Götakanal Götakanal
Skandinavien

Schweden: Götakanal (Westteil)

Christian Tiedt am 25.02.2012

Im Jahr 2008 durchquerten wir Schweden mit dem Schlauchboot. Auf Leserwunsch hier noch einmal die Reportage. Teil 3: der Westabschnitt des Götakanals.

Götakanal

Unterwegs auf dem Westteil des Götakanals

Fotostrecke: Schweden: Götakanal (Westteil)

Wie ein blauer Dom wölbt sich der Sommerhimmel über der weiten Wasserfläche des Vänern. Im kleinen Hafen von Sjötorp herrscht Aufbruchstimmung: Obwohl es noch früh ist an diesem Junimorgen, wird überall an Bord geschäftig gelärmt. Leinen werden eingeschoren, Fender festgezurrt. Aus den offenen Niedergängen dringen Kaffeeduft, Geschirrklappern und der gut gelaunte, helle Singsang der Frühstücksshow von Sveriges Radio. 

Zu zweit und zu dritt liegen Segelyachten und Motorboote päckchenweise an der langen Wartemauer und lauern auf das Startsignal. Andere drehen ungeduldige Kreise im Hafen, weil an der Mauer längst kein Platz mehr frei ist. Alles in sauberer Ordnung, versteht sich. Aber die Freizeit-Armada will nicht auf den See hinaus, sie will nach Osten, ins Landesinnere.

Alle Blicke sind auf das alte Schleusentor mit dem weißen, hölzernen Leuchtturm daneben gerichtet. Denn dahinter beginnt der Götakanal – und heute ist Saisonstart! Für uns markiert die Schleuse den Auftakt zur zweiten Hälfte unseres Schlauchboottörns quer durch den Süden Schwedens. Schon in der ersten Woche auf dem Trollhättekanal und in den Schären des großen Vänern ging es abenteuerlich zu.

Aber auch die nun noch vor uns liegenden 190 km haben es trotz Kanalfahrt in sich: Während wir im Büro der „Göta kanalbolag“ für das Ticket in der Schlange stehen, tippt Morten mit dem Zeigefinger auf der Übersichtskarte an der Wand auf den Vättern, Schwedens zweitgrößten See. Auch den müssen wir noch überqueren: „Ist nach dem wechselhaften Wetter hier benannt“, sagt er vieldeutig.

Ein Fender mit Crew

„Seid ihr die zwei Jungs mit dem Schlauchboot?“, fragt Jennifer. Sie trägt das blassgelbe T-Shirt der Kanalgesellschaft mit einer blauen Automatikschwimmweste darüber und jobbt in den Semesterferien als Schleusenwärterin – festes Personal lohnt sich nicht für die kurze Saisondauer von Anfang Juni bis Mitte August. „Wie weit wollt ihr auf dem Kanal fahren? Danach richtet sich der Preis“, erklärt sie. „Bis ans Ende, bis nach Mem an der Ostsee“, antworten wir. Sie lächelt schief: „Wird ja bestimmt gemütlich, mit dem winzigen Boot!“ „Aber wenigstens braucht ihr nicht zu warten“,fügt ihr Kollege hinzu. „Ihr passt auch in eine volle Schleuse noch hinein.“

Na wenigstens etwas, der Preis ist nämlich saftig: Für das einfache Ticket Sjötorp-Mem bezahlen wir 3800 Kronen, also 400 Euro. Denn obwohl unser YAM 380 nur ebenso viele Zentimeter misst, fallen wir in die
Preiskategorie bis 8,99 m.

Als wir zurück am Boot sind, öffnen sich die Schleusentore von „Sjötorp 1“ gerade wieder. Geschleust und gefahren wird in Vierergruppen; eine Targa aus Norwegen macht den Anfang, drei Segelyachten folgen – darunter die „Aphrodite“ aus Boston, der wir schon an unserem ersten Tag auf dem Trollhättekanal
begegnet sind.

Jennifer winkt uns heran: „Jetzt ihr!“ Also los! Langsam tuckern wir an den überraschten Bootsleuten an der Wartemauer vorbei in die Schleuse und quetschen unseren Gummibug zwischen die Hecks der vor uns liegenden Yachten. „Schaut mal, ein Fender mit Crew!“, ruft ein schwedischer Skipper den versammelten
Schaulustigen am Ufer zu und zeigt lachend auf uns. „Ach was, ich hab nur Spaß gemacht“, beruhigt er,und zum
Beweis seiner guten Absichten dürfen wir unsere Leine über eine seiner blankgewienerten Klampen legen.

Dann die prüfenden Blicke des Schleusenpersonals: Auch unsere amerikanischen Freunde auf der Position rechts vorn haben inzwischen ihren Leinensalat an Bord nach reichlichem Hin und Her in Ordnung gebracht. Daumen hoch! 

Wir werden getauft

Vorn beginnt es dumpf zu rauschen. Schäumend kommt das dunkle Wasser in Bewegung, und es geht aufwärts. Wir werden ganz schön in die Mangel genommen, doch das Beste kommt noch: Als wir oben sind, schmeißt der Schwede links den Diesel an – und überschüttet uns mit einem Schwall von lauwarmem Kühlwasser aus dem Auspuff…

Als Entschuldigung für die „Kanaltaufe“ gibt’s zwei Dosen Starkbier aus Mariestad: „Välkommen till Göta kanal!“
„Eine Schleuse geschafft, nur noch 57 bis zur Ostsee“, sagt Morten und schnitzt mit dem Taschenmesser eine Kerbe in den Kunststoffdeckel einer unserer Vorratstonnen. Beim Auslaufen bedanken wir uns beim Schleusenwärter, doch der winkt grinsend ab: „Wir sehen uns gleich wieder“, ruft er, setzt sich eine verspiegelte Sonnenbrille auf und schwingt sich noch in Rettungsweste in den Sattel einer Harley-Davidson, die im Schatten
des gelben Schleusenwärterhauses geparkt ist. Kurz darauf überholt er uns knatternd und mit langer Staubfahne auf dem Treidelpfad, um uns pünktlich am Tor der nächsten Schleuse wieder in Empfang zu nehmen.

Knapp zwei Stunden später zieren schon acht Kerben unsere Tonne. Gerade mal 3 km haben wir geschafft, als wir aus der oberen Kammer der Doppelschleuse „Sjötorp 7-8“ auslaufen und endlich ein längeres Kanalstück vor uns wissen. Ein Gutes hat die Schleuserei jedoch: Es bleibt Zeit für einen Plausch, und man lernt die anderen Crews kennen – schließlich macht uns das Konvoisystem auf dem Kanal für mindestens einen Tag zu
Reisegefährten.

So erfahren wir, dass die 10-m-Segelyacht mit dem Heimathafen Boston seit zehn Jahren in Göteborg liegt, während ihre amerikanischen Eigner jeden Sommer aus der Wüste Arizonas nach Nordeuropa kommen,
um sich abzukühlen. Oder dass das junge norwegische Pärchen auf der nagelneuen Targa 31 mit dem fetten
„Just married!“ am Heck in den Flitterwochen ist, bevor es gemeinsam zurück an die Arbeit auf der Bohrinsel geht.

Blieben noch der Holländer links und die Schweden rechts von uns, die sich aber nach einem Gerangel vor „Sjötorp 6“, das nicht ohne Kratzer im Lack geendet hatte, frostig anschweigen. Zum Glück stecken wir als Puffer dazwischen ...

Wälder, Wiesen und Kornfelder

Gemächlich geht es im Konvoi durch Wälder und sanft gewellte Wiesen und Kornfelder. Wir lassen uns etwas zurückfallen, um die anderen auf unserem Weg nach Südosten nicht mit dem sägenden Zweitaktgeklapper
unseres 15-PS-Außenborders zu stören, freuen uns über den guten Start und genießen die sommerliche Idylle
Västergötlands.

Wie von Geisterhand öffnen sich immer wieder die eisernen, flachen Rollbrücken vor uns und geben den Weg frei, ohne dass unsere Kolonne aufstoppen müsste. Längst werden sie per Kamera überwacht und ferngesteuert. Erst in Lyrestad müssen wir vor dem rot gestrichenen Kanalmagazin eine Pause einlegen. Uns kommt die „Juno“ entgegen, der älteste der berühmten Passagierdampfer auf dem Kanal. Schon seit 1874 ist die in Motala am Vättern gebaute weiße Veteranin im Liniendienst zwischen Stockholm und Göteborg unterwegs. Mit dem Schiff ist ein Schimmer vom Glanz vergangener Tage erhalten geblieben.

Als wir am Abend Töreboda erreichen, haben wir zwar gerade 20 km geschafft, aber immerhin schon 19 Kerben in der Tonne. Die weite Rasenfläche des Campingplatzes gehört uns ganz allein – nur hin und wieder schaukelt ein chromblitzender Cadillac auf der nahen Landstraße vorbei, immer aus der gleichen Richtung kommend. Still liegt der Kanal im blassen Abendlicht, während die Scheinwerfer des Straßenkreuzers über die schwedische
Provinz wandern. „Die haben Langeweile“, spekuliert Morten. Das Barometer fällt.

Auf dem Dach der Tour

Stumm ragt der Obelisk zwischen den Bäumen auf, fleckig von Flechten und Moos. Das wie vergessen wirkende Monument steht an der höchsten Stelle des Götakanals, etwa 10 km südlich von Töreboda. Wir sind auf dem Bergkanal; so heißt dieser Abschnitt, der vor 70 Jahren in den Fels gesprengt wurde, um eine enge Schleife zu
umgehen, die heute nicht mehr schiffbar ist. Hier steht auch der Obelisk – 91,80 m über dem Meeresspiegel.

Wild wirkt dieser Abschnitt: Farne breiten ihre Fächer über das feuchte Unterholz, und die borkigen Stämme der Bäume teilen den Waldboden in Licht und Schatten. Wir gehen den Pfad zurück zum kleinen Rastplatz mit der Saunahütte und dem morschen Steg, klettern ins Schlauchboot und fahren weiter – endlich einmal allein. Bald erreichen wir die Schleuse Tåtorp am See Viken, eine von zweien am Kanal, bei der noch Muskelkraft gefragt ist: Mit langen Eichenspaken müssen die schweren Tore bewegt werden.Wie am Gangspill auf einem Windjammer, geht es immer rundherum.

Für die Touristen des Dampfers, der kurz nach uns eintrifft, ist die Niveauschleuse damit die Attraktion – trotz ihrer geringen Fallhöhe von etwa 20 cm. Ein drahtiger Rentner aus Deutschland tritt vor, kommt aber schneller als erwartet ins Schwitzen. Erheiterung bei den rüstigen Mitreisenden.

In Gleitfahrt geht es über den wunderschönen Viken. Weit weichen die bewaldeten Ufer zurück. Der sichelförmige See ist das „Dach der Tour“, die Bergetappe des Götakanals. Unser Außenborder ist gut in Form: Schnell werden unsere vier Gefährten wieder eingefangen und übersprintet. Doch dann schlägt das Wetter um: Kalter Wind kommt aus Westen auf und bringt Wolken, als wir die Brücke von Brosundet am südöstlichen Ende des
Sees passieren. Wieder allein, tasten wir uns an der betagten, halb versunkenen und überwucherten
Treidelmauer entlang, die hier das Fahrwasser begleitet. Von ihren schiefen,verfallenen Steinpollern beobachten
uns argwöhnische Möwen, während die Bäume am Ufer versuchen, den tief hängenden, grauen Himmel zu stützen.

Durch dunkle, schmale Kanalverbindungen erreichen wir Forsvik, wo 1813 die erste Schleuse des Götakanals gegraben wurde. Es geht wieder abwärts, und anschließend bleibt nur noch der kurze Sprung über den Bottensjön zur Festungsstadt Karlsborg am Westufer des Vätternsees.

Hier geht es zu Teil 4: Götakanal (Ostteil)

Christian Tiedt am 25.02.2012