Christian Tiedt
· 23.06.2026
Am Abend des sechsten Tages hatte Gott die Schöpfung vollendet. Zufrieden lehnte er sich zurück, um sein Werk in Augenschein zu nehmen. Da bemerkte er, dass sich in den Falten seiner Schürze noch einige Krümel Erde versteckt hatten. Ihm war bewusst, dass er nichts mehr übrig hatte, um sie mit Leben zu füllen.
Entschlossen streute er sie dennoch mitten in die endlose Weite des Meeres hinein. Seine Welt war schließlich so groß und schön geworden, dass es ohnehin niemanden zu diesen abgelegenen Inseln verschlagen würde. Dann endlich ruhte er. So entstanden die Kapverden – zumindest hört man es dort heute so.
Beim Anflug mit der Linienmaschine aus Lissabon scheint es, als hätte der Schöpfer recht behalten: Nach Stunden über dem Atlantik werden in seinem tiefen Blau nach und nach helle Flecken sichtbar, ein Archipel. Schroffe Küsten, kahle Hänge, trockene Ebenen. Doch nichts, was sich regt.
Aber das Bild wandelt sich, je näher man kommt. Es wird lebendig, denn Cabo Verde, wie sich die kleine unabhängige Gemeinschaft mitten im Ozean nennt, ist nicht verlassen. Sicher, leicht ist das Leben bis heute nicht, auch das erfährt man schnell. Schmerz ist ein Teil der Kultur. Aber man sieht die Menschen jetzt, die hier ihr Leben leben wie auch sonst überall auf der Welt. Und man hört sie. Besonders wenn sie etwas machen, das immer dann besonders hohen Wert hat, wenn man sonst nicht viel besitzt: Musik.
Allen voran wäre da Cesária Évora. Am Hafen von Mindelo kommt man am Abbild der Sängerin nicht vorbei, überlebensgroß an der Fassade einer Lagerhalle, strahlend wie zu ihren großen Zeiten auf internationalen Bühnen. Die „Königin der Morna“, deren getragene klagende Klänge den schicksalhaften Weltschmerz der Cabo-Verdeaner daheim und in der fernen Diaspora so treffend ausdrücken. Mit ihrer Musik machte sie die Inselgruppe selbst jenseits der Kapverden bekannt.
Heute blickt sie in fröhlichen Farben über ihre Heimatstadt und die Bucht davor, mit ihren bunten Fischerbooten und rostenden Trawlern, den Yachten in der Marina – der einzigen im gesamten Archipel – und den großen Frachtschiffen. Mindelo ist aber nicht nur wichtigster Wirtschaftshafen des Inselstaates, sondern auch Ausgangspunkt der Reise, die jetzt vor uns liegt.
In den kommenden zehn Tagen wollen wir die kleine Welt der Kapverden kennenlernen, Inseln besuchen, die vollkommen unterschiedlich sein sollen. Machbar ist das nur wie seit Jahrhunderten schon: über das Wasser.
Auf dem kurzen Weg vom Flughafen in die Stadt öffnet links die weite Bucht von Mindelo, blau und voller Schiffe, einige in unterschiedlichen Phasen des Verfalls. Vorn am Ufer liegt ein großer Schlepper auf Grund. Die Straßen wirken wie frisch gekehrt, vom Wind saubergeblasen. Viele Grau- und Beigetöne, aber auch Farbakzente. Blitzblanke Autos funkeln um die Wette. Nach Afrika, zu dem der Inselstaat Cabo Verde gehört, sieht es hier nicht aus. Vieles erinnert an Portugal.
Der kleine Strand: nicht sehr einladend. Fischabfälle und Plastikflaschen. Bunte Fischerboote liegen nahe dem Fischmarkt, einer großen Halle, die aber schon geschlossen ist. In den vielen Cafés und Bars herrscht noch Ruhe. Touristen genießen die Sonne, während Musiker im Schatten der Markisen ihre Instrumente und Geräte für den Abend vorbereiten. Die eine oder andere Probe hört man schon
Weiter zum ehemaligen Verwaltungssitz aus portugiesischer Zeit, früher der Palácio do Governo, heute der Palácio do Povo - Palast des Volkes. 1874 errichtet, weißer Kolonialstil, davor rote Bougainvillea. Auch die darauf hinführende Straße spiegelt die Geschichte wieder: Sie heißt Rua Libertadores d’África, Straße der Befreier Afrikas. Vor der Unabhängigkeit 1975 hatten im wahrsten Sinne alle Wege nach Lissabon geführt, auch die Rua Lisboa.
Der Supermarkt, Fragata Central, ist gut sortiert. Strela ist die lokale Biermarke. Das gönnen wir zum Sonnenuntergang auf dem Dach des Kreuzfahrtterminals, eine Terrasse. Kein schlechter Ort - kein schlechter Start!
An der Pier des Kreuzfahrtterminals wartet “Chronos” auf uns. Die 54 Meter lange Bermudaketsch gehört zu dem Trio klassischer Yachten, die die Flotte von Sailing Classics bilden. Wobei es sich trotz des eleganten Vintage-Looks um moderne Segler handelt: “Chronos” lief 2013 vom Stapel.
Das Unternehmen ist auf Kabinencharter spezialisiert, eine Möglichkeit, um sich den Traum vom Blauwasser zu erfüllen, wenn einem für die eigene Langfahrt das passende Schiff oder die nötige Zeit fehlen. Denn “Chronos” hat zwar genügend Platz unter Deck für 13 Doppelkabinen, ist aber gleichzeitig klein genug, um sich noch wie eine Segelyacht anzufühlen. Das wird sich in den kommenden Tagen auf der langen Dünung des Atlantiks unter dem Nordostpassat wiederholt zeigen.
“Willkommen an Bord!” steht auf dem Blackboard über der Anrichte an der Rückseite des Deckshauses. Die Crew stellt sich vor: Kapitän Felix und First Mate Jonas, beide aus Deutschland, Bosun Darryn, Deckhand Ronan und Engineer Mariusz. Dazu das Service- Personal: neben Host Selina noch Chefstewardess Rosy aus Italien mit ihren beiden Helferinnen Alicia und Roya. Die Kombüse führt Joe. Elf Personen, acht Nationalitäten. Internationaler geht es kaum. Gesprochen wird Englisch und Deutsch, manchmal beides. Ebenfalls dabei: „Reiseleiter“ Rolf, aus Deutschland, mit Wohnsitz in Portugal und einer tiefen Bindung zu dem kleinen Land, dessen Gäste wir gerade alle sein dürfen.

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