Törehamn Törehamn

Ostsee-Journal: Schweden

Törehamn

Christan Tiedt am 10.05.2021

Weiße Nacht: Am Ende der Bottenwiek sinkt die Sonne im Sommer nur kurz unter den Horizont – der Polarkreis liegt gleich um die Ecke. Ein Besuch im nördlichsten Hafen der Ostsee

Marlene, Tommy, Peder und Heidi haben ihre Campingstühle im Halbkreis zur Sonne hin ausgerichtet, die jetzt tief über dem bewaldeten Horizont steht. Über die Bucht, die das innerste Innere des Fjords bildet, wirft die den vier Wartenden ihr goldenes Licht entgegen. Um 23.31 Uhr wird sie heute untergehen und die kurze nordische Nacht herauslocken, hier oben, keine hundert Kilometer südlich des Polarkreises. Nur einen Steinwurf vom äußeren Schwimmsteg entfernt spiegelt sich eine große, gelb gestrichene Spitztonne im glatten Wasser. Ihre knappe, zweizeilige Aufschrift lautet: "N 65°54'07 E 22°39'07". Hier endet die Ostsee. Törehamn ist ihr nördlichster Hafen.

Die Steganlage, eine Verladepier im Schatten von zwei bulligen Zementsilos, daneben der Campingplatz zwischen Birken, das war es schon. Der Ort dazu liegt mit seinen eintausend Einwohnern ein paar Autominuten entfernt auf der anderen Seite der Europastraße E4, die weiter nach Finnland führt. Niemand außerhalb der Provinz Norrbotten würde Töre kennen, wenn es seinen Hafen nicht hätte. Erst seine Lage machte es zu einem Ziel – zumindest auf der Liste sonderbarer Sehnsuchtsorte an der Ostseeküste.

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Auf dem Grill zischen derweil die Bratwürste. Musik liegt in der Luft: Sie kommt aus der offenen Tür des Wohnmobils von Peder und Heidi. Leise genug, um nicht zu stören. Doch der federleichte Optimismus der frühen Sechziger ist unverkennbar: "Liebeskummer lohnt sich nicht, my darling!" Deutscher Schlager im Norden Schwedens, dazu ein dänisches Nummernschild? Während Peder sich um den Grill kümmert und die Mücken zu Siw Malmkvists Stimme in der Luft tanzen, lüftet Heidi das Rätsel: "Das ist die Musik unserer Jugend", lacht sie. Ganz im Süden Jütlands seien sie aufgewachsen, nahe der Grenze zu Schleswig-Holstein. Am Wochenende lockten dann die Lichter Flensburgs: "Da haben wir uns kennengelernt." Längst im Ruhestand, gehen die beiden nun in jedem Sommer auf Nordland-Tour. "Als wir noch gearbeitet haben, waren wir oft am Limfjord im Urlaub", erzählt Peder. "Aber Dänemark war damals schon klein und Skandinavien groß. Heute haben wir endlich Zeit dafür." Dann verteilt er die fertigen Würstchen auf Pappteller mit Kartoffelsalat. Die Sonne braucht noch ein bisschen.

Auch im Hafen auf den Sportbooten ist noch längst nicht Feierabend: Eine vierköpfige blonde Familie samt Großeltern, Hund und prallem Picknickkorb läuft auch jetzt noch aus, vielleicht mit Kurs aufs Wochenendhaus. Das junge Pärchen, das seine Uttern mit Schwamm und Schaumwasser schrubbt, will zumindest morgen glänzen. Am Steg nahe der spitzen Tonne schließlich haben zwei Finnen aus Tornio die Segler von der Yacht gegenüber zum Sundowner auf die Flybridge eingeladen. Der Weg am Ufer führt weiter an der leeren Verladepier entlang über geflickten Asphalt zum seeseitigen Ende des Hafens. Hier herrscht Stille, Grün sprießt aus Rissen im Beton. Zwei Kajütboote auf Trailern wirken im hohen Gras wie vergessen, das eine müde zur Seite geneigt. Unter dem fast wolkenlosen, unwirklich hellen Himmel verliert sich der offene Verlauf des Törefjärds in der Ferne. Friedlicher könnte es kaum sein.

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Christan Tiedt am 10.05.2021
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