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Niederlande: die neue Veenvaart

Peter Egloff am 05.04.2014

Neuer Weg durchs Moor: Im vergangenen Sommer wurde die Veenvaart eröffnet: BOOTE hat die neue Wasserstraßen-Verbindung der Provinz Drenthe getestet.

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Auf eigenem Kiel durch die Provinz Drenthe

Fotostrecke: Niederlande: die neue Veenvaart

Am 8. Juni 2013 war es soweit: Mit einem großen Volksfest wurde in der niederländischen Provinz Drenthe das letzte Teilstück des Wasserweges zwischen den Orten Erica und Ter Apel eröffnet: die "Nieuwe Veenvaart" – die "Neue Fahrt durch das Moor". Dieses Kanalsystem verbindet die nordwestdeutschen Wassersportgebiete über Ems und Haren-Rütenbrock-Kanal mit der Region im Osten des IJsselmeeres.

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Auf eigenem Kiel durch die Provinz Drenthe

Auch für die Wassertouristen aus dem Raum Groningen eröffnet sich über den Stadskanaal ein neuer Rundkurs – die Drenther Runde – durch den südlichen Teil der Provinz Drenthe und die Provinz Overijssel. Die Entfernung vom westlichen Punkt des Haren-Rütenbrock-Kanals an der deutsch-niederländischen Grenze zum IJsselmeer verringert sich durch die neue Verbindung um rund 60 Kilometer.

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Auf eigenem Kiel durch die Provinz Drenthe

Die Wiederbelebung alter, stillgelegter Wasserwege und der vier Kilometer lange Neubau eines Kanals machen uns neugierig. In nur sechs Jahren wurden neben zwei Schleusen mehrere Brücken neu gebaut – nur für den Bootstourismus! Von Friesland kommend, starten wir im Juli 2013 bei herrlichem Wetter von Meppel über Hoogeveen zum Veenpark bis nach Haren an der Ems. Das sehenswerte Meppel liegt im Südwesten der Provinz Drenthe etwa 40 km vom IJsselmeer entfernt.

Unsere Fahrt beginnt mit erlaubten 9 km/h am Meppeler Diep und führt über 29 km auf der Hoogeveenschen Vaart bis zum östlichen Rand von Hoogeveen. Auf dem relativ breiten Kanal verkehrt auch Berufsschifffahrt, sodass es für die Sportschifffahrt an den Schleusen zu Wartezeiten kommen kann. Die drei Schleusen und fünf beweglichen Brücken werden fernbedient, der Funkverkehr in Richtung Osten wird über Kanal 84, in Richtung Westen über Kanal 18 abgewickelt.

Wir machen zunächst im kleinen Hafen von Rogat fest, wo wir mittags den letzten Platz ergattern. Hier gibt es "Kunst an Land" – eine Initiative, die mit Kunstwerken am Ufer gerade Wassersportler zum Hingucken anregt. Später lädt uns eine Liegestelle bei Hoogeveen zum Übernachten ein, allerdings ohne jegliche Infrastruktur. Hoogeveen ist ein weitläufiger, eher gesichtsloser Ort, den wir auf der Suche nach dem Hafen durchradeln, der zwar ebenfalls keine Serviceeinrichtungen bietet, aber durchaus Entwicklungspotenzial haben dürfte. 

Weiter geht es für 32,5 km über die Verlengde Hoogeveensche Vaart bis zum Ortsrand von Klazienaveen. Vor der ersten Schleuse, der Noordscheschutsluis, bildet sich saisonbedingt ein Stau, da von hier an die Kapazität der Schleusen geringer wird. Von nun an ist bis Ter Apel fast durchgehend Konvoifahrt mit maximal 6 km/h angesagt, aber freundliches Schleusen- und Brückenwärterpersonal lässt keinen Unmut aufkommen. In vielen Fällen werden mehrere Brücken von einem Brückenwärter "in combinatie" bedient, auch das kostet Zeit. Wir bewundern dennoch, wie reibungslos unser Konvoi vorankommt, obwohl allein auf der Verlengden Hoogeveenschen Vaart zwei Schleusen und 21 Brücken für uns geöffnet werden.

Auf halbem Weg passieren wir die Eisenbahnbrücke (Öffnung zweimal stündlich) von Veenoord und Nieuw-Amsterdam, Orte, deren Reiz sich uns auf den ersten Blick nicht erschließt. Die Ufer hier bieten kilometerlange Liegemöglichkeiten (meist ohne jeden Service), von denen ein Großteil jedoch durch Langzeitlieger belegt ist. Die nun folgenden Brücken und die Ericasluis werden per Videoüberwachung nach Bedarf fernbedient.

Am Ortsrand von Klazienaveen biegen wir nach Nordwesten in den Bladderswijk ab und erschrecken: An dem 100 m langen Warteplatz vor der Oranjesluis ist keine Lücke mehr frei. Freundlich werden wir aufgefordert, einfach vorbei und nach vorn zu fahren: Die Bootseigner nutzen den neuen Anleger (und seine Infrastruktur) nämlich als Liegeplatz! Kurz nach der Oranjesluis zweigt der neu gebaute König-Willem-Alexander-Kanal der Veenvaart nach Osten ab. Die Anzahl der Boote nimmt ab, da von der ersten Brückendurchfahrt an eine Höhenbegrenzung von 3,50 m gilt. Nun allein auf der Veenvaart, erreichen wir die Spaarsluis, die uns auf das Niveau des  Höhenzugs Hondsrug (Hunderücken) hebt.

Wir tuckern auf dem vier Kilometer langen, neu gebauten Kanal durch karge, aber eindrucksvolle Natur und durch einzigartige Hochmoorgebiete. Die Ufer des an dieser Stelle sogenannten Hondsrug-Kanals liegen bis zu drei Meter unter dem Niveau der Umgebung. Die Bauweise lässt der Natur an den Ufern freien Lauf, Wanderwege, ein Radweg und sogar Wildtier-Korridor begleiten uns bis zur nächsten Schleuse.

Der Hondsrug bildet die westliche Grenze des Bourtanger Moors, des einst größten zusammenhängenden Flachmoor-Sumpfgebietes Zentraleuropas. Seine sandigen Höhen stellten die einzige trockene Landverbindung bis zur Kultivierung der Moorlandschaft dar. Da überrascht es kaum, dass der Begriff Moor – holländisch: Veen – Namensgeber für etliche Orte und Kanäle der Gegend ist.

Das aufwendigste Bauwerk der "Nieuwe Vaarroute Veenvaart" ist die im Februar 2013 eröffnete Koppelschleuse bei Oranjedorp. Fünf Meter Fallhöhe werden durch zwei verbundene Schleusenkammern überwunden. Das Umfeld der Koppelschleuse soll Besucher anziehen: Es gibt Rastplätze und Aussichtspunkte über die Schleusen bis zur nahe gelegenen Trambrug. Dort, an der Einmündung in den Scholtenskanaal, endet die Neubaustrecke.

Auf dem Weg zum Veenpark passieren wir die Veenparksluis – ohne es zu merken: Durch die Baumaßnahmen wurde der Wasserstand angehoben, sodass die Veenparksluis nur noch als historisches Monument von Bedeutung ist und immer offen steht. Im Veenpark gibt es zahlreiche Liegemöglichkeiten, für die Liegegeld zu entrichten ist.

Der Veenpark, der nun seit 40 Jahren erstmals wieder mit dem Boot erreichbar ist, ist das größte Freilichtmuseum der Niederlande. Hier wird die Geschichte der Pro-vinz Drenthe lebendig. In einem historischen Dorf gibt es eine Bäckerei, einen Kaufmannsladen sowie einen Holzschuhmacher. Bei einer Wanderung oder einer Fahrt mit der Schmalspurbahn kann man im Hochmoor alles über den Torfabbau erfahren, der diese Gegend seit Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt hat.

Um die Torfabbaugebiete einerseits erreichen und andererseits den Torf abtransportieren zu können, wurden Kanäle gebaut, von denen Wassersportler heute noch oder wieder profitieren. Der Stadskanaal, der heutige Ter Apelkanaal und der Compascuumkanaal waren die wichtigsten Wege für den Transport des "braunen Goldes". Dörfer auf dem Hondrug bekamen über Stichkanäle Anschluss an die Hauptstrecke.

In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts kam der Torfabbau für die Brennstoffgewinnung in den Niederlanden dann aber zum Erliegen, 1950 wurde der letzte Stich gemacht. Etliche Wasserwege wurden geschlossen, Brücken und Schleusen durch Dämme ersetzt. So waren Ende der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts sämtliche Verbindungen zwischen Drenthe und Groningen (und damit Deutschland) unterbrochen.

Die erneute Schiffbarmachung zwischen Erica (Provinz Drenthe) und Ter Apel (Provinz Groningen) begann nach langen Vorbereitungen 2007. Finanziell beteiligten sich neben den Gemeinden die Provinzen Drenthe und Groningen, die regionalen Wasserverwaltungen, Stiftungen, der niederländische Staat und nicht zuletzt der Europäische Fonds für Regionale Entwicklung. Die Arbeiten für die insgesamt etwa 20 km lange Strecke kosteten 35 Mio. Euro und wurden in zwei Abschnitte geteilt: Wiederaufbau der 14 Kilometer zwischen Ter Apel und dem Veenpark sowie der Neu- und Ausbau der 6 Kilometer vom Veenpark nach Erica.

Der erste Bauabschnitt startete 2008. Es mussten zwölf bewegliche Brücken renoviert, demontiert oder saniert, drei komplett neu gebaut werden. Von den drei Schleusen wurden zwei im alten Stil wieder hergerichtet, die dritte bei der Sanierung elektrifiziert. Bereits am 10. Juni 2010 konnte die erste Teilstrecke bis Barger-Compascuum freigegeben werden. Der zweite Bauabschnitt wurde mit der Eröffnung des König-Willem-Alexander-Kanals im Sommer 2013 beendet.

Auf der gesamten Strecke zwischen Meppel und Ter Apel gibt es keinen Jacht- oder Passantenhaven, aber im Abstand von einigen Kilometern zahlreiche ausgewiesene Liegestellen, an denen in der Sommersaison auch Langzeitliegen gestattet ist. Generell wird längsseits festgemacht, selten wird eine Liegegebühr erhoben. Häufig sind die landseitigen Poller arg klein; zum Festmachen an Bäumen braucht man entsprechend lange Leinen.

Zusätzlich sind Erdnägel ein Muss, mit denen weitere Fixpunkte zum Festmachen geschaffen werden können. Die Versorgung mit Wasser und Strom ist nur an wenigen Punkten gegeben, Liegeplätze in deren Nähe sind schnell belegt, und Sanitäranlagen haben Seltenheitswert. So ist es dringend angeraten, für die mindestens drei Tage dauernde Fahrt mit vollem Wasser- und leerem Fäkalientank zu starten. Die Provinz hat versprochen, die Infrastruktur an den Liegestellen zügig zu verbessern.

Die "Wiederauferstehung" der Kanäle zwischen den Ortschaften Erica und Ter Apel ist bereits jetzt eine Erfolgsgeschichte, die man sich heutzutage so in der Bundesrepublik Deutschland kaum vorstellen kann. Bereits im ersten Jahr besuchten doppelt so viele Bootstouristen die Region wie in den Vorjahren – eine Entwicklung, von der alle Beteiligten überrascht wurden.

Die örtlichen Geschäftsleute bestätigen einen großen wirtschaftlichen Effekt. Auch der Haren-Rütenbrock-Kanal verzeichnet ein deutlich gestiegenes Verkehrsaufkommen, sodass in den ersten vier Wochen nach der Eröffnung der Veenvaart in Haren (Ems) bereits 200 Boote mehr als im Vorjahr gezählt wurden. Hafenmeister Herrmann Riddering erzählt nicht ohne Stolz, dass weitere 75 Liegeplätze geschaffen werden.

Auch wenn manche Skipper die neue Route wegen der deutlichen Verkürzung als "Rennstrecke" bezeichnen, muss man sich im Klaren sein, dass man insgesamt nur langsam vorankommt. Das liegt im Wesentlichen an den Betriebszeiten der Brücken und Schleusen, besonders an der Mittagspause. So kommt es hin und wieder vor, dass ein Schiffskonvoi zwischen zwei Brücken ohne Anleger "gefangen" ist. Dann fahren die Boote brav eine Stunde lang kleine Kreise ...  

Peter Egloff am 05.04.2014