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Skandinavien

Dänemark: das Inselmeer (Teil 1)

Bodo Müller am 30.08.2014

Dänemarks Inselwelt gilt als schönstes Revier unseres Nachbarlandes. TEIL 1 unserer Entdeckungsreise: von Bagenkop über Sønderborg nach Marstal.

Fotostrecke: Die Dänische Inselwelt

Sønderborg

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Glatt wie ein Spiegel liegt die Ostsee vor uns. Nicht ein Hauch von Wind. Dafür Sonne satt. An einem Sonntagnachmittag im Juni haben wir in Burgtiefe auf Fehmarn unser Charterboot übernommen und Proviant gebunkert. Um 18.40 Uhr sind wir reisefertig. Über die Ostsee soll es in die "Dänische Südsee" gehen.
Diesen Begriff findet man weder in Land- oder Seekarten noch in geografischen Nachschlagewerken. Im Dänischen gibt es lediglich den Begriff Sydfynske Øhav (deutsch: Südfünisches Inselmeer) als Beschreibung der Inselwelt südlich von Fünen. Und in der dänischen Seemannssprache gibt es den (ebenfalls nicht offiziellen) Begriff Dansk Sydhav (deutsch: Dänisches Südmeer).

Die Bezeichnung "Dänische Südsee" dagegen gibt es nur bei uns. Eingeführt und verbreitet wurde sie von deutschen Ostsee-Seglern, die irgendwann einmal die nahe gelegene "Südsee" für sich entdeckten. Völlig falsch ist die daraus abgeleitete Vermutung, dass die Sonne dort besonders reichlich scheint – weit gefehlt! Tatsächlich gibt es – rein statistisch – sogar weniger Sonne als in Kopenhagen oder auf Bornholm. Dafür regnet es mehr als in anderen Teilen Dänemarks. Und doch muss die Dänische Südsee ihren Reiz haben. Mit Blick auf die Karte gehen wir davon aus, dass sie sich zwischen den Inseln Als, Ærø, Langeland, Lolland, Falster und Møn erstreckt.

Das Wetter am Abend ist einfach viel zu schön, um im Hafen zu bleiben. So entscheiden wir, noch abzulegen und in der Nacht die Ostsee zu überqueren. Mit der gleißenden Juni-Sonne im Gesicht fahren wir auf dem Fehmarnsund in Richtung Westen. Kurz nach 20 Uhr haben wir den Leuchtturm Flügge an Steuerbord und nehmen Abschied von Fehmarn. Wir ändern unseren Kurs auf Nordwest und peilen nun die Südspitze von Langeland an. Etwa 23 Seemeilen sind es von hier bis Bagenkop, dem südlichsten Hafen der dänischen Insel.

Wir verlassen das geschützte Gewässer des Fehmarnsunds und steuern auf die freie See hinaus. Hier ist es nicht mehr ganz so ruhig. Es weht ein leichter Nordwest mit zwei bis drei Beaufort, und die übliche kurze Ostseewelle rollt genau gegenan. Doch unserer knapp elf Meter langen Linssen Sturdy macht das nichts aus. Sie hat eine klassische Bootsform und liegt platt wie ein Brett. Der glutrote Feuerball über der ostholsteinischen Küste schenkt uns lange Licht und Wärme. Mit Sonnenuntergang gegen 22 Uhr kreuzen wir den Kiel-Ostsee-Weg. Es wird kalt: Pullover und Ölzeug sind angesagt.

Die Felsküste von Dovns Klint, dem südlichsten Punkt von Langeland, liegt noch knapp zehn Meilen vor uns. Doch nichts ist in der Dunkelheit zu sehen. Nur der etwas weiter östlich stehende Leuchtturm Keldsnor sendet seine Blitze in die Nacht. Gegen 23 Uhr haben wir die Südspitze von Langeland vor uns. Im sicheren Abstand runden wir die Untiefe Snekke Grund und steuern gegen 23.30 Uhr den Hafen Bagenkop an. An der Innenseite der äußeren Mole finden wir einen freien Liegeplatz, wo wir längsseits gehen können.

In Bagenkop ist noch heute die größte Fischfangflotte im südlichen Dänemark stationiert, aber nur etwa 500 Einwohner leben hier. Weite Teile des Ortes bestehen aus Sommerhäusern; entsprechend ausgestorben wirkt das Dorf. Die Einheimischen sagen, es sei schon seit einigen Jahren so ruhig, seitdem die Fähre Kiel-Bagenkop eingestellt wurde.

Von Bagenkop aus steuern wir nach Westen in Richtung Sønderborg. Schon von Weitem ist die schöne Altstadt zu sehen, die auf der Insel Als liegt und durch den Als Sund vom Festland getrennt ist. An der neuen Flaniermeile im Hafen gehen wir längsseits an die Mauer. Diese Promenade mit Yachtliegeplätzen führt heute von der König-Christian-Brücke bis zum Schloss. Ein Lokal reiht sich an das nächste, man kann herrlich draußen sitzen und das warme Abendlicht genießen. Im "Colosseum" gönnen wir uns eine sehr gute Fischplatte und zahlen mit Getränk knapp 45 Euro für zwei Personen.

Sønderborg hat viele historische Gebäude und außer der Hafenpromenade noch eine schöne Fußgängerzone, wo heute die meisten Geschäfte angesiedelt sind. Auch lohnt ein Besuch der Nationalen Gedenkstätte auf den Düppeler Höhen, wo Preußen und Dänen vor genau 150 Jahren gegeneinander kämpften. Das Museum im Renaissance-Schloss zeigt sehenswerte Ausstellungen über die Geschichte von Sønderjylland – oder Süderjütland, wie dieser Teil des ehemaligen Herzogtums Schleswig einst hieß. Während der Saison ist es täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

In der Marina Sønderborg, die an der Mündung des Sunds liegt, füllen wir unseren Dieseltank nach, steuern danach hinaus auf die Bucht von Sønderborg und queren die Flensburger Förde. Wir lassen die Insel Als an Backbord und fahren in Richtung Norden hinaus auf den Kleinen Belt. Unser Ziel ist die Insel Ærø. Der Himmel hat sich zugezogen, der Wind weht mit vier Beaufort aus Ost und beschert uns eine unangenehme Welle genau von der Seite.

Das Leuchtfeuer Skjoldnæs im Nordwesten von Ærø weist uns den Weg in das Fahrwasser nach Ærøskøbing. Wir drehen nach Steuerbord und haben jetzt Wind und Welle auf den Kopf. Es riecht nach Regen. Um 17.30 Uhr steuern wir in den Stadthafen von Ærøskøbing, und ich mache mir Sorgen, ob wir in dem Ferienort zu so später Stunde überhaupt noch einen Liegeplatz bekommen werden. Doch das Becken ist nahezu leer, und wir können bequem an der Innenseite der Ostmole längsseits gehen. Warum ist es hier so ruhig? Möglicherweise liegt es daran, dass noch keine Schulferien sind. Vielleicht ist auch das Wetter schuld.

Wir machen einen Spaziergang durch den liebevoll gepflegten, kleinen Ort mit seinen niedrigen Häuschen und schmalen Gassen mit Kopfsteinpflaster. Ærøskøbing ist "Dänemark wie aus dem Bilderbuch". Auch die Altstadt ist nahezu menschenleer, viele Lokale haben noch geschlossen. Es regnet ununterbrochen. Einzig die Ærøskøbing Røgeri am Hafen hat geöffnet. Hier gibt es frischen Räucherfisch mit Brötchen oder Pommes und reichlich Remoulade. Dazu wird kühles Guld Tuborg vom Fass in Plastikbechern serviert.

Auch morgens schüttet es noch. Um 8 Uhr klopft uns der Hafenmeister aus der Koje und kassiert 130 Kronen (17 Euro). Er verspricht uns, dass das Wetter "stabil" bleibt: Es wird also den ganzen Tag lang regnen. Direkt am Hafen gibt es einen sehr guten Supermarkt, und wir kaufen für mindestens eine Woche ein, inklusive Kokosnüsse und Rum, um wenigstens etwas Südsee-Feeling herbeizuzaubern.

Doch am späten Nachmittag erscheint plötzlich ein heller Streifen am westlichen Horizont. Der Regen hält inne, und in den allgegenwärtigen Pfützen spiegelt sich das Licht der Abendsonne. Wir schälen uns aus dem Ölzeug. Das Licht wandert über das Eiland und taucht den Südosten von Ærø in goldene Farbe. Vielleicht liegt die Südsee nur ein paar Meilen weiter östlich?

Wir lösen die Festmacher, lassen Ærøskøbing achteraus und motoren durch das betonnte Mørkedyb-Fahrwasser in anderthalb Stunden nach Marstal, wo wir um 19.30 Uhr im herrlichsten Abendlicht ankommen. An der Holländer-Brücke mitten in der Stadt gehen wir längsseits.

Marstal macht im Vergleich zu Ærøskøbing einen viel belebteren Eindruck. Zum Teil liegt es sicher an der Sonne, die die Südsee-Insulaner nun ins Freie lockt, oder auch daran, dass der Ort mit 2300 Einwohnern mehr als doppelt so groß wie Ærøskøbing ist und die meisten Häuser noch ganzjährig bewohnt sind. Wandert man vom Hafen die Strandstraße hoch, stößt man nach wenigen Minuten auf die Kirchenstraße, eine gepflegte Fußgängerzone mit mehreren kleinen Läden.

Zurück am Hafen stellen wir fest, dass es nicht einmal einen Imbiss mit Räucherfisch auf der Pier gibt. Nicht einmal eine typisch-dänische Pølser-Bude, die unseren Seemannshunger zu stillen vermag. So fallen wir an Bord gnadenlos über unseren Kühlschrank her, knacken eine Kokosnuss, verdünnen die Milch mit Rum und stellen die Bordheizung auf volle Pulle.

Wer dagegen seinen kulturellen Hunger stillen möchte, ist in Marstal gut aufgehoben: Gleich neben unserem Liegeplatz befindet sich das Maritime Museum. Die schon 1929 gegründete Einrichtung ist heute die bedeutendste in Dänemark und verfügt über eine sensationelle Sammlung von Modellen, Fragmenten und Fotos aus der Zeit der Segelschifffahrt. Von 1860 bis in die 1920er-Jahre gehörte den Reedern aus Marstal die nach Kopenhagen zweitgrößte Handelsflotte Dänemarks.

Mit dem Niedergang der frachttragenden Segler ging auch die große Ära von Marstal zu Ende. Die Werften, auf denen die typischen Marstal-Schoner gezimmert wurden, verwaisten. Ein Teil wurde aber vom Seefahrtsmuseum übernommen und dadurch für die Zukunft erhalten. Für das Dänische Nationalmuseum werden hier Traditionsschiffe restauriert oder komplett wieder aufgebaut, so zuletzt der Zweimaster "Bonavista". Öffnungszeiten des Museums: 10 bis 16 Uhr, im Juli und August 9 bis 18 Uhr, Eintritt: 60 DKK (8 x). www.marstal-maritime-museum.dk

Morgens scheint die Südsee-Sonne, und auf dem Markt von Marstal werden frische, knallrote jordbærren verkauft. Die leckeren Erdbeeren stammen von der nahen Insel Fünen und sind der schmackhafte Beweis, dass hier doch zeitweise die Sonne scheinen muss.

Der zweite Teil dieser Reisereportage folgt demnächst. Dann geht es über Langeland weiter nach Lolland und Falster.

Bodo Müller am 30.08.2014