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Reise: Kroatien

Revierbilanz

Bodo Müller am 01.12.2020

Unter den Möglichkeiten: Zwanzig Jahre nautischer Tourismus in Kroatien – Zeit für eine ausführliche Bilanz

Corona hat auch den nautischen Tourismus in Kroatien kräftig durcheinandergewirbelt. Mit dem Hintergrund einer Analyse der Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte werfen wir einen Blick auf das aktuelle Geschehen in diesem für das Land so wichtigen Tourismussektor.

Anfang August hatte das für den nautischen Tourismus zuständige Ministerium die Zahlen der ausgegebenen Permits für den Zeitraum 1.1.2020 bis 27.7.2020 veröffentlicht und mit den Zahlen des Vorjahres verglichen. Wurde 2019 in diesem Zeitraum noch 40.664 Booten ein Permit erteilt, waren es in diesem Jahr nur noch 27.313 – ein Rückgang von knapp 33 Prozent. Bei den Erstanmeldungen lag das Minus bei knapp 40 Prozent, bei den Permit-Verlängerungen (Wiederkommer) bei knapp 31 Prozent.

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Die Hoffnung, diesen Einbruch im August und den Folgemonaten durch gute Zahlen zu mindern, dürfte sich kaum erfüllt haben: Am 20. August stufte das Robert Koch-Institut zwei nautisch wichtige kroatische Regionen als Risikogebiet ein: Šibenik-Knin und Split-Dalmatien. Am 2. September folgte die Re­gion Zadar und am 9. die Region Neretva-Dubrovnik. Wirtschaftlich dramatischer als das Ausbleiben der privaten Boote und Yachten dürfte sich der Einbruch im Chartersektor aus­wirken. Bis zu 50 Prozent weniger Buchungen verzeichnen Anbieter und Agenturen. Etliche kleine Anbieter vor Ort dürften damit kurz vor dem Abgrund stehen. Aber auch die Marinas werden darunter leiden: Aufgrund der hohen Mobilität der Charteryachten ist deren Anteil an Einzelübernachtungen in Marinas (Transit) besonders hoch. Ihr Ausbleiben wird dort zu erheblichen Umsatzeinbußen führen. Welche Auswirkungen dies für die Zukunft haben wird, lässt sich derzeit nicht beantworten. Viel wird dabei vom weiteren Verlauf der Covid-19-Pandemie abhängen.

Mit einer knapp 6000 Kilometer langen Küstenlinie (einschließlich Inseln) hält Kroatien unter den im nautischen Tourismus konkurrierenden Mittelmeerländern (Spanien, Frankreich, Italien Griechenland und Türkei) einen Anteil von 14,4 Prozent der gesamten Küstenlänge. Gemessen an der Zahl der in diesen Ländern insgesamt zur Verfügung stehenden Liegeplätze für Freizeitboote betrug sein Anteil im Jahr 2010 aber gerade 9,7 Prozent, während Spitzenreiter Italien 30,8 Prozent des Liegeplatzangebots stellte. Es folgten Spanien und Frankreich mit 24,8 bzw. 23,9 Prozent der Liegeplätze. Die Türkei (4,9 %), Griechenland (3,0 %), sowie Slowenien, Montenegro und Malta (gesamt 2,0 %) lagen zusammen bei 9,9 Prozent und damit in etwa auf dem Niveau von Kroatien. Im Vergleich zu den drei Topdestinationen war das Land quantitativ also keineswegs "Großmacht".

Ein aufschlussreiches Bild der nautisch-touristischen Auslastung einer Küste ergibt sich, wenn man die Länge der Küstenlinie auf die Zahl der insgesamt vorhandenen Liegeplätze bezieht. Danach hat Kroatien 2,9 Liegeplätze pro Kilometer Küstenlinie, Italien 6,57, Spanien 8,73 und Frankreich 76,1 Liegeplätze/km Küstenlinie. Natürlich spielen bei der "Verdichtung" einer Küste mit Liegeplätzen (also Häfen und Marinas) topografische, hydrologische und vor allem auch ökologische Faktoren eine wichtige Rolle, die unkontrolliertes Wachstum einerseits durch die natürlichen Gegebenheiten (Topografie, Hydrologie) und andererseits durch ökologische Vorgaben, die von der Politik gesetzt werden, begrenzen. Wie es aussieht, wenn alle drei Faktoren bis an ihre Grenzen – und darüber hinaus – ausgereizt werden, zeigt die französische Mittelmeerküste auf teilweise abschreckende Weise. Die hoffnungslose Überlastung bietet kaum noch Spielräume für weiteres Wachstum. Ganz anders Kroatien, dessen Küste noch erhebliche ungenutzte Entwicklungspotenziale zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit im nautischen Tourismus besitzt. Dies gilt ebenso für Griechenland und die Türkei, die mit 0,49 beziehungsweise 1,20 Liegeplätzen pro Küstenkilometer ebenfalls noch weit von einer Übersättigung entfernt sind.

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Bodo Müller am 01.12.2020
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