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Törn: Bornholm / Dänemark

Bornholm und die Ertholmene – König auf der Erbse - Seite 3

Christan Tiedt am 25.07.2016

Doch auf die eine Nacht in Rønne folgt eine zweite und sogar eine dritte, bis der Sturm soweit nachgelassen hat, dass wir uns an die Weiterfahrt wagen können.

Dazwischen ist selbst an ein Verlegen nicht zu denken, geschweige denn ans Auslaufen: Der Hafen liegt voll in Legerwall, und vor der Einfahrt branden die anrollenden Brecher so wild durcheinander, dass sich nur noch die großen schwarzen Fähren durch dieses brodelnde Chaos hindurchtrauen. 

Vier Springs haben wir ausgebracht, zwei davon doppelt, und dennoch knallt unsere Trader 42 immer wieder so hart in die Leinen, dass man sie mehr als einmal vor dem inneren Auge bersten sieht. Der Bootsausstatter am Sydhavnen hat Hochkonjunktur. Im strömenden Regen stehen Crews im Ölzeug an, um zusätzliche Festmacher und Fender zu ergattern. Die Konkurrenz ist groß: Die Flotte der ARC-Baltic-Regatta liegt ebenfalls im Hafen und scheuert am Beton der Mauern. 

Der Wind hat abgenommen und begnügt sich mit etwa drei Beaufort, als wir am vierten Tag endlich auf Nordkurs ge- hen können. Unser Ziel ist der kleine Ort Allinge im Norden Bornholms. Dafür folgen wir der Westküste; das spart zwar deutlich Strecke, gleichzeitig sorgt die alte Dünung aus West aber dafür, dass unsere "Rolling" ihrem Namen auf dieser Passage alle Ehre machen darf. 

Was für ein Kontrast deshalb, als wir nach der langen, felsigen Steilküste mit den imposanten Ruinen der Burg Hammershus endlich die Nordwestspitze der Insel mit dem Leuchtturm bei Hammerodde runden können. Sofort fällt das Ufer ab, die weite, strandgesäumte Bucht von Osand öffnet sich vor uns, und das Wasser ist so glatt wie im Inneren einer Lagune. Auch die Sonne ist jetzt wieder spürbar, und bei diesem Wind könnte man hier gut ankern. Doch wir wollen ja noch ein Stück weiter bis nach Allinge – zum Jazzfestival. Also raus aus dem Ölzeug und Klarschiff machen! 

Summertime, and the livin’ is easy – Ella Fitzgerald auf Bornholm, passender geht es nicht! Denn hier ist wirklich Sommer.

Leicht schweben die Töne über den Hafen von Allinge, das mit einem Puzzle aus Motorbooten und Segelyachten passgenau ausgefüllt ist. Auch wir sortieren uns ein. In dritter Reihe gehen wir bei der "Midnatsol" längsseits, einer wunderschönen norwegischen Ketsch, deren Skipper uns aus seinem Mahagonicockpit fröhlich zuprostet, bevor er unsere Leinen annimmt. Die Päckchen liegen so dicht, dass man trockenen Fußes von der einen zur anderen Seite gelangt. Wer innen liegt, kommt zwar nicht weg – aber wer will das schon? 

Blankpolierte Instrumente blitzen, und die Gläser sind kühl beschlagen. Besonders vor der Bühne, gleich an der Pier, ist die Stimmung gut: Oben heizt jetzt "Baltic Love Affair" ein, doch gespielt wird im ganzen Ort, vor dem Supermarkt wie vor der "Schweizer Konditorei", eine ganze Woche lang. New Orleans im Norden. 

Eigentlich wollten wir uns noch mindestens einen weiteren Hafen auf Bornholm anschauen, doch durch unseren unfreiwilligen Langzeitaufenthalt in Rønne müssen wir das Programm jetzt etwas straffen. Also verlassen wir nach dem großen Entwirren im Hafenbecken noch am Vormittag Allinge und nehmen zu langsam verblassenden Swingsynkopen Kurs auf die Erbseninseln. Etwa zwölf Seemeilen beträgt der kurze Schlag hinüber zu Dänemarks äußerstem Außenposten – unserem Sprungbrett nach Südschweden. 

Als sich die nordische Nacht herabsenkt, sitzen wir sehr zufrieden auf dem Achterdeck der "Rolling Swiss 2" bei einer Runde Svaneke, Bornholms eigenem Bier.

Die Tagestouristen sind längst wieder abgedampft, die meisten Segler ebenfalls in den Kojen, kurz: Die Ruhe ist vollkommen – und wir haben alles auf den Erbseninseln gesehen, was es zu sehen gibt. Unser kleines Reich wurde in Stundenfrist umwandert (eine filigrane Fußgängerbrücke verbindet genau für diesen Zweck die bei- den bewohnten Inseln Christiansø und Frederiksø), der Leuchtturm bestiegen, die kleine Garnisonskirche besucht und die bröckelnden, längst nur noch von Möwen bemannten Bastionen inspiziert. 

Danach haben wir uns auf den sonnen- gewärmten, vor sehr langer Zeit von Gletschern glatt geschliffenen Felsen ausgestreckt und die Seele baumeln lassen.

Man braucht kein großes Land, um sich einmal wie ein echter König zu fühlen...

 

 

Der zweite Teil der Reportage mit dem Törnabschnitt der schwedischen Südküste von Karlskrona bis Simrishamn erscheint in BOOTE-Ausgabe 3/2016. 

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Christan Tiedt am 25.07.2016