Jussarö Jussarö

Törn: Finnische Südküste (Teil 1)

Reif für die Inseln - Teil 5

Christian Tiedt am 06.12.2017

Unseren Liegeplatz finden wir an den Schwimmstegen der komfortablen Marina von Itämeren Portti. Mit der Fähre geht es zum Hafen hinüber, um den sich das funktionale Zentrum des ebenfalls zweisprachigen 8000-Einwohner-Städtchens ausbreitet. Landmarke und Wahrzeichen der Stadt ist der rote, dreibeinige Wasserturm gleich hinter der Kirche, der auch bestiegen werden kann.

Am Abend setzen wir uns an Bord für die weitere Törnplanung zusammen. Bevor wir für unseren Abstecher nach Tallinn den Finnischen Meerbusen überqueren, suchen wir uns einen Startpunkt weiter östlich. Unsere Wahl fällt auf die kleine Insel Jussarö am äußeren Rand des Schärengartens von Ekenäs, die wir am nächsten Tag bei sehr viel ruhigerem Wetter nach zweistündiger Fahrt erreichen.

Hier sind wir zwar noch tiefer in der Natur als auf Örö, dennoch gibt es zivilisatorische Hinterlassenschaften zu entdecken: Mitten im dichten Laubwald, der das nur anderthalb Quadratkilometer große Eiland weitgehend bedeckt, fristet Finnlands einzige "Geisterstadt" ihr Dasein – bröckelnde Wohnblocks mit leeren Fensterhöhlen, Lagerschuppen voller Farn und Bungalows, in denen junge Birken wachsen.

Im kleinen Café Ön gleich am Hafen, das nur in der Saison betrieben wird, erfahren wir die Geschichte der verlassenen Gebäude: Sie gehören zu einer Eisenerzgrube aus den Sechzigerjahren.

Auch die Schachtanlage steht noch, nahe dem einsamen, grauen Sandstrand am Süd­ufer. Denn die Erzvorräte lagerten gar nicht unter der Insel: Zwar bohrte man 250 Meter in die Tiefe, aber die Sohlen trieb man unter das Meer. 3,5 Kilometer maß die Schienenlänge der Grubenbahn unter Tage zuletzt. Doch nach sechs Jahren wurde der Betrieb schon 1967 wie­der eingestellt – wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit.

Langsam folgen wir dem halb überwucherten Holzgerippe des Förderbands zurück zum Hafen im Norden. Kinder spielen auf den noch warmen Felsen, Finnen auf einem Traditionssegler schmettern Volkslieder, und eine ältere Frau verewigt die Stimmung dieses hellen Sommerabends an der Staffelei in Aquarell. Wie lebendig selbst eine unbewohnte Insel sein kann!

Die Fortsetzung mit dem zweiten Teil der Reportage finden Sie hier.

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Christian Tiedt am 06.12.2017