Erie Canal Erie Canal

Reportage: Erie Canal / USA

The Grand Canal

Christian Tiedt am 18.02.2018

Bei seiner Eröffnung 1825 galt er als „achtes Weltwunder“ – und noch immer durchquert der Erie Canal den ganzen Bundesstaat New York

Fotostrecke: Der Erie Canal heute

Wolken von Moskitos hüllten die Männer ein und stürzten sich gierig auf jeden Fleck ungeschützter Haut. Es war so heiß, dass die Hemden am Rücken klebten. Noch vor wenigen Wochen hatte ein später Blizzard das Land mit meterdickem Schnee zugedeckt. Trotzdem schleppte die kleine Gruppe ihre Äxte und Theodoliten durch den dichten Wald aus Schwarzbirken und Hemlocktannen, vermaß das sumpfige Gelände und zeichnete Karten.
Was Benjamin Wright und seine Helfer in diesem Frühsommer des Jahres 1816 in die unzugängliche Wildnis im Norden des  amerikanischen Bundesstaates New York trieb, war die Furcht der Landesväter, innerhalb der noch jungen Vereinigten Staaten wirtschaftlich abgehängt zu werden.

Politisch beherrschten Schwergewichte aus dem Süden das Bild, Männer wie George Washington oder Thomas Jefferson, die die weitere Ausdehnung der Nation nach Westen und den zu erwartenden Handel nur zu gerne durch ihre Heimat Virginia lenken wollten.

Das riesige New York grenzte zwar im Norden an die Großen Seen, die diese Erschließung ebenso möglich machten, aber zwischen dem schiffbaren Oberlauf des Hudson River, der bei New York City in den Atlantik mündet,  und dem Lake Erie lagen mehr als 400 Kilometer kaum erschlossenes Territorium. Die wenigen Siedler dort orientierten sich bereits nach Pennsylvania oder sogar Kanada im Norden, um ihre Waren zu verkaufen. New York selbst drohte im wahrsten Sinne auf der Strecke zu bleiben.

Die einzige Lösung, um das Land zu verbinden, war ein Kanal, wie man ihn aus Europa kannte. Doch die zu bewältigende Distanz und die unerbittliche Natur spotteten jedem Vergleich mit den Wasserwegen der Alten Welt, die weitgehend durch bereits kultiviertes Land gegraben worden waren. Der Aufwand schien so gigantisch wie das Risiko, der Nutzen dagegen so zweifelhaft, dass frühe Kanal-Befürworter wie der weitgereiste, schöngeistige Schriftsteller Elkanah Watson und der wesentlich bodenständigere Geschäftsmann Joseph Ellicot regelmäßig mit Hohn und Spott übergossen wurden.

Mehr als zehn Jahre mussten vergehen und endlose politische Schlachten geschlagen werden, bevor die verwegene Idee Wirklichkeit werden konnte – und auch dann nur, weil sich der einflussreiche Gouverneur des Bundesstaates, DeWitt Clinton, dem Projekt ebenfalls mit ganzer Seele verschrieb.

Dem anfangs erwähnten Benjamin Wright wurde die Aufgabe übertragen, eine Route für den Kanal zu finden – wenn es sie gab. Nach strapaziösen Monaten im Sommer 1816 kehrte der Ingenieur schließlich mit froher Kunde aus der Wildnis zurück: Der Bau war tatsächlich möglich.

Der östliche Teil der Kanalstrecke würde dem Tal des Mohawk River vom Hudson River aufwärts folgen – in Nachbarschaft des nicht schiffbaren Flusses. Im Anschluss würde man den Oneida Lake durch das Sumpfland im Süden passieren, bevor der "trockene" westliche Teil kurz vor dem Lake Erie noch die Niagara-Stufe überwinden musste, eine formidable Zwanzig-Meter-Schwelle aus solidem Fels.

Schon im folgenden Jahr begannen die Arbeiten, zunächst am vergleichsweise einfachen Mittelteil, wobei jeweils kurze Teilstücke an lokale Unternehmer vergeben wurden, meist Farmer oder Händler, – ein System, das sich bewährte. 1820 war dieser erste Abschnitt fertig gestellt. Doch bis die endgültige "Hochzeit der Wasser" gefeiert werden konnte, sollten fünf weitere Jahre vergehen.

Die gesamte Reportage über den Erie Canal im US-Bundesstaat New York lesen Sie in der März-Ausgabe von BOOTE, die es ab dem 21. Februar 2018 im Handel gibt. Abonnenten natürlich schon eher.

Christian Tiedt am 18.02.2018