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Reise durch die Niederlande: Provinz Friesland

Mit dem Boot durch Friesland - Teil 3

Ingrid Bardenheuer am 18.09.2015

Nett und leise präsentiert sich Balk bei unserem Besuch. Es gibt Lokale, Geschäfte und Blickfänge, so das ehemalige Rathaus von 1615. Der Ortsname leitet sich tatsächlich von "Balken" ab. Mit einem solchen überbrückte man an dieser Stelle einst die Luts.

Unser nächstes Tagesziel ist Heeg, das wir via Slotermeer, De Ie und Wâldseinster Rakken ansteuern. Highlight der Etappe ist Woudsend. Bevor es durch die Stadt geht, "schweben" wir noch eben über die Fahrstreifen der N354. Möglich macht dies ein 2007 in Betrieb genommenes Aquädukt. Im südwestlichen "Friese Meren"-Gebiet existieren fünf solcher Bauwerke. Der Bootsverkehr wird dabei über die Straße hinweg geführt. Wartezeiten an beweglichen Brücken entfallen, Autofahrer wie Skipper haben freie Bahn.

Woudsend hat den Charme eines typisch friesischen Städtchens. Liege- und Versorgungsmöglichkeiten sind bestens. Wer zur Zentrumsseite hin festmachen möchte, der kann an der Kade zwischen Aquädukt und Windmühle "De Jager" bleiben oder bis zum Jachthaven De Rakken nördlich der Klappbrücke durchziehen. In beiden Fällen erreicht man nach wenigen Gehminuten den Ortskern. "De Jager", wahrscheinlich 1719 errichtet, und ihr Alter ego, die vermutlich noch ältere Windmühle "’t Lam” gehören zu den Attraktionen von Woudsend. Wir ziehen weiter, Kurs Heeg. Bei der Ansteuerung leitet das Fahrwasser an markierten Untie-fen im Bereich einer kleinen Insel vorbei. Also am Tonnenstrich bleiben! Mit Heeg erwartet uns einmal mehr ein Eldorado für Skipper. Oder wie es in einem Werbeprospekt heißt: "einer der turbulentesten Wassersportorte Frieslands".

Deutsche Titel in den Zeitungsläden und Picker mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen, die zu typisch niederländischen Bitterballen (Fleischbällchen) gereicht werden – uns erschließt sich unmittelbar, woher ein Großteil der zahlreichen Gäste hier kommt. Für Heeg spricht insbesondere seine zentrale Lage im "Friese Meren"-Gebiet (Sneek 18  m, Workum 12 km) und die umfassende maritime Infrastruktur. Zur Funktionalität gesellt sich Flair, besser: Charakter und Seele, also das, was so viele friesische Orte auszeichnet. Vor allem die mit beachtenswerter Historie, wie Heeg. Mehr als zwei Jahrhunderte war die Stadt Ausgangspunkt für den Aal-Export von Fryslân nach England. Mit speziellen, etwa 18,50 m langen Fracht-Seglern, den Palingaken, wurde lebender Aal von Heeg aus in die Metropole London trans-portiert. Erst in den 1930ern endete die Ära. Viele spannende Details dazu verrät das Houtbouwmuseum De Helling in Heeg (www.dehelling.info).

Friesland

Auf den Friese Meren mit dem Motorboot unterwegs

Der frühe Vogel fängt den Wurm, was gewissermaßen auch für Heeg gilt, sprich: Man sollte, trotz der vielen Übernachtungsgelegenheiten am Ort, nicht zu lange mit der Liegeplatz-Suche warten, sonst sind die besten schon vergeben. Praktisch im Herzen von Heeg, auf dem Inselchen It Eilan, befindet sich der Jachthaven Eendracht. Eine schöne und komfortable Anlage. Gut aufgehoben ist man nicht zuletzt im Passantenhaven Heegerwâl unmittelbar am Heegermeer. Bis zur Innenstadt sind es ebenfalls nur wenige hundert Meter. An den Passantenhaven grenzt zudem ein Badestrand. Fast ein "Muss" in Heeg: Aal probieren! Besonders lecker schmeckt er, frisch geräuchert oder gebacken, bei Veenstra's Vishal (festmachen möglich, www.veenstra-vishal.eu).

Unser Trip durchs "Friese Meren"-Gebiet neigt sich seinem Ende entgegen, wir müssen wieder Richtung Sneek. Unser letzter Törntag soll tunlichst auf einem Paradeplatz ausklingen: mitten in Sneek, an der Kade beim malerischen Waterpoort. Von Heeg aus geht es über Johan Frisokanaal, Wide Wimerts und Wijddraai zunächst nach IJlst. Wir machen am städtischen Ufer fest, die eleganteste Lösung für einen Zwischenstopp. IJlst hat ein hübsches Ortsbild und bietet neben Versorgungsmöglichkeiten einige Sehenswürdigkeiten. Das Museum Nooitgedagt zum Beispiel, das an die ehemalige Koninklijke Fabrieken J. Nooitgedagt & Zn. erinnert. 1865 von Jan Jarigs Nooitgedagt gegründet, war das Unternehmen weit über die Grenzen von IJlst hinaus für seine Produkte bekannt, darunter hölzerne Schlittschuhe und Hobel (www.nooitgedagt-ijlst.nl). Holz ist auch ihr Ding: "De Rat", eine Sägemühle aus dem 17. Jahrhundert, die noch heute in Betrieb ist (www.houtzaagmolenderat.nl).

Auf dem Flüsschen De Geau erreichen wir Sneek. Am Stadtrand trägt uns abermals ein Aquädukt über Asphalt, diesmal der A7. Jetzt noch etwa 1 km, dann liegt der Hafenkolk mit dem Waterpoort recht voraus. Dort, an der Geeuwkade, erwischen wir einen freien Platz. Fünf Wassertore (niederl. "Waterpoort") hatte Sneek einmal. Das heute noch vorhandene stammt von 1613 und lässt ahnen, wie beeindruckend die gesamte Festungsanlage einmal gewesen sein muss. Sneek gilt als der einzige Ort in Friesland, der mit einer umlaufenden Mauer gesichert war. Unbedingt besuchen: das Fries Scheepvaart Museum. Sein Fokus ist nicht nur auf die friesische Schifffahrtsgeschichte gerichtet. Sneeks Vergangenheit gehört ebenfalls zum Themenspektrum (www.friesscheepvaartmuseum.nl).

Geschäfte und Lokale gibt es in Sneek selbstredend zur Genüge. Bleibt, vom Grutte ("großen") Pier zu berichten. Er soll ein echtes Mannsbild gewesen sein, hoch gewachsen und bärenstark. Unglückliche Umstände ließen ihn zum wilden Freiheitskämpfer werden. Freund und Feind separierte er mit einem Sprachtest: "Bûter, brea en griene tsiis, wa't dat net sizze kin, is gjin oprjochte Fries", zu Deutsch: "Butter, Brot und grüner Käse, wer das nicht sagen kann, der ist kein echter Friese". Diese pflegte der Grutte Pier dann meist rüde ins Jenseits zu befördern. Er selbst verschied 1520 sanft in Sneek. Seine Gebeine ruhen dem Vernehmen nach in der Martinikerk, den Helm verbrachte man ins historische Rathaus. Das sagenhafte Schwert des Grutte Pier – 2,13 m lang und einen halben Meter breit – hütet hingegen die Provinzkapitale Leeuwarden, im Fries Museum.
Wir fahren durch die Sneeker Innenstadt zurück zum Houkesloot. Der Kreis hat sich geschlossen.

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Ingrid Bardenheuer am 18.09.2015