Rettungsinseln im Test - Insel-BegabungFoto: K. Andrews

Sicherheit an Bord Rettungsinseln im Test - Insel-Begabung

 

22.4.2016, Lesezeit: 7 Minuten

Wenn das Boot sinkt, kommt die Rettungsinsel zum Einsatz. Was sich dann aus Tasche oder Container schält, kann über Leben und Tod entscheiden. Welche Insel hat die Begabung zum Lebensretter?

Wer kauft schon gern die Katze im Sack? Besitzer von Rettungsinseln – könnte man meinen. Denn selbst, wer versucht, sich beim Händler und auf Boots­ausstellungen umfassend zu informieren, weiß in der Regel nicht, wie sich die Insel im Ernstfall verhält und ob die im Inneren versteckte Ausrüstung wirklich brauchbar ist. Weder die Schwimmstabilität einer Insel noch der Einstieg lassen sich auf dem Trockenen abschließend beurteilen. Und der Beipack ist auf Messen in der Regel gar nicht zu sehen, er kann nach dem Kauf nur im Zuge einer Wartung inspiziert werden.

Foto: K. Andrews
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Das heißt: Beim Kauf einer Rettungs­insel ist Skepsis angesagt. Verlässliche Regeln gibt es für den Einsatz auf Sportbooten kaum, und im Notfall kann das Leben der Crew davon abhängen, ob das Produkt wirklich gut oder doch nur günstig ist.


Die 2005 eingeführte ISO-Norm 9650 gibt zwar Standards für Material, Bauweise, Größe, Schwimmeigenschaften und Ausrüstung vor, doch leider ist sie nicht verbindlich. Insofern gelten je nach Land unterschied­liche Anforderungen für Rettungs­inseln – oder eben keine.

Dennoch ist die Norm eine gute Orientierungshilfe. Sie gliedert die Modelle in zwei Gruppen. Zum einen sind das solche für Küstentörns (ISO 9650-2) und zum an­deren die Hochseeausführungen, die dem Standard ISO 9650-1 entsprechen müssen. Diese Inseln werden je nach Einsatztemperatur in die Klassen A und B unterteilt.

Foto: K. Andrews
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Für den Test haben wir uns auf hierzulande erhältliche Inseln beschränkt, die der ISO 9650-1, Klasse A entsprechen – oder wie es im Normjargon heißt: für lange Törns mit hohem Seegang geeignet sein sollen, bis minus 15 Grad sicher auslösen und mit einem isolierten Boden ausgerüstet sind, der den Wärmeverlust minimiert.

Dieses Extra scheint vom Normtext her erst einmal unnötig – wer ist schon mit seinem Schiff bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt unterwegs? Die Praxis zeigt aber, dass ein einfacher Gummiboden selbst bei an­genehmen 22 Grad Wassertemperatur rasch sehr kalt ist. Schließlich muss davon aus­gegangen werden, dass die Crew beim Besteigen der Insel stark geschwächt ist, weil sie einen im Zweifel mehrstündigen Kampf ums eigene Boot hinter sich hat und physisch und psychisch entsprechend ausgelaugt ist.

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Was die Insel können soll
Aus diesem Szenario folgen auch die wichtigsten Testkriterien. So muss sich die Insel einfach über Bord befördern und aktivieren lassen. Die dazu nötigen Schritte sollten als leicht verständliche Piktogramme auf der Tasche abgebildet sein. Je nach deren Stauplatz spielt hier auch das Gewicht der Insel eine entscheidende Rolle.
Im Idealfall sorgt die Gewichtsverteilung in der Tasche dafür, dass die Insel nach dem Aufblasen aufrecht und einstiegsbereit neben dem Boot schwimmt, sodass die Crew trocken in sie hineinsteigen kann. Je nach Seegang und Windverhältnissen wird dieses Szenario nicht immer gegeben sein und die Insel beim Aufblasen kentern. Tritt dieser Fall ein, muss sie sich leicht wieder aufrichten lassen und darf auch beim An-Bord-Klettern im Seegang nicht erneut umschlagen.

Beim Entern der Insel aus dem Wasser gilt: je einfacher, desto besser. Denn durch Erschöpfung und Unterkühlung lassen die Kräfte selbst bei gut trainierten Crewmitgliedern schnell nach. Einmal in der Insel angelangt, gilt es, anderen Crewmitgliedern beim Einsteigen zu helfen. Auch dabei darf die Stabilität nicht gefährdet sein. Weiterhin muss das Messer zum Kappen der Fangleine leicht auffindbar sein, es darf die Rettungs-Zuflucht aber nicht beschädigen können.

Darüber hinaus sollte die Innen- und Au-ßen­beleuchtung der Insel aktiviert sein, ein Treibanker bereitliegen und die übrige Ausstattung, wie Taschenlampen und See­not­signale, in einer wasserdichten Tasche nahe dem Einstieg gesichert sein.

Dass das Dach zum Schutz vor Gischt, Regen und Sonneneinstrahlung zu schließen sein muss, versteht sich bei einer Hochseeinsel von selbst. Um dennoch lüften und Ausguck halten zu können, sollten an verschiedenen Seiten verschließbare Öffnungen vorhanden sein.

Foto: K. Andrews
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Woher die Inseln kommen
Die sechs Testexemplare sind jeweils für vier Personen ausgelegt und stammen von Arimar, AWN, Crewsaver, Plastimo, Seago und Sostechnic, wobei letztere vom englischen Hersteller Ocean Safety gefertigt wird. Bei der Verpackung haben wir jeweils die leichtere Taschenvariante gewählt; alle Kandidaten sind auch im Container erhält-lich. Bei beiden Bauformen steckt die Insel in einer Vakuum-Verpackung, daher ist nicht davon auszugehen, dass sich die Testergebnisse unterscheiden. Lediglich Preis und Gewicht können abweichen.

Diese Punkte variieren schon innerhalb des Testfelds stark. Am günstigsten ist das Modell AWN ISO von A. W. Niemeyer. Es kostet etwas mehr als 1000 Euro und ist die einzige selbstaufrichtende Insel im Test. Fast doppelt so viel, nämlich 1990 Euro, sind für die Ocean ISO von Sostechnic zu zahlen.

Dafür ist diese das leichteste Produkt im Feld: Mit weniger als 28 Kilogramm liegt sie gleichauf mit der Transocean 4 von Plastimo, hat aber im Gegensatz zum französischen Modell neben der ISO-konformen Grundausstattung noch zwei Liter Trinkwasser an Bord.

Diese zusätzliche Flüssigkeitsration findet sich auch bei Arimar. Die italienische Insel wiegt aber auch zehn Kilogramm mehr, was sie zum gewichtigsten Testkandidaten macht. Das 38 Kilo schwere Paket im Notfall über Bord zu hieven, ist eine echte Aufgabe.

Foto: K. Andrews
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Wie wir getestet haben
Die Erprobung der Inseln fand im Offshore-Trainingszentrum des Maritimen Kompetenzzentrums in Elsfleth an der Weser statt. In der Anlage lassen sich nicht nur verschiedene Seegangsstufen, sondern auch Regen und Wind bis zur Sturmstärke simulieren.

Nach dem Auslösen der Pakete in glattem Wasser haben wir die Insel von einer simulierten Badeleiter aus bestiegen und den Innenraum beurteilt sowie eine Bestandsaufnahme durchgeführt. Je nachdem, ob innerhalb von 24 Stunden mit einer Rettung aus der Insel zu rechnen ist oder nicht, fordert die ISO 9560-1 unterschiedliche Grundausrüstungen. Durch ihre integrierte Trinkwasserration lassen sich die Modelle von Arimar und Sostechnic einfach per externem Grab-Bag für längere Aufenthaltszeiten aufrüsten. Bei den übrigen Inseln muss die Grundausstattung erweitert werden.

Anschließend wurden die Inseln gekentert und nacheinander von verschiedenen Personen wieder aufgerichtet. Das lief bei dem selbstaufrichtenden Produkt von AWN automatisch ab und gelang auch bei allen übrigen Modellen problemlos – im Gegensatz zu dem folgenden Entern der Inseln aus dem Wasser. In vollem Ölzeug und mit aufgeblasener Rettungsweste keine leichte Übung, wobei die Weste durchaus von Vorteil ist: Um den Fuß in die erste Stufe der Einstiegsleiter zu bekommen, ist mitunter eine starke Rückenlage erforderlich – ohne den Auftrieb der Weste wird der Kopf dabei schon in glattem Wasser schnell überspült.

Foto: K. Andrews
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Dieses Problem trat vor allem an der Crewsaver-Insel auf. Die Strickleiter ist nicht beschwert und treibt an der Oberfläche, wodurch man den Fuß nur sehr schlecht ein­fädeln kann. Ist der erste Schritt geschafft, und beide Füße stecken in der Leiter, kann die Einstiegsrampe erklommen werden.

So weit vorhanden, ist diese bei den Testmodellen aus einer gespreizten Stoffbahn gefertigt und soll als halbwegs stabile Plattform dienen, um sich mit dem Knie abzustützen und die nächste Herausforderung zu meistern: Der Oberkörper muss über die Bordwand kommen. Dazu be-sitzen die Inseln im Inneren mehr oder weniger günstig angebrachte Gurte oder Seilschlaufen.

Auch hier: Nachteil Crewsaver – die an sich griffigen Gurte enden zu früh. Statt bäuchlings über den Schlauch zu rutschen, ist man versucht, sich auf der Rampe auf­zurichten. Dieser Schwerpunktverlagerung sind die Kentersäcke aber nicht gewachsen, die Insel holt stark über. Schafft man es dennoch, sich auf ihr zu halten, sorgt die starke Schräglage dafür, dass sich die Kentersäcke zum Teil entleeren, und die Insel kann sich überschlagen.
Dass es anders geht, beweisen Plastimo und Sostechnic. Ihre Erzeugnisse liegen nicht nur sehr stabil im Wasser, sondern sind auch noch deutlich einfacher zu entern.

Foto: K. Andrews
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Wenn die Wellen kommen
Kaum eine Insel wird bei völlig ruhiger See eingesetzt werden, daher haben wir die Einstiegsversuche bei aktiviertem Seegangs­generator wiederholt. Die ersten Versuche mit maximaler Leistung waren ernüchternd, ja erschreckend.

Knapp 1,5 Meter Wellenhöhe klingen nicht sonderlich schlimm. Dass sich in dem Becken dabei eine extreme Kreuzsee aufbaut, führte allerdings dazu, dass man beim Entern der Inseln derart oft überspült wurde, dass selbst die guten Einstiegssysteme von Sostechnic und Plastimo zur Herausforderung wurden.

Daran änderte sich bei geringer Wellenhöhe erstaunlich wenig. In der schwächsten Stufe erzeugt der Simulator einen gleich­mäßigen, etwa 40 Zentimeter hohen Schwell. Unter diesen Bedingungen ließen sich zwar alle Inseln entern, die Unterschiede traten aber bereits deutlich hervor. Folgerung: Das beste Einstiegssystem ist gerade gut genug.

Fazit

Damit steht auch der Testsieger fest: Die Ocean-ISO-Insel von Sostechnic hinterließ den besten Eindruck. Ebenfalls gut geschlagen hat sich die günstigere Plastimo Trans­ocean 4. Die Einstiegssysteme der übrigen Inseln konnten nicht überzeugen. Seago arbeitet an dem Problem, und auch Crewsaver könnte mit einer beschwerten Strickleiter und einem zusätzlichen Griffgurt wesentlich besser abschneiden.

Foto: K. Andrews
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