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Skandinavien

Dänemark: das Inselmeer (Teil 2)

Bodo Müller am 05.09.2014

Dänemarks Inselwelt gilt als schönstes Revier unseres Nachbarlandes. TEIL 2 unserer Entdeckungsreise führt von Langeland nach Lolland und Falster.

Den ersten Teil der Reportage von Bagenkop über Sønderborg nach Ærø finden Sie hier.

Fotostrecke: Die Dänische Inselwelt

Dänische Inselwelt

Unterwegs zwischen den dänischen Ostseeinseln

Weiter geht es nach Rudkøbing auf Langeland. Der Törn von Marstal zur Westküste der Insel führt durch schmale, betonnte Fahrwasser und ist ein Erlebnis für jeden, der Spaß an Revierfahrt hat. Es bläst zur Abwechslung aus Ost, und die See ist etwas ruppig. Doch in der Abdeckung zwischen den kleinen Inseln südlich von Fünen und Langeland kann sich nicht viel Seegang aufbauen. Recht voraus spannt sich die Langelandsbroen. Die 771 Meter lange und 26 Meter hohe Straßenbrücke verbindet Langeland mit der kleinen Insel Siø und damit über Tåsinge mit Fünen.

Spätnachmittags steuern wir die Marina Rudkøbing an und bunkern Diesel und Wasser. Gern würden wir länger in der hübschen Kleinstadt bleiben. Aber die Wettervorhersage kündigt an, dass der Wind zunehmen und auf Süd drehen soll. Wir wollen morgen den Großen Belt in Richtung Osten queren. Es wäre also günstig, heute noch bis zur Nordspitze von Langeland zu fahren, um morgen möglichst früh und bei noch wenig Wind über den Großen Belt zu schippern.

Der einzige sichere Hafen im Norden Langelands ist Lohals. Wir legen im Kommunalhafen an, wo Yachten neben Fischkuttern und Traditionsseglern liegen. Die in der Landschaft verteilten Häuser scheinen sich in den Dünen zu verstecken. Wir gehen längsseits hinter einer hölzernen Gaffelsloop. Der bärtige Skipper, der ohne Maske in die Hauptrolle eines Wikinger-Films schlüpfen könnte, nimmt die Leinen an, nickt freundlich und zieht sich diskret an Bord seiner schwimmenden, hölzernen Baustelle zurück. – Wir fragen ihn, wo wir etwas zu essen bekommen können, werden jedoch enttäuscht: "Der ,Havne Grillen‘ hat noch zu. Und im ,Lohals Kro‘ kommt ihr zu spät. Es ist kurz vor neun Uhr. Da hättet ihr reservieren müssen", sagt er. Wir machen lange Gesichter. Aber er hat noch eine Idee:

"Habt ihr noch Brot? Vielleicht etwas Bier oder Wein? Dann setzt euch hier auf die Bank auf der Mole und genießt den schönsten Sonnenuntergang der Welt", lautet sein Rat. Wir kramen im Kühlschrank, decken den Tisch auf der Mole und laden den graubärtigen Dänen ein: "Meine Freunde nennen mich Röde Orm", stellt er sich
vor. "So wie der Romanheld von Frans G. Bentsson?", frage ich ohne große Überraschung – der Name passt einfach. "Ja, richtig. Ich bin einer der letzten Wikinger von Langeland. Mit diesem Schiff – dabei zeigt er auf seine hölzerne Sloop – war ich letztes Jahr zur Wikinger-Expedition in Upernavik. Weißt du, wo das liegt?"

Ich gieße dem Nordmann badischen Weißburgunder ein und rate ein bisschen: "Upernavik? Meinst du den kleinen Ort an der Westküste von Grönland?" – Treffer! Seine Augen leuchten, und er prostet mir zu: "Ja, genau dort. Dreitausend Seemeilen vor hier", erzählt er stolz. "Und wo ist für einen so weit gereisten Wikinger-Sohn die Welt am schönsten?", möchte ich wissen. "Na, hier natürlich: im dänischen Südmeer!"

Morgens hat der Wind, wie erwartet, auf Süd gedreht, ist aber noch relativ ruhig. Wir legen zeitig ab, um möglichst bei noch glatter See den Großen Belt zu queren, eine der viel befahrenen Schifffahrtsstraßen auf dem Weg zur Nordsee. Da der Belt gerade von Nord nach Süd verläuft, kann der Düseneffekt Winde und Seegang erzeugen, der zumindest für kleine Boote unangenehm werden kann.

Unser Ziel ist das Smålands-Fahrwasser, ein großer Bodden nördlich von Lolland, in dem mehrere kleine Inseln liegen. Auf dem Weg dorthin müssen wir rund 13 Meilen schräg von Nordwest nach Südost über den Belt fahren. Gegen zehn Uhr haben wir etwa die Hälfte geschafft. Der Wind hat jedoch kontinuierlich zugenommen und inzwischen fünf Beaufort erreicht. Eine gut einen Meter hohe Welle trifft uns von der Seite, aber unsere Linssen schlägt sich tapfer. Viel mehr an Wind und Seegang sollte man jedoch weder Boot noch Crew zumuten. Schließlich sind wir froh, als wir gegen Mittag ins Smålands-Fahrwasser einlaufen und dort immer mehr Abdeckung bekommen.

Wir runden die Südspitze der kleinen Insel Fejø und steuern deren Hafen Dybvig von Süden an. Die Ansteuerung ist extrem schmal, aber ausgetonnt. Der Südwind bläst uns von achtern genau in das Fahrwasser hinein. Um nicht seitlich hinauszudriften, müssen wir zusätzlich noch beherzt Gas geben. Die Tonnenpaare sausen so dicht an uns vorbei, dass wir sie mit der Hand berühren könnten. Dann geht es in den Hafen hinein. Aufgrund der Enge und des starken Windes ist es schon eine kleine Herausforderung, das Boot auf der Stelle zu drehen. Wo aber anlegen?  Die wenigen Liegeplätze sind belegt.

Ein freundlicher Däne steigt in seinen geklinkerten Segelkutter und macht seinen Liegeplatz für uns frei, indem er sein Boot beim Nachbarboot längsseits legt. Dann hilft er uns beim Anlegen. Wir sind begeistert von so viel Gastfreundschaft.

Der Hafen von Dybvig und die gesamte Insel Fejø ist ein malerisches Kleinod. In 20 Minuten erreicht man zu Fuß das idyllische Dorf Fejø, wo es eine restaurierte Windmühle gibt, in der die freundliche Müllerin selbst gebackenen Kuchen anbietet. An der Hauptstraße, dem Herredsvej, gibt es einen kleinen Laden und den "Kro Kvasen". Das Gasthaus bietet einen Service, der ungewöhnlich für Dänemark zu sein scheint: Man zahlt 128 Kronen (17 Euro) pro Person und kann sich dann an einem reichlichen Buffet – von Fisch über Fleisch und Salate bis hin zu Kaffee und Kuchen – rundum satt essen.

Aber so schön es in Fejø auch ist, der Zenit unserer Charterwoche ist überschritten, und wir müssen unseren Bug wieder in Richtung Heimat drehen. Dazu wollen wir den Guldborgsund zwischen den Inseln Lolland und Falster nutzen. Die Fahrt von Fejø durch das Smålands-Fahrwasser zur nördlichen Einfahrt in den Guldborgsund führt durch ein nautisch anspruchsvolles Gebiet. Es gibt relativ viele Untiefen, und das Fahrwasser ist nur an den wirklich kritischen Stellen betonnt.

Der Guldborgsund selbst beschert uns dann jedoch eine malerische Revierfahrt, denn der anhaltende Starkwind aus Süd kann nicht viel ausrichten. Nachmittags legen wir einen Zwischenstopp in Nykøbing ein. Im neuen Slotsbryggen Havn finden wir einen Liegeplatz in einer modernen Anlage, umgeben von neuen Appartementhäusern. Von hier gelangt man durch die malerische Gasse "Gammel Toldbod" in wenigen Minuten in die sehenswerte Altstadt. Nykøbing hat eine schöne Fußgängerzone rund um Klosterkirche und Wasserturm. Gern wären wir über Nacht geblieben, doch wir müssen morgen Abend unser Schiffchen zurückgeben.

Also entscheiden wir uns, wenigstens noch bis Nysted zu fahren, was am südlichen Ende des Guldborgsunds liegt. Solange wir im Schutz der Landabdeckung sind, tut uns der Südwind nicht weh. Die Wellen kommen genau gegenan, sind aber flach und bremsen kaum unsere Fahrt. Der südliche Teil des Guldborg-sunds verbreitert sich zu einem Haff, das durch die Sandbank Rødsand ein wenig vor den Wellen der Ostsee geschützt ist.

Doch auf dem Haff selbst hat sich schon Seegang aufgebaut, der unsere Linssen immer schwerer gegenanstampfen lässt. Nach Passieren der Untiefentonne Flinthorne biegen wir um 90 Grad nach Steuerbord ab, um das Fahrwasser nach Nysted anzusteuern. Wir ahnen, dass wir unangenehme Breitseiten abbekommen werden. Bevor wir den Kurs wechseln, sichern wir uns mit Lifebelts.

An der Untiefentonne gehen wir auf Westkurs. Die erste volle Breitseite begräbt unsere Linssen unter einer Dusche aus kaltem Ostseewasser, sie beginnt zu rollen und zu stampfen. Wir reduzieren die Fahrt. Dadurch lässt sich der Kurs besser halten, und die Schiffsbewegungen sind nicht so extrem. Zu allem Ungemach fängt es auch noch an zu regnen. Bis nach Nysted sind es zwar nur fünf Seemeilen, aber bei diesem Wetter kann das sehr weit sein.

Das ausgetonnte Fahrwasser endet abrupt, und man denkt, es geht nicht mehr weiter. Es folgt jedoch eine sehr schmale Fahrrinne, die mit so winzigen Tonnen markiert ist, dass man sie bei "Schietwetter" im Abendlicht kaum erkennt. Meterweise tasten wir uns voran, wobei sich die Rinne nach Norden wendet, sodass uns zumindest keine unangenehmen Breitseiten mehr treffen. Wie zum Hohn ist in der Bucht von Nysted das Wasser wieder nahezu glatt, und es hört auf zu regnen. Nur an den bewegten Baumwipfeln erkennt man noch, dass die Welt draußen auf See anders aussieht.

Wir finden einen Liegeplatz im alten Stadthafen, der zurzeit zum Sportboothafen umgebaut wird. Gleich nebenan liegt das Restaurant "Røgeriet", wo sich durchgeschüttelte Südsee-Fahrer bei Fischsuppe und Tee wieder aufwärmen und dabei von der verglasten Terrasse den Sonnenuntergang erleben können.

Morgens sehen wir, dass sich die Kleinstadt Nysted schön herausgeputzt hat. An der Umgestaltung des alten Hafens wird noch fleißig gewerkelt – bis zum Sommer soll alles fertig sein. Leider kann eine ehemalige Attraktion des Ortes, das Wasserschloss Aalholm aus dem 13. Jahrhundert, nicht mehr besichtigt werden. Auch das Automuseum, einst die kostbarste private Auto-Sammlung in Europa, gibt es nicht mehr. Im Juli 2012 kamen die 220 Edel-karossen, teilweise über hundert Jahre alt, unter den Hammer.

Während der Nacht haben sich Wind und Seegang allmählich gelegt. Nur noch eine schwache Dünung rollt von Süden über die Ostsee nach Lolland. In Nysted füllen wir morgens die Tanks unserer "Tante Stördy" noch einmal randvoll. Ab Mittag soll es dann windstill sein und die Sonne wieder scheinen. Wo gestern noch die Seen gegen unsere Breitseite rollten, erwartet uns eine spiegelglatte See. Vor uns liegt der Nysted Havmøllenpark Rødsand, der derzeit weltgrößte Offshore-Windpark mit 72 rund 110 Meter hohen Rotoren. Das Witzige ist, dass das Fahrwasser diagonal hindurchverläuft.

Bei schönstem Sonnenschein und leichtem Westwind, der die letzten Regenwolken vom Himmel fegt, gehen wir auf Kurs Südwest über die Ostsee in Richtung Travemünde. Achteraus bleibt im Norden die Dänische Inselwelt zurück – und die Erinnerung an ein schönes Revier mit freundlichen Menschen.

WEITERE INFORMATIONEN

Charterfirma Zur Saison 2007 startete Martin Stratmann mit seiner ersten Linssen-Yacht, einer Grand Sturdy 29.9 AC, an seinem Steg in der Lübecker Altstadt die Firma Club + Charter. Inzwischen sind zwei größere Boote dazugekommen, eine Classic Sturdy 35 AC und eine Grand Sturdy 380 AC. Heute organisiert Stratmann auch Törns in weiter entfernten Revieren, auch mit Crew-Wechsel. Die Yachten können sowohl für Törns auf den Binnengewässern als auch auf See gechartert werden. Seit 2013 bietet der Vercharterer mit der Marina Neuhof bei Stralsund außerdem einen Ausgangshafen für die Gewässer um Rügen an. Informa-tion und Buchung: Club + Charter, Wallstr. 57, 23560 Lübeck; Tel. 0451-724 24. www.club-und-charter.de

Boot
Die von uns gefahrene Linssen Classic Sturdy 35 AC verfügt über zwei separate Doppelkabinen mit eigener Nasszelle. Eine geräumige und komfortabel ausge-stattete Pantry sowie ein gemütlicher Salon mit Heizung sorgen für komfortables Wohnen. Technische Ausstattung: Innen- und Außensteuerstand, Bugstrahlruder, UKW-Sprechfunk für Binnen und See, Autopilot, GPS, Kartenplotter, Echolot, Logge, Inverter 200 W. Obwohl das Schiff mit Baujahr 1995 nicht das jüngste ist, befand es sich optisch und technisch in einem 1-A-Zustand.

Technische Daten
Länge 10,75 m; Breite 3,55 m; Tiefgang 1,15 m; Motor Volvo Penta 96 kW (131 PS); Wassertank 220 l; Dieseltank 440 l. Verbrauch: 4,5 l/h bei 2000 U/min (5,5 kn), 10 l/h bei 3500 U/min (8,5 kn).

Preise
Die Classic Sturdy 35 AC kostet, je nach Saison, zwischen 1050 und 1790 Euro pro Woche. Kaution: 750 Euro. Der Diesel wird nach Verbrauch abgerechnet.

 

Bodo Müller am 05.09.2014