Gegen 13.10 Uhr bildete sich am Mittwoch vor Friedrichshafen ein spektakuläres Naturphänomen: Eine Wasserhose wuchs aus den Wolken über dem Bodensee. Nahezu 20 Minuten blieb die markante Luftsäule stehen und war von der Uferpromenade aus deutlich zu erkennen. In den sozialen Netzwerken kursieren zahlreiche Fotos und Videos von dem Ereignis. Viele Medien haben darüber berichtet.
Menschen verfolgten das Schauspiel vom Bodenseeufer aus. Manche verließen Restaurants und Geschäfte an der Uferpromenade, um den ungewöhnlichen Anblick zu beobachten. Dabei wirbelte die Windhose gefährlich nahe auf das Ufer zu.
Auf Facebook und Instagram berichteten Augenzeugen von Momenten der Angst. Die Wasserschutzpolizei meldete hingegen keinerlei Notfälle. Auch der Katamaran, der zwischen Friedrichshafen und Konstanz pendelt, war nicht betroffen. Schiffsführer Johannes Bökle und Steuermann Jan Kadgiehn konnten das Schauspiel aus sicherer Entfernung betrachten. „Wir waren erst verwundert und haben auch gleich Fotos von dem Tornado gemacht", sagte Bökle anschließend dem SWR. Er habe schon viele verschiedene Tornados gesehen, aber nicht in dieser Nähe, auch nicht in dieser Größe.
Der Deutsche Wetterdienst schätzt die Windgeschwindigkeit des Tornados auf 100 bis 150 Kilometer pro Stunde. Eine Wasserhose erreicht eine durchschnittliche Windgeschwindigkeit von rund 100 Kilometern pro Stunde. Für große Schiffe seien Wasserhosen nicht so gefährlich, wie ein Sprecher des Deutschen Wetterdienstes anlässlich einer früheren Tornadosichtung sagte. Kleine Boote und Schwimmer sollten sich aber von einer Wasserhose fernhalten.
In extremen Fällen können Wasserhosen Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometern pro Stunde erreichen und einen Durchmesser von bis zu 300 Metern. Tornadische Wasserhosen, die im Zusammenhang mit Gewittern oder starken Wetterlagen entstehen, können eine ähnliche Zerstörungskraft wie Tornados an Land entwickeln. Nicht-tornadische Wasserhosen, die auftreten können, wenn kalte Luft über warmes Wasser zieht, haben meist weniger Wucht, bringen aber starke Winde und Regen mit sich. Eine Wasserhose kann für Menschen, Boote und die küstennahe Umgebung durchaus gefährlich sein.
Auslöser für die Wasserhose war ein kräftiges Gewitter, das fast eine Stunde lang über dem See festhing. Am Mittwoch habe sich der Tornado auf dem Bodensee aus einer Gewitterzelle gebildet, sagt Marcus Beyer vom Deutschen Wetterdienst gegenüber dem SWR.
Der Deutsche Wetterdienst unterscheidet zwei Arten von Tornados. Die einen gehen mit einer rotierenden Gewitterzellen einher, die anderen könne auch aus einer Regenwolke entstehen. Die Möglichkeit, dass diese Tornados auch Land erreichen, die sei auf jeden Fall gegeben, sagt Beyer. Das sei bei dem Tornado am Mittwoch aber nicht der Fall gewesen. Und “Wenn er wirklich Land erreicht hätte, ist natürlich auch die Frage, ob er dann überhaupt überlebt hätte”, erklärt DWD-Wetterexperte Thomas Schuster. Er habe ja quasi seine Energie aus der Verdunstung aus dem See gezogen. In den ersten paar Minuten könnte Schaden angerichtet werden, allerdings geht der Wetter-Experte davon aus, dass sich der Tornado ohne die Wasserdampfzufuhr direkt aufgelöst hätte.
Wasserhosen sind grundsätzlich nichts anderes als Tornados über dem Wasser. Bei einer Wasserhose fachen Windströme eine Querzirkulation an. So kann laut den Meteorologen ein rotierender Aufwindschlauch entstehen. Höhere Wassertemperaturen in Verbindung mit kalter Luft begünstigten ihre Entstehung, denn dadurch entsteht Instabilität in der Atmosphäre.
Nach der Hitzewelle ist der Bodensee derzeit außergewöhnlich warm, was die Entstehung des Wirbelwinds wahrscheinlich begünstigt hat. “In der Atmosphäre haben wir in den untersten Niveaus Rotation, und diese Rotation hat jetzt im Zusammenhang mit der Gewitterzelle, wo es dann eben auch Aufwinde gibt, dafür gesorgt, dass wir die Bildung von einem Tornado hatten”, erklärt DWD-Meteorologe Kai-Uwe Nerding das Wetterphänomen. Physikalisch gesehen sei das Ganze sehr komplex, ergänzte Roland Roth von der Wetterwarte Süd. Doch lange halte sich solch ein Naturereignis meist nicht – meist dauere es weniger als 20 Minuten.
Typischerweise entstehen Wasserhosen eher im Spätsommer und Frühherbst, wenn das Wasser noch recht warm, die Luft darüber aber schon kühl ist. Statistisch gesehen treten Wasserhosen laut Deutschem Wetterdienst am Bodensee vor allem im September auf. Pro Jahr sei dies meistens zwei- bis dreimal der Fall. Dabei trifft deutlich kältere Luft in der Höhe auf warme Luft über dem Bodensee.
Wenn die entsprechenden Zutaten gegeben sind, ist es auch möglich, dass wir Wasserhosen im Juli beobachten können, sagt Marcus Beyer vom Deutschen Wetterdienst. Doch Wasserhosen seien nur kurzlebig, oft schon nach wenigen Minuten wieder vorbei.
Es ist bereits der zweite Tornado über dem Bodensee innerhalb kurzer Zeit. Erst vor rund drei Wochen war nahe Lindau ein kleinerer Tornado über dem See beobachtet worden.

Editor YACHT