Chris Craft Calypso 30 Chris Craft Calypso 30

Test: Chris Craft Calypso 30

Rhythmus im Boot

Peter Lässig am 27.06.2018

Die amerikanische Traditionswerft präsentiert ein edles Boot für Tagestouren. Familien, Wassersportler oder ambitionierte Sportfischer werden damit ihren Spaß haben

Die US-amerikanische Werft Chris Craft ist ein alter Bekannter, was den Bootsbau angeht. Schließlich betreibt man das Geschäft schon seit 1874. Unser Testboot ist eines von aktuell insgesamt 17 Modellen zwischen 21 und 42 Fuß Länge – und das erste, das in Europa vom Unternehmen und dessen Vertretung in Puerto Portals auf Mallorca präsentiert und von BOOTE exklusiv getestet wird.

Calypso assoziiert man mit beschwingtem Tanz, karibischer Musik und dem Sänger Harry Belafonte, was die Werft bei der Namensgebung vermutlich auch im Sinn hatte.

Fotostrecke: Chris Craft Calypso 30

Sommer, Sonne und Spaß auf dem Wasser: All das soll die Chris Craft Calypso 30 Heritage vermitteln.

Die Frage nach der Qualität ist bei einem US-Boot berechtigt, da wir in Erinnerung haben, dass man dort eigentlich nur „lange und ganz lange Schrauben" kennt. Doch hier tanzt unser Testboot erfreulicherweise komplett aus der Reihe.

Nur zwei Beispiele: Die Scharnierschrauben über den Klappabdeckungen der darunter angebauten Klappsitze im Cockpit stehen unterm Deckel weder über, noch sind sie nur unvollständig eingeschraubt – alle schlichtweg bündig. Das zweite Beispiel sind die Mechanismen an Fahrer- und Beifahrersitzen, mit deren Hilfe ein Teil der Sitzflächen hochgeklappt wird.

Bei vielen Mitbewerbern blickt man da in aller Regel auf ein simples Stück Edelstahl-Flacheisen, über das man schmerzhaft hinweggleitet, wenn man vom Sitz rutscht. Nicht so beim Testboot – das trumpft mit einer fast schon filigranen Mechanik auf, die perfekt funktioniert, nicht stört und dazu gut aussieht.

Und diese Liste ließe sich spielend fortsetzen.

Calypso, Kick und Schritt
Im Hafen fährt unser Testboot vorwärts und rückwärts da hin, wo es hinsoll. Drehkreise durchmessen, wenn beide Motoren eingekuppelt sind, maximal zwei Bootslängen. Soll’s enger zugehen, dirigiert man das Boot, indem man die Getriebe nur abwechselnd betätigt.

Außerdem bedient man sich des Joysticks, mit dem die Motoren unabhängig voneinander angesteuert werden und das Boot in jedwede Richtung manövriert werden kann. Das System kostet extra und hat bei stärkerem Seiten­wind etwas Probleme, gegen diesen anzukommen, erfüllt seine Auf­gabe ansonsten aber sehr ordentlich.

Chris Craft Calypso 30

Der Übergang von Verdränger- in Gleitfahrt und Letztere selbst sind stets mit guten Sichtverhältnissen verbunden. Der Fahrstand samt fest installierter Doppelsitzbank ist für Skipper und Co optimal, man sitzt einfach nur gut. Klappt der Skipper das Sitzkissenteil vom Co hoch, fährt er wie im Schalensitz.

Frischluftfreunde kommen auf ihre Kosten, und bei Regen muss es auch ohne Wischer gehen, weil nicht vorhanden. Fast alles ist gut sicht- und bedienbar, das VesselView4 von Mercury lässt sich jedoch schlecht ablesen, da es flach eingebaut ist und die Informationen zu klein abgebildet werden.

Zudem ist es das einzige Kontroll­instrument für beide Motoren, das Boot und besonders den Tankinhalt. Ungünstig platziert sind auch beide Zündschlösser samt Schlüssel, da der Skip­per Letztere unbeabsichtigt mit dem Knie aktivieren kann, wie geschehen. Das soll sich laut Werft noch ändern; oder man bestellt gleich Keyless Go mit Start- und Stopp-Drucktasten. Optimal aus allen Blick­winkeln: der Garmin-Touchscreen.

Das Mittelmeer bietet ideale Testbedingungen: Steifer Wind aus SW und Wellen bis etwa 1 m Höhe. Die Dünung passt, und bei nicht allzu viel Kreuzsee erfreuen sich die Insassen bei Tempo 20 kn gegen und 28 kn mit den Wellen über eine komfor­table Fahrt.

Unter diesen Umständen halten wir uns bei der Testsequenz – immer enger verlaufende Kurven, 180°-Wenden, gedachte Slalombahn und Verreißen des Ruders – zurück und beschränken uns, statt mit Höchstgeschwindigkeit zu fahren, auf 4500 bis 5000 U/min oder durchschnittlich flotte 35 kn. Das Resultat: kein Grund zur Beanstandung.

Da ich während der Fahrt alles mit der Handkamera zu dokumentieren pflege, wünsche ich mir mitunter eine dritte Hand zum Festhalten. Mit diesem Boot bin ich mit Full Speed und optimal getrimmten Motoren übers stark kabbelige Wasser geheizt, eine Hand am Kurbel­knopf des Steuerrads und die andere an der Kamera – doch es gab nicht einen Moment der Unsicherheit.

Chris Craft Calypso 30

Davon abgesehen scheinen Motoren und Boot so gut aufeinander abgestimmt, dass man den Powertrim eigentlich nur braucht, um die letzten paar Kilometer herauszukitzeln. Wir haben eine Höchstgeschwindigkeit von 43,7 kn bei 6000 U/min gemessen.

Wirtschaftlich ist man mit dem Testboot in Gleitfahrt unterwegs, wenn beide Motoren 4000 U/min drehen und auf dem Tacho 28 kn stehen. Dann reicht eine Tankfüllung theoretisch für eine Weg­strecke von 214 sm plus 15 % Reserve. Soll erfüllt. Bei Vollgas sollte man sich nach etwa 136 sm nach einer Bun­kerstation umschauen, und in langsamer Fahrt (7 kn bei 1500 U/min) kann man sich bis 324 sm Zeit lassen, bevor es jeweils an die Reserve geht.

Die hydraulischen Trimmklappen, mit deren Hilfe man den vorderen Bereich des scharf geschnittenen V-Rumpfes etwas absenken kann, verbessern den Fahrkomfort. Angesichts des doch recht rauen Wassers haben wir darauf ver­zichtet, den Schalldruck direkt vor den Motoren zu messen. Dank der Heck­sitz­bank, hinter der sich die beiden Mercu­rys verstecken, verzeichneten wir an­sehn­liche Werte, die erst bei Vollgas die 85 dB(A)-Grenze erreichen.

Technik und Sicherheit
Bei Kraftstoffvorfiltern fordern wir Wasseralarmsensoren; die sind vorhanden und stammen vom Motorhersteller selbst, aber keine Kraftstoffhähne. Bei zwei Mo­toren kann mal einer ausfallen, was wir durchexerzieren. Einen Verado klappen wir bis zum Anschlag hoch – er ist dann komplett aus dem Wasser –, dem anderen geben wir bei ganz aus­gefahrenen Trimmklappen die Sporen.

Das Testboot kommt ins Gleiten (14 kn), und ein voller Tank wäre dabei nach etwa 212 sm bis zur Reserve geleert. Außerdem registrieren wir das außenbords selbst­len­zende Cockpit und eine elek­trische Lenzpumpe, aber keine manuell bedienbare. Die Haupt­schalter verbergen sich unter der Fußstütze am Fahrstand, die dazugehörigen Sicherungen im Toilettenraum.

Wohnen, Cockpit und Ausrüstung
Das Thema "Wohnen" beschränkt sich auf den separaten Toilettenraum samt Toilette vor dem Fahrstand. In ein von allen Seiten offenes Boot kann man auch von allen Seiten einsteigen. Vorn ginge es über die Polster und mittschiffs über die Seitendecks mit tiefem Schritt nach unten.

Chris Craft Calypso 30

Optimal: der Weg an Backbord achtern durch die Heckschanzkleid-Tür. Hinterm Fahrer steht eine Cockpitpantry mit Waschbecken, Kühlschrank und der Option, einen Grill zu installieren. Zudem ist ein tiefes Wasserbecken mit  fließend Seewasser für Lebendfisch eingebaut, zwei weitere befinden sich unterm Cock­pitboden. Gut gelöst sind die klappbaren Cockpit-Sitzgelegenheiten.

Die Standardversion dürfte vor allem Sportfischer interessieren: kein Teak und Kunststoffboden pur im Cockpit. Das Wegspülen von Fischresten gelingt dann einfach, zumal das Cockpit außenbords lenzt.

Die Heritage-Version rangiert eine Stufe darüber und stellt sozusagen die Standardausführung für den "Normalbootfahrer" dar, bei der Edles, Schönes und auch Nützliches (Landanschluss, Warmwasserboiler, Heckdusche, Cockpit-Schanzkleidtür an Steuerbord) schon im Preis inbegriffen ist.

Was nicht heißt, dass da nicht noch jede Menge Ausstattungsluft nach oben wäre; praktisch finden wir etwa das feste Bimini oder Sonnentop mit ausziehbarem Heckteil. Dass die in Deutschland zugelassenen Navigationslampen ebenso wie Abdeckplanen nicht zur Serienausstattung zählen, führt zur Abwertung.

Ein versteckter, selbst­lenzender Ankerkasten vorn be­inhaltet auf Wunsch eine E-Winsch. Die versenk­baren Belegklampen sind schön, aber zu klein und daher für dickes Tau nicht gut geeignet. Gefallen haben uns die Zug­ösen vorn und achtern sowie die einsteck­bare Wasserski-Zugstange, auch wenn sie extra kostet. Dem Designer geschuldet ist die Scheuer-Zier-Leiste. 

Fazit
Chris Craft Calypso 30 Heritage: Allein der Name sagt, was Sache ist. Der edle Küstenrenner mit Tra­dition, ein sicheres, agiles und flottes Tages­boot für alle Arten von Wassersport, bietet Platz für 12 Personen – und glänzt mit einer für die USA und Europa be­stechend guten Verarbeitung.

Sie möchten alle Messergebnisse unseres Tests sehen? Dann laden Sie sich das PDF weiter unten herunter. 

Hier geht's zum Video.

Dieser Test stammt aus der BOOTE-Ausgabe 7/2017

Peter Lässig am 27.06.2018