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Skandinavien

Norwegen: das Vestkapp

Christian Tiedt am 11.05.2014

Wie eine geballte Faust ragt die berüchtigte Halbinsel Stadlandet von Norwegens Westküste in das Europäische Nordmeer hinaus. Wir haben sie umrundet.

Norwegen/Vestkapp

Rund um das Vestkapp:

Fotostrecke: Norwegen: das Vestkapp

Bei schwerem Wetter gibt es nur wenige wirklich gastfreundliche Winkel an der norwegischen Westküste: Das Rückgrat des Landes, ein Gebirge aus Granit und Gneiss, drängt hier empor, und die Wellen dreier Meere umbranden Abertausende von Inseln, Riffen und Klippen – ein schwarzes, scharf gezacktes Labyrinth. Zwar liegen nur 1750 Kilometer Luftlinie zwischen dem Leuchtturm von Lindesnes im Süden und dem ins Eismeer weisenden, weltbekannten Nordkap-Plateau, doch die schartige und von Fjorden zerfurchte Küstenlinie dazwischen misst mehr als das Zehnfache dieser Strecke.

Norwegen/Vestkapp

Rund um das Vestkapp:

Eine voll ausgestattete Wetter-Giftküche

Der mittlere, längste Küstenabschnitt von Bergen bis nach Tromsø grenzt an das Europäische Nordmeer. International ist es besser als "Norwegische See" bekannt, ein Atlantikausläufer mit dem zweifelhaften Ruf einer voll ausgestatteten Wetter-Giftküche: Der warme Golfstrom und die eisige Luft von Norden und Westen erzeugen ein explosives Klimagemisch. Im Winter schickt das Nordmeer ein polares Tiefdruckgebiet nach dem anderen auf den Weg, und selbst im Sommer sorgt es für launische Witterung: Schnelle Umschwünge mit Starkwind, Sturm und dichtem Nebel sind an der Tagesordnung.

Da überrascht es kaum, dass das berüchtigtste Hindernis für die Schifffahrt entlang der Küste in diesem Bereich liegt. Allerdings ist es nicht der weit im Norden bei Narvik ins Meer geschlagene, karge Bogen der Lofoten. Es ist eine Halbinsel im Süden, die den Skippern den meisten Respekt einflößt: das Stadlandet. Südlich der Hafenstadt Ålesund, wo die von Nordosten kommende Küstenlinie ihren Verlauf leicht nach Süden ändert, ragt es in die offene See hinaus – wie eine geballte Faust aus Fels, die alles zerschmettert, was die See ihr selbst im schwersten Sturm entgegenzuschleudern vermag.

Norwegen/Vestkapp

Rund um das Vestkapp:

Beim Vestkapp geht es nur „außen herum“

An seiner äußersten Spitze steigen die kahlen Flanken des Vestkapps auf, fast 500 Meter hoch und weithin sichtbar. Dass der tatsächlich westlichste Punkt Norwegens ein gutes Stück weiter südlich liegt, scheint niemanden zu interessieren. In ehrfurchtsvoller Anerkennung der nautischen Bedeutung wurde der "Ehrenname" stattdessen Stadlandet zuerkannt: Über weite Strecken lässt sich die norwegische Küste im Schutz von vorgelagerten Inseln navigieren, beim Vestkapp geht es jedoch nur "außen herum" – und so wild zur Sache, dass selbst große Frachter und Kreuzfahrer "Waschmaschine haben", wenn die Brecher über das Vorschiff rollen und die Gischt bis zu den Brückenfenstern fliegt.

Zumindest für gut zahlende Passagiere ist das häufig ein Abenteuer zum Abgewöhnen, aber wie sieht es mit Freizeit-Crews aus? Wer, von Süden kommend, auf eigenem Kiel zum Geirangerfjord, nach Trondheim oder noch weiter zu den Lofoten will, kommt um diese große Unbekannte in der Törnplanung nicht herum – wer nicht genug Zeit mitbringt, vielleicht sogar im wörtlichen Sinne.

Denn Stadlandet ist vor allem deshalb so berüchtigt, weil die Seeverhältnisse selbst bei gutem Wetter häufig unberechenbar sind. Selbst alte Dünung kann im Zusammenspiel mit der Tide und wechselnden leichten Winden über dem unebenen Felsengrund viel Unordnung anrichten. Kreuzende Seen sind keine Seltenheit, und die Gefahr, bei einem Maschinenausfall ohne Möglichkeit zum Notankern auf schnelle Hilfe hoffen zu müssen, ist sehr real. Entsprechend deutlich fallen die Warnungen in den Küstenhandbüchern aus, egal aus welchem Land sie stammen.  Der Seewetterbericht muss stimmen, bevor die Umrundung gewagt wird.

Der erste Tunnel für die Großschifffahrt 

Sicher ist sicher. Doch um ganz sicher zu gehen, greift das reiche Norwegen zu einer extremen Maßnahme: Durch die nur knapp zwei Kilometer breite Basis der 28 Kilometer langen Halbinsel soll der erste Großschifffahrtstunnel der Welt gesprengt werden: lichte Höhe: 37 m, Fahrrinnenbreite: 26,50 m, Wassertiefe: 12 m. In zehn Jahren soll das Milliardenprojekt abgeschlossen sein, das im Zweifelsfall zu jeder Jahreszeit viele graue Haare an Bord vermeiden soll – egal ob im Cockpit einer Yacht, auf der Brücke eines Trawlers oder in der Panoramabar eines modernen Passagierschiffes der Hurtigruten.

Doch morgen ist nicht heute, und wer weiß, ob selbst die tunnelerfahrenen, norwegischen Ingenieure tief im Berg nicht auf Widerstände treffen, die den Zeitplan zumindest in die Länge ziehen? Für uns jedenfalls ist das Vestkapp diesmal ein fester Bestandteil. Dafür sind wir nach Ålesund geflogen, denn die ans Wasser gebaute Handelsstadt wird unser Ausgangspunkt sein: Hier wollen wir morgen an Bord der "Rolling Swiss II" gehen. Die vereinseigene Motoryacht des Cruising Clubs der Schweiz absolviert ihr Törnprogramm in diesem Sommer 2013 im Fjordland. Jetzt, Mitte Juli, ist die Hälfte der Saison hier oben bereits vorbei, und nach einer Etappe durch den majestätischen Geiranger macht sich die Trader 42 mit dem Schweizerkreuz am Flaggenstock wieder auf den Weg Richtung Süden. Bis Bergen wollen wir die Crew begleiten und unterwegs den 350 Kilometer langen Sognefjord erkunden – wenn das Vestkapp mitspielt und uns nicht zu lange aufhält, versteht sich.

Denn obwohl der Wettergott in den vergangenen Wochen überaus gnädig gestimmt war und so viel Sonnenschein entlang der Küste ausgeschüttet hat, dass sich die Einheimischen die Augen rieben, gibt es für uns keine Garantie, dass wir mit der gleichen Milde rechnen dürfen. Ganz im Gegenteil: Wenn wir aus dem Hotelfenster blicken, sehen wir ein nebelverhangenes Land und regennasse Straßen. Im beginnenden Dämmerlicht gehen wir über die Keiser Wilhelmsgate zum Ålesund, der die Altstadt teilt. Nicht nur die Sportboote liegen hier an dicken Reifenfendern, sondern auch der Rettungskreuzer der Redningsselskapet, einsatzbereit mit summenden Lüftern und greller Decksbeleuchtung.

Pünktlich wie ein schweizer Uhrwerk

An einer Bude holen wir uns gebackenen Dorsch und setzen uns auf eine Bank, die beheizt ist und den feinen Sprühregen fast vergessen lässt. Dabei können wir beobachten, wie die "Nordlys" am Liegeplatz der Hurtigruten alle Leinen loswirft, um mit wehender Rauchfahne der offenen See entgegenzudampfen. Erst gegen Mitternacht geht es zum Hotel zurück, vorbei an dunklen Schaufenstern, in denen Ölzeug neben T-Shirts mit Trollen und Elchen hängt, und an einer Gruppe von Mädchen, die am Apotekertorget lachend von den Stufen einer algenbewachsenen Treppe ins kalte Wasser des Hafens springen. So pünktlich wie ein Uhrwerk rundet die "Rolling Swiss II" am nächsten Morgen den Molenkopf; wir können sie vom Frühstücksraum sehen. Zeit zu gehen!

Zwei Stunden später sind unsere Taschen auf der Yacht verstaut, und auf der Pier stehen zwei hochbeladene, grüne Einkaufswagen aus dem Kiwi-Supermarkt gleich gegenüber der Bootstankstelle. Die übrige Crew, die aus einem reisefreudigen Paar und Skipper Marc besteht, ist schon seit drei Tagen an Bord – da bietet dieser Zwischenstopp die passende Gelegenheit, um die Tanks und Vorratsschapps noch einmal aufzufüllen und Fehlendes zu ergänzen. Nur Fisch steht nicht auf dem Einkaufszettel; den bekommen wir am Vestkapp hoffentlich frisch von der Angel.

Hinein in die Welt der vorgelagerten Inseln

Auf dem Navtex im Salon lesen wir Nordwest 2–3 ab, der Wind hat nach zwei  böigen Tagen also wieder deutlich abgenommen. Gut für uns! Unter einem ebenmäßig grauen Himmel verlässt die "Rolling Swiss 2" Ålesund und folgt einem Kurs Richtung Südwesten, hinein in die Welt der vorgelagerten Inseln – und in eine Gruppe von Papageientauchern. Die Vögel mit den bunten Schnäbeln beäugen uns misstrauisch und halten sich mit kräftigen Paddelschlägen gut klar.

Dafür bekommen wir es jetzt mit einer ordentlichen Restdünung von querab zu tun, die vom Nordmeer hereinrollt und uns im offenen Breidsundet auch ordentlich rollen lässt. Ein wenig Schutz bieten die flachen Felsenrippen von Grasøya mit ihrem Leuchtturm, doch erst nach dem filigranen Spannbetonbogen der Brücke von Remsøya ist der erste "Tanz des Tages" in Lee der hohen Insel vorbei.

Der Plotter verrät die Namen der Orte, die zu beiden Seiten vorbeiziehen, während unsere Kurslinie dem ausgewiesenen Fahrwasser von Wegpunkt zu Wegpunkt folgt: Zwischen Nerlandsøya und Fosnavåg geht es hindurch und über den Herøy-fjorden weiter nach Süden. Dunkler Fels prägt die Ufer, dazwischen Wiesen und Weiden mit vereinzelten Häusern und Höfen in rostigem Rot und leuchtendem Weiß. Mächtige Fischtrawler warten an einsamen Piers auf höhere Fangquoten.

Gischt explodiert an schwarzen Felsen

Als wir die Südspitze von Kvamsøya umfahren, bläst ein Hochgeschwindigkeitswassertaxi mit röhrenden Jets auf
Gegenkurs vorbei; knapp 30 Seemeilen haben wir seit Ålesund bereits zurückgelegt, das Vestkapp rückt in greifbare Nähe – und sogar der Himmel reißt auf. Zwischen uns und Stadlandet liegt jetzt nur noch das aufgewühlte Vanylvsgapet; die hohe Küstenlinie der Halbinsel haben wir schon an Backbord voraus. Unser Ziel für diesen Tag liegt genau an ihrer nördlichen Spitze – die Bucht von Honningsvåg  mit ihrem kleinen, geschützten Hafen.

Doch jetzt geht es hinein in den anlaufenden Schwell – ohne Kostprobe seines Könnens will uns das notorische Kap wohl nicht davonkommen lassen. Unangenehm steil sind die Seen, die Abstände zwischen den Kämmen kurz. Die Wellenhöhe liegt um die zwei Meter, da dreht der lokale Wind plötzlich um 180 Grad und bringt   das Wasser noch mehr in Aufruhr. Der Rumpf dröhnt, während unsere Trader mit beiden Maschinen gegenan arbeitet und der Bug immer wieder so hart einsetzt, dass das Europäische Nordmeer jeden tauft, der den Kopf zu lange aus der Kuchenbude steckt.

Denn das Panorama ist absolut fantastisch: Während die Gischt an den schwarzen Klippen explodiert, wandern Sonnenstrahlen über die grünen Hänge. Die Farbe des Meeres wechselt von Bleigrau zu Tiefblau – je nach Wolkenstand und Blickwinkel. Nur langsam gewinnen wir Höhe; und dann kommt noch einmal ein kritischer Punkt, als wir in die Ansteuerung von Honningsvåg eindrehen müssen und die See wieder von querab haben: Wellen beobachten, den einen Kamm noch abwarten, dann Hebel nach vorn und rum! Wer will, kann sich das Einlaufen jetzt sogar vom Vorschiff anschauen – ohne das Risiko einer salzigen Schwalldusche.

Landsleute, wo man sie nicht vermutet

Sanft schiebt uns die mitlaufende See zwischen den Wellenbrechern hindurch in die Bucht. Eine schwarz-weiße Steinbake markiert die schmale Durchfahrt. Dann sind wir plötzlich in ruhigem Wasser und kurz darauf sicher vertäut am Schwimmsteg des kleinen Hafens am südlichen Ufer. Unseren Fisch bekommen wir tatsächlich problemlos: Seelachs, Dorsch und Lumb, direkt vom Boot, mehr als genug für die nächsten beiden Tage.

Aber unsere Flagge sorgt noch für eine andere Begegnung: Ein weiterer Angler spricht uns an – auf  Schweizerdeutsch. Vor wenigen Jahren tauschte er mit der Familie die heimischen Berge gegen Norwegens Küste und betreibt jetzt einen Campingplatz ganz in der Nähe. Spontan lädt man uns zu einem Ausflug zum Vestkapp selbst ein, das wir zu Fuß niemals erreicht hätten. Und so kommt es, dass die ganze Crew nach dem Abendessen in den Kleinbus der gastfreundlichen Landsleute klettert und zur Landpartie aufbricht.

Hinauf zum windigen Vestkapp

500 Meter geht es zwischen Hochmooren hinauf bis zu dem windigen Plateau. Auf dem Parkplatz vor dem zugenagelten Aussichtscafé stellen wir den Wagen ab und stiefeln über schwammigen, schlammigen und vom Regen vollgesogenen Boden die letzten Höhenmeter bis zur weißen Kuppel einer Wetterradarstation. Die Spitze ihres Antennenmastes verschwindet in den Wolken, doch in alle vier Himmelsrichtungen geht der Blick weit über Meer und Inseln. 62°11’18’’ Nord und 5°7’33’’ Ost lauten die Koordinaten dieses außergewöhnlichen Ortes.
Der Himmel hat sich am nächsten Morgen wieder verschlossen, und als wir das Vestkapp auf eigenem Kiel runden und zu dem Punkt aufblicken, an dem wir gestern noch standen, ist der Wind fast gänzlich eingeschlafen.

Unter der alten, öligen Dünung hebt sich das Meer nur träge und kaum spürbar. Viele Fischer und Sport-skipper sind jetzt unterwegs und nutzen die gute Gelegenheit wie wir. Die scharfen Konturen von Stadlandet fallen langsam achteraus. Fast hypnotisch ruhig verläuft die Fahrt über das Sildegapet und durch den Ulvesund weiter nach Süden Rich-tung Måløy. Nach einem weiteren langen Tag erreichen wir schließlich Florø, wo
wir mitten in die Vorbereitungen zum jährlichen Bootsfestival geraten. Gut getroffen – schließlich haben wir jetzt einen Grund zum Feiern!

Hier geht es zum zweiten Teil der Reportage.

Hintergrund: der Cruising Club der Schweiz

Die Motoryacht "Rolling Swiss II", mit der wir auf diesem Törn unterwegs waren, gehört dem Cruising Club der Schweiz (CCS) und wird für Ausbildungs- und Reisetörns eingesetzt. Die Reviere wechseln dabei von Saison zu Saison, um ein abwechslungsreiches und attraktives Programm anbieten zu können. In diesem Jahr steuert die 13,30 m lange Trader 42 den Ärmelkanal und die Bretagne an. Der seetüchtige Halbgleiter ist technisch auf dem höchsten Stand. Drei Kabinen bieten insgesamt Platz für sechs Crew-Mitglieder. Die Motorbootabteilung bildet eine wichtige eigene Sparte innerhalb des Clubs, der mit rund 6500 Mitgliedern zu den größten der Schweiz gehört und bei der Hochseeausbildung eine Führungsposition in der Sportschifffahrt einnimmt. www.ccs-motorboot.ch

Nautische Informationen

Die norwegische Westküste ist im geschilderten südlichen Bereich auch im Sommer durchaus anspruchsvoll. Mit schnellen Wetterumschwüngen und lokal abweichenden Bedingungen muss gerechnet werden, aktuelle und sehr detaillierte Wetterinformationen liefert das Norwegische Meteorologische Institut (www.yr.no) auch auf Eng-
lisch. Weitere Informationsmöglichkeiten finden sich in den jeweils aktuellen amtlichen nautischen Publikationen und in der Törnliteratur.

Aktuelles Kartenmaterial und Küstenhandbücher müssen an Bord sein, Törnetappen präzise vorbereitet werden. Zwar sind die Fahrwasser genau festgelegt, Tonnen sind jedoch selten, und Kursänderungen werden meist durch Leuchtfeuer angezeigt, die bei Tag als Landmarken sehr unscheinbar sein können. Vorsicht auch bei unsichtigem Wetter, besonders wenn sich weder Radar noch Plotter mit AIS-Overlay an Bord befinden: Die mitunter sehr engen Fahrwasser werden auch von großen Berufsschiffen und sehr schnellen Katamaranfähren genutzt. Die Ausstattung der Häfen ist dafür in der Regel gut, Bootstankstellen gibt es in fast jedem Ort.

Christian Tiedt am 11.05.2014