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Törn: Südküste / Norwegen

Spur der Steine

Christian Tiedt am 29.04.2018

Von Kristiansand nach Jomfruland durch die Insel- und Schärenwelt der Südküste Norwegens. Teil 2 unseres Skagerrak-Törntagebuchs

Fotostrecke: Norwegische Südküste

Strömender Regen. Das ist nicht das Bild, das wir von der "Norske Riviera" im Kopf hatten. Dabei muss man aber sagen, dass selbst die abgehärteten Einheimischen ihre Südküste so nur mit einem Augenzwinkern nennen. Andererseits: Wer am Polarkreis wohnt, auf den mögen die milden Gefilde "hier unten" rund um Kristiansand schon durchaus mediterran wirken.

Es nützt nichts: Nachdem wir in der ersten Woche unseres Törns mit der "Rolling Swiss 2" vom Cruising Club der Schweiz auf dem Weg von Aalborg in Dänemark über Læsø nach Skagen zwar schon viel Wind hatten, ist es nun richtig ungemütlich geworden – zum Glück erst nach unserem nächtlichen Sprung über das Skagerrak (siehe BOOTE-Ausgabe 3/2018).

Zum Frühstück gibt’s sechs bis sieben Beaufort aus Osten, das Wasser spritzt über die Stege des Gästehafens von Kristiansand.

Eine wirklich dicke Princess in Luv drückt so auf die Kante, dass sie einen ihrer meterhohen Fender nach dem anderen plattmacht. Obwohl unsere Route nach Arendal schon geplottet ist, entscheiden wir uns nicht auszulaufen. Hafentag! Morgen soll es zumindest ein bisschen besser werden.

Beschließen, nach einem Spaziergang durch Kvadraturen (Kristiansands lebendiges Innenstadtviertel) am Abend ins Kino zu gehen. Doch vorher entern uns die beiden Norweger vom ziemlich gebrechlich wirkenden Kutter gegenüber: Atle und sein wesentlich stillerer Kollege sind mit ihrem 8000-Euro-Neuerwerb auf dem Weg nach Stavanger, um den morschen Kahn zum Hausboot umzubauen (oder so ähnlich).

Haben noch nicht mal Geld für Stühle oder Gläser. Aber für eine Flasche Whiskey am Tag. Bob Marley lächelt den Regen weg: "Don’t worry about a thing!"

Danach ins Nordisk-Film-Kino an der Vestre Strandgate: "Wonder Woman" macht eine fantastische Figur in 3D. Auf dem Rückweg zum Boot läuft uns die halbe Stadt mit rosa Armbändern in die Arme: alle schon in Festivalstimmung. Morgen startet "Palmesus", "Skandinaviens größte Beachparty". Viel Spaß!

30. Juni: nach Arendal

Für Crewmitglied Christoph ist es der letzte Tag an Bord: Sein Schreibtisch ruft. Erstmal müssen wir aber bis nach Arendal, von wo er morgen den Zug nach Oslo nehmen will. Die Hauptstadt ist zwar auch  für den Rest von uns das Ziel – allerdings erst in einer Woche und auf eigenem Kiel.

Weht immer noch ganz gut, aber zumindest zeigt sich der Himmel heller. Rund 40 Seemeilen liegen vor uns, darunter die Blindleia, das Schärenfahrwasser zwischen Kristiansand und Lillesand. Um 0850 Uhr legen wir ab und folgen dem Plotterkurs im Zickzack nach Nordosten.

Immer wieder Wind und Welle von vorne, aber auch windstille Ecken mit spiegelglattem Wasser. Ferienhäuser hinter jeder Felsnase, nur auf dem Wasser zu erreichen.

Betonnung: Fehlanzeige. Dafür Baken mit schwarzen Eisenfahnen, die zum Fahrwasser weisen. Kein Wunder, dass die beiden Jungs vom Steg in Kristiansand hier mit ihrem Kutter aufgebrummt sind. Der Maßstab der Seekarten ist mikroskopisch. In dieser ohnehin schwarzgrauen Landschaft muss man genau aufpassen, wo es lang geht. Selbst nüchtern...

Das ändert nichts an der Schönheit der Strecke: sehr schmale Durchfahrten mit weniger als zwanzig Metern Breite, ein Labyrinth aus Felswänden. Tatsächlich reißt es auf. Um 1130 Uhr deshalb mit dem Dingi an Land, damit Morten von der Brücke zwischen Justøya und dem Festland Fotos machen kann. Ein Seehund interessiert sich für uns. Nachdem das Schlauchboot wieder in den Davits hängt, passieren wir Lillesand (das vom Wasser sehr hübsch aussieht).

Dafür folgt ein offenes Stück mit Sonne! Tiefblaue See, strahlend weiße Schaumkronen, Naturgewalt pur!

Um 1630 Uhr erreichen wir Arendal. Den letzten Platz im Stadthafen mitten im Zentrum schnappt uns eine Scand weg, also bleibt nur der unruhige Außensteg des Gjestehavn westlich. Egal. Immerhin ist es jetzt warm genug für kurze Hosen! Als es dämmert, ist der Sund voller tanzender und wandernder Lichter: Boote statt Autos. Arendal ist eine Stadt der Inseln – aber fast ohne Brücken. Am letzten Abend zu fünft gibt es Pizza auf dem Achterdeck, dazu weht nur noch ein laues Lüftchen. Die Riviera kommt näher.

Die gesamte Törnreportage über die norwegische Südküste lesen Sie in der Mai-Ausgabe von BOOTE, die es seit dem 18. April 2018 im Handel gibt. Abonnenten natürlich schon eher.

Christian Tiedt am 29.04.2018