Finnland, Bottenküste, Ostsee Finnland, Bottenküste, Ostsee
Skandinavien

Finnland: Bottenküste

Friedhelm Würfel am 31.01.2014

Auf Nordkurs ins Blau der Ostsee: Mit dem selbst gebauten Alaskan Skiff auf Törn entlang der finnischen Schärenküste von Bottenwiek und Bottensee.

Finnland, Bottenküste, Ostsee

Unterwegs an der finnischen Bottenküste.

Fotostrecke: Finnland: Bottenküste

Die finnische Seite des Bottnischen Meerbusens hat mich seit Langem gereizt: Bereits vor drei Jahren hatte ich die Westküste dieses abgelegenen Teils der Ostsee mit meiner "Knipse" erkundet, einem selbst gebauten Alaskan Skiff (siehe BOOTE 3/2011). Nun ist also die Ostküste dran, von den Ålandinseln hinauf bis nach Haparanda.

Lange Tage, nur wenig Mücken und immer frisches Grün beim Landgang waren ausschlaggebend, wieder im Frühling in den Norden aufzubrechen. Die Nachteile erfahre ich gleich zu Beginn der Reise, als ich drei Tage bei Tageshöchsttemperaturen von 6 °C – der Wetterbericht sagt für Stockholm Schnee voraus – und einer Windstärke um 7–8 Beaufort auf Raggarö, meinem Startpunkt in Schweden, festhänge, bevor ich den Sprung über die Ålandsee nach Mariehamn wagen kann.

Nach Hause telefonieren

Die Ålands, für sich allein schon eine Reise wert, begrüßen mich dann aber mit Sonnenschein. Morgens um acht – nein, neun Uhr, ich bin ja jetzt in Finnland und stelle meine Uhr eine Stunde vor – mache ich im Yachthafen unweit des Museumsschiffes "Pommern" fest. Ich brauche eine Internet-SIM-Karte und mache mich auf den Weg in das kleine Zentrum. Dort finde ich gleich zwei Finnland-Klischees bestätigt: Die Straßencafés sind trotz der morgendlichen Kühle wohlgefüllt mit Gästen, die ausnahmslos das finnische "Nationalgetränk" in großen Bechern vor sich stehen haben: Kaffee.

Die meisten wiegen sich leicht im Rhythmus eines gefühligen, finnischen Tangos, den ein Bandoneonspieler zum Besten gibt. Finnen lieben Kaffee und Tango! Ich finde einen Telefonladen, dort kann man mir eine Prepaid-Karte anbieten, die vier Tage Gültigkeit hat. Ich habe mehr an vier Wochen gedacht. Außerdem ist die Karte nur auf den Ålands gültig. So weit geht also das Streben der kleinen Inselgruppe nach Eigenständigkeit! Wie sieht es mit einer regulären Karte aus? Die ist bezahlbar und kann nach drei Monaten gekündigt werden, am Ziel bin ich aber noch nicht. Ich brauche eine finnische Personennummer, erhältlich beim "Magistraten", kostenlos und lebenslang gültig.

Wieder im Telefonladen, folgt das nächste Problem: Ich habe keine finnische Anschrift! Muss ich also im Musterland des mobilen Telefons erst ein Haus bauen, um eine Telefonkarte zu bekommen? Erst jetzt bemerke ich, dass sich hinter mir eine kleine Menschentraube gebildet hat. Ich halte offenbar den Verkehr auf, aber niemand reagiert ungeduldig. Das Problem scheint bekannt, und man ist eher belustigt. Schließlich gibt der Verkäufer auf und beschreibt mir den Weg zur Konkurrenz.Dort bekomme ich dann ohne Weiteres die gewünschte Karte, gültig für vier Wochen, in ganz Finnland und sogar billiger als die 4-Tage-Åland-Karte ...

Slalom zwischen den Schären

In den folgenden zwei Tagen führt mich mein Kurs zwischen zahlreichen Inseln hindurch nach Uusikaupunki auf dem Festland, nördlich der Ålands, und ich habe viel Gelegenheit, mich bei ruhigem Wetter mit den Besonderheiten der finnischen Sportbootkarten und vor allem der Küstenfahrwasser vertraut zu machen. Die Karten machen einem die Navigation insofern leicht, als sie die Fahrwasser entlang der gesamten Küste zwischen den Tausenden kleinerer und größerer Schären hindurch als durchgezogene oder bei Nebenfahrwassern gestrichelte Linie darstellen und damit einen idealen Weg vorschlagen. Zunächst ungewohnt ist aber die Tatsache, dass die finnischen Kardinalzeichen keine Toppzeichen besitzen.

In der Regel sind es einfache, je nach Bedeutung des Fahrwassers größere oder kleinere Plastikstangen, deren farbliche Kennzeichnung gegen das Sonnenlicht häufig schwer auszumachen ist. Große Vorsicht ist angesichts der zahlreichen, knapp unter der Wasseroberfläche liegenden Felsen in jedem Fall angebracht. Bei besonders engen Fahrwassern sind häufig Tafeln mit Angabe der zulässigen Höchstgeschwindigkeit anzutreffen. Obacht! Sie ist in Stundenkilometern und nicht, wie sonst üblich, in Knoten angegeben.

Erstaunliches im Bonk-Museum

In Uusikaupunki habe ich meine erste Begegnung mit dem berühmten finnischen Humor. Die kleine Stadt beherbergt nämlich nicht nur die nördlichste Autofabrik der Welt, sondern auch das Bonk-Museum, das die historischen Produkte der fiktiven Firma Bonk Business Inc. ausstellt: absurde Generatoren voller mechanischer, hydraulischer, elektrischer Unmöglichkeiten, die nicht funktionieren, sondern Spaß machen sollen.

Deutlich mehr Probleme als mit dem finnischen Humor habe ich mit der hiesigen Sprache. Immerhin kann ich den Namen "Uusikaupunki" erklären. "Kaupunki" heißt einfach "Stadt" und "uusi" "neu". Also: Neustadt. Folgerichtig ist der schwedische Name der Stadt "Nystad". Alle Orte an der Westküste tragen aus der Zeit, als sie noch zu Schweden gehörten, neben ihrem finnischen auch einen schwedischen Namen. Daher ist auch alles zweisprachig ausgeschildert, was mir die Orientierung in den Ortschaften sehr erleichtert. Die Verständigung ist im Allgemeinen kein Problem. Man spricht meist englisch und relativ häufig deutsch.

Deutlich größer ist Rauma, nur einen Tagestörn entfernt. Ich lege zunächst im Sportboothafen innerhalb des alten Industriehafens an, folge dann aber dem Rat eines Seglerpaares, das ich beim Tanken kennenlerne, und verhole mich zum wesentlich ruhigeren Anleger des Campingplatzes Poroholma. Beide Liegemöglichkeiten sind relativ weit vom Stadtkern entfernt, am nächsten Morgen kommt also mein Fahrrad zum Einsatz.

Von wegen schweigsame Finnen!

Unbedingt möchte ich die als UNESCO Weltkulturerbe ausgezeichnete hölzerne Altstadt kennenlernen. Rauma ist von großen Bränden verschont geblieben, und so findet sich hier heute der größte zusammenhängende Holzhauskomplex Skandinaviens, kein Denkmal, sondern ein sehr lebendiger alter Stadteil aus zum Teil reich verzierten Häusern!

Strahlender Sonnenschein verstärkt meinen positiven Eindruck ebenso wie der bunte Markt. Vor einem kleinen Verkaufsstand hat sich eine lange Schlange gebildet, es gibt Fisch. Räucherduft liegt in der Luft, und ich stellte mich einfach mal an. Kleine geräucherte Heringe schwimmen in einer schwärzlichen, warmen Lake, mit grobem Salz gewürzt. Wie alle anderen kaufe ich für 5 Euro. Die Verkäuferin redet ununterbrochen, und es scheint sie nicht im Mindesten zu stören, dass ich kein Wort verstehe. Von wegen schweigsame Finnen! Gegen Mittag, vor Anker zwischen den Schären nördlich von Rauma, genieße ich meine Beute. Lecker!

Am Abend mache ich auf der malerischen Insel Ouraluoto fest. Diese Schäre mit ihrer alten Lotsenstation ist typisch für die überwiegend waldlosen Inseln dieses Reviers, eine Luftaufnahme von ihr ziert den Titelbogen des finnischen Sportbootkartensatzes "E". Ich nutze den strahlenden Sonnenschein, um auch die allerletzten Feuchtigkeitsreste der Sturm- und Regentage auf Raggarö aus "Knipses" Polstern zu vertreiben.

Die Lotsenstation wird (wie auch häufig anderswo) nicht mehr als solche genutzt, sondern dient als "Naturstation" der Unterbringung von Ausflüglern. Heute jedoch, an diesem sonnigen, aber kühlen Freitagabend, ist es ruhig. Lediglich einige Motorbootfahrer, die hier das Wochenende entspannt genießen wollen, leisten mir später Gesellschaft.

Kurs auf die Mickelsörarna

Der weitere Verlauf der Reise ist von Schärenfahrwassern, kleinen Inselanlegern, winzigen Fischerhäfen, beschaulichen Schärenstädtchen mit gemütlichen Holzhäusern und strengen oder auch bunt ausgemalten Kirchen sowie wenigen größeren Städten bestimmt. Letztere sind immer sehr leicht zu finden. Die Ansteuerungen sind mit aus "Knipse"-Perspektive geradezu beängstigend großen Seezei-chen bestückt.

Bald erreiche ich den nördlich der Universitätsstadt Vaasa gelegenen "Schärengarten" der Mickelsörarna. Der im Deutschen häufig verwendete Begriff "Schärengarten" ist aus dem schwedischen "skärgård" abgeleitet. "Gård" bedeutet aber eher "Hof " oder "Gut". Gemeint ist eine Gruppe kleiner Inseln, in unserem Fall eine Inselgruppe, auf der finnischen Seite des "Kvarken", schwedisch "Norra Kvarken", finnisch "Merenkurkkuu".

Der Kvarken ist der Teil des Bottnischen Meerbusens, der die Bottensee im Süden von der Bottenwiek im Norden trennt. Er ist durchschnittlich nur etwa 25 m tief und behindert wie eine Schwelle den Austausch des Wassers von Süden nach Norden. Daher ist die Bottenwiek, die an etwa 120 Tagen im Jahr mit einem bis zu einem Meter dicken Einspanzer überzogen ist, ausgesprochen salzarm. Ich habe mal einen Schluck probiert und kein Salz geschmeckt.

Frischer Fisch zur Begrüßung

Die Mickelsörarna mit ihren zahlreichen bewaldeten Schären bieten mir die willkommene Erholung von der Großstadt Vaasa. Ich lege bei der Lotsenstation von Kummelskäret an und werde gleich von einem finnischen Bootsnachbarn mit frisch geangeltem Fisch versorgt. So ist das hier! Beim Landgang stelle ich anhand
einer Bronzetafel fest, dass der finnische Teil des Kvarken als Erweiterung von Höga Kusten auf der schwedischen Seite in das UNESCO-Weltnaturerbe aufgenommen wurde. Am Abend kann ich immer wieder Rauchschwalben beobachten, die sich auf den Festmacherleinen der wenigen Boote ausruhen. Der Frühling hat also definitiv auch hier im nördlichsten Teil der Ostsee Einzug gehalten.

Zwei Tage später erreiche ich Pietarsaari (Jakobstad). Auf meiner Suche nach der vom Hafenverzeichnis versprochenen Tankstelle komme ich an einem merkwürdigen Schiff vorbei. Der "Dumont Reiseführer" klärt mich gleich auf: "Pietarsaaris Einwohner, die übrigens mehrheitlich schwedisch sprechen, sind für ihren Gemeinschaftssinn bekannt: In mühevoller Kleinarbeit bauten sie nach Originalzeichnungen eine Galeasse aus dem 18. Jh. nach. Die Seetüchtigkeit der ,Jakobstads Vapen‘ wurde 1994 auf der Jungfernfahrt nach Schweden bewiesen ..."

Der Tankwart auf der Harley Davidson

Kurz darauf lege ich an der Tankstelle an und erlebe eine große Hilfsbereitschaft seitens der Jakobstädter. Der Tankautomat erklärt nämlich kurzerhand alle meine Euro- und Kreditkarten für "invalid". Ein Radfahrer, der zufällig meine verzweifelten Tankversuche beobachtet, bietet seine Hilfe an und telefoniert mit dem Betreiber der Tankstelle. Wenige Minuten später kommt der auf seiner Harley Davidson angebraust. Ich tanke mit seiner Karte, zahle in bar und bedanke mich herzlich bei meinen beiden Helfern. 

Das Thema "Tanken" zieht sich wie ein roter Faden durch meine gesamte Reise. "Knipses" Tankkapazität erlaubt eine theoretische Reichweite von mehr als 200 Seemeilen. Da aber die Tankstellen an dieser Küste dünn gesät sind, nutze ich jede Gelegenheit, an Benzin zu kommen. Im Hafenverzeichnis sind nämlich manchmal Tankstellen angegeben, die schon seit Jahren außer Betrieb sind.

Die meisten akzeptieren nur finnische Plastikkarten, einige wenige zusätzlich Bargeld. Und nur einmal – in Uusikaupunki – bin ich auf eine "menschenbediente" Tankstelle gestoßen. Aber auch hier reichten dem Computer meine Kreditkarten nicht. Er verlangte zusätzlich meine in Mariehamn erworbene finnische Personennummer. Lösbar war das Tankproblem immer – und häufig eine Gelegenheit, in Kontakt zu den Menschen vor Ort zu kommen.

So auch in Vatunginnokka, einem kleinen Fischerhafen zwischen Oulu und Kemi, wo ich wieder einmal ziemlich ratlos vor einer Zapfsäule stehe. Oulu, diese traumhaft im Mündungsgebiet des Oulujoki gelegene Stadt, habe ich am Vortag besucht. Der große Markt mit seinen zahlreichen Fischleckereien, frischem Gemüse und Obst, die Markthalle mit ihren Elchspezialitäten und Delikatessen aus aller Welt: Alles ist bevölkert mit entspannten Menschen, die den sonnigen Frühlingstag genießen. "Bewacht" wird der Markt von einem rundlichen, überlebensgroßen Bronze-Polizisten.

Schreichor und Luftgitarren

Hier muss der finnische Humor wirklich zu Hause sein. Schließlich ist Oulu nicht nur die Heimatstadt des berühmten fin-nischen Schreichors, hier werden auch alljährlich die Luftgitarren-Weltmeisterschaften ausgetragen. Nach kurzem Aufenthalt verhole ich mich an einen Liegeplatz ein paar Meilen den Iijoki aufwärts, wo mich aber früh am nächsten Morgen große Mückenschwärme vertreiben.

Also schnell zurück zum Meer und nach Vatunginnokka, wo ich am Anleger der Tankstelle festmache und erfolglos die Zapfsäule inspiziere. Kurz nach mir legt der Fischer an, den ich bereits draußen beobachtet habe. Ich will fragen, kann mich ihm aber leider nicht verständlich machen. "Fuel ... Gas ... Benzin ... Bränsle ... ?" – ich schaue in ein verständnisloses Gesicht.

Ein Crew-Mitglied wird geholt, und ein paar Brocken Englisch machen schnell klar: Sprit gibt es hier schon lange nicht mehr. Na gut, überlege ich während der Frühstücksvorbereitungen, dann muss ich halt nach Kemi und wenn es dort – wie nach Hafenführer eigentlich zu erwarten – mit dem Tanken auch nicht klappt, dann wird es zumindest Autotankstellen geben.

Bis zum „Ende der Ostsee“

Kurze Zeit später höre ich Rufe vom Fischerboot. Ich gehe hinüber, und man erklärt mir, dass der Hüne, der nun neben dem Boot steht, mich an die etwa 10 Kilometer entfernte Autotankstelle mitnehmen kann. Ich bedanke mich erfreut, mache meine Kanister klar und warte. Bald darauf holt mich der Hüne ab, und wir fahren mit seinem Lieferwagen zunächst auf die Mole. "Friend", sagt er, steigt aus und geht zu dem Fischerboot, das gerade angelegt hat.

Wir stehen neben vier weiteren Autos: Der Ford gehört offenbar dem Fischer, die drei großen Luxuslimousinen seinen Passagieren. Man hat eine Wochenendsause hinter sich und entsteigt leicht verkatert, aber fröhlich dem Boot. Während ich auf meinen Fahrer warte, zähle ich sieben Brillen auf der Ablage vor der Frontscheibe. Ist das ein finnischer Tick? In den Städten waren mir immer die zahlreichen Optikerläden aufgefallen. An kleinen Feldern, aus denen die ersten Halme sprießen, an Birken, Kiefern und natürlich roten Häuschen und Frühlingsblumen vorbei geht es zur Tankstelle.

Noch am Abend desselben Tages betrete ich in Haparanda Hamn schwedischen Boden. Hier ist die Ostsee zu Ende: Die Abendsonne beleuchtet den mir von meiner Reise vor drei Jahren vertrauten, nördlichsten Hafen meines Törns. Ein heimeliges Gefühl kommt auf. Nach rund 600 Seemeilen will ich hier eine kleine Pause einlegen, um die vergangenen, erlebnisreichen Wochen zu verarbeiten, bevor es an der schwedischen Küste entlang auf Südkurs zurück nach Raggarö geht.

Friedhelm Würfel am 31.01.2014