Helsinki Helsinki

Törn: Finnische Südküste (Teil 2)

Suomen Lahti - Teil 2

Christian Tiedt am 05.03.2018

Dafür breiten sich nun die offene Wasserfläche des Finnischen Meerbusens und ein leerer Horizont vor dem Bug unserer Trader 42 aus. Die Yacht gehört dem Cruising Club der Schweiz und verbringt den größten Teil dieser Saison mit wechselnden Crews in der Ostsee. Deren östlichsten Ausläufer, den wir mit schäumender Bugwelle überqueren, nennen die Finnen an seinem nördlichen Ufer Suomenlahti – Bucht (oder Golf) von Finnland, eine Bezeichnung, die auch die übrigen Anrainer in ihren Sprachen übernommen haben. Im Süden liegt die kleine Republik Estland, im Osten Russland mit der Millionenstadt Sankt Petersburg.

Nach rund drei Stunden schnurgerader Fahrt, auf der wir nur einem einzigen Schiff begegnet sind, einem schwer vom Rost gezeichneten Frachter unter russischer Flagge und öliger Rauchfahne, kommt Steuerbord voraus die niedrige, sandgesäumte Linie der Insel Naissaar in Sicht. Wir runden ihre Nordspitze mit dem markanten Leuchtturm und laufen hinter einer großen, hellgrün gestrichenen Autofähre in die weite Bucht von Tallinn ein. Nun können wir wieder auf Sicht steuern, denn die Stadtsilhouette mit ihren nadelspitzen Turmdächern, mittelalterlichen Zinnen (und den beiden ebenso hohen Kreuzfahrtschiffen davor) peilt jetzt recht voraus über den flatternden Club-
Stander am Bug und macht jede weitere Landmarke überflüssig.

Die Schwimmstege der Old City Marina befinden sich im Inneren des Stadthafens. Da der äußere Bereich den Fähren gehört und gleich von mehreren Linien angelaufen wird, dürfen die hohen Köpfe der Betonmole erst passiert werden, wenn man dazu per Funk die Erlaubnis eingeholt hat. Die kommt von "Port Control" über Kanal 14, und bei grüner Ampel geht es zwischen ein- und ausladenden Ro-ro-Schiffen aus Helsinki, Mariehamn und Sankt Peters­burg hindurch, bis sich das rechteckige Becken der Marina vor uns öffnet. Mit dem industriellen Charme des hoch eingezäunten Hafens ist es nicht weit her; dafür liegt man aber in internationaler Gesellschaft (eine große Fairline aus Portsmouth sorgt für gewisse Exotik) – und in unmittelbarer Nähe zur Altstadt Tallinns.

Tallinn ist eine Pracht. Das sehen auch die Scharen der Touristen so, die das historische Stadtzentrum selbst an mäßigen Sommertagen überfluten und die dafür sorgen, dass es an wirklich jeder Ecke etwas zu kaufen gibt, von der unechten Pelzmütze bis zum echten Bersteinklunker – und umgekehrt. Positiv betrachtet führt dieses bunte Durcheinander dazu, dass ein fast mittelalterlicher Eindruck entsteht: Das gilt besonders auf dem Raekoja plats im Schatten des gotischen Rathauses mit seinen wunderlichen Wasserspeiern und der wachsamen Figur des Vana Toomas auf der obersten Turmspitze. Der Kupfersoldat gehört zu den ältesten überlieferten Wetterfahnen Europas und ist eines der Wahrzeichen Tallinns.

Unten, wo es nach Bier und Bratspieß riecht, führen mutige Feuerschlucker und moderne Narren ihre Kunst auf, und das große Stimmengewirr wird nur noch überlagert vom entrückten Singsang gelb gewandeter Hare-Krishna-Anhänger, die mit Paukenschlägen um das geflasterte Karree ziehen wie die Wiedertäufer durch das pestgeplagte Münster des Jahres 1530. Für die einzigen historischen "Misstöne" sorgen dabei die ganz und gar neuzeit­lichen Pfennigabsätze der zahlreichen russischen Besucherinnen.

Seite 2 / 4
Christian Tiedt am 05.03.2018
    Anzeige
  • Branchen News
    Anzeige
  • Das könnte Sie auch interessieren