Helsinki Helsinki

Törn: Finnische Südküste (Teil 2)

Suomen Lahti - Teil 3

Christian Tiedt am 05.03.2018

Doch abseits der touristischen Pilgerpfade wird es schnell ruhig, selbst in den Gassen der insgesamt prachtvoll restau­rierten Vanalinn, wie die Altstadt auf Estnisch heißt, jener Sprache, die der finnischen so ähnlich ist. Entspannte Cafés und kleine, kreative Restaurants findet man hier ebenso wie interessante historische Einblicke. Etwa in die deutschen Kapitel in der Geschichte der Hansestadt: So wurde schon kurz nach ihrer Eroberung durch den dänischen König Waldemar 1219 (Tallinn bedeutet "dänische Burg") das Lübsche Recht eingeführt, das ebenso bis ins neunzehnte Jahrhundert offizielle Geltung hatte wie die deutsche Sprache bei den Kaufleuten und der Oberschicht. Viele Inschriften an Gebäuden und Kunstwerken zeugen heute von diesem Erbe.

Für den Überblick führt der Weg dagegen durch die Stadtmauer hinauf auf den  Toompea, den Domberg: Dort befinden sich nicht nur die Domkirche und die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale, sondern auch der Sitz des estnischen Parlaments. Und von einer unter Bäumen versteckten Terrasse, der Kohtuotsa, hat man freie Sicht auf das rote Dächermeer der Altstadt bis zum Hafen und die dahinter liegende Bucht von Tallinn.

Es gibt so viel zu sehen, dass wir uns einen Hafentag gönnen. Danach hatten wir eigentlich eine weitere Übernachtung auf der Insel Naissaar vorgesehen, die jahrzehntelang militärisches Sperrgebiet war, inzwischen aber zu einer Art Festival-Hotspot der Hauptstadt geworden ist. Doch jetzt macht uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung: Der Wind soll wieder erheblich zunehmen. Da gehen wir lieber kein Risiko ein und nehmen die erneute Überquerung des Finnischen Meerbusens in Angriff, solange es noch halbwegs ruhig ist – also sofort.

Am Nachmittag zeigt sich dann, dass die Entscheidung genau richtig war, denn wir haben gerade die ersten vorgelagerten Schären passiert und die flache finnische Küste dahinter in Sicht, als sich ein erstes übles Unwetter zusammenbraut. Im Angesicht der schwarzen Wand beginnt der Windmesser nervös zu tänzeln. So geht es vor einem Weltuntergangshimmel im Osten erneut an Jussarö vorbei und auf einem Fünf-Meter-Nebenfahrwasser zwischen großen und kleinen Felsen von einem Seezeichen zum nächsten. Zurück auf dem Hauptfahrwasser schwenken wir nach Nordost – doch das Unwetter hat sich entfernt, und wir haben Glück.

Goldenes Sonnenlicht fällt ein, als sich nach der Engstelle bei Odensö eine weite, friedliche Wasserfläche vor uns öffnet. Von dichtem Wald eingerahmt zieht sich die Pojovik hier tief ins Land hinein – ein Meeresarm, der wie ein See wirkt. Eine ganz andere Welt im Vergleich zu der rauhen Schärenküste "draußen". Wir halten auf die "Eichenhalbinsel" zu, das fast vollständig von Wasser umgebene Ekenäs.

Der Ort, der seinerseits zur Stadt Raseborg gehört (finnisch: Raasepori, die große Mehrheit der Einwohner sind jedoch Finnlandschweden), hat seinen Namen von den hier sonst eher seltenen Eichen, die vor dem Meer geschützt ge­deihen können. Ein gemütlicher Ort, der neben der historischen Seebrücke und einem echten Sandstrand auch gute Versorgungsmöglichkeiten bietet. Dazu lässt sich das historische Viertel Barkens udde durchstreifen, das fast nur aus alten Holzhäusern besteht und im (an Holzhäusern nicht armen) Ostseeraum zu den größten erhaltenen seiner Art zählt.

Seite 3 / 4
Christian Tiedt am 05.03.2018