Vänersee, Vänern Vänersee, Vänern
Skandinavien

Schweden: Vänern

Christian Tiedt am 22.02.2012

Im Jahr 2008 durchquerten wir Schweden mit dem Schlauchboot. Auf vielfachen Leserwunsch hier noch einmal die Reportage. Teil 2: der Vänersee.

Vänersee, Vänern

Mit dem Schlauchboot über den großen Vänern.

Vorbei an der langen Mole mit ihrer weiß getünchten Steinbake am Ende, wagen wir uns auf den Vänern. Aber der See hat andere Pläne mit uns, das wird schnell klar. Bei drei Windstärken direkt von vorn wird die Welle schon zu viel für uns. Selbst im Kielwasser eines Frachters haben wir keine Chance. Die Seeleute, die, am Heck an der Reling stehend, rauchen, müssen uns für verrückt halten. Schon nach fünf Kilometern (die uns im Schritttempo wie zwanzig vorkommen) flüchten wir uns in den kleinen Hafen von Grönvik am Westufer. Auf dem nahen Campingplatz verbringen wir die Nacht und hoffen.

Doch auch der Morgen weckt uns mit viel zu viel Wind aus Nordost. Wir versuchen es, nehmen bei der kurzen, steilen See aber so viel Wasser über, dass es bald schon über die hölzernen Bodenplatten schwappt und wir trotz Ponchos klitschnass sind. Morten kommt mit dem Schöpfen kaum noch nach, und zu allem Überfluss verhöhnt uns die Sonne auch noch am unschuldig blauen Himmel. Umdrehen!

Der See macht, was er will – aber wir haben Glück

Zurück in Vänersborg holen wir mit tropfenden Klamotten erstmal zwei Kanister Benzin an der Bootstankstelle. Als uns das blondbezopfte Mädchen an der Kasse sieht, und von unserem Plan hört, Schweden mit dem Schlauchboot zu durchqueren, lacht sie: „Der See macht, was er will!“ Wir nicken nur und tropfen noch ein bisschen weiter.

In der Stadt herrscht Urlaubsstimmung. Viel zu bieten hat Vänersborg zwar nicht (von ein paar hübschen Holzhäusern am Marktplatz einmal abgesehen), dafür aber zaubert der Sommer ein Lächeln auf die Gesichter. Wir gönnen uns einen echten Kaffee in einem netten Straßenkaffee und strecken die Beine unter den Tisch.

Mit vier Sixpacks Mineralwasser und einer Dose Insektenspray (das man hier nur im Gartenhandel bekommt)
schlendern wir zurück zum Boot, um zu warten. Vielleicht schläft der Wind am Abend ein? Und tatsächlich: Immer lustloser flattern die Flaggen, bis sie nur noch faul herabhängen.

Es ist 19 Uhr – jetzt oder nie! Gleitfahrt nach Norden, an der Westküste entlang, um einen guten Ausgangspunkt für die Überquerung des Sees am nächsten Tag zu bekommen. Der Leuchtturm von Gälleudde, am Morgen noch so unerreichbar, wird jetzt nach einer Viertelstunde kassiert.

Der Abend kommt mit weißem Licht, und der See ist ein riesiger Spiegel geworden. Ein weit entfernter Frachter scheint durchs Nichts zu schweben. Die Fahrt durch die Stille um uns herum ist so hypnotisch, dass wir erst bemerken, dass unser Außenborder tot ist, als das Boot langsamer wird. Fieberhafte Fehlersuche. Tank ist voll, Entlüftung auf, Quickstop dran. Der Propeller? Kein Netz, keine Leine drin. Verdammt,dabei lief es doch gerade
wie geschmiert! Was, wenn es Nacht wird und wir hier auf dem See hocken? Plötzlich hält Morten den Benzinschlauch in die Höhe. Er hatte sich gelöst, mehr nicht.

Vor lauter Erleichterung schießen wir glatt übers Ziel hinaus: Wir haben die Flussmündung des Dalbergså verpasst, an dessen Lauf etwas oberhalb unser Platz für die Nacht liegt. Das GPS schickt uns zurück nach Süden, und bald sehen wir die Bake, die die Einfahrt markiert. Zwischen engen Felsen gleiten wir hindurch und finden auch bald den kleinen, versteckten Hafen mit seinem Campingplatz.

Reif für die Insel: eine Schäre nur für uns allein

Zum Glück steht unser Zelt im Schatten hoher Fichten, sonst hätte uns die Morgenstunde im eigenen Saft geschmort. Windstille! Schnell packen wir zusammen – längst ist das lästige Verstauen zur Routine geworden. Dann noch ein kurzes Frühstück mit Blick auf den See und los!

Der Vänern ist kaum bewegt. Bis zum Leuchtturm auf Hjörtens Udde folgen wir der Küste, doch dann biegen wir ab. Mit Kompass und Karte geht es auf Kurs 070° ins Blaue hinein. Schnurgerade läuft das Kielwasser Kilometer um Kilometer, quer über den See. Dann haben wir die Mitte der Überfahrt erreicht, Zeit für eine Besinnungspause. Das Ufer lässt sich nur erahnen. Wir probieren das Wasser – tatsächlich süß und klar! Natürlich bekommt der Vänern dafür auch etwas zurück: Aus dem Flachmann geht ein kostbarer Schluck Whisky über Bord ...

Erste Inseln tauchen auf, oft nicht mehr als Felsen. Beim Leuchtturm von Naven geht es schließlich in das Schärenfahrwasser nördlich der Insel Kållandsö hinein. Angler und Badende beäugen unser kleines, lärmendes Schlauchboot. Wir suchen uns eine Schäre für die Nacht abseits des Trubels: Die erste ist zu klein, die zweite ist schön, stellt sich als Möwenkolonie heraus. Nach deren ersten Scheinangriffen im Sturzflug drehen wir wieder
ab.

Doch aller guten Dinge sind drei! Die nächste Schäre ist perfekt, abgelegen und auch weit genug von den Vögeln auf der „Hitchcock-Insel“ entfernt. Das Boot wird in einer flachen Bucht auf den Fels gezogen und mit dem Anker in einer Spalte gesichert, bevor wir zum „Rundgang durch unser Reich“ aufbrechen.Zwar hat man es in fünf Minuten umrundet, Platz genug für einen kleinen Wald mit knorrigen, bemosten Bäumen ist in einer Senke in der
Mitte aber dennoch. Schmetterlinge spielen mit den Sonnenstrahlen. 

Dicht am Ufer stellen wir das Zelt auf. Statt es mit Heringen zu spannen, kleben wir es mit Gaffertape fest. Das hält zwar keinem Sturm stand, aber der ist auch nicht zu erwarten. Im Netz hängen wir unsere Bierdosen über Bord, schmeißen den Kocher an und lassen uns auf den warmen Felsen nieder. Könige für einen Tag!

Mariestad: Tankstopp für Trinkwasser

Ein leichter Wind bringt Erfrischung am nächsten Morgen. Weiter geht es im Slalom an den roten und grünen Stangen des Schärenfahrwassers entlang nach Osten, bis wir unterhalb des Schlosses von Läckö wieder festmachen. Der strahlendweiß getünchte einstige Bischofssitz mit seinen barocken Turmhelmen ist uns einen Spaziergang wert, obwohl die Sonne unerträglich brennt und die Luft vor dem Torbogen flimmern lässt.

Mit sanftem Schwell im Rücken überqueren wir auch den Südzipfel des Dalbosjön, wie die östliche Hälfte des Sees genannt wird. Es folgt die lange Einfahrt in die von Inseln abgeschirmte Bucht von Mariestad. Was einen Kiel hat, ist auf dem Wasser – weil’s so heiß ist? Entsprechend ausgestorben ist die Stadt, aber einen Tankstopp für Trinkwasser müssen wir trotzdem einlegen.

Auf Nordkurs lassen wir Mariestad wieder hinter uns und durchqueren den Östersundet mit der Hochbrücke zur
Insel Torsö. Schon passieren wir Sjötorp am Ostufer, wo der Götakanal beginnt. Aber noch ist das Abenteuer nicht vorbei: Wir gönnen uns eine weitere Nacht in den Schären. Diesmal jedoch verzichten wir aufs Außenzelt und schlafen unter den Sternen.

Hier geht es weiter zu Teil 3: Götakanal (Westteil)

Christian Tiedt am 22.02.2012