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USA: Alaska – der Südosten. Teil 2

Christian Tiedt am 06.05.2013

Der Höhepunkt des Abenteuertörns erwartet unsere Grand-Banks-Flotte auf dem zweiten Teil der Reise – die Gletscher des Nationalparks von Glacier Bay.

Alaska

Vor dem Margerie-Gletscher.

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Auf dem noch regennassen Holzsteg des winzigen Fischerortes Elfin Cove steht eine kleine Gruppe und blickt ehrfürchtig nach Nordwesten. Dort, auf dem gegenüberliegenden Ufer des aufgewühlten Cross Sounds, gut ein Dutzend Kilometer entfernt, steigt der Eispanzer des Brady-Gletschers zwischen dunklem Fels zu den scharfen Graten der Eliaskette auf. Doch die Aufmerksamkeit gilt nicht dem Gletscher selbst, sondern dem, was nun dahinter nach und nach sichtbar wird: Bergflanken und Gipfel, wo eben noch Regenwolken den Blick verhüllten, Schneefelder, die in der Sonne strahlen, und schließlich Mount Fairweather selbst – der Schönwetter-Berg.

Alaska 2012

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"Wenn man den sehen kann, ist das ein gutes Zeichen", sagt ein Fischer in Latzhosen, der sich zu unserer Gruppe gesellt hat. "Ist nämlich erst das dritte Mal in diesem Jahr, dass er sich in seiner ganzen Pracht zeigt." Ungläubige Blicke. Das dritte Mal? Es ist schon Mitte Juli! Aber wie auch immer – der Schönwetter-Berg ist schließlich ein gutes Omen ...

Und das nehmen wir gern an. Denn von diesem Steg in Elfin Cove werden unsere sechs Grand-Banks-Trawler, die jetzt noch zu beiden Seiten im Päckchen fest vertäut liegen, morgen Kurs nehmen auf den Höhepunkt unseres Abenteuertörns durch den Südosten Alaskas – die Naturwunder des Nationalparks von Glacier Bay, der "Gletscherbucht".

Alaska 2012

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Crab feast in Elfin Cove

In der Zwischenzeit hat Skipper Brian  am commercial dock das Abendessen für unser Boot besorgt: zwei Eimer voller tellergroßer Taschenkrebse, fünf Dollar das Stück, noch springlebendig und gefährlich schnell mit den Scheren. Nicht schnell genug allerdings für Bootsmann Jordan, der die Schalentiere auf dem Steg gekonnt für den Kochtopf von Carol vorbereitet.

Eine Stunde später ist das crab feast dampfend im Salon von "Deception" angerichtet – und es wird tatsächlich ein Fest! Rund um den großen Tisch ist Platz für alle, wenn man etwas zusammenrückt: für Brian und seine Frau Carol, ihre Tochter Amy, first mate Jordan, die Törn-Biologin Emmelina, und für uns zwei, die beiden deutschen Bootsjournalisten.

Während draußen langsam die kurze nordische Nacht herandämmert und in den übrigen Booten unserer Charterflotte   ebenfalls die Lichter angehen, werden bei uns Scheren geknackt und Flaschen geköpft: helles "Alaskan Amber" aus Juneau oder dunkles "Moose Drool" aus Montana – was die große Kühltruhe auf der Fly-bridge so hergibt. In gemütlicher Runde werden wir nach unseren Eindrücken von der ersten Törnhälfte befragt, und die war schon spektakulär genug:

Was wir bisher gesehen haben

Von der alten russischen Handelssiedlung Sitka führte die Reise entlang der wilden Küsten von Baranof und Chichagof Island zu kleinen Fischerorten, so abgelegen, dass es keine Straße dorthin gibt. Wir erkundeten eine verlassene und längst vom Regenwald verschlungene Goldminensiedlung, und an einem anderen Tag kamen Buckelwale so dicht an unser Schlauchboot heran, dass man ihre glänzenden Rücken fast mit der ausgestreckten Hand berühren konnte.

Insgesamt zehn Tage dauert unsere Reise, die Hälfte haben wir bereits in unserem Kielwasser zurückgelassen. Doch bevor wir in Juneau, der Hauptstadt des Bundesstaates Alaska, wieder von Bord gehen werden, liegt eben noch der Glacier Bay Nationalpark vor uns – und vor den ebenso erwartungsvollen Chartercrews der übrigen fünf Grand Banks in unserer Flotte, immerhin knapp drei Dutzend Personen. Insgesamt ein überraschend bunter Haufen aus Amerikanern, Kanadiern und ausgelassenen Australiern – die alle blendend miteinander auskommen.

Die seetüchtigen und bestens ausgestatteten Trawler gehören zur Charterflotte von NW Explorations. Das Familienunternehmen aus Bellingham bei Seattle startet in jedem Sommer mit mehreren Booten in den Norden; die Crews buchen dabei eine oder mehrere Etappen. Auf unserem Abschnitt führt Firmeninhaber Brian selbst die Flottille – und seine Erfahrung, Routine und Revierkenntnis macht sich mehr als einmal bezahlt. Doch dann wird es Zeit für die Kojen! Ein letzter Blick aus der Seitentür nach achtern, wo sich ein prachtvoller Sternenhimmel über den Cross Sound wölbt. Der Polarstern steht fast genau über dem dunklen Schatten von Mount Fairweather.

Über den Cross Sound

Als sei alles nur ein Traum gewesen, sind die Wolken am nächsten Morgen wieder zurück; Sprühregen, den der frische Nordwest vor sich hertreibt, lässt das Ölzeug der Decksmannschaft wie neu glänzen. Auf Reling und Handläufen glitzern die Tropfen wie feine Perlen. Die beiden John Deeres tief im Bauch von "Deception" beginnen zu tanzen. Leinen fliegen, Fender werden eingeholt, eine Grand Banks nach der anderen legt ab und steuert auf den Cross Sound hinaus.

Im freien Wasser bildet die Flotte eine lockere, aufgefächerte Kiellinie, deren Kurz jetzt nach Nordosten zeigt. Brian setzt sich an die Spitze. Elfin Cove, das von einem einzelnen Sonnenstrahl wie zum Abschied in dramatisches Licht getaucht wird, entschwindet aus dem Blick,  als wir Point Lavinia runden und in den South Inian Pass einlaufen. Der dem Pazifik zustrebende Ebbstrom stemmt das Meer an dieser Engstelle gegen den Wind zu Stromschnellen auf, doch Skipper Brian findet einen Weg durch stehende Wellen und Strudel, bis die Flotte die Passage gemeistert hat und die geraden Steven wieder ruhiges Wasser zerschneiden.

Einfahrt in die Glacier Bay

Zwei Stunden Fahrt unter einem bleischweren Himmel, dann öffnet sich im Norden ein etwa vier Seemeilen breiter Einschnitt im gebirgigen Küstenverlauf: Point Carolus und Point Gustavus markieren dort den Beginn der Sitakaday Narrows – den Zugang zur Glacier Bay. Kaum haben wir die unsichtbare Linie zwischen den beiden Kaps passiert, greift Brian zum Funkgerät, um uns bei der Verwaltung des Nationalparks anzumelden – wo man uns schon erwartet hat: "Der Aufenthalt von privaten Booten im Nationalpark ist genau reglementiert und die erlaubte Anzahl stark begrenzt", erklärt der Skipper. "Man darf sich maximal 60 Tage vor der Ankunft für ein Permit bewerben, also stellen wir unseren Wecker auf eine Minute nach Mitternacht an dem betreffenden Tag, schicken unsere Unterlagen für die ganze Flottille rüber und hoffen", sagt er. "Meistens haben wir Glück." 

Kurz darauf liegen alle sechs Grand Banks zum Pflicht-Zwischenstopp am massiven Betonschwimmsteg des Nationalparkzentrums in Bartlett Cove am Ostufer von Glacier Bay. Ein kurzer Fußmarsch, bei dem ein Stachelschwein gemächlich unseren Weg kreuzt, bringt uns  zu Besucherlodge und Rangerstation, rustikalen Blockhäusern. Dort bekommen wir einen Film mit Regeln gezeigt, die im Anschluss von einer freundlichen Parkrangerin noch einmal mündlich wiederholt werden: Schutzzeiten, Schutzzonen, Verhalten an Land. Wie reagiert man, wenn man auf einen Bären trifft? Ein durchaus reales Szenario – Schwarz- und Braunbären, besser bekannt als Grizzlys, kann man auf dem steinigen Strand oder im hohen Gras der Uferwiesen jederzeit begegnen.

Blue Mouse Cove

Am frühen Abend führt "Deception" unsere Flotte in die Bucht von Blue Mouse Cove, etwa dreißig Seemeilen weiter nördlich. Nach Westen hin steigen die Berghänge steil an, hinauf zum Brady-Eisschild. Für die Verhältnisse in Alaska ist viel los in diesem Rund: Vier andere Yachten drehen sich bereits um ihre Anker, darunter ein eindrucksvoller Nordhavn-Explorer mit grauem Rumpf. Unsere Grand Banks bilden zwei Dreierpäckchen. Der eisige Wind bläst die Hänge so wütend hinab, dass Brian und Jordan das Stützsegel setzen, um Ruhe in die Boote zu bringen.

Über uns reißen die Wolken auf und wirbeln in Fetzen an den kahlen Flanken der Berge entlang, Sonne spielt auf den Schneefeldern zwischen dunklem Granit. Der ausgedruckte Wetterbericht am Nachrichtenbrett in der Lodge sprach für die nächsten Tage von einem Hochdruckkeil entlang des panhandles; "Pfannenstiel", so wird der schmale Streifen Südostalaskas hier oben genannt. Also doch noch gutes Wetter zum Törnhöhepunkt?

Der nächste Tag dämmert zwar erneut in blassem Zwielicht herauf, doch die eintönige, grauseidene Schicht über uns hat viel von ihrem Schrecken verloren und scheint nur darauf zu warten, dass der Wind sie fortträgt. Zwei Buckelwale ziehen eine Runde durch die Bucht und scheinen sich jedes Boot genau anzusehen; sie kommen so dicht heran, dass der feine Wasserstaub von ihrem Blas auf dem Achterdeck von "Deception" niedergeht. Bald darauf rasseln die Ketten durch die Klüsen: Anker auf, es geht nach Norden!

Eine Geschichte des Eises

Der Name "Glacier Bay" wirkt heutzutage  fast wie eine Untertreibung, denn ein Blick auf die Karte zeigt, dass es sich nicht um eine schlichte Bucht handelt, sondern um ein ausgedehntes, verzweigtes Netz von Fjorden, das mit seinen Nebenarmen – den inlets – auf eine Ausdehnung von rund 100 km in der Länge und 80 km in der Breite kommt. Das war jedoch nicht immer so: Das gegenwärtige Erscheinungsbild des Nationalparks ist das Ergebnis eines kaum 400 Jahre alten, glazialen Prozesses – Erdgeschichte im Eiltempo, sozusagen.

Noch gegen Ende des 17. Jahrhunderts war die südliche Hälfte der heutigen Bucht flaches Land, das von den Ureinwohnern der Tlingit bevölkert wurde. Erst nördlich davon spannte sich ein gewaltiger Gletscher über das Tal. Doch dann kam die sogenannte "Kleine Eiszeit" und ließ den Eispanzer so weit nach Süden dringen, dass seine Kante um 1750 im weiten Halbkreis bis ins Meer reichte. Die Tlingit zogen sich nach Chichagof Island zurück, wo der Ort Hoonah noch heute einer ihrer wichtigsten Ansiedlungen ist.

Als es wieder wärmer wurde, zog sich auch der Gletscher erneut zurück – nur dass sein mächtiger Eispanzer das Land bei seinem Vormarsch ausgefräst und niedergedrückt hatte und nun einen Meeresarm zurückließ. George Vancouver fand  1794 mit seinen Expeditionsschiffen "Discovery" und "Chatham" an dieser Stelle bereits eine fünf Kilometer tiefe Bucht mit einem Gletscher am nördlichen Ende vor. Da fiel die Namenswahl leicht: "Glacier Bay" trug der britische Entdecker in seine sorgfältig selbst gezeichnete Seekarte ein.

Vor dem Margerie-Gletscher

Weiter steuern unsere sechs Trawler nach Norden, Richtung Eis; kaum noch Bäume finden sich jetzt am Ufer, struppige Sträucher sprießen dafür auf den Geröllhalden und alten Schneeflächen am Fuß der Hänge. Eisberge sind nicht zu erwarten, dafür bergy bits und growlers, felsgroße Eisbrocken, die, zum Teil fast ganz überspült und entsprechend schlecht sichtbar, für uns ein durchaus gefährliches Hindernis darstellen.

Jordan geht mit dem Handfunkgerät aufs Vorschiff: Eiswache. "Deception" gibt die Kurslinie für die nachfolgenden Boote vor, als es in Kiellinie nach Tarr Inlet hineingeht. Das Wasser ist jetzt milchig und türkis gefärbt von den feinen Sedimenten, die der Gletscher zu Tal befördert. Keine zwanzig Zentimeter tief kann man sehen, die Wassertemperatur beträgt zwei Grad Celsius. Immer wieder stößt der metallverstärkte Bug unseres 30-Tonnen-Trawlers gegen kleine Eisstücke und schiebt sie zur Seite; überraschend laut klingen die dumpfen Schläge unter Deck. Eisschollen in bizarren Formen treiben vorbei, mal fast durchsichtig, mal weiß, tiefblau oder schmutzig braun. Küstenseeschwalben sitzen darauf, murrelets und puffins kreuzen unseren Kurs mit schnellen Flügelschlägen. Auf einem Felsen wartet ein Weißkopfseeadler auf seine nächste Beute.

Wir legen eine kurze Pause ein und warten, bis das Kreuzfahrtschiff "Zuiderdam" der Holland-America-Line seine Runde in Tarr Inlet beendet hat. Maximal zwei der Giganten dürfen sich übrigens pro Tag im Nationalpark aufhalten; aber so gewaltig der knapp dreihundert Meter lange Koloss auch wirkt, mit seinen fünfzehn Decks reicht er trotzdem nicht an die obere Kante des Margerie-Gletschers am Westufer heran. Ein spannender Größenvergleich, außerdem nutzen wir die Zeit, um Eis für die Drinks am Abend aufzufischen. 10 000 Jahre soll es alt sein.

Als die "Zuiderdam" an uns vorbeigedampft ist, nähern wir uns selbst der Kristallmauer des majestätischen Margerie-Gletschers, die zersplittert und zerfurcht einhundert Meter aus dem Meer emporragt. Der Sonnenschein bricht sich in tausend Facetten, ein wirklich magischer Moment. Doch dann hallt ein Knall wie von einem Kanonenschuss über das Wasser – und wie in Zeitlupe beginnt eine Zinne der Gletscherwand mit einem Donnergrollen in die Tiefe zu rutschen. Dabei zerbricht sie auf Kanten und Vorsprüngen in tausend Einzelteile, die schließlich in einer Wolke aus Eiskristallen und Schneestaub in den Fjord regnen. Keine Minute später lassen die kurzen, steilen Wellen unsere Trawler unruhig nicken.

Ausklang in Reid Inlet

Noch ganz im Bann dieses Naturschauspiels, bekommt jede Crew zum Abschied ein Foto vor dem Margerie, dann verlassen wir Tarr Inlet mit einer Schleife am Grand Pacific-Gletscher vorbei, dessen geschwärzte Zunge schon nicht mehr bis ans Wasser reicht. Wenige Hundert Meter hinter dem Strand beginnt Kanada. Wir versuchen noch die Einfahrt in das benachbarte Johns Hopkins Inlet, an dessen Ende der gleichnamige Gletscher liegt – einer der wenigen im Nationalpark, die derzeit noch wachsen. Entsprechend eisverstopft ist die Zufahrt; wir machen kehrt.

Der fantastische Tag geht in Reid Inlet zu Ende, vor Anker, im Päckchen; der Landgang führt uns über rauschende Gletscherbäche, Kies und Stein zu den wundersamen Eisformationen am Fuß des Reid Gletschers. Blau leuchtende Grotten wollen uns in sein eisiges Inneres locken, doch wir widerstehen der Versuchung. Zurück an Bord läuft dann tatsächlich ein Western im Fernsehen: "Open Range". Was für ein Kontrast, das Gräsermeer der endlosen Prärie. Amerika, du großes Land! Schon sinken wir mit wohliger Erschöpfung in die Polster. Doch ein Höhepunkt fehlt noch: Auf dem Vorschiff von "Deception" treffen wir uns zum Sundowner. Der Scotch glüht im goldenen Abendlicht Alaskas – und in den Gläsern klingt das Eis der Jahrtausende.

Christian Tiedt am 06.05.2013