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Törn: Finnische Südküste (Teil 1)

Reif für die Inseln - Teil 4

Christian Tiedt am 06.12.2017

Das Hafenbüro befindet sich etwas oberhalb auf den Felsen, die ringsumher zugleich vom kleinen Inselcafé als Terrasse genutzt werden. Ferienstimmung liegt in der Luft: Verlockender Grillgeruch steigt von der Open-Air-Steakbar auf, Gläser klirren, und auf so manchem Vorschiff wird im Bikini die Sonne angebetet.

Ganz so entspannt wird es bei den Soldaten hier zwar nicht zugegangen sein, aber zwischen Stiefelpolieren und Waffen­exerzieren lag mit Sicherheit auch immer wieder Leerlauf.

Zuerst bei den russischen Artilleristen, die Nikolaus II. im Kriegsjahr 1915 nach Örö schickte (damals gehörte Finnland als Großfürstentum noch zum Zarenreich), um St. Petersburg vor der Flotte seines kaiserlichen Cousins Wilhelm zu schützen. Dafür ließ er Kasernen und Kasematten errichten und Obuchow-Kanonen mit überschwerem Kaliber von 305 Millimetern aufstellen, die ihre Granaten 30 Kilometer weit feuern konnten. Örö war zur Festung geworden.

Auch heute noch strecken die Geschütze ihre langen stählernen Schnauzen nach seewärts, scheinbar gefechtsbereit, tatsächlich aber nur noch als tarnfarbene Museumsstücke: Denn auch die finnische Armee, die die Batterien als Teil der Küstenverteidigung noch bis 2014 weiterbetrieb, ist abgezogen. Die Natur hat wieder übernommen, so als wäre das Militär ohnehin immer nur geduldet gewesen.

Noch eine Nebelüberraschung wird es nicht geben – zumindest nicht am nächsten Tag: Fünf Windstärken aus West treiben weiße Schaumkronen auf dem jetzt tiefblauen Meer vor sich her, und der Horizont ist frei.

Auf dem offenen Bolaxfjärden wird es deutlich ruppiger als im Schutz des Schärenfahrwassers vor der Küste von Rosalalandet. Zum Glück müssen wir nicht gegenan! Während Boote auf Gegenkurs von einem Wellenkamm zum nächsten taumeln und immer wieder in Gischtglocken verschwinden, rollen wir trocken nach Südosten, in Richtung Hanko. 

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Christian Tiedt am 06.12.2017