Ein ungewöhnlicher Konvoi durchquerte am Sonntagnachmittag den Fehmarnbelt. An der Spitze: „Graceful“, die 84 Meter lange Superyacht, die seit Jahren als das schwimmende Refugium des russischen Präsidenten Wladimir Putin gilt. Geschwindigkeit laut AIS zwölf Knoten, Kurs Nordsee und Zielhafen Istanbul.
Sämtliche Decks und Außenflächen des weißen H2 Designs waren mit engmaschigen Schutznetzen überzogen – ein effektiver, wenn auch ästhetisch wenig schmeichelhafter Schutz gegen Drohnenangriffe. An Aufbauten und Mast: fest installierte Drohnenabwehrsysteme. „Graceful" wirkte wie eine Luxusyacht, die sich auf einen Krieg vorbereitet.
Das Manöver begann Mitte der vergangenen Woche. Von Kronstadt bei St. Petersburg und Baltijsk bei Kaliningrad liefen binnen 48 Stunden drei russische Marineverbände aus: Korvetten, Landungsboote, zwei U-Boote, ein Hochseeschlepper, ein Rettungsschiff – und erstmals seit langer Zeit wieder „Graceful“. Begleitet wurde die Yacht vom Zerstörer „Severomorsk“ sowie einem bislang kaum bekannten Neuzugang in Putins maritimem Sicherheitsapparat: der „Voevoda“.
Die „Voevoda“ ist 111 Meter lang hat einen blau-weißen Rumpf und wurde erst im März dieses Jahres offiziell als Rettungs- und Bergungsschiff in Dienst gestellt. Die in Kaliningrad beheimatete Einheit bietet laut Werftangaben Platz für zwei schnelle Beiboote und zwei Hubschrauber. Inoffizielle Quellen vermuteten bereits im vergangenen Jahr, dass das Schiff speziell als Begleitfahrzeug und Sicherungsplattform für die Präsidentenyacht konzipiert wurde.
Als der Verband am Sonntagnachmittag an Fehmarn vorbeizog, folgte „Voevoda“ „Graceful“ in kurzem Abstand. Vor der Ostseeinsel zeigte das AIS von Putins Yacht als Zielhafen Istanbul an, mittlerweile lässt sich der Vierdecker nicht mehr orten. Das AIS Signal der “Voevoda” während der Ostsee-Passage gab als Zielhafen Murmansk an. Es bleibt nun abzuwarten, ob "Gracefull" den weiten Weg Richtung Norden mitgeht oder demnächst in der bevölkerungsreichtsten Stadt der Türkei festmacht. Die Begleitschiff-Theorie spricht für Murmansk.
„Graceful“ ist mehr als eine gewöhnliche Superyacht – sie ist ein schwimmendes Stück russischer Zeitgeschichte. Gebaut wurde sie zwischen 2006 und 2010 auf der russischen U-Boot-Werft Sevmash. Blohm + Voss in Hamburg, heute ein Lürssen-Standort, stellte das Schiffe vier Jahre später fertig und schickte es auf Jungfernfahrt. Damals war der Eigner noch unbekannt, doch die Gerüchte verdichteten sich schnell. Im Mai 2021 nutzte Putin die Yacht im Schwarzen Meer für ein persönliches Treffen mit dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko.
Im Herbst 2021 kehrte „Graceful“ nach Hamburg zurück – geplant war ein umfangreiches Refit mit Heckverlängerung bis Sommer 2022. Doch am 7. Februar 2022, zwei Wochen vor dem russischen Überfall auf die Ukraine, verließ „Graceful“ fluchtartig und unfertig den Hamburger Hafen und steuerte eine Werft in Kaliningrad an. Yachtspotter Steffen Mayer erwischte den Verdränger damals auf dem Nordostseekanal bei ihrer Flucht (s. Foto). Seitdem wurde sie kaum noch auf der Ostsee gesichtet.
Sicherheitsexperten werten den Abzug von „Graceful” aus der Ostsee auch als direkte Folge der ukrainischen Drohnenangriffe. Die Angriffe während des St. Petersburger Wirtschaftsforums scheinen zu der Erkenntnis geführt zu haben, dass auch in der Ostsee die wertvollen Marine-Einheiten nicht mehr sicher sind.
Aktuelle Bilder (5. Juni) einer brennenden russischen Fregatte im Marinearsenal Kronstadt und einer beschädigten Korvette im Ölhafen Primorsk haben das unterstrichen: Selbst in den Heimathäfen bietet die russische Flugabwehr keinen verlässlichen Schutz.
Die Passage der russischen Flotte durch die Ostsee verlief ohne Zwischenfälle.

Editor in Chief YACHT