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Skandinavien

Schweden: Dalsland (Teil 1)

Christian Tiedt am 04.10.2014

Dalsland kurz vor Mittsommer: auf Entdeckungstörn über die weiten Seen im Südwesten Schwedens, eines der schönsten Binnenreviere Europas.

Dalsland

Dalsland kurz vor Mittsommer: auf Entdeckungstörn über die weiten Seen im Südwesten Schwedens, eines der schönsten Binnenreviere Europas.

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Wenn wir das Zelt hier aufschlagen, dann schlafe ich in Schweden und Morten neben mir in Norwegen. Die Grenze ist nicht mehr als eine Schneise im Kiefernwald, von einem Ufer der kleinen Insel bis zum anderen. Wo die Felsen steil zum See hin abfallen, ist weithin sichtbar eine mannshohe runde Bake aus Bruchsteinen aufgeschichtet, auf der eine alte, von Flechten gefleckte Granitplatte thront. Unter der schwedischen Reichskrone zeigt sie die Initialen des Königs Adolf Friedrich und die Jahreszahl 1752. Die Gegend ist heute kaum dichter besiedelt als damals, der Grenzverlauf mit Sicherheit genau so unscheinbar.

Dabei ist das Eiland, das auf schwedischen Karten "Trollön" und auf norwegischen "Trolløya" heißt, durchaus eine Fußnote der Geografie wert – denn neben Zypern ist es das einzige, das heute von der EU-Außengrenze geteilt wird.

Als wir von der Anhöhe über die tiefblaue Fläche des Stora Le blicken, ist uns allerdings nichts ferner als der Gedanke an die aktuelle Politik. Rechts unter uns, hinter Bäumen fast verborgen, liegt unser Boot auf dem feinen Kiesstrand und wartet darauf, entladen zu werden: Zelt und Schlafsäcke, Kocher und Töpfe. Wahrscheinlich werden wir auch dort unten campen, eine gute Stelle für das Lagerfeuer haben wir schon ausgemacht.

Es ist unser erster Tag auf dem Dalslandkanal, der vom Grenzland durch die dichten Wälder dieser historischen Provinz im Südwesten Schwedens hinab zum mächtigen Vänersee führt. Ein Kanal nur dem Namen nach, denn von seinen rund 250 Kilometern Länge sind nur zwölf gegraben. 31 alte Schleusen, häufig aus dem rohen Fels gesprengt, verbinden die lang gestreckten Seen. Nimmt man die Nebengewässer wie den Töcksforskanal im Norden hinzu, kommt man sogar auf eine Ausdehnung von 400 Kilometern. Trotzdem ist der Dalslandkanal – im Gegensatz zum Götakanal – hierzulande kaum bekannt. Das sollte sich ändern. Denn ich verrate nicht zu viel, wenn ich schon jetzt sage, dass er zu den schönsten Binnenrevieren Europas gehört.

Auf einem anderen Pfad steigen wir wieder zur Bucht hinunter, an deren Ufer wir die Nacht verbringen werden – in Norwegen, wie wir erst jetzt merken. Mit dem überraschenden Besuch eines nachtaktiven Zollbeamten brauchen wir wohl trotzdem nicht zu rechnen ...

Klares und warmes Wetter haben wir schon am Morgen, als wir unser Boot an der Sliprampe des Sportboothafens von Ed ins Wasser bringen. Der kleine Urlaubsort liegt am südlichen Ende des Stora Le, der sich über immerhin 55 Kilometer nach Norden erstreckt und damit der längste See im Kanalsystem ist. Nachdem wir im Coop-Konsum eingekauft haben, parken wir den Sharan im Schatten einer hölzernen Bootshalle und verstauen Gepäck, Proviant und die Ersatzkanister an Bord. Unser 15-PS-Außenborder springt problemlos an, und bald steuern wir unter dem nur leicht bewölkten, frühsommerlichen Himmel auf den See hinaus.

Wir sind überrascht, der Stora Le ist weit wilder und einsamer als gedacht. Kaum Ferienhäuser und keine Fahnenmasten mit den so typischen blau-gelben Wimpeln. Stattdessen tiefe Schatten am Ufer, wo Birken, Fichten und vor allem Kiefern ihre Zweige und Äste verschränken, dann wieder nackte Felsen, so glatt geschliffen von den Gletschern der letzten Eiszeit, dass noch immer kein Wurzelwerk darauf Halt findet. Bäche rauschen über moos- und flechtenbedeckte Steine, sogar an einem Wasserfall machen wir kurz Halt und kochen auf einem flachen Findling am Ufer Kaffee. Die knallgelb gestrichene Autofähre, die bei Sundingen unseren Kurs kreuzt, ist für lange Zeit das einzige Zeichen der Zivilisation.

Doch dann sehen wir immer mehr Boote auf Ausflugstour. Daycruiser, die mit johlenden Jugendlichen und fliegender Gischt vorbeiziehen, oder ein Spitzgatter, aus dessen Plicht uns ein älteres Paar freundlich mit Weingläsern zuprostet. Sogar eine wunderschöne Snekke begegnet uns, vom stolzen Skipper auf Hochglanz poliert. Fast alle Boote haben die norwegische Flagge am Heck; eine Überraschung ist das nicht, denn der Stora Le ist nicht nur der längste See in Dalsland, sein nördliches Ende ragt sogar vollständig nach Norwegen hinein.

Unsere Mittagspause verbringen wir vor Anker in der idyllischen Kopparviken, einem fjordartigen Einschnitt auf dem Ostufer, umgeben von Teichrosen und schwirrenden Libellen. Motor aus, Ruhe. Das Boot ist gerade groß genug, dass wir uns beide ein wenig ausstrecken können. Mit der warmen Sonne im Gesicht lassen wir die Seele baumeln.
Beim Felsen von Salholmen erreicht die Grenze den See, die großen steinernen Marker, röset genannt, zeigen ihren Verlauf. Längst sind wir auf der Suche nach einem guten Platz für die Nacht, bislang jedoch ohne Erfolg.

An der Stelle, wo sich der Stora Le teilt, treffen wir dann aber auf die Insel Trollön, die gerade einmal 600 Meter lang und kaum 300 Meter breit ist. Die Grenzschneise geht mitten hindurch. Beim langsamen Motoren entlang der Westseite entdecken wir einen flach auslaufenden Strand, eher eine Seltenheit in diesem Revier der Felsen. Mit hochgeklapptem Motor paddeln wir vorsichtig in die geschützte Bucht; das Wasser ist klar genug, um den Steinen auszuweichen, und schon schabt unser Bug sanft auf den feinen Kies. Eine perfekte Landung.

Nachdem wir unser kleines Reich erkundet haben und von dem Aufstieg zur Grenzbake wieder zurück sind, schlagen wir das Lager auf und suchen Fall- und Treibholz für das Feuer. Eine Stelle, die bereits mehrfach genutzt wurde, liegt nur ein paar Meter entfernt mit prächtigem Blick über den See und einer Felskante, die eine komfortable Sitzbank abgibt. Bevor wir Reisig und Scheite aufstapeln, prüfen wir aber, ob die Erdschicht darunter tief genug ist, denn blanker Fels kann durch die Hitze platzen. Außerdem erhöhen wir den Funkenfang. Das Jedermannsrecht in den skandinavischen Ländern ist ein großes Geschenk, umso wichtiger ist es, entsprechend verantwortungsvoll mit den gewährten Freiheiten umzugehen.

Das Knallen und Knistern des trockenen Holzes hallt lange über den See, doch schließlich erlischt die Glut, und es wird Zeit, in die Schlafsäcke zu kriechen. Mittsommer ist keine zwei Wochen entfernt, und um uns herum liegt die stille Landschaft im Licht der Weißen Nacht.

Der nächste Tag begrüßt uns jedoch grau und windig. Immer, wenn die Sonne hinter einer Wolke verschwindet, wird es schneidend kalt. Durch die kurze Welle wird die Fahrt über den Foxen nach Norden zum ungemütlichen Ritt übers Waschbrett. Erst hinter der Brücke bei Fågelvik wird es wieder ruhiger.

In Töcksfors kommen wir an die erste Schleuse, insgesamt überwinden hier zwei Staustufen rund zehn Meter hinauf zum Niveau des Östen, dem nördlichsten See des Reviers. Dorthin führt der Töcksforskanal, ein kleines Naturwunder an sich, wenn man unserer Kanalbroschüre glauben darf. Diesen Abstecher wollen wir auf jeden Fall mitnehmen, bevor wir den Bug wieder nach Süden wenden und den Weg Richtung Vänern einschlagen.

Wir binden das Boot am Wartesteg an und steigen eine steile Holztreppe zur Hütte des Schleusenpersonals hinauf. Geschlossen. Kein Wunder, schließlich startet der Saisonbetrieb erst morgen, am 10. Juni. Also machen wir stattdessen im Sportboothafen fest, der in einer hübschen  Bucht im Osten von Töcksfors liegt.

Der Sandviken-Campingplatz befindet sich gleich daneben. Beim Spaziergang in den netten Ort kommt die Sonne wieder heraus und spiegelt sich im Chrom eines blutroten Cadillac Eldorado aus den späten Fünfzigern, an dem ein glatzköpfiger Hüne schraubt. Eine schwedische Leidenschaft, amerikanische Straßenkreuzer – und je weiter man in die Provinz kommt, desto spektakulärer werden die Veteranen.

Erwartungsgemäß sind wir am nächsten Vormittag das erste Boot der Saison. Der blonde Schleusenwärter, der den Job hier in diesem Sommer macht, freut sich über seine Gäste. Wir kaufen unsere Karte, die dann an jeder Schleuse gelocht wird, und fräsen uns einen Weg durch die Teichrosen vor dem Tor, das sich nun langsam öffnet. Drinnen wartet schon sein Kollege und wirft die vorbereiteten Leinen zu uns hinunter: "Herzlich Willkommen auf dem Dalslandkanal!"

DER ZWEITE TEIL DER REPORTAGE ERSCHEINT IN EINER DER NÄCHSTEN AUSGABEN VON BOOTE.

Christian Tiedt am 04.10.2014