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Reise: Saimaa-Region / Finnland

Stille Wasser

Christan Tiedt am 02.03.2020

Das Saimaa-Seengebiet im Süden Finnlands ist nahezu endlos. Viel Raum für Abenteuer auf dem Wasser und an Land

Fotostrecke: Europas größtes Binnenrevier

Bei ihren skandinavischen Nachbarn genießen die Finnen nicht gerade den Ruf großer Redseligkeit. Ein Umstand, der allerdings sogar in Finnland selbst mit einer gehörigen Portion schlagfertiger Selbstironie bedacht wird. Gleichzeitig weiß man natürlich auch im übrigen Skandinavien, dass gerade stille Wasser tief sein können. Und das trifft auf das Volk im Norden Europas mindestens ebenso zu.

Dort lautet die Zauberformel der Zufriedenheit: Gegensätze werden genossen, Extreme gefeiert. In anderen Worten: Wenn der Schwede aus der Sauna flieht, fängt der Finne gerade an zu schwitzen.

Wir gönnen uns eine ordentliche Dosis dieses besonderen Lebenselexirs auf Ruuhonsaaret, einer der zahllosen Inseln in der endlosen Weite des Saimaaseengebietes im Süden Finnlands. Es ist unser dritter Abend unterwegs, Halbzeit auf unserem Chartertörn über das größte zusammenhängende Wassersportrevier unseres Kontinents. Eine außergewöhnliche Reise voller Kontraste, mit spannenden Erlebnissen und ausgelassen Momenten, in brennender Sonne und beißendem Wind. Den Tipp für den Naturhafen auf Ruhonsaaret haben wir von Harri Niskanen, der auch am Anfang unseres Abenteuers steht.

Harris Familie bildet das Team von Saimaacharter Voukravenho, dessen Basis in der Stadt Savonlinna auch Ausgangs- und Endpunkt unserer Woche hier sein wird. Die Verwaltungs- und Tourismusmetropole liegt im Herzen des Saimaagebiets, eine seit jeher strategische Position, von der auch die grauen Mauern der Burg Olavinlinna zeugen. Heute bilden ihre Bastionen in jedem Jahr die imposante Bühne für internationale Opernfestspiele. Diesmal wird unter anderem Rossini zu Gast sein: Sevilla in Savonlinna.

Wir werden uns die Stadt erst zum Abschluss unseres Törns genauer ansehen. Denn zunächst soll es für uns nach Süden gehen – und nachdem wir unsere Linssen Grand Sturdy 30.9 AC übernommen haben, steht unserem Start am nächsten Tag nichts mehr im Wege.

Auf nach Süden!

Weite Seen, Felsen, Flechten. Kiefern und Birken. Es ist kühl aber nahezu windstill, mit einem tiefen Himmel und Wasser wie Gusseisen. Bis zum Horizont prägen Wälder das Panorama der sanft gewellten Landschaft. Hin und wieder sind Hütten hinter Bäumen zu erspähen, davor einsame Stege. Kleine weiße Leuchttürme, einheitlich und aus Stahl, werden zu vertrauten Landmarken. Ihre Namen bilden eine wundersame Litanei: Uuraanpää, Kommerniemi, Tuohiluoto, Oulunsaari, Osmonaskel. Nur hin und wieder pendeln gelbe Fähren zwischen den Ufern.

Also heißt es entspannen und die Füße hochlegen! Begegnungen gibt es sonst kaum – von einem kreuzenden Elch einmal abgesehen, der uns dann vom Ufer tropfnass beäugt.

Mehr als sieben Stunden sind wir so unterwegs, bis hinter einer allerletzten Biegung schließlich die Hochbrücke von Puumala in Sicht kommt, ein winziger Ort zwar, aber ein Nadelöhr und Verkehrsknotenpunkt für See- und Straßenverkehr gleichermaßen. Direkt am Hafen gibt es ein Ausflugslokal, einen Supermarkt und die Hütte der Touristeninformation, wo wir uns anmelden. Die Sauna wird leider gerade komplett umgebaut: außer Spänen nichts gewesen.

Auch die "Sky Bar" ganz oben an der Spitze des Brückenpylons verpassen wir, da sie vor fünf Minuten – also pünktlich um 18 Uhr – geschlossen hat. Dabei erklärt das fröhliche Schild am Gästesteg mit dem Namen "Kippis" (Finnisch für "Prost"), dass Puumala das Gibraltar Finnlands ist. Und dass man deshalb hier besonders gerne trinkt. Oder prostet. Oder beides. Dafür sind die nagelneuen Superduschen schon in Betrieb – und so gut geheizt, dass wir die Sauna leicht entbehren können.

Auch anschließend geht es "heiß" weiter: Denn halbwegs den Hügel hinauf wartet die "Ravintola Hovi" auf uns, ein Grillrestaurant mit grobgeschnitztem Ambiente, wo man karelisches Karjala zur Pizza trinkt und nicht mit Knoblauch-Tabasco spart. 

Dazu gibt es Karaoke, mal gelallt, mal geröhrt, immer am Anschlag. Finnland hat Talent! Und viele Evergreens, wie es scheint.

An der anderen Wand läuft derweil eine einheimische Telenovela im TV, Highlife und Herzschmerz, inklusive one-night-stand auf einer einsamen Schäre. Jaja, stille Wasser...

Am nächsten Tag wird es ungemütlich, Wind und Regen sind angesagt, es bläst aus Südwest – genau die Richtung, in die wir müssen. Düster liegen die Seen da, die wir in fliegender Gischt durchpflügen. Ich hülle mich am Fahrstand in meine Fleecedecke wie ein Invalide im Senatorium, nur zwei Finger für den Drehknopf des Autopiloten ragen aus der Vermummung. So wird Insel um Insel passiert, See reiht sich an See. Eine Welt aus Wasser, Wald und Fels.

Dann runden wir die Halbinsel Kyläniemi im Westen, die wie ein steinerner Riegel im großen Saimaa liegt. Ein paar Yachten können wir ausmachen. Besonders spannend wird es, als uns ein hochbeladener russischer Holzfrachter im wirklich engen Fahrwasser in seinem Schwell tanzen lässt.

Nach mehr als sieben Stunden und gut vierzig Seemeilen haben wir es geschafft: die Einmündung des Saimaakanals, der von hier zur Ostsee führt, eine Hochbrücke und Berge von Baumstämmen, die in den Fabriken dahinter zu Papier und Pellets werden, kündigen unser Ziel an: die Stadt Lappeenranta, industrielles Zentrum der Region. Was für ein Kontrast.

Der Wind nimmt noch einmal zu, aber als wir dann längsseits am gut ausgebauten Gästeanleger festmachen, ist alles auf einmal wieder ganz friedlich. Unser Landgang führt uns am Ufer entlang zum Strandbad, dann durch das Plattenbauviertel zurück ins Zentrum und weiter zur alten Festung oberhalb des Hafens. Buckliges Kopfsteinpflaster, alte Holzgebäude und die Kuppeln der ehemaligen Garnisonskirche zeugen davon, dass sich nicht nur Karelien, sondern ganz Finnland jahrhundertelang fremden Herren beugte, mal den Schweden, dann den Russen, bis man 1917 unabhängig wurde.

Heute sind hier finnisches Fernsehen, Kulturmuseum und eine Dance Academy "stationiert".

Plötzlich flutet goldenes Abendlicht durch das Schachbrettmuster der Straßen. Wir lassen uns leiten und kommen so ins "Teerenpeli", was wie "Liebelei" bedeutet. Liebe zum Bier, das man hier natürlich selbst braut. Dazu werden Sulamis serviert: pralle Sandwiches mit Rentier-Räucherschinken, sauren Gurken und Whisky-Senf. Da wird uns nicht nur warm ums Herz...

Zeit, die Rückreise in Richtung Savonlinna zu planen: Die Karte, auf der Harri für uns mögliche Ziele markiert hat, bietet dafür eine reizvolle Option: Ruuhonsaaret. Die Insel liegt fast genau auf unserem Weg – und sogar eine Sauna gibt es dort. Wir verlassen Lappeenranta auf gleichem Wege, wie wir gekommen sind. Doch der Himmel ist jetzt aufgelockert und der Wind hat seinen Biss verloren. Wir nutzen die milde Witterung für ein ausgiebiges "Frühstück" auf dem Achterdeck, während wir unsere Seemeilen abspulen.

Nach rund fünf Stunden scheren wir schließlich nördlich der Insel Hietasaari nach Backbord aus dem Fahrwasser aus: Zu unserem Ziel führen keine Tonnen. Aber Seekarte und Plotter sagen, dass es überall tief ist. Die Insel Ruuhonsaaret hat die Form eines nach Norden offenen Hakens, der fast neue Holzsteg liegt tief im inneren der Bucht, umgeben von schützenden Höhenzügen mit lichtem Kiefernwald. Mit dem Bug gehen wir an die Boje, mit dem Heck zum Steg, um leicht über die Badeplattform an Land zu kommen.

Dann machen wir uns zum Erkundungsgang auf: Die Sauna ist ein solides Blockhaus, alles ist vorhanden, sogar eine Säge, um die aufgeschichteten Äste für den Ofen auf Länge zu bringen. Auf einer Schiefertafel können Crews die Sauna stundenweise "reservieren". Die Bezahlung von zehn Euro erfolgt dann nach dem Ehrlichkeitsprinzip in einer Box.

In der Zwischenzeit kommen immer mehr Gäste, ein Jollenkreuzer, eine Targa, eine Buster, dann eine traditionelle Norrpa. Diese schlanken Spitzgatter sind nach der Saimaarobbe benannt – durchaus passend in Hinblick auf die Rumpfform.

Wir wollen den anderen erst einmal den Vortritt in der Sauna lassen und nehmen stattdessen den Grillplatz in Beschlag, mit Blick auf die ganze Bucht. Während der Wind einschläft und der Himmel weiter aufklart, brutzelt René unsere Burger auf dem Einweggrill. Fantastisch! Als ein Stück Grillgut kurz vom Rost springt, wird es im See einfach abgewaschen.

Inzwischen ist weitgehend Ruhe eingekehrt, die weiße nordische Nacht hat begonnen. Also holen wir Handtücher, steigen zur Sauna hinauf, sammeln Holz zusammen und heizen ein. Helles Licht im Norden, der dunkle Wald um uns herum – eine magische Stimmung. Irgendwo auf dem Festland heult ein Wolf.

Es dauert zwar einige Zeit, bis die Sauna wieder auf Touren kommt, aber nach einem ordentlichen Aufguss wird es dann noch richtig schweißtreibend. Was für ein Abend!

Sonnenschein und spiegelglattes Wasser umgeben Ruuhonsaaret am Morgen danach. Das Licht spielt am Waldboden zwischen den Kiefern, als wir dieses traumhafte Fleckchen verlassen und in gemächlichem Bogen wieder ins Fahrwasser einscheren.

Gut zwei Stunden später kommt die Brücke von Puumala erneut in Sicht; wir legen an der Tankstelle an und bunkern einhundert Liter. Jede Menge Boote sind jetzt unterwegs, vom Alugleiter bis zum umgebauten Schlepper. Kein Wunder, der Frühsommer scheint langsam auf Touren zu kommen, kein Vergleich mehr zu den vergangenen Tagen.

Alle Gesichter zur Sonne!

Nach einer Eispause geht es weiter. Diesmal nehmen wir das Fahrwasser auf der Westseite der Insel Partalansaari, einen schnurgeraden Fjord, der uns stetig nach Norden leitet. Stunden geht das so; wer hier nicht zur Ruhe kommt, dem ist nicht zu helfen. Andererseits: Die Strecke ist auch Teil des "Sulkavan Suursoudut", Finnlands größter Ruderregatta. Den Namen hat sie von dem Ort, der heute auch unser Ziel ist. Der Rekord für die sechzig Kilometer liegt unter vier Stunden.

Vom See Enonvesi führt der Fjord nun nach Osten und passiert bald darauf einen spektakulären Felsen mit Wanderern darauf – Linnavuori, Standort einer Ringburg aus der Eisenzeit. Es gibt sogar einen Schwimmsteg.

Vielleicht beim nächsten Mal. Eine Stunde später machen wir in Sulkava fest. Erste Überraschung: kein Strom am Steg. Das Restaurant, wo wir uns anmelden sollten, hat auch schon geschlossen. Also ab ins Dorf: Zuerst schauen wir uns das "Ruderstadion" an, wo schon das nächste Rennen Anfang Juli plakatiert ist. Zwei der "Kirchenboote" liegen auf dem Strand, aus Sperrholz zwar, aber mit beweglichen Sitzen. Sportgeräte, keine Frage.

Über eine Brücke kommen wir zur Kirche, wo die Poliisi kontrolliert: Ein altersschwacher Trecker mit fünf auffällig gut gelaunten Figuren darauf hat das deutliche Interesse der Ordnungsbeamten geweckt. Bei uns meldet sich der Hunger.

Einzige Option zu dieser Stunde ist das Restaurant des Motels "Muikkukukko" beim Busbahnhof. Drinnen ein paar Billardtische, Gestalten beim halben Bier und die eindringliche Geruchskulisse der letzten drei Jahrzehnte. Wir sehen uns an. Diese "Zeitreise" sparen wir uns gerne.

Da uns nun nichts mehr in Sulkava hält und es noch hell genug ist, legen wir kurzerhand wieder ab. Wir haben ja eine verlockende Alternative: Linnavuori. Kurz vor 23 Uhr sind wir erneut an dem Steg unterhalb des Felsens, liegen längsseits und kochen an Bord.

Der Ausblick ist fantastisch: Die sich spiegelnden Felsen mit ihren einzelnen Kiefern erinnern an japanische Aquarellmalerei. Morgen wagen wir den Aufstieg.

Der führt dann am Grillplatz vorbei über eine steile Holztreppe nach oben durch den Wald. Von der Ringburg ist nicht viel mehr übrig als ein kniehohes Halbrund aus bemosten Steinen, aber der Ort ist einmalig. Wir treten ins Sonnenlicht auf den blanken Fels hinaus. Bienen und Schmetterlinge schwirren in der warmen Luft umher. Unser Blick streift in alle Himmelsrichtungen kilometerweit über diese finnische Landschaft aus Wäldern und Seen. Und wie still die Wasser des großen Saimaa von so hoch oben wirken...

Diese Reise erschien in der April-Ausgabe 2019 von BOOTE. 

Christan Tiedt am 02.03.2020