in den Gärten, Männer flicken die Netze, von Touristen keine Spur. Hier entdecken wir das erste Lokal, an dem man anlegen kann. Es besteht aus einer kleinen Bar, an der regionaler Wein ausgeschenkt wird. Dazu wird Schinken mit Oliven serviert. Und vor dem Anleger gibt es einen Badepool zwischen den Seerosenfeldern. Alles sieht so exotisch aus, dass man glaubt, in einem Flussdelta im fernen Asien zu sein.

Zur alten Königsstadt Rijeka Crnojevića

Unser erster Törn ohne Filip ist richtig aufregend, weil wir jetzt allein einen Weg durch die Rosen finden müssen, ohne dass deren meterlange Stiele unseren Antrieb lahm legen. Wir wählen darum das gut markierte Hauptfahrwasser von Skadardamm in Richtung Nordwesten zur alten Königsstadt Rijeka Crnojevića. Es wird eine schöne Tagesreise durch eine faszinierende Gebirgslandschaft. Selten begegnen wir anderen Booten. Es sind Fischer, die freundlich grüßen und ihren frischen Fang anbieten. Wir erreichen Rijeka Crnojevića und legen am Nordufer vor dem Restaurant "Stari Most" an. Der Gastwirt empfängt uns freundlich und serviert gegrillten Karpfen. Das Essen schmeckt lecker, und der Blick auf die alte Brücke, den See und das Gebirgspanorama ist atemberaubend.

Wir kennen jetzt den See nördlich des Skadardammes. Nun ist der südliche, offene Teil unser Ziel. Es ist der flächenmäßig größere Teil, sein Ostufer gehört bereits zu Albanien. Wir wollen klären, ob wir mit unserem Charterboot nach Albanien hi-nüberfahren dürfen und steuern darum zuerst Virpazar an, wo sich das Hafenamt befindet. Die malerische Kleinstadt liegt auf zwei kleinen Inseln im See, die mit einer Steinbogenbrücke verbunden sind. Ringsum gibt es Kanäle in alle Himmelsrichtungen – ein Miniatur-Venedig in montenegrinischer Einsamkeit. Im Hafen liegen kleine Schiffchen, die auf sonnenhungrige Ausflügler warten. Wir binden unser Boot vor der Terrasse der Konoba "Badanj" an und gehen die wenigen Schritte zum Hafenkapitän, der uns nach nebenan zur Polizei schickt.

„Ihr seid doch Nachbarn“

"Ausklarieren nach Albanien?" fragt ein freundlicher älterer Polizist in fließendem Deutsch und kratzt sein weißes Haar. "Ihr seid die ersten, die danach fragen." "Dürfen wir nicht nach Albanien?" "Doch, doch. Die Grenzen sind offen. Aber niemand fährt über die Grenze. Und schon gar nicht mit dem Boot." "Ihr seid doch Nachbarn", sage ich. "Vor 1990, als Albanien abgeschottet war, lebten mehrere tausend Montenegriner in Skadar – das ist die albanische Großstadt dort drüben." Er zeigt mit der Hand in Richtung Südosten, obwohl man die Stadt Skadar von hier aus gar nicht sehen kann. "Als sich die Kommunisten nicht mehr trauten, auf Flüchtlinge zu schießen, flohen die meisten von ihnen über den See nach Montenegro – oder Jugoslawien, wie es damals noch hieß." "Wir würden gern mit einem gemieteten Boot nach Albanien fahren ..." "Wir sind nicht darauf eingestellt, tut mir leid. Wenn Sie sich die Moscheen drüben ansehen wollen, fahren Sie einfach mit dem Taxi rüber." Er sieht unsere Enttäuschung: "Oder kommen Sie in ein, zwei Jahren wieder. Dann gibt es vielleicht einen regulären Übergang für Sportboote."

Steinerne Ruinen, die ins Wasser reichen

Über das betonnte Fahrwasser verlassen wir Virpazar und fahren an der Westküste nach Süden. Vor uns liegt die Insel Grmožur mit steinernen Ruinen, die bis ans Wasser reichen. Die ehemalige Festung wurde von den Türken errichtet, jedoch später von den Montenegrinern erobert. König Nikola machte aus dem Kastell ein Gefängnis, in dem vornehmlich Nichtschwimmer inhaftiert waren.

Zur Rechten thronen jetzt die bis zu 1600 Meter hohen Gipfel des Rumija-Gebirges, das den See von der Adria trennt. Auf dem jenseitigen Ufer liegt Albanien, wo das Land zunächst sanft ansteigt. Weiter im Osten folgen auch dort schneebedeckte Gipfel. Wir fahren an einem sonnigen Sonntag im Hochsommer auf einem der größten Seen Europas und sind völlig allein. Ist hier die Zeit stehen geblieben?

Gregorianische Choräle aus der Klosterkirche

Drei felsige Eilande kommen in Sicht: Starčeva Gorica, Beška und Moračnik. In Montenegro gelten sie als Orte religiöser und nationaler Identität. Hier wurden im 14. Jahrhundert Klöster errichtet, die noch heute bestehen. In der Abgeschiedenheit der nur per Boot erreichbaren Konvente kopierten die Mönche Heilige Schriften.

Zwischen den beiden südlichen Inseln Beška und Moračnik stoppen wir den Motor. Die Türme der Kirchen spiegeln sich im warmen Abendlicht auf dem Wasser, und die Stille ist atemberaubend. Nur manchmal trägt ein Lufthauch musikalische Klänge zu uns aufs Wasser. Nein, kein Disco-Gedröhn wie auf dem Balaton. Es sind gregorianische Choräle aus einer der Klosterkirchen. Der liturgische Gesang in der Einsamkeit des Sees ist so berührend, dass ich Gänsehaut bekomme. Einen Augenblick lang überlegen wir anzulegen, um den Chor aus der Nähe zu erleben. Doch wir wollen die Mönche nicht stören und lassen uns langsam am Kloster vorbeitreiben – bis die Klänge über der endlosen Weite des Sees verhallen.

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INFORMATIONEN ZUM REVIER

Anreise
Am günstigsten fliegt man von Deutschland mit Air Serbia ab Frankfurt oder Berlin via Belgrad nach Podgorica. Im Internet schon ab 200 Euro für Hin- und Rückflug. Der Flughafen der Hauptstadt Montenegros liegt am Nordufer des Sees. Von dort sind es 13 km mit dem Taxi oder Mietwagen zum Plavnica Eco Resort. Mit Auto und Trailer beträgt die Entfernung von München nach Podgorica rund 1250 km, am Ende der Strecke auch durch die Nicht-EU-Staaten Bosnien-Herzegowina und Mazedonien.

Vor Ort
Zur komfortablen Anlage des Eco Resorts gehört eine Marina mit 80 Liegeplätzen, Slipanlage, Bootsservice und Charterflotte. Dank der zentralen Lage sind die schönsten Reiseziele in Tagestörns erreichbar. Übernachten kann man entweder im Resort oder in einer der kleinen und meist preis-
werten Pensionen oder Hotels rund um den See. Im Plavnica Eco Resort kostet eine Suite für 2 Personen 130 Euro, inkl. Frühstück. Infos: www.plavnica.me

Chartern
Vermietet werden 40 km/h schnelle  Boote vom Typ Rinker 192 Captiva (2x 88 kW/
120 PS, 4 Personen). Die Daycruiser kosten 280 Euro pro Tag oder 1400 Euro pro Woche, plus Kraftstoff. Bootsführerschein Binnen ist erforderlich. Ein revierkundiger Skipper (50 Euro/Tag) wird am ersten Tag empfohlen. Anfragen an: filippejovic@gmail.com

Literatur
Bodo Müller/Jürgen Straßburger: "Küstenhandbuch Kroatien und Montenegro, Split – Ulcinj mit Skadar-See", Edition Maritim, Hamburg, 29,90 Euro, ISBN 978-3-89225-632-8. www.delius-klasing.de

Bodo Müller am 29.10.2014