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Niederlande

Niederlande: Von der Maas bis nach Texel

Ingrid Bardenheuer am 04.04.2011

Törn der Kontraste: Von Roermond an der Limburgse Maas geht es einmal quer durch die Niederlande zur Wattenmeerinsel Texel – und wieder zurück.

Holländische Mischung

Abwechslung ist die Würze dieses Törns: Wir folgten alten nordholländischen Wasserwegen ...

Ein Samstagabend im Juli, Stille liegt über dem Wasser. Wir sind im Jachthaven Eldorado am Mookerplas, einem der vielen hübschen Seen entlang der Limburgse Maas, und strecken die Beine aus: Nach einer behaglichen Fahrt von Roermond bis hierher schmeckt das Anlegebier.

Nett ist es im Jachthaven Eldorado, gemütlich und sehr komfortabel. Aber, mit Verlaub und allem Respekt für die dargebotenen Annehmlichkeiten, welch ein Name für einen Hafen so tief in der niederländischen Provinz: „Eldorado“. Der Mythos, der Pate stand, erzählt immerhin von nichts geringerem als einem Garten Eden, einem fernen Goldland, das unsere menschliche Sehnsucht nach grenzenloser Sorglosigkeit erfüllt. Gefunden hat dieses Paradies noch niemand, auch nicht die Poeten. „Doch manchmal“, schrieb Joseph von Eichendorff, „taucht’s aus Träumen, als läg es weit im Meer ...“ Das Meer. Dorthin wollen wir.

Fotostrecke: Niederlande: Limburgse Maas bis Texel

Von Roermond nach Texel und retour soll unsere Reise gehen. Zwei Wochen haben wir Zeit. Unser Boot kann bei Gelegenheit und Bedarf in Gleitfahrt übergehen – das passt. Unsere Strecke soll von der Limburgse Maas via Maas-Waalkanaal zur Waal bei Nijmegen führen. Nach etwa 20 Stromkilometern zu Berg werden wir die Waal verlassen und auf den Pannerdenskanaal wechseln.

Südlich von Arnhem geht es auf die Gelderse IJssel flussab bis zu Ketelmeer und IJsselmeer. Nach der Querung des Markermeers wollen wir über das nordholländische Kanalnetz Den Helder ansteuern. Von dort werden wir Kurs auf die etwa 6,5 sm entfernte westfriesische Wattenmeerinsel Texel nehmen. Zurück planen wir das IJsselmeer über Den Oever anzulaufen.

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... und bekamen am Ende die frische Salzluft der Nordsee zu schmecken.

Unsere weitere Heimfahrt soll ab dem Ketelmeer auf gleicher Route wie hin erfolgen. Alles in allem erwartet uns ein buntes Potpourri an Wasserwegen und damit verbunden ganz unterschiedliche Anforderungen an Boot, Skipper und Crew: Flüsse und Kanäle, moderne Großschifffahrtsstraßen und historische Wasserpfade, offene Gewässer und ein Gezeitenrevier.

Tag zwei unserer Tour. Wir haben dem Mookerplas adieu gesagt und erreichen nach wenigen Minuten Fahrt den etwa 13,5 km langen Maas-Waalkanaal, der in Weurt bei Nijmegen die Waal erreicht. Der 1927 eröffnete Maas-Waalkanaal ist weder schön noch entspannend. Denn nun müssen wir uns den Fahrweg mit Kolonnen von Berufsschiffen teilen.

April 2006, auf dem Maas-Waalkanaal ereignet sich ein tragischer Unfall: Ein Tank-schiff und eine Motoryacht kollidieren. Auf dem Sportboot sterben zwei Menschen. Heute warnen großflächige Plakate am Ufer vor heiklen Situationen zwischen Groß- und Freizeitschifffahrt – auch vor dem sogenannten „dode hoek“, dem „toten Winkel“. Gemeint ist jener Bereich vor dem Bug eines Berufsschiffes, der vom Steuerstand eines solchen „Riesen“ nicht einzusehen ist.

Faustregel für Skipper: Ist das Ruderhaus eines Großschiffes erkennbar, dann befindet man sich im Blickfeld des Profis. Also „Rondum zicht“, wie eines der Plakate in großen Lettern empfiehlt – Augen auf, und zwar in alle Richtungen. Die Plakate, die auch an anderen niederländischen Wasserstraßen zu finden sind, gehören zum Projekt „Varen doe je samen!“. Info: www.vdjs.nl

Das Untertor der Schleuse Weurt öffnet sich, jetzt sind es nur noch wenige Meter bis zur Waal. Wir passieren den futuristisch anmutenden Verkeers-post Nijmegen und fädeln uns schließlich bei Waal-km 887 in das Stromgeschehen ein. Etwa 20 km zu Berg stehen uns bevor. Als stattlichster Mündungsarm im Rheindelta beerbt die Waal den Rhein mit all seinen Sperenzeichen.

Ihr Lauf beginnt bald hinter der niederländisch-deutschen Grenze, wo sich der Rhein (der nun den Namen „Bijlandskanaal“ trägt) in Waal und Pannerdenskanaal verzweigt. Etwa 84 km wei-ter zu Tal wird aus der Waal die Boven Merwede. Wegen der Sperenzchen: Die Waal ist wie der Rhein eine stark frequentierte Verkehrsader mit satter Strömung. Die liegt im Idealfall bei etwa 5 km/h, wir bekommen es mit strammen 6 km/h zu tun. Und nicht nur das.

Die Berufsschifffahrt pflügt an diesem Sonntagvormittag in Pulks durchs Wasser und produziert wahre Wellenberge, die sich zu beachtlichen Kreuzseen zusammentun. In das Tohuwabohu mischt sich obendrein ein frischer Westwind ein, der gegen die Strömung setzt. Und als wäre das alles nicht schon Zirkus genug, setzt jäh heftiger Regen ein. In Verdrängerfahrt hampeln wir mühsam flussaufwärts. Bevor uns sämtliche gute Laune abhandenkommt, geben wir unserem Boot lieber die Zügel. Jetzt geht es mit Tempo voran, und schon wird die Reise angenehmer.

Trotzdem, an manchem dicken „Pott“ kommen wir nur peu à peu vorbei. Aus Sicherheitsgründen sind wir unter der Maximaldrehzahl unseres Diesels geblieben und machen nun, nach Abzug der Strömungsgeschwindigkeit, etwa 30 km/h über Grund. Ein ordentlicher Schnitt, aber offenbar nicht genug, um ein modernes Großschiff mit Leichtigkeit überholen zu können.

Aktuell: Auf der Waal bei Nij-megen soll während der Saison 2010 testweise ein betonntes Fahrwasser nur für Sportboote eingerichtet werden. Ein Pilotprojekt, das Sinn hat. Bei Waal-km 867 legen wir Ruder, Kurs Pannerdenskanaal. Das Gewässer, das nach etwa 6 km in den Neder-Rijn übergeht, empfängt uns ohne jede Ruppigkeit, auch haben wir es mit weniger Großschifffahrt zu tun. Dafür wollen erstmals andere Gefährte mit Bedacht umsteuert werden: Gierponten. Fähren dieses Typs hängen an einem Stahlseil, das im Fluss verankert und durch Bojen markiert ist. Der Fährmann stellt die Gierponte so zur Strömung, dass sie vom Flusslauf an die gegenüberliegende Uferseite gezogen wird. Wir passieren die Fähren vis-à-vis ihrer jeweiligen Anlegepunkte und bleiben auf gehörigem Abstand zu Verankerung und Seil.

1657 soll das Prinzip der Gierponte hier um die Ecke entwickelt worden sein, in Nijmegen. Jahrzehnte später liegt Pulverdampf über der Gegend, die Region hat einmal mehr fremde Begehrlichkeiten geweckt. Diesmal errichtet man bei Pannerden eine Verteidigungslinie. Auch ein Graben wird dabei ausgehoben. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts er-hält dieser Graben Anschluss an Neder-Rijn und Bijlandskanaal, zudem wird er befahrbar gemacht. Es ist die Geburtsstunde des Schifffahrtsweges Pannerdenskanaal.

Nach Pannerdenskanaal und Neder-Rijn nehmen wir bei Arnhem die Gelderse IJssel unter den Kiel, ein etwa 120 km langer Strom, der ins Ketelmeer mündet. Kurvenreich fließt die Gelderse IJssel Richtung Norden und wird auf ihrem Weg dorthin zunehmend sanfter. Ihre Ufer rücken weiter und weiter auseinander, und aus einem anfangs mit bis zu 6 km/h dahineilenden Fluss wird ein gemächlich strömendes Gewässer, das sich in seinem Unterlauf kaum noch fühlbar voranbewegt.

Grüne Ufer, berühmte Städte, einladende Yachthäfen – die Gelderse IJssel gehört zu den reizvollsten Abschnitten dieses Törns. In manchem mutet sie wie die „kleine Schwester“ des Rheins an, ein charmantes Ding, das es dennoch „faustdick hinter den Ohren“ hat. Treffen nämlich schmales Fahrwasser und starke Strömung, enge Biegungen und intensive Großschifffahrt zusammen, dann ist vom Skipper allerhöchste Aufmerksamkeit gefordert. Wieder gilt: Rundumsicht wahren, vorausschauend fahren, Funk benutzen – und sich in die Lage der Berufsschiffer versetzen, die auf der Gelderse IJssel auch keinen leichten Job haben.

Wie Perlen liegen sie an der Gelderse IJssel: die Hansestädte Doesburg, Zutphen und Deventer, Hattem, Zwolle, Kampen und Hasselt. Ihre glorreiche Vergangenheit blitzt nahezu hinter jedem Stein hervor, funkelt von Türmchen und Volutengiebeln, schimmert durch Bleiglasfenster und Butzenscheiben. Mit allen Sinnen lässt sich hier Historie erfahren – sogar erschmecken. Denn etliche Restaurants der Gegend tischen Deftiges nach Art der Hanse auf, in Zutphen ist es beispielsweise das „Bij d’n Open Haard“ im Zentrum.

Bei unserem Halt in Zutphen (Strom-km 928) machen wir beim WV Gelre im alten Vispoorthaven fest, eine sehr gemütliche Bleibe, die allerdings auch sehr eng ist. Der Hafen liegt in fußläufiger Entfernung zur Innenstadt und verfügt über die gängige Ausstattung. Achtung: Vor der Zufahrt setzt ein starker Neerstrom, also zügig einlaufen und dabei mittig halten.

Für einen ganz anderen Hafen-Typus an der Gelderse IJssel steht der Jachthaven Dorado Beach, den wir auf unserer Rückfahrt besuchen. Die Anlage mit dem verlockenden Namen befindet sich am Het Zwarte Schaar, einem Seitenarm der Gelderse IJssel, der bei etwa Strom-km 905 N abgeht. Man liegt im Grünen und genießt allerlei Komfort. Der Hafen gehört zu einem Ferienpark mit den entsprechenden Vergnügungen, auch ein Restaurant sowie ein Laden sind vorhanden.

Aber noch sind wir nicht auf dem Heimweg. Wir haben gerade erst Zutphen hinter uns gelassen und folgen nun der Gelderse IJssel weiter flussabwärts. Bei Kampen erreichen wir eine magische Marke: Strom-km 1000. Da die Gelderse IJssel Teil des Rheindeltas ist, führt sie (wie die übrigen Mündungsarme auch) die Rhein-Kilometrierung fort. Dann, bei etwa Strom-km 1002, teilt sich das Fahrwasser. Wir nehmen die Hauptroute, das Keteldiep. Nach weiteren vier Kilometern sind wir auf dem Ketelmeer, und mit einem Mal scheint sich der Raum zu weiten.

In der Ferne machen wir die Umrisse der mächtigen Ketelbrug aus, hinter ihr meinen wir bereits das IJs-selmeer erahnen zu können. Wind, der von See kommt, fährt uns ins Gesicht. Ein neuer Abschnitt unserer Reise hat begonnen. Hinter der Ketelbrug nehmen wir Kurs auf Lelystad. Dort soll für heute Schluss sein. Andererseits: Was spricht dagegen, noch den Sprung übers Markermeer anzuhängen? Nichts, im Gegenteil, der Nachmittag ist jung, und das Wetter perfekt – ein echter Glücksfall nach den himmlischen Ausfällen der letzten Tage.

Ohne lange warten zu müssen, wechseln wir durch die Houtribsluizen vom IJsselmeer aufs Markermeer. Etwa eineinhalb Stunden später liegt unser Boot auch schon in der Marina Monnickendam, einer gast-freundlichen und gut ausgestat-teten Hafenanlage. Ein langer, schöner Tag auf dem Wasser neigt sich dem Ende zu. Stimmiger Schlusspunkt: ein Besuch im Sternelokal „De Posthoorn“ unweit der Marina.

Es war ein Debakel, das sich im 17. Jahrhundert abzuzeichnen begann. Bei ihrer Rückkehr nach Holland konnten die schwer beladenen Ostindienfahrer noch mit viel Fortune die Untiefen der Zuiderzee umschiffen. Doch an den Sandbänken vor Amsterdam gab es irgendwann kein Vorbeikommen mehr. Kleinere Schiffe mussten die Ladung der Kolosse übernehmen und in den Amsterdamer Hafen schaffen. Oder man setzte einem Ostindienfahrer ein „Schiffskamel“ an den Rumpf, eine Art mobiles Schwimmdock, das ihn um die fehlende Handbreit Wasser unter dem Kiel anhob.

Eine kostentreibende Angelegenheit, die der Welthandelsmetropole Amsterdam gar nicht gut zu Gesicht stand. Also musste eine neue Route her, eine, die den Weg über die Zuiderzee überflüssig machte. Da ein Kanal zur Nordsee bei IJmuiden technisch noch nicht möglich war, entschied man sich für eine Verbindung zwischen Amsterdam und dem Küstenort Den Helder. 1824 war der rund 80 km lange Noordhollandsch Kanaal fertiggestellt. Doch schon bald stieß er an seine Kapazitätsgrenzen, und mit der Eröffnung des nur 24 km langen Noordzeekanaal von Amsterdam nach IJmuiden im Jahre 1876 war der Noordhollandsch Kanaal aus dem Geschäft.

Von Monnickendam aus steuern wir den Noordhollandsch Kanaal per Trekvaart Het Schouw-Monnickendam-Edam an. So richtig begeistern können wir uns für den Noordhollandsch Kanaal erst hinter Purmerend: Die Ufer sind nun abwechslungsreicher, und auf dem Alkmaarder Meer finden sich endlich genügend Liegemöglichkeiten. Dann geht es auch schon zu den „Käseköpfen“, was überhaupt nicht despektierlich gemeint ist.

Der Spitzname für die Bürger Alkmaars kommt vielmehr einem Ritterschlag gleich, erinnert die Bezeichnung doch an den grandiosen Sieg der Stadt über die Spanier im 16. Jahrhundert. Als es nämlich an die Verteidigung Alkmaars ging, stülpten sich die Widerständler hölzerne Käseformen – die Kaaskoppen – über. Eine pfiffige Schutzmaßnahme, die den Alkmaarern besagten Beinamen eintrug. Die Stadt ist ansonsten ein touristisches Highlight, schon des berühmten Käsemarktes wegen (freitags 10 – 12.30 Uhr, vom ersten Freitag im April bis ersten Freitag im September). Die idyllischsten Liegeplätze befinden sich an der Stadsgracht Luttik Oudorp (nur Juli/August, Details siehe Wateralmanak 2).

In Alkmaar verlassen wir den Noordhollandsch Kanaal und nehmen eine attraktivere Route gen Norden: über Kraspolder Kanaal und Kanaal Omval-Kolhorn nach Kolhorn, von dort via Waardkanaal, Amstelmeer und Balgzandkanaal nach Den Helder. Als stimmungsvoller Übernachtungsplatz am Kanaal Omval-Kolhorn entpuppt sich ein einfacher Steg im Grünen bei Oudkarspel. In einer anderen Ausbuchtung des Kanaal Omval-Kolhorn liegt, südlich Nieuwe Niedorp, der Jachthaven De Rijd – ein heimeliger Flecken, zu dem auch ein Restaurant am Wasser gehört. Und dann Kolhorn, der einstige Fischerort: Bis 1844 brandete hier das offene Meer, die Zuiderzee.

Heute liegt Kolhorn verträumt inmitten einer weiten Polderlandschaft. Hübsch hergerichtet hat man den alten Weiler, mit ordentlichen Liegeplätzen entlang des Ufers. Die Lokale, „De Roode Leeuw“ und „’t Anker“, befinden sich unmittelbar am Kanal.

Es ist mittlerweile unser fünf-ter Törntag. Seit dem Morgen hat der Wind beständig aufgefrischt. Als wir am Nachmittag unsere Box im Passantenhaven Willemsoord, Den Helder, beziehen wollen, greift eine kapitale Böe nach unserem Boot und legt es wie ein Spielzeug quer – schöne Grüße vom Meer, wir sind da. Nachdem wir uns sortiert haben, halten wir den aufgebrachten Himmelsmächten unseren Windmesser unter die Nase: 5 bis 6 Beaufort, in Spitzen 7 Beaufort. Draußen, vor Den Helder, schäumt die See.

Drei Seegebiete – Nordsee, Marsdiep und Wattenmeer – umgeben die Stadt hoch im Norden Nordhollands. Eine Lage, die Den Helder schon für Napoleon I. interessant machte. Der französische Kaiser veranlasste die Errichtung von Verteidigungsanlagen sowie einer Marinewerft. Für deren Bau zeichnete der Niederländer Jan Blanken Janszoon verantwortlich, der später auch den Noordhollandsch Kanaal entwerfen sollte. Vollendet wurde die Werft Anfang der 1820er-Jahre unter dem niederländischen König Willem I., der zugleich Namensgeber wurde: „Rijkswerf Willemsoord“. Die Koninklijke Marine nutzte die Werft bis 1993, dann folgten Sanierung und Umbau.

Heraus kam ein Juwel: Rund um das „Natte Dok“, das eine Reihe historischer Schiffe und seit 2008 einen modernen Passantenha-fen beherbergt, findet sich der-art viel Kurzweil, dass hierfür ausreichend Zeit eingeplant werden sollte. Zu den beeindruckenden Stationen in Willemsoord gehören das Marinemuseum und das Nationaal Reddingmuseum Dorus Rijkers. Auf dem Werftgelände gibt es überdies Einkehrmöglichkeiten, ansonsten: Die City mit Restaurants und Geschäften ist nah.

Am nächsten Morgen begrüßt uns Sonnenschein, begleitet von einer mäßigen bis schwachen Brise. Der erste Skipper, der über See nach Willemsoord hereinkommt, signalisiert: „Alles in Ordnung da draußen. Ihr könnt fahren!“ Die Zeedoksluis befördert uns vom „Natte Dok“ zum wattseitig gelegenen Marinehafen. Da wir UKW-Funk an Bord haben, hören wir beim Auslaufen pflichtgemäß Kanal 62 (Rijks Haven Coördinatie Centrum). Hinter der Hafenausfahrt lassen wir das Marsdiep an Backbord und nehmen den tiefen, betonnten Texelstrom mit direktem Kurs auf Oudeschild, Texel.

Uns schiebt auflaufendes Wasser, jedoch kaum wahrnehmbar. Wind und Welle kommen ebenfalls von achtern, was wir sehr wohl mitbekommen. Vor allem, seit wir ohne Landabdeckung sind. Die Dü-nung, die uns jetzt nachläuft, ist nicht ohne. Nun gilt es, die Geschwindigkeit unseres Gleiters sensibel auf den Seegang abzu-stimmen. Vor Oudeschild verfolgen wir wie vorgeschrieben UKW-Kanal 12 (Rijkshaven Oudeschild, Meldepflicht Montag und Freitag, wenn die Fischereiflotte aus- bzw. einläuft). Und dann sind wir auch schon am Ziel.

Eine gute halbe Stunde hat die etwa 6,5 sm lange Überfahrt von Den Helder nach Oudeschild gedauert. Ein Katzensprung, mehr nicht. Wir ziehen durch bis zum Waddenhaven Texel, einer topmodernen Marina, die sich an Visserijhaven, Werkhaven und Verenigings-haven anschließt. Und da es noch früh am Vormittag ist, finden wir auch problemlos einen passenden Liegeplatz. Das ist gut so, denn bis auf Weiteres werden wir ihn nicht verlassen können. Starkwind ist angekündigt.

Das Malheur hätte uns zugegebenermaßen nirgends besser treffen können als auf der Ferieninsel Texel – Langeweile ist hier praktisch ausgeschlossen. Auch Yachthafenlieger sind an die Attraktionen des Eilandes bestens angebunden. Entweder man mietet sich ein Fahrrad oder nimmt den Bus. Auch in Oudeschild, Heimathafen der Fischereiflotte von Texel, lässt es sich gut aushalten. Im Hafen befinden sich gemütliche Restaurants, das Dorf verfügt unter anderem über einen kleinen Supermarkt. Tipp: „De Texelse Visspecialist“ gleich hinter dem Deich von Oudeschild. Fisch und Meeresfrüchte werden in vielen Variationen angeboten.

Wir schlendern zurück zum Boot, vorbei an Ausflugsschiffen und modernen Kuttern, genießen das quirlige Leben an den Kais. Als Oudeschild diesen Hafen 1780 bekam, endete eine Ära – die der berühmten Reede von Texel.
Von der Nordspitze Nordhollands bis Terschelling reichte dieser Ankerplatz im Watt. Auf dem Marsdiep, dem Seegatt südlich von Texel, lagen sie häufig zu Dutzenden – Kriegsschiffe, Expeditionsschiffe, Ostindienfahrer.

Auf ihrem Weg von den Häfen der Zuiderzee in die Welt hinaus hielten die Kapitäne noch einmal inne, vor allem um auf günstige Winde zu warten. Die Reede von Texel war leidlich geschützt, doch wenn ein Unwetter aufzog, kam es nicht selten zur Katastrophe. So auch am Heiligen Abend des Jahres 1593, als ein Sturm über etwa 150 ankernde Schiffe hinwegfegte. 44 von ihnen sanken und rissen an die tausend Men-schen in den Tod.

Zwei Tage hält uns das Wetter auf Texel fest. Dann tut sich ein Zeitfenster auf: Morgen soll der Wind kurzzeitig auf 4 Beaufort zurückgehen. Wir machen alles klar für die Rückreise. Bei fallender Tide laufen wir mit Kurs auf Den Oever aus (UKW-Hörpflichten beachten). Im Hauptfahrwasser werden wir selbst bei Niedrigwasser genug Tiefe haben, allein die Abkürzung durch den „Bollen“ ist jetzt nicht mehr angeraten. Wieder schiebt uns die Strömung, abermals kaum spürbar. Doch der Westwind drückt uns eine ordentliche Dünung auf die Steuerbordseite.

Wir weichen auf einen westlicheren Kurs näher zu Texel hin aus, und sofort hört das lästige Rollen auf. Mit achterlichem Wind biegen wir auf das Fahrwasser „Malzwin“ ein, das ins „Visjagersgaatje“ übergeht. Der Seegang ist bald nicht mehr der Rede wert. Knapp eineinhalb Stunden nach unserem Start in Oudeschild schlüpfen wir bei Den Oever durch den Abschlussdeich. Das IJsselmeer bedrängt uns mit Hack, egal, wir bleiben noch eine Weile und machen den Schönheiten Medemblik, Enkhuizen und Urk unsere Aufwartung. Doch dann geht es zurück, unweigerlich.

WAS SKIPPER WISSEN MÜSSEN

Das Boot Jeanneau Merry Fisher 805, Länge 8,25 m, Breite 2,94 m, Tiefgang 0,74 m, Durchfahrtshöhe 2,71 m, 1 x 200 PS Nanni 4-Zylinder-Diesel, Kraftstofftank etwa 230 l, Höchstgeschwindigkeit 43 km/h, CE-Kategorie B (außerh. von Küstengewässern)

Die Törninformationen Auf dem von uns befahrenen Abschnitt der Waal sowie auf Teilen der Limburgse Maas, Gelderse IJssel und Ketelmeer gab es zum Törnzeitpunkt kein Tempolimit, des Weiteren nicht auf bestimmten
Bereichen des IJsselmeers und Markermeers sowie auf den Hauptschifffahrtsrouten des niederländischen Wattenmeers. Da wir mit einem Gleiter unterwegs waren, konnten wir diese Strecken für ein flotteres Fortkommen nutzen.

Wir haben auf unserer Tour etwa 470 l Diesel verbraucht.Unsere Tankstopps: Jachthaven Eldorado/Mookerplas, Jachthaven Flevo Marina/Lelystad, Passantenhaven Willemsoord/Den Helder, Marina Schokkerstrand/ Schokkerhaven, Jachthaven Dorado Beach/Zwarte Schaar.

Auf der beschriebenen Strecke liegen 17 Schleusen. 12 bewegliche Brücken mussten für uns geöffnet werden. Die beweglichen Brücken an der Zeedoksluis/Den Helder und der Stevinsluis/Den Oever konnten wir aufgrund des Tidenstands in geschlossenem Zustand passieren.

Detaillierte Hinweise zu den Durchfahrtshöhen und -breiten, Brücken- und Schleusenzeiten, Gewässertiefen und Höchstgeschwindigkeiten, Liege- und Versorgungsmöglichkeiten gibt der jährlich aktualisierte Wateralmanak 2 des Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB (siehe Törnführer und Karten). Der obligate Törnbegleiter für Niederlande-Skipper enthält überdies einen Tidenkalender.

Wer auf See unterwegs ist, muss das Wetter im Auge behalten. Gleiches gilt für das IJsselmeer, das wegen seiner plötzlichen und heftigen Wetterumschläge berüchtigt ist. Die Küstenwache in Den Helder verbreitet viermal täglich um 8.05 h, 13.05 h, 19.05 h und 23.05 h Ortszeit einen sehr genauen Seewetterbericht, herausgegeben vom Koninklijk Nederlands Meteorologisch Instituut (KNMI). Gesendet wird auf den UKW-Kanälen 23 und 83. Ganz wichtig für IJsselmeer- Skipper ist der Centrale Meldpost IJsselmeergebied in Lelystad, der stündlich um h + 15 min auf UKW-Kanal 1 eine Lagemeldung samt Wetterbericht bringt. Nautische Warnnachrichten und Sturmwarnungen kündigt die Küstenwache auf UKWKanal 16 und DSC-Kanal 70 an,

Die Törnetappen  (in km)  

Roermond – Mookerplas (85) 
Mookerplas – Zutphen    (90)
Zutphen –Monnickendam (138)
Monnickendam –Oudkarspel (57)
Oudkarspel – Den Helder (41)
Den Helder –Oudeschild/Texel (6,5 sm)
Oudeschild/Texel – Medemblik    (15 sm + 19)
Medemblik – Enkhuizen (18)
Enkhuizen – Urk (26)
Urk –Doesburg (115)
Doesburg – Leukermeer (97)
Leukermeer – Roermond (55)
Gesamt-km    741
Gesamt-sm    21,5 sm

Ingrid Bardenheuer am 04.04.2011