Geirangerfjord Geiranger
Skandinavien

Norwegen: Geirangerfjord

Christian Tiedt am 03.04.2012

Abenteuer im hohen Norden: Mit Schlauchboot und Campingausrüstung erkundeten wir den majestätischen Geirangerfjord tief im Herzen Westnorwegens.

Geirangerfjord

Aufbruch ins Abenteuer: Unser Schlauchboot auf dem Geiranger.

Wir kommen aus dem Reich der Wolken, um uns herum nur Schnee und Eis. Der „Atem der Trolle“ lässt die Felsen glänzen; feine Feuchtigkeit, die in der Luft liegt. In schwindelerregenden Schleifen stürzt das schwarze Band der Passstraße nun wieder der Erde entgegen und mit ihm das Schmelzwasser, schwellend und schäumend.

In eintausend Metern Höhe über dem Meer herrscht zwar jetzt, Anfang Juni, noch Winter: Kaum über Null zeigt das Thermometer. Die Seen liegen starr und weiß im Herz von Jotunheimen, dem höchsten Gebirge  Skandinaviens – und der Heimstatt der mächtigen Reifriesen, wenn man der nordischen Mythologie Glauben schenkt.

Geirangerfjord

Mit Sack und Pack auf Tour.

Doch mit jeder Haarnadelkurve gelangen wir weiter hinunter; die Schneedecke weicht  überwucherten Geröllfeldern, holzumzäunten Wiesen – und plötzlich öffnet sich der Blick.Vor uns liegt unser Ziel: Der Geirangerfjord, wie mit scharfer Axt in die lotrecht aufragenden Granitflanken der bis in die Wolken ragenden Berge geschlagen. Norwegens bekanntestes Postkartenpanorama, sicherlich, aber wie es sich nun einmal so mit Abbildungen verhält, wirkt das Original mit doppelter Macht – mindestens.

Mit kleinem Gang geht es die letzten Serpentinen hinab ins Tal und durch den kleinen Ort Geiranger, dessen schlichte Häuser  sich auf dem schmalen Uferstreifen am Ende des Fjordes drängen. Vorbei am Urlauberhotel „Utsikten“, dessen Lage seinerzeit schon Kaiser Wilhelm II. zum Verweilen bewegte – wie der Gedenkstein nebenan stolz bekundet – und der kleinen Kirche, kommen wir zum Hafen.

Geirangerfjord

Wasser und Felsen: Auf dem Geiranger unterwegs.

Es ist später Nachmittag, als wir auf den Campingplatz rollen und uns einen Logenplatz mit fantastischem Ausblick direkt an der Wasserkante sichern. Die Hauptsaison ist hier noch einige Wochen entfernt, und bis auf ein Bottroper Wohnmobil mit Klöppelgardinen und das abenteuergelbe Zelt eines sehnigen Solo-Backpackers aus Spanien haben wir das weite Grün ganz für uns allein. Nach dem Zeltaufbau wird es Zeit, Pläne zu schmieden.

Unser zusammengerolltes Zodiac-Schlauchboot und der treue Yamaha-Zweitakter warten auf ihren Einsatz.
„Geir“ ist ein altes Wort. Es bedeutet Pfeilspitze, und wie ein Pfeil bohrt sich der Geiranger tatsächlich in das zerklüftete Fjordland Westnorwegens, etwa 500 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Oslo. Dabei ist er nur einer der Endausläufer eines weit verzweigten Netzes von Fjorden, die südlich der Hafenstadt Ålesund in das Europäische Nordmeer münden.  Ein Wasserweg von rund 110 Kilometern (oder 60 Seemeilen) Länge liegt zwischen der offenen See und dem Anleger in Geiranger, die „Pfeilspitze“ selbst macht davon nur die letzten sechszehn Kilometer aus.

Geirangerfjord

Der Ort Hellesylt zwischen Geiranger- und Sunnylvsfjord.

Seine geringe Länge wird vom Geiranger durch seine spektakuläre, vom Eis geformte Landschaft aber mehr als wettgemacht, was dazu führte, dass er heute nicht nur eines der Hauptziele von Kreuzfahrtschiffen auf der Nordlandroute ist, sondern seit 2005 auch UNESCO-Weltnaturerbe.

Das Rattern einer schweren Ankerkette holt uns am nächsten Morgen aus dem Schlaf. Im grauen Licht ist der erste Gast des Tages eingetroffen: die „Nordlys“ der Hurtigruten. Einst Postschifflinie und einziges verlässliches Verkehrsmittel entlang der Westküste Norwegens, ist die Reederei mit dem kirschroten Rumpfband längst ins lukrative Touristengeschäft eingestiegen. Schon wird auf dem Bootsdeck der erste Tender ausgeschwungen: Die Küste ist lang, und die Zeit drängt.

Geirangerfjord

Am Strand der Insel Godøya im Europäischen Nordmeer.

Vor dem einsetzenden Regen verziehen wir uns in den kleinen Landhandel direkt am Sportboothafen, der dicht sortiert von der Briefmarke über die Angelrute bis zur Elchsalami nicht nur all das verkauft, was man unterwegs benötigen könnte, sondern außerdem über ein kleines Bistro mit überdachter Veranda verfügt. Bei starkem Kaffee aus Styroporbechern und warmen Waffeln mit heißen Beeren breiten wir die norwegische Seekarte 127 mit dem inneren Teil des Storfjords aus, zu dem auch der Geiranger gehört.

Wir wollen versuchen, bis nach Stranda zu kommen, das etwa 40 Kilometer entfernt im Norden am Norddalsfjord liegt (siehe Karte auf Seite 27). Der Weg dorthin führt nach dem Geiranger über den Ort Hellesylt und den in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Sunnylvs-fjord. Ob das mit unserem 3,40 m langen Schlauchboot machbar ist, wird sehr vom Wetter abhängen. Die Aussichten sind mit Wind und Regen nicht gerade rosig. In vier oder fünf Tagen wollen wir aber auf jeden Fall zurück sein und wieder hier auf der Veranda sitzen.

Sauber aufgereiht liegt unsere Ausrüstung am frühen Nachmittag unter dem gleichen trüben Himmel auf dem Parkplatz neben dem Landhandel und erregt die Neugier von italienischen Touristen, die vor Kurzem von der „Costa Deliziosa“ ausgebootet wurden: Der knapp 300 m lange Kreuzfahrtkoloss hat inzwischen den Platz  der „Nordlys“ eingenommen.

Zwischen dem Hin und Her von Tenderbooten und Ausflugsbussen schieben sich Scharen unter Schirme geduckter Gestalten durch die viel zu wenigen Straßen und – wegen des Wetters – schnell in die  umso zahlreicheren Souvenirgeschäfte: Plüschtrolle für Padua und Norwegerpullis für Neapel. Die Verkäufer haben ein Lächeln im Gesicht.

Bei der Tankstelle am Fähranleger füllen wir unseren 25-l-Tank und die beiden 10-l-Kanister voll. Eine Flasche Zweitaktöl als Zugabe für unseren 15-PS-Außenborder nehmen wir ebenfalls noch mit – grundlegenden Bootsbedarf gibt es zwar auch in Geiranger, für einen richtigen Servicehandel müsste man aber (mit dem Auto) weit fahren: „In Ålesund bekommt ihr alles, was ihr braucht“, hören wir an der Tankstelle. Das sind gute 100 Kilometer.

Viel Platz bleibt nicht frei bei uns „an Bord“: Neben den Kanistern mit dem Benzin, haben wir nicht nur drei Kunststofftonnen mit Lebensmitteln, Kochgeräten und sonstigem Kleinkram – vom Handpeilkompass bis zur Ersatzzündkerze – dabei, sondern zusätzlich unsere wasserdichten Taschen mit Schlafsack und Isomatte, ein Zelt, Foto- und Angelausrüstung. Der Vorteil dieses Puzzles, das kaum Luft lässt: Zusätzlich mit Spanngurten gesichert, bleibt unsere Ladung auch bei einem rauen Ritt am Platz, sie kann gar nicht anders.

Später am Nachmittag legen wir ab, der Wind ist fast verschwunden. Dunkelheit dürfte so schnell kein Problem sein: Nur vier Breitengrade südlich des Polarkreises dauert der Tag jetzt achtzehn Stunden, auch wenn wir von der Sonne bislang noch nichts gesehen haben.

Unter der gewaltigen Bordwand der „Costa Deliziosa“ geht es in Gleitfahrt auf das dunkle Wasser des Fjordes. Wir schlagen einen weiten Bogen, und schnell schrumpfen nicht nur die Häuser von Geiranger vor den mächtigen Hängen der Fjordwände, selbst das Kreuzfahrtschiff mit seinen sechzehn Decks und 1100 Kabinen wirkt bald wie eine Miniatur in einer Modelllandschaft

Es dauert nicht lange, und die Felsen blenden das letzte, deutlich sichtbare Stück Infrastruktur aus: den „Adlerweg“, eine weitere Straße, die sich in eng geschlungenen Kurven am Nordufer des Fjordes von dem winzigen Ort Grande aufschwingt. Uferstraßen wie an anderen Fjorden gibt es im ganzen Streckenverlauf bis Stranda nicht, zu steil sind die Ufer hier.

Wir wechseln zum Südufer, wo das Wasser noch ruhiger ist, und nehmen Fahrt raus. Im Schritttempo geht es dicht am Fels entlang. Überall tropft und plätschert es, Sträucher und kleine Bäume klammern sich auf schmalen Graten fest, oftmals auf dem nackten Stein, wie es scheint, sprießen aus Spalten und Rissen oder wagen sich so weit in den Schutz kleiner Höhlen, wie das lebenswichtige Licht es zulässt. Gerade unter diesem fahlen Himmel wirkt das Grün der Blätter noch kräftiger vor dem dunklen Fels, der von helleren Sedimentschichten und Flechten gezeichnet ist.   Doch hinter der nächsten Felskante wartet eine Überraschung auf uns: Graffitti.

Über Dutzende von Metern haben sich dort vorbeikommende Schiffe mit weißer Farbe verewigt, wie Wanderer mit dem Messer in der Rinde eines Baumes: der Frachter „Jonshørn, 1968“ etwa, oder 1992 die Motoryacht „Windward“. Etwas verblichen findet sich sogar die MS „Völkerfreundschaft“, Urlauberschiff der ehemaligen DDR. Wenn die Reisen des weißen Vorzeigedampfers, der eigentlich für die Werktätigen des eigenen Landes angekauft worden war, ins westliche Ausland führten, waren allerdings keine Passagiere aus der östlichen Hälfte Deutschlands an Bord – man vercharterte das Schiff dann an Devisen zahlende Veranstalter aus dem Westen. Ein Stück deutsch-deutscher Geschichte auch an dieser Stelle.

Wir erkennen schnell, dass es mit einem „wilden“ Landgang schwierig wird. Da die Ufer so steil sind, gibt es kaum flache Stellen – und dann ist der mit Seegras und Muscheln bewachsene Streifen der Gezeitenzone durch glitschiges Geröll und schartige Klippen zumindest für ein Schlauchboot unpassierbar. Möglichkeit zum Landen bieten im Notfall höchstens die wenigen privaten Holzstege, die zu schmalen, ergrauten Hütten oder Schuppen im Schatten der Steilwand führen. 

Doch den nicht möglichen Landgang können wir gut verschmerzen, denn nun bekommen wir die größte Attraktion des Geirangerfjordes zu sehen: die Wasserfälle der „Sieben Schwestern“ auf der Nordseite, und der „Freier“ ihnen gegenüber auf der Südseite. Die Sage geht so: Einst lebten auf einer der schwer zugänglichen Bergalmen hoch über dem Fjord sieben wunderschöne Schwestern, auf dem anderen Ufer jedoch ein einzelner Junggeselle. Doch trotz des offensichtlichen Männermangels gab keine der sieben Holden dem stetig verzweifelteren Werben des einsamen Jünglings nach. Und so sind sie noch heute getrennt und zu Wasserfällen geworden.

Mit unserem Schlauchboot schaffen wir, was dem „Freier“ versagt blieb: Wir nähern uns  den „Sieben Schwestern“ an, so weit es geht. Über 300 Meter stürzen die Wasser hier senkrecht am nassen Fels entlang zu Tal, doch durch den Wind breiten sich die Schleier feinster Tropfen weit über den Fjord aus. In diesem Augenblick findet sogar die Sonne ein Wolkenloch im Westen, als müsste sie die majestätische Szenerie aus wehender Gischt und bis in die Wolken reichendem Granit für uns mit einer einzelnen Lanze aus goldenem Licht dramatisch ausleuchten.

In Gleitfahrt steuern wir weiter nach Westen, mal unter dem einen, mal dem anderen Ufer. Wann immer das ziehende Grau an den scharfen Gipfeln der Berge aufreißt, werden die Schneefelder in höchsten Lagen sichtbar und verstärken den Eindruck von wilder, noch immer unberührter Natur.

Zeit, an das Abendessen zu denken. Einen Einweg-Grill haben wir im Gepäck, und über den sagenhaften Fischreichtum der tiefen Fjorde haben wir schon so einiges gehört. Kollege Morten bereitet seine Angel vor, und in weitem Bogen fliegt der Haken ins Wasser. Lang-sames Tempo nun – „Trolling“. Als wir uns gerade fragen wollen, wie sehr der knatternde Zweitakter die Fjordbewohner wohl stören mag, ruckt es bereits an der Leine!

Kurz darauf zappelt der erste Köhler – besser bekannt als Seelachs – im Kescher, keine zehn  Minuten später ein zweiter. Das reicht. In einem Balanceakt wird noch im Boot geschuppt und ausgenommen, dann nehmen wir Kurs auf die weite Öffnung, die sich voraus schon zeigt: Dort endet der Geiranger. Im Norden schließt der breitere Sunnylvsfjord an, der uns morgen nach Stranda bringen wird.

Für die Nacht biegen wir aber nach Süden ab, wo am Ende einer lang gestreckten Bucht der Ort Hellesylt mit seinem verlassenen Campingplatz wartet und bald schon feiner, blauer Rauch von unserem Grill in den düsteren Himmel steigt. Zwei Flaschen fjordkaltes „Arendals Pils“ löschen den Durst, und ein erlebnisreicher Tag auf dem Geiranger findet ein stimmungsvolles Ende.

Verwundert reiben wir uns am nächsten Morgen den Schlaf aus den Augen. Vor unserem Zelt stapft ein ausgewachsener Eisbär über den Rasen. Doch der Schock ist nur von kurzer Dauer: Bei dem Raubtier handelt es sich lediglich um einen gelangweilten Menschen im weißen Kunstpelz – ein Besatzungsmitglied des Kreuzfahrtschiffes, das jetzt vor dem Ort liegt und bei der Pier am Campingplatz anlanden lässt. Wer dem Tender entsteigt, kann sich vor dem wolkenverhangenen  Fjordpanorama mit dem freundlichen Bären ablichten lassen. Schon rauscht der nächste Tender mit hoher Bugwelle heran. Der Eisbär tritt seine Zigarette aus, trottet zum Anleger hinunter und bringt sich in Positur.

Bald fliegen wir über den Sunnylvsfjord, auf Nordkurs jetzt, mit dem Ziel Stranda. Mehr Platz gibt es hier zwischen den Ufern, und das Profil der Berge ist nicht mehr ganz so dramatisch. Aber im Vergleich mit dem Geiranger haben es alle anderen schwer, selbst im Fjordland.

Christian Tiedt am 03.04.2012