Rideau Canal Rideau Canal

Reise: Rideau Canal / Kanada

Oh, Rideau!

Christian Tiedt am 17.11.2019

Weltpremiere: Der historische Kanal im Osten Kanadas ist endlich Charterrevier. Hinein ins Herz der Provinz Ontario

Die Verkaufstische auf dem Wochenmarkt von Merrickville biegen sich unter der frischen Last praller Kürbisse. Heugarben schmücken das Schaufenster von Mrs. McGarringles Delikatessenladen. Und in der Tiefkühltruhe der herrschaftlichen "Baldachin Inn" an der Ecke von St. Lawrence und Main Street, gleich gegenüber der Drehbrücke, warten die tiefgefrorenen Truthähne schon schicksalsergeben auf Thanksgiving – das Erntedankfest.

Auch die Natur bereitet sich vor und wechselt in die warmen Farben des Herbstes. Ein einzelner Ahorn am Kanalufer hat bereits Feuer gefangen, Vorbote auf den Indian Summer, jene letzte warme Phase des Jahres, wenn sich die weiten Wälder hier in flammendes Rot hüllen. Nordamerikanischer geht es eigentlich kaum.

Dann treten wir durch die viktorianische Holztür des Pubs, den uns Liam von der Charterbasis empfohlen hatte: "The Goose and Gridiron" – und mit nur einem Schritt sind wir mitten in Old England.

Dunkle Täfelung an den Wänden, dicker Teppich auf den Dielen. Aus dem Zapfhahn fließen Ale und Stout und nebenan hinter der Bleiglastür spielt man Darts. Diesen harmonischen Mix aus alter und neuer Welt findet man so nur in einem Land: Kanada.

Die Geschichte dieses Törns beginnt am Vortag mit unserer Ankunft in Smiths Falls, einer Kleinstadt mit kaum neuntausend Einwohnern im äußersten Südosten der kanadischen Provinz Ontario. Als wir mit unserem am Flughafen von Montreal gemieteten Chevy Impala auf dem Highway 15 in den Ort kommen, wirkt er zunächst wie jeder andere in der Gegend auch: weiße Wohnhäuser, gestutztes Grün, Gemeindezentrum, Walmart.

Früher soll hier eine Schokoladenfabrik im großen Stil Pralinen produziert haben, doch diese süßen Zeiten sind dahingeschmolzen. Stattdessen gibt es jetzt eine bestens gedeihende Cannabis-Plantage und das Eisenbahnmuseum: Star der rollenden Sammlung ist ein mächtiges, rußschwarzes Ungetüm von einer Dampflokomotive, genauer: die "1112" von 1912. Dazu kommen ein Schneepflug auf Schienen und der "einzige erhaltene Zahnarztwaggon Nordamerikas".

Zu den weiteren Sehenswürdigkeiten gehört (vom Ortsnamen angedeutet) auch ein Wasserfall, der schon mehr mit der besonderen Bedeutung von Smiths Falls zu tun hat: Mitten durch die Stadt fließt nämlich der Rideau River – und damit der Rideau Canal.

Rideau Canal

Denn die felsige Kante, über die der Fluss hier schäumt, wird seit beinahe zweihundert Jahren von Schleusen umgangen. Dreiundzwanzig Staustufen sind es insgesamt im Verlauf der Wasserstraße, die aus militärischen Beweggründen angelegt, aber dann auf friedlichem Weg von Freizeitskippern erobert wurde. Ein Weltkulturerbe, seit vergangener Saison zudem jüngstes Charterrevier der Welt.

Schon von der Brücke über den Kanal können wir sie sehen: Die weißen "Horizons" von Le Boat am Steg vor dem Victoria Park und auf der anderen Seite, im alten Lockmaster’s House an der Jasper Avenue, das Büro unserer Charterfirma.

Wir werden sogar mit einem zwar noch nicht ganz runden, aber dafür um so freundlicheren "Herzlich Willkommen" begrüßt. Auf dem Kundenparkplatz sieht man neben kanadischen Wagen auch Nummernschilder aus dem Nachbarland im Süden – und die kommen zum Teil von erstaunlich weit her: Kentucky, Washington State, sogar aus Kalifornien.

Auch auf Europäer scheint die neue Destination im Charterangebot zu wirken; kein Wunder: Kanada "zieht" eben. Deshalb also nicht nur die nette Begrüßung, sondern sogar Reviermaterial auf Deutsch.

Nachdem wir unsere Sachen an Bord gebracht haben, übernimmt Liam die Einweisung und erklärt die Besonderheiten des neuen Bootstyps. Der verfügt neben einem modernen und hellen Salon und einer ausgedehnten Flybridge auch über ein (besonders für Einsteiger) praktisches Steuersystem:

Die Hebel für Bug- und Heckstrahlruder wurden dabei so verbunden, dass man den wuchtigen Kunststoffrumpf auch mit einer Hand beliebig manövrieren kann – sogar seitwärts.

Im Staubecken zwischen den beiden Schleusen von Smiths Falls, im Schatten des hohen Wasserturms, drehen wir eine Einweisungsrunde, dann sind wir unsere eigenen Herren.

Aufbrechen werden wir an diesem Nachmittag aber nicht mehr: Die Betriebszeiten der Schleusen – die wie der Kanal insgesamt unter der Verwaltung der Behörde für Nationalparks und historische Stätten, Parks Canada, stehen – sind personalfreundlich gestaltet: 10 bis 16 Uhr.

Da die historische Technik der meisten Staustufen noch voll auf Muskelkraft setzt, ist das aber auch absolut verständlich. Also fahren wir einkaufen (die strip mall an der Straße Richtung Kingston) bietet in dieser Hinsicht alles Nötige, vom gut sortierten "Independent Grocer"-Supermarkt über diverse Fast-Food-Franchises bis zum "LCBO", der lokalen Filiale des Liqour Control Board of Ontario. Nur dort darf hochoffiziell Hochprozentiges verkauft werden – so will es das Gesetz.

Unter einem spätsommerlich blauen Himmel legen wir am nächsten Morgen ab, nur im Norden sind feine Wolken über den Horizont aufgefächert. Unser heutiges Ziel ist das bereits erwähte Merrickville im Nordosten, Richtung Ottawa.
In den Tagen darauf wird es dann in die andere Richtung gehen, nach Südwesten. Schon wartet die erste Schleuse; die Ranger von Parks Canada haben uns bereits entdeckt und das Obertor geöffnet. Acht Meter geht es nach unten. "Combined No. 29" gehört damit zu den Einzelschleusen mit dem größten Niveauunterschied im Revier – allerdings handelt es sich auch um eines der wenigen moderneren Bauwerke; die historische Treppe aus zwei Kammern ist nebenan noch erhalten.

Dennoch läuft der Schleusenvorgang hier (wie auch an allen anderen Staustufen) absolut entspannt ab, egal ob es zu Tal oder zu Berg geht. Das liegt zum einen daran, dass die Kammerwände in dichten Abständen mit stählernen, Steigseilen ausgestattet sind. Die eigenen Leinen brauchen nur einmal herumgeführt und dann nicht mehr umgelegt werden.

Der andere Grund ist das überall hilfsbereite Schleusenpersonal. Und da immer mindestens zwei Ranger anwesend sind, ist auch mindestens eine helfende Hand immer bereit. Wir queren einen kleinen See zu den "Old Slys Locks", einer Treppe mit Ober- und Unterkammer, und dann entlässt uns die Stadt:

Befreit windet sich der stattliche Rideau nun durch die freundliche Landschaft.

Zuerst säumen noch eindrucksvolle Anwesen das Ufer. Hier und da blitzen moderne Bungalows und erwürdige Giebel durchs Laub, mit akkuraten Rasenflächen, Steinkaminen und kanadischem Ahorn an den Flaggenmasten.

Bald wird es einsamer. Auch deshalb, weil die Auen zu beiden Seiten flach und feucht sind. Der breite Wasserspiegel des Flusses täuscht ebenfalls: Die Fahrrinne ist immer wieder überraschend schmal, aber umso besser markiert. Stromabwärts liegen rote, oben spitze Schwimmstangen an Backbord; steuerbords sind sie grün und stumpf.
Wälder und Wiesen ziehen vorbei und hin und wieder eine Farm mit silbernen Silos. Hinter dem Schilf jagen Trucks mit langen Sattelaufliegern auf dem Highway 15 nach Süden.

Zwei weitere verträumte Schleusen werden passiert, zuerst "Edmunds No. 25", dann "Kilmarnock No. 24". Letztere mit einer hölzernen, von Hand geschwungenen Drehbrücke direkt über der Kammer und malenden, weintrinkenden Rentnern.

Die verbleibende Fahrt, eine gute Stunde, bietet malerische Ansichten: Bei völliger Windstille liegen die Seen wie Glas vor uns. Ein paar Angler in Alubooten treffen wir, außerdem zwei kleine Kajütboote. Hier grüßt jeder jeden.
Am frühen Nachmittag legen wir längsseits am public dock von Merrickville an. Eine Sundancer aus Ottawa ist schon da, ebenso eine weitere Horizon.

Nach unserem Abend im "Gridiron" wenden wir den Bug unserer Horizon wieder gegen den Strom. Rund siebzig Kilometer und neun Staustufen wären es von hier noch bis in die kanadische Hauptstadt Ottawa.

Das ist auf eigenem Kiel in einer Woche leider ebenso wenig zu schaffen wie der komplette (und noch weitere) Weg nach Süden, bis nach Kingston am Lake Ontario. Wir werden uns auf den ohnehin schöns-ten Teil der Wasserstraße konzentrieren: die langgestreckte Rideau-Seenkette.

Dafür folgen wir unserer Kurslinie von gestern zurück nach Smiths Falls und nehmen sofort die nächsten Schleusen in Angriff, "Smiths Falls No. 31" und kurz darauf "Poonamalie No. 32".

Die dunklen Streifen auf den Felsen des Schleusenkanals deuten auf niedrigen Wasserstand hin – auch hier war es ein heißer Sommer. Wir haben den Lower Rideau Lake erreicht, den ersten der drei verbundenen Seen des Reviers.

Diese immerhin rund fünfunddreißig Kilometer lange Kette spielte eine wichtige Rolle beim Bau des Rideau Kanals vor knapp 200 Jahren: Während des sogenannten "Krieges von 1812", einer der Nebenschauplätze der Napoleonischen Kriege in Europa, standen sich Großbritannien und die noch jungen Vereinigten Staaten in Waffen gegenüber.

Während die Briten weiter südlich zu Lande Erfolge feiern konnten, behielten die Amerikaner bei den Seegefechten weiter nördlich die Oberhand. Selbst nach Friedensschluss befürchtete man in London nun, dass der für die Versorgung der britischen Territorien lebensnotwendige St. Lawrence River, die Verbindung zwischen dem Atlantik und den Großen Seen, in Zukunft blockiert werden könnte.

Man entschloss sich, eine Wasserstraße zu bauen, die den St. Lawrence umgehen und durch sicheres Hinterland führen würde: den Rideau Canal.

Mit der Durchführung beauftragte man Colonel John By, einen Ingenieur der britischen Armee. Der Oberst wählte zwei Flüsse, deren Oberläufe man nur miteinander verbunden müsste: Der längere nördliche Teil würde durch den Rideau River gebildet, der südliche vom Cataraqui River.

So wären für den neuen zweihundert Kilometer langen Wasserweg zwischen Ottawa River und Lake Ontario zwar eine ganze Reihe aufwendiger Wasserbauten nötig – darunter eine steinerne Schleusentreppe mit acht Kammern und die bis dahin höchste Staumauer des Kontinents – aber gleichzeitig müssten nur neunzehn Kilometer künstlich neu angelegt werden.

Mit den Ressourcen der Krone ging By ans Werk und konnte bereits sechs Jahre nach Beginn, am 29. Mai 1832 Vollzug melden. Eine monumentale Leistung – nur die gefürchtete amerikanische Blockade blieb aus. Die am Nordende des Kanals gegründete, und nach dem Ingenieur benannte Siedlung Bytown jedoch wuchs und wuchs.

Heute heißt sie Ottawa.

Der Himmel ist nun zugezogen, ein kalter Wind springt auf und es beginnt zu regnen. Missmutig hocken die Möwen auf den Steinen, die rechts und links der Fahrrinne aus dem Wasser ragen.

Zum Glück können wir auch gemütlich von drinnen fahren! Auf der einzigen abzweigenden Nebenwasserstraße, dem Tay Canal, wollen wir heute nach Perth, einer kleinen, heute recht schmucken Handelsstadt, die ebenfalls durch den Kanal groß geworden ist – wenn auch in wesentlich bescheidenerem Maße als Bytown.

Zwei Schleusen, ("Lower-" und "Upper Beveridges") sind schnell gemeistert, und nach knapp zwei Stunden lichten sich die letzten Regenschleier, als wir am "Last Duel Park" mit dem Heck festmachen.

Eine Tafel verrät, dass hier tatsächlich das letzte tödliche Duell des Landes zwischen den Jurastudenten Robert Lyons und John Wilson ausgetragen wurde. Man schrieb das Jahr 1833 und es ging um eine Frau, Elizabeth Hughes. Wilsons Schuss traf und Lyons starb, doch die folgende Ehe der beiden Verbliebenen verlief – so wird berichtet – zutiefst unglücklich ...

Bei besserem Wetter steuern wir am nächsten Morgen weiter nach Südwesten. Bei Rideau Ferry (der Kahn wurde längst durch eine mehrspurige Betonbrücke ersetzt) geht der Lower Rideau Lake in den Big Rideau Lake über. Der macht seinem Namen alle Ehre, ist tiefer, breiter und blauer als sein Vorgänger. Die felsigen, bewaldeten Ufer sehen hier schon eher nach dem abenteuerlichen Kanada aus, das Europa im Kopf hat.

Nach zweieinhalb Stunden Seefahrt kommt schließlich die Schleuse "Narrows No. 35" in Sicht – unsere letzte. Sie durchschneidet eine schmale Landzunge, hinter der sich schon der Upper Rideau Lake er- streckt.

Noch eine Stunde, und wir liegen am Steg von Westport. "Hier gibt es nur einen Häuserblock, wo ihr alles findet", erklärt der Hafenmeister lachend. "Dreimal rechts, und ihr seid wieder am Hafen. Wenn ihr euch hier verirrt, würde ich mir Sorgen machen". Wir halten uns dran, gehen nicht verloren und lassen den Tag auf der Flybridge mit Blick über den See ausklingen.

Am nächsten Morgen weht der Wind so stark aus Nordost, dass sich die Weiden am Hafen biegen. Trotz strahlend blauem Himmel. Weiße Schaumkronen draußen. In "Kudrowski’s Food Market" gibt es frische Kaiserbrötchen! Von und für Auswanderer vielleicht.

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Bevor wir zurück Richtung Smiths Falls müssen, wollen wir zumindest noch ein Stück nach Süden. Frisch ist es, aber nicht zu frisch für die Sonnenliege oben. Unsere Horizon geht mit ihrem flachen Boden wie ein Bügelbrett über die kurze Welle, der ganze Rumpf vibriert.

Dann aber drehen wir und sobald der Fahrtwind weg ist, wird es warm. Vor der Schleuse von Newboro legen wir an. Von hier aus ginge es wieder bergab: Der kurze Durchstich durch den Fels verbindet die Scheitelhaltung des Kanals, also den Upper Rideau Lake (und den Rideau River) mit dem Cataraqui River, der von hier nach Süden zum Lake Ontario fließt.

Ein Spaziergang in den Ort bringt uns zu "Kilborn’s", halb Landhandel, halb Souvenirshop. Im Angebot sind "Beaver Rub" und Ahornsirup, handbemalte Cowboystiefel und elegante Iroqouis-Ponchos.

Wir müssen weiter, denn unser Tagesziel liegt diesmal im Big Rideau Lake. Nachdem wir die Schleuse "Narrows" erneut passiert haben, schwenken wir nach Osten auf ein Nebenfahrwasser, das uns in einen dicht bewaldeten Archipel aus Felseninseln hineinführt – nach Colonel By Island.

Zwei Boote sind schon da, darunter eine andere Horizon. Auch für uns wird es morgen zurück zur Charterbasis gehen, um die verbleibende Zeit für Ausflüge mit dem Auto nach Ottawa und Kingston zu nutzen.

Doch zuvor wartet noch ein letzter ungewöhnlicher Ort: Colonel By Island, das sich heute unter der Aufsicht von Parks Canada befindet, gehörte nach Kriegsende dem Taxi-Magnaten Danny Arnstein aus New York.

Er ließ die Insel aufwendig zur Ferienresidenz umgestalten. Die Villa weiter oben, die in den Fünfzigern state of the art war, ist vollständig verbarrikadiert. "Keep out!", warnt ein rostendes Schild.

Früher waren hier Showgrößen wie David Niven und Paul Anka zu Gast, Partymusik hallte bis weit auf den See hinaus. Jetzt grast scheues Rotwild auf dem Rasen, und im Wald, dessen Boden ein Teppich aus Ahornsprösslingen bedeckt, herrscht Stille.

Mit einem kurzen Aufflammen des Himmels verabschiedet sich der Tag und der Rideau reflektiert seinen letzten Schein. Dann bricht die Nacht herein.

Diese Reise lesen Sie in der Dezember-Ausgabe 2018 von BOOTE. Oder Sie laden sich das PDF weiter unten herunter. 

Christian Tiedt am 17.11.2019