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Niederlande

Niederlande: Amsterdam

Ingrid Bardenheuer am 26.06.2013

Stille Ecken, scharfe Kurven: mit dem Flüsterboot durch die Grachten von Amsterdam. Vor 400 Jahren begann der Bau dieses einmaligen Kanalnetzes.

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Unterwegs in den Grachten von Amsterdam

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Es war beim Stammtisch. Irgendwer erzählte, wie er seinen Stahlverdränger im Sixhaven untergebracht hatte und anschließend mit dem Beiboot übers IJ gefahren war, um sich Amsterdams Grachtengürtel auf eigenem Kiel vorzunehmen. Nur dank GPS habe er wieder hinausgefunden, hörten wir, und die offensichtliche Dramatik der Spritztour beeindruckte uns sehr. Amsterdam mit dem Boot – als wäre die Stadt, von der uns einst unsere besorgten Eltern fernhielten, nicht schon aufregend genug! Aber dann wollten wir es doch wissen.

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Unterwegs in den Grachten von Amsterdam

Bei Jan Pieter Groeneveld haben wir uns erst einmal ein Boot besorgt. Jan Pieter ist der Chef von Boaty Bootverhuur. Ein Stehpult und ein Steg mit Booten genügen ihm für die Geschäftsabwicklung an der Jozef Israelskade im Stadtteil De Pijp. Früher war das Viertel ein Arbeiterkiez, heute ist die Ecke hip. Exotische Lokale, witzige Läden, Multikulti. Wie das so ist. Boaty vermietet Aluboote mit Elektroantrieb. Der Saft, der aus den Steckdosen am Anleger fließt, ist öko.

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Unterwegs in den Grachten von Amsterdam

Und die Leistung der Motoren? Jan Pieter winkt ab: "kW – kaum erwähnenswert." Dafür kommen die 5 m langen Schaluppen vom Typ "Friese schouw" aber erstaunlich flott voran. Der Akku hält den ganzen Tag, verspricht Jan Pieter. Und dann gibt er uns noch den Rat mit auf den Weg, defensiv zu bleiben und die Rundfahrtschiffe im Auge zu behalten. Passiert eigentlich viel auf den Grachten? "Ich glaube, es geht meistens gut", meint Jan Pieter lapidar und stößt uns vom Steg ab.

Würde man Amsterdams Grachten aneinanderreihen, ergäben sie eine Strecke von etwa 75 km. Dagegen machen sich die 45 km eines Rhein-Herne-Kanals schon etwas bescheiden aus. Auch Venedig sollte sich bedeckt halten – Amsterdam zählt angeblich dreimal so viele Brücken wie die Serenissima. Die 165 Kanäle, die Amsterdam hat, bilden ein halbrundes Netz, das die Innenstadt durchzieht und umschließt. Seit 2010 gehört Amsterdams Grachten-gürtel zum UNESCO-Welterbe. Von der Amstel ist da deutlich weniger die Rede, dabei gaben sie und ein im Mittelalter angelegter Damm der Stadt den Namen – Amsterdam.

Auf der Amstel zieht ein 9-m-Cruiser an uns vorbei, dann ein Rundfahrtschiff. Unsere Alu-Schaluppe zeigt sich unbeeindruckt, wir auch – die Amstel ist breit. Das ehrwürdige Amstel Hotel hat die Stadtflagge aufgezogen: Rot-Schwarz-Rot mit drei weißen Andreaskreuzen. Warum das Tuch so aussieht wie es aussieht, weiß niemand so genau. Auf die (offen stehenden) Amstel-Schleusen folgt Amsterdams berühmte "Magere Brug". Sie ist genauso hübsch wie im Reiseführer. Das "mager" soll nur daran erinnern, dass die erste Version der Brücke im 17. Jahrhundert ein ziemlich schmales Hemd war. 

Die "Hermitage" steuerbords von uns ist die Tochter einer anderen Ermitage – der von St. Petersburg. Vielleicht wäre es nie dazu gekommen, hätte sich in der Gegend nicht ein Zar als Zimmermann verdingt und auch sonst Augen und Ohren offen gehalten. Was Peter der Große 1697/98 rund um Amsterdam erlebte, gefiel ihm. Er kupferte kräftig ab und schloss im Übrigen die Holländer in sein Herz, was wiederum diesen gefiel. Die russisch-niederländische Geneigtheit überdauerte die Jahrhunderte und wird ebenfalls in diesem Jahr gefeiert (siehe Infokasten). Wir peilen andere Höhepunkte an. Vor uns liegt De Wallen, Amsterdams berühmtes Rotlichtviertel. 

Als Wassertourist ohne einschlägige Hintergedanken nimmt man gewöhnlich die Gracht am Oudezijds Voorburgwal, um in den Bezirk hineinzugelangen und die Gracht entlang des Oudezijds Achterburgwal zurück – oder umgekehrt. Der Kanal am Oudezijds Achterburgwal ist heute für den Verkehr gesperrt, also muss uns der Oudezijds Voorburgwal reichen, um unverbindlich ins Milieu zu linsen. Viele andere tun das auch. Entsprechende Touren werden angeboten, zum Beispiel über das örtliche Tourismusbüro. Wem ein solches Arrangement zu theorielastig ist, der bucht beim Prostitutie Informatie Centrum (PIC) einfach ein Seminar in Fensterprostitution. De Wallen gilt als relativ sicher, und eigentlich finden wir es hier nicht wirklich besorgniserregend.

Wir ziehen an Coffeeshops vorbei und anderen Etablissements, die selbsterklärend sind. Ein Gotteshaus kommt in Sicht, die Oude Kerk, Amsterdams ältestes Gebäude. Seine Geschichte reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Sloepen, voll belegt mit Ausflüglern, begleiten uns. Die Stimmung ist gelöst. – Da fangen wir den Blick einer Frau auf, die sich hinter einem Schaufenster anbietet, und ihre Augen be-richten von einer Realität, die wir beinahe verdrängt hätten. Wir legen Ruder und fahren zurück.

Wer jetzt ein "kopje koffie" braucht, der kann beim "Café de Jaren" eingangs der Gracht am Kloveniersburgwal anlegen. Überhaupt, das Festmachen in der Stadt. Ganz so einfach geht es nicht (siehe Infokasten). Außerdem haben wir den Ratschlag von Jan Pieters Kollegen Wout verinnerlicht: "Lasst das Boot nicht unbeaufsichtigt!" Amsterdam ist eben kein Mädchenpensionat, egal wie sicher wir uns fühlen mögen.

Mitte des 16. Jahrhunderts. Amsterdam ist kaum größer als De Wallen mit einigen weiteren Straßenzügen. Noch wird die Stadt von nur einem Grabensystem zwischen Singel und Gelderskade begrenzt. Aber die Zeiten ändern sich. Die Niederlande stehen am Vorabend ihrer wohl großartigsten Epoche, dem Goldenen Zeitalter. Immer mehr Menschen zieht es nach Amsterdam, und bald herrscht dort drangvolle Enge.

Zweimal dehnt sich die Stadt aus, aber der große Wurf wird es nicht. Anfang des 17. Jahrhunderts folgt eine dritte, später eine vierte Erweiterung. Diesmal ist das Konzept grandios: Es kommt zum Bau des weltbekannten Grachtengürtels. Zunächst werden westlich des Singel die Heren-, Keizers- und Prinsengracht als Hauptkanäle angelegt. Ein neuer Festungsgraben, die Singelgracht, schließt sich an. 1613, vor genau 400 Jahren, begannen die Bauarbeiten zum Grachtengürtel, ein Jubiläum, das sich die Amsterdamer natürlich auch nicht entgehen lassen.Zugegeben, Navigieren mit Stadtplan gehört sich nicht, aber hier ist es opportun.

GPS vermissen wir nicht, denn der Grachtengürtel hat System. Wir sind jetzt auf dem Singel unterwegs, passieren den schwimmenden Blumenmarkt und die Torensluis-Brücke von 1648. Es dauert, bis wir hindurch sind. Der Bau ist um die 40 m breit, ein wahrer Klotz, der einmal eine praktische Doppelfunktion hatte – als Brücke und Knast. Dann, schon fast bei der Brouwersgracht, sehen wir ein Hausboot voller Miezen, aber diesmal sind es echte. Schon seit fast 50 Jahren gewährt das "Katzenboot" gebeutelten Mäusefängern ein Dach über den Pfoten.

Etwas weiter entdecken wir, verborgen zwischen den Fassaden, einen Gebäudezwerg – das Haus mit der schmalsten Ansicht von ganz Amsterdam. Nur rund einen Meter in der Breite misst die Front zur Gracht. Da hat seinerzeit ein schlauer Fuchs gewaltig Steuern eingespart. Wir biegen in die Brouwersgracht ein, die zum Jordaan gehört, einem Viertel, das vielleicht noch kultiger ist als De Pijp. Auch der Jordaan war eine Arme-Leute-Gegend. Als Anfang der 1930er-Jahre die Not unerträglich wurde, gingen die Bewohner mit Pflastersteinen gegen die Obrigkeit vor. Die reagierte sofort – indem sie das Pflaster entfernen und durch Asphalt ersetzen ließ.

Da – ein lauter Rums. Eine Schaluppe ist mit Getöse an eine Grachtenwand geschlagen. Der Hobby-Käpt’n hat das weit ausschwenkende Heck eines Rundfahrtschiffes unterschätzt und schaut nun ziemlich konsterniert. Uns nimmt alsbald ein Kahn voll junger Dachse aufs Korn, die quietschfidel und zügig um eine Ecke ziehen. "Pas op!" – wir kommen so gerade eben aneinander vorbei. Das Landungsboot, das hier dröhnend seine Spaßrunde dreht, hätten wir jetzt nicht so gern als Sparringspartner gehabt.

An heiklen Kreuzungen helfen gewöhnlich Spiegel, ansonsten ist Ausguckhalten das A und O. Signalhörner benutzt kaum jemand. Wir brauchen ebenfalls nicht zu tröten, was Jan Pieter gut gefallen würde. Flüsterboot fahren und dann Rabatz machen, nein, für ihn passt das nicht zusammen. Von der Brouwersgracht gehen Heren-, Keizers- und Prinsengracht ab. Sie sind die Perlen im Grachtengürtel. An der Herengracht befinden sich die prächtigsten Grachtenhäuser von Amsterdam.

Hier, in der "Gouden Bocht", lebte die Hautevolee des 17. und 18. Jahrhunderts. An der Keizersgracht, schon bei der Westerkerk, fällt uns eine Installation auf: ein Dreieck aus rosafarbenem Granit, das wie ein Podest in die Gracht hineinragt. Der Winkel ist einer von dreien, die zum Homomonument gehören. Seine Symbolik soll auch an das berüchtigte rosa Dreieck erinnern, mit dem die Nationalsozialisten deportierte homosexuelle Männer stigmatisierten.12. Juni 1942.

Ein junges Mädchen in Amsterdam wird 13 Jahre. Bei seinen Geschenken liegt eine Kladde, weiß-rot kariert und mit einem kleinen Verschluss – ein Tagebuch. Sie nennt es "Kitty" und beginnt zu schreiben. Das Mädchen, Anne Frank, wächst in einem Land heran, das von den Nazis besetzt ist. Für die Juden wird es von Tag zu Tag gefährlicher, auch für die jüdische Familie Frank. Am 6. Juli 1942 taucht sie unter.

Zwei Jahre bleibt das Versteck im Hinterhaus der Prinsengracht 263 unentdeckt, dann werden seine Bewohner verraten und verschleppt. Anne Frank stirbt mit 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Der Vater überlebt und veröffentlicht ihr Tagebuch. Es berührt bis heute, weltweit. Als wir bei der Prinsengracht 263 vorbeikommen, hat sich, wieder einmal, eine lange Menschenschlange vor dem Eingang zum Anne-Frank-Haus gebildet. Viele, die anstehen, sind kaum älter als Anne damals. "Ich will noch fortleben nach meinem Tode", schrieb sie am 4. April 1944 in ihr Tagebuch (zitiert nach Ausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, 45. Auflage).

Annes Wunsch hat sich erfüllt. Von der Prinsengracht wechseln wir via Leidsegracht auf das nächste ansehnliche Gewässer – die Singelgracht. An Steuerbord erhebt sich ein gewaltiger Bau, das Rijksmuseum. Es beherbergt bedeutende Ausstellungsstücke, darunter Schätze wie "Die Nachtwache" von Rembrandt. Die Anfänge des Rijksmuseums gehen auf Louis Bonaparte zurück, der 1806 von seinem Bruder Napoleon I. auf den holländischen Thron gesetzt worden war.

Der Bevölkerung stellte sich Louis mit einer markigen Rede in Landessprache vor: "Ich bin das Kaninchen von Holland!" Der feine Unterschied zwischen "konijn" (dt. Kaninchen) und "koning" (dt. König) hatte den wackeren Franzosen sprachlich zu Fall gebracht. Aber sein Bemühen kam an, und am Ende ging Louis als "Lodewijk de Goede" in die Historie ein.

Kurz bevor wir wieder bei Boaty an der Jozef Israelskade sind, schwächelt unser Antrieb. Jan Pieter hatte uns vorgewarnt: "Es kann sein, dass ihr was in die Schraube bekommt." Die Schadensbehebung sei simpel: Motor aus und beherzt ins Wasser greifen. Da sich unser Vortriebproblem nicht von allein löst, müssen wir am Ende doch noch ins Trübe packen. Mit spitzen Fingern befreien wir den Propeller von einem ausgesprochen ominösen Kunststofffetzen.

Amsterdams Grachten werden regelmäßig gespült und von Müll befreit, Abwässer dürfen längst nicht mehr eingeleitet werden. Das ist schon mal gut. Andererseits: Den Teilnehmern am Stadtschwimmen im letzten Jahr wurde eine Tetanus-Impfung wärmstens angeraten. Die haben wir, aber deshalb fassen wir auch nicht unbeschwerter ins Kanalwasser. Beim Stadtschwimmen stiegen Hunderte für einen guten Zweck in die Grachten und kraulten 2028 m vom Oosterdok zur Amstel. Mit dabei: Máxima der Nie-derlande. Chapeau, Majesteit! Unsere Schaluppe ist zurück an ihrem angestammten Platz. Schön war’s. "Totziens" Amsterdam, wir kommen wieder. Gern per Boot.

Ingrid Bardenheuer am 26.06.2013