Götakanal Götakanal
Skandinavien

Schweden: Götakanal (Ostteil)

Christian Tiedt am 29.02.2012

Im Jahr 2008 durchquerten wir Schweden mit dem Schlauchboot. Auf Leserwunsch hier noch einmal die Reportage. Teil 4: der Ostabschnitt des Götakanals

Götakanal

Unterwegs auf dem Ostteil des Götakanals.

Fotostrecke: Schweden: Götakanal (Ostteil)

Die Schöpfungsgeschichte der Germanen berichtet: Am Anfang der Welt erschlug Odin den Riesen Ymir, und aus seinem Leib entstand die Erde. Im Götland heißt es, man könne eine der Wunden, die den Riesen töteten, noch immer sehen. Zu lang und tief sei sie gewesen, um zu verschwinden: Diese Wunde ist der Vättern.

In Karlsborg, das an seinem Ufer liegt, machen wir unser Schlauchboot bei der Bake am Ende des Gaststegs am Rödesund fest, der auf den großen See hinausführt. Mit dem Vätternsee liegt jetzt die letzte große Herausforderung unseres Törns quer durch den Süden Schwedens vor uns. In Göteborg waren wir gestartet, hatten über den Trollhättekanal schließlich den großen Vänersee erreicht, bevor es auf dem Götakanal weiter nach Osten ging.

Kriegsrat in Karlsborg

Mit der Karte unterm Arm geht’s über die Brücke in das Hafencafé. Wir setzen uns zwischen Soldaten in laubgrünen Tarnuniformen, müde Trucker und Kinder vom Campingplatz und bestellen Köttbullar mit Preiselbeeren und Starkbier dazu. Anschließend wird die Doppelseite mit dem Vättern aufgeschlagen: Gute 13 sm sind es zum Ostufer nach Motala,wo der Götakanal seine Fortsetzung findet. Und 73 sm von Nord nach Süd – eine verdammt große Wunde. Und das Barometer fällt weiter.

Am nächsten Morgen peitscht der Wind die Gischt vom Bottensjön über den Strand bis zu unserem Zelt unter
den Bäumen. Fünf, vielleicht auch sechs Beaufort. Wir stapfen bis zum Ende des Rödesunds und blicken zwischen kleinen Inseln auf den Vättern hinaus: Schaumkronen. An der Tankstelle erkundigen wir uns nach dem Wetterbericht, hören, dass es weiter blasen soll, und fragen uns schon, ob die Reise hier zu Ende ist. Denn wir haben nicht mehr viel Zeit: In einer Woche müssen wir zurück nach Hamburg.

Das Ende der Welt

Die breite, dunkle Front am Horizont im Westen gefällt uns gar nicht, und im schwindenden Zwielicht ist die Küste hinter uns fast nicht mehr auszumachen. Unser Boot fliegt übers ölige Wasser. Ein Blick auf die Uhr: Es ist 21 Uhr. Wir haben es gewagt. Vor einer halben Stunde sind wir aufgebrochen, als der Wind plötzlich einschlief. Jetzt erreichen wir die Jungfrun-Insel. Aber ihr lockender Name täuscht: Felsig und kahl bis auf einen kleinen Leuchtturm, ragt sie aus dem See empor, Scharen von Seevögeln schreien heiser zu uns herüber. So stellen wir uns Patagonien vor oder Feuerland – oder irgendeinen anderen Ort, an dem die Einsamkeit einen Namen
hat. Wir fühlen uns wie am Ende der Welt – und der Wind nimmt wieder zu.

Als wir unser Boot eine Stunde später sicher im Burggraben von Vadstena vertäut haben, machen wir drei dicke Kreuze ins Logbuch.Unter den wuchtigen Mauern des Schlosses von Vadstena sind wir sicher. Bleibt nur noch,
einen Platz für die Nacht zu finden – auf der Karte scheint der Campingplatz gleich um die Ecke zu liegen. Wir fragen einige Jugendliche, die den letzten Schultag begießen. Sie schauen uns an, als ob wir vom Mond kämen, und weisen dann in eine Richtung: „vier Kilometer.“

Kanalkampf im Kino

Die Augen des Skippers mit dem Oberlippenbärtchen verengen sich zu Schlitzen.Er setzt einen Sturzhelm auf und legt den Hebel mit einem kühnen Ruck auf den Tisch. Der schnittige Sportcruiser macht einen Satz nach vorn und rast schnurgerade auf das geschlossene Schleusentor zu, kommt immer näher und hebt im letzten Augenblick ab: Vor der Schleuse schwimmt eine Rampe! In hohem Bogen fliegt das Boot über die Kammer – und
klatscht in den Schlamm dahinter. Jemand hat den Kanal trockengelegt ...

Lachen im Publikum. Popcorn fliegt Richtung Leinwand. Wir sitzen in gemütlichen, abgewetzten Sesseln in einem kleinen Kino in Motala, und der Film heißt „Kanalkampen“, Kanalkampf – auf dem Götakanal. Die Komödie um ein irres Rennen von Göteborg nach Stockholm ist die Neuauflage eines Streifens aus den Siebzigern, der in Schweden noch immer zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten gehört. Zwar verstehen wir fast nichts, aber die
Handlung ist so eindeutig,dass wir auch so unseren Spaß haben. Und ein bisschen Ablenkung schadet nie!

Erst vor wenigen Stunden konnten wir die Überfahrt von Vadstena zum 10 km nördlich gelegenen Motala wagen: Die ganze Nacht und den heutigen Vormittag hindurch hatte der Weststurm den See im Griff, ein schwarz-weißes Chaos aus Wellen, Schaum und Gischt. Zeit, die wir für einen Rundgang durch die Vergangenheit Vadstenas
nutzten, vom Kloster der Heiligen Birgitta bis zum Schloss. Inzwischen zeigte sich die Sonne wieder, und auch der Wind ließ endlich nach.

Nachdem wir mit dem Vättern nun auch das zweite große Hindernis unserer Reise glücklich überwunden haben, liegt das letzte Teilstück vor uns: die Osthälfte des Götakanals bis nach Mem an der Ostsee. Wir verbringen noch einige Stunden in Motala und feiern mit den Abiturienten, die sich von ihrer Schulzeit verabschieden und sich den ganzen Tag tanzend auf dekorierten Heuwagen mit dröhnenden Lautsprechern und klirrenden Bierkästen als Trecker-Korso durch die Stadt ziehen lassen.

Achtundfünfzig Kerben

Sie ist das berühmteste Motiv des ganzen „Blauen Bandes“: Kein Reiseführer,kein Urlaubsalbum wäre komplett ohne ein Bild der Schleusentreppe von Berg, wo die sieben Stufen der „Carl Johans Slussar“ hinab führen zum See Roxen. Zusammen mit den vier Doppelschleusen oberhalb überwindet der Götakanal so innerhalb von 3 km einen Höhenunterschied von knapp 41 m. Es ist nicht unsere erste Treppe. Schon gestern konnten wir uns aufwärmen, als es in Borenshult über fünf Schleusen Stufe für Stufe hinab zum See Boren ging. Danach folgte auf
dem Längskanalen, der hoch über dem Tal des Motala ström entlangführt, einer der schönsten Reiseabschnitte mit spektakulären Ausblicken auf die Landschaft Östergötlands.

Im Hafen von Berg treffen wir die netten Amerikaner und die Schweden wieder, die uns in Sjötorp „getauft“ hatten, und werden herzlich begrüßt: „Und wir dachten schon, euch wäre auf dem Vättern die Luft ausgegangen“, unkt der Schwede lachend.

In der Schleuse von Mem schnitzt Morten die letzte Kerbe in die Tonne: 58. Während wir langsam zum Meeresspiegel hinabsinken, erinnern wir uns noch einmal an die Überquerung des Roxen: Nach einer durchregneten Nacht wirkte der See am Morgen wie verwunschen, windstill und von nassem Nebel bedeckt. Völlig durchfroren, mussten wir in Norsholm dann beinahe zwei Stunden vor der geschlossenen Eisenbahnbrücke warten. Der Zug des Königs sei angemeldet, verriet uns ein Gleisarbeiter, und da könne man nie wissen, wie lange es dauere ...

Doch als sich nun vor uns das letzte Schleusentor öffnet, wird klar, dass unser schwedisches Abenteuer seinen Abschluss findet:Vor uns beginnt der Slätbaken, ein schmaler Meeresarm. Und an seinem Ende liegt die offene Ostsee ... Als wir auslaufen, um noch eine letzte, kleine Runde zu drehen, bemerkt der blonde Schleusenwärter das Kanalticket, das wir mangels Bordwand auf die Sitzbank kleben mussten. „Hej!“, ruft er herunter,„Seid ihr wirklich mit diesem Ding von Sjötorp bis hierher gefahren?“ „Nein“, antworten wir, „wir kommen von von Göteborg!“

Christian Tiedt am 29.02.2012