Die Quaggamuschel breitet sich im Bodensee rasant aus. Sie gefährdet Ökosystem, Trinkwasserversorgung - und kann Borddurchlässe blockieren. Beim Strategiegespräch der Internationalen Bodensee-Konferenz (IBK) am 27. Juni 2026 in Horgen haben die Regierungschefinnen und Regierungschefs der Anrainerstaaten reagiert: Die zuständigen Fachgremien wurden beauftragt, die nächsten Schritte für eine gemeinsame Reinigungspflicht vorzubereiten. In der Schweiz gibt es sie bereits – mit spürbaren Folgen für Segler.
Die Internationale Bodensee-Konferenz (IBK) vereint die Regierungen aller Bodensee-Anrainerregionen: die deutschen Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern, das österreichische Vorarlberg, das Fürstentum Liechtenstein sowie die Schweizer Kantone Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, St. Gallen, Schaffhausen, Thurgau und Zürich. Seit ihrer Gründung im Jahr 1972 koordiniert sie grenzüberschreitende Themen rund um den Bodensee – vom Naturschutz über die Schifffahrt bis zur Trinkwasserversorgung. Dass sie sich nun mit der Quaggamuschel beschäftigt, zeigt, wie ernst das Problem ist.
Die Internationale Wassersportgemeinschaft Bodensee (IWGB), die nach eigenen Angaben mehr als 30 Verbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertritt, unterstützt die geplanten Maßnahmen. Man finde „grundsätzlich alles sinnvoll, was der Einschleppung invasiver Arten, wie beispielsweise der Quagga-Muschel, vorbeuge", sagte Vorsitzender Edgar Raff gegenüber dem SWR. Gemeint sind dabei nicht Boote, die bereits auf dem Bodensee unterwegs sind, sondern solche, die zwischen verschiedenen Gewässern wechseln.
Bei der Umsetzung gibt es allerdings noch offene Fragen. Das größte Problem sei laut Raff, dass bislang völlig unklar sei, wer die Einhaltung einer solchen Reinigungspflicht überhaupt kontrollieren solle. Denkbar wäre zwar, die Hafenmeister damit zu beauftragen, doch ob sie dafür genügend Kapazitäten hätten, sei fraglich. Alle Boote flächendeckend zu überprüfen, sei kaum machbar. Deshalb sei neben der Reinigungspflicht vor allem Aufklärungsarbeit wichtig, so Raff.
Die IBK hat die Internationale Schifffahrtskommission für den Bodensee (ISKB) und die IBK-Kommission Umwelt damit beauftragt, die nächsten Schritte für eine mögliche Melde- und Reinigungspflicht für Schiffe im Bodensee-Einzugsgebiet vorzubereiten. Sobald die Ergebnisse einer Neobiota-Studie vorliegen – erwartet werden sie bis Ende 2026 – sollen beide Gremien einen Vorschlag zur Anpassung der Bodensee-Schifffahrts-Ordnung ausarbeiten. Eine erste rechtliche Prüfung zeigt, dass für eine einheitliche Regelung zunächst ein klarer politischer Auftrag und eine Änderung der Schifffahrts-Ordnung erforderlich wären. „Invasive Arten machen nicht an Grenzen halt. Deshalb braucht es beim Schutz des Bodensees ein abgestimmtes Vorgehen der Länder und Kantone", sagte IBK-Vorsitzender Ernst Stocker.
In mehreren Schweizer Kantonen gibt es die Schiffsmelde- und Reinigungspflicht (SMRP) bereits. Bootseigner, die mit ihrem Fahrzeug von einem See zum anderen wechseln wollen, müssen dies im Vorhinein anmelden und eine professionelle Reinigung nachweisen. Besonders aufwändig: das Spülen der Kühlwasserkreisläufe. Daniel Kallenbrunn, Geschäftsführer der Kibag-Marinas, erklärt das Verfahren: „Die Schiffe werden bei uns mit dem Hochdruckreiniger mit mindestens 70 Grad heißem Wasser gesäubert. Außer dem Rumpf müssen alle Teile gereinigt werden, die mit Seewasser in Kontakt gekommen sind." Und: „Durch die Leitungen muss mindestens 15 Minuten lang ebenfalls 70 Grad heißes Wasser fließen." Die Reinigung kostet mindestens 320 Euro – und ohne Zertifikat wird kein Boot ins Wasser gelassen. Für Motorbootfahrer, die öfter mal zwischen Gewässern wechseln wollen, kann das schnell zur kostspieligen Routine werden.
Dass eingewanderte Muscheln den Bodensee bedrohen können, ist übrigens keine neue Erfahrung. Bereits 1970 berichtete die YACHT, Taucher sollten in 60 Metern Tiefe die Saugstellen der Trinkwasserentnahme untersuchen – auf Dreikantmuscheln, eingeschleppt durch Sportboote von Nord- und Ostsee. Damals warnte das Staatliche Seenforschungsinstitut Langenargen, die Trinkwasserversorgung sei ernsthaft gefährdet. 1969 hatte ein Autor in der DDR-Segelzeitschrift „Segelsport" die Folgen anschaulich beschrieben: Ein 90 Zentimeter weites Leitungsrohr sei bis auf 23 Zentimeter Durchmesser zugewachsen – aus einer 400 Meter langen Leitung wurden 400 Kilogramm Muscheln entfernt.
Meeresbiologe Dr. Michael Zettler vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde kennt das Muster. Die Quaggamuschel sei am Bodensee zwar gerade in den Schlagzeilen – aber keineswegs neu: „Bei uns in Mecklenburg war sie schon ab etwa 2010 zu finden." Und er verweist auf ein Muster, das sich bei invasiven Arten immer wieder zeigt: „Zuerst gibt es eine explosionsartige Vermehrung. Die Bestände schießen nach oben, man erreicht einen Peak mit sehr hohen Dichten – und dann fallen diese Dichten wieder ab, bis hin zu normalem Vorkommen." Auch die Dreikantmuschel hat sich schließlich ins Ökosystem eingepegelt: 1980 berichtete die YACHT nicht mehr von ihr als Schädling – sondern als Nahrungsgrundlage für überwinternde Tauchenten auf Schweizer Seen.
Ob die Quaggamuschel denselben Weg nimmt, bleibt offen. Prävention aber sei das einzig wirksame Mittel, betont Zettler: „Wenn eine Art erst mal etabliert ist, hat man überhaupt keine Chance mehr einzugreifen. Eine Reinigungspflicht wird die Verbreitung nicht komplett verhindern – Fischer schleppen die Larven mit ihren Netzen, Enten mit Wasser in ihrem Federkleid – die Wege der Einschleppung sind unergründlich. Aber ein Hinauszögern ist besser, als nichts zu tun."

Redakteurin Panorama und Reise