Michael Rinck
· 06.04.2026
Bootsschuhe und Seestiefel unterliegen völlig unterschiedlichen Belastungen. Bootsschuhe sind ständig im Einsatz: an Deck, bei Anlegemanövern und während der Fahrt. Die Sohlen werden über griffige Decksbeläge gezogen, kommen mit Sand in Kontakt und bewegen sich über Betonpiers. Nach mehreren Saisons zeigt sich das Ergebnis: Das Profil nutzt ab, die Sohle wird dünner und verliert ihre rutschhemmenden Eigenschaften. Hier handelt es sich um klassischen Abrieb durch Beanspruchung – die Schuhe haben ihre Aufgabe erfüllt.
Anders verhält es sich bei Seestiefeln. Diese kommen nur sporadisch zum Einsatz: bei widrigen Wetterbedingungen, niedrigen Temperaturen oder starkem Niederschlag. Vielleicht wird das Paar zwei- bis dreimal jährlich getragen, meist in der Übergangszeit. Die übrige Zeit verbringen die Stiefel im Schrank oder Staufach. Und genau dort nimmt das Problem seinen Anfang. Das Sohlenmaterial durchläuft einen Alterungsprozess: Weichmacher gehen verloren, der Kunststoff verhärtet. Die Sohle büßt ihre Flexibilität ein und wird spröde. Von außen betrachtet wirken die Stiefel noch einwandfrei, das Obermaterial zeigt keine Beschädigungen, weder Risse noch undichte Stellen sind zu sehen. Doch die Sohle hat ihre Funktion eingebüßt. Die Tücke dabei: Optisch macht das Schuhwerk einen tadellosen Eindruck, die Trittsicherheit an Deck ist jedoch nicht mehr gegeben. Erhöhte Sturzgefahr!
Der Grip fehlt, die Sohle rutscht auf nassem Deck. In kritischen Situationen kann das gefährlich werden. Wir haben getestet, wie stark der Halt tatsächlich nachlässt. Auf einer schiefen Ebene mit verschiedenen Decksbelägen haben wir zwei alte Bordschuhe und ein Paar Seestiefel ausprobiert. Das Ergebnis war erschreckend: Bereits bei zwölf bis 14 Grad Neigung verloren die porösen Sohlen den Halt. Und das nicht allmählich, sondern plötzlich: zack, weggerutscht. Zwölf Grad Neigung ist wirklich nicht viel. Zum Vergleich: Beim Test neuer Schuhe benutzen wir die selben Decksbeläge und da liegen die meisten Ergebnisse zwischen 30 und 40 Grad Neigung. Der größte Unterschied ist aber, dass eine gute Sohle den Halt nicht plötzlich verliert, sondern langsam anfängt zu rutschen. Der Test zeigt, dass die ausgehärteten Sohlen keinen sicheren Halt an Deck bieten und zudem die Gefahr besteht, plötzlich auszurutschen.
Vor dem Gang zum Schuhmacher probierten wir noch eine Reparatur mit Bordmitteln: das grobe Anschleifen der rutschigen Sohlen. Mit einem Exzenterschleifer und 80er Körnung wurde die spröde Oberfläche bearbeitet. Der Unterschied war gut erkennbar: Die leicht vergilbte Sohle bekam wieder ihre ursprüngliche Farbe zurück. Auf den schrägen Decksbelägen unseres Teststandes zeigte sich auch tatsächlich eine Verbesserung. Hatten die Schuhe auf strukturiertem GFK-Deck keine 13 Grad Neigung geschafft, so waren es jetzt 25. Dennoch sollten die Erwartungen an das Abschleifen der Sohle nicht zu hoch sein, auch 25 Grad Neigung sind noch lange kein guter Wert. Die Verbesserung ist immerhin messbar. Anschleifen ist aber bestenfalls eine Notlösung für den einmaligen Einsatz, bis man Ersatz beschafft hat. Als dauerhafte Lösung taugt sie nicht. Bleibt die spannende Frage, ob eine Reparatur vom Profi bessere Ergebnisse erzielen kann.
Beim Schuster zeigt sich, dass nicht jeder Schuh reparabel ist. Bei einigen Modelle geht es nicht. Entscheidend ist die Bauweise der Sohle. Schuhe mit sogenannter Schalensohle sind problematisch. Bei dieser Konstruktion ist die Sohle an den Rändern nach oben gezogen und dort mit dem Obermaterial vernäht oder verklebt. Die Sohle umschließt den Schuh also teilweise. Das macht eine Reparatur schwierig, weil man praktisch ein perfekt passendes Ersatzteil bräuchte, in exakt der richtigen Form und Schuhgröße. Auf eine Anfrage bei Henri Lloyd, ob es diese Sohle als Ersatz für unsere Beispielstiefel gäbe, kam die Antwort, dass diese nicht verfügbar ist. Keine Reparatur möglich. Einfach abschleifen und eine neue Sohle aufkleben war in diesem Fall keine Option, da auf dem brüchigen Untergrund der Kleber nicht halten und zudem der Stiefel vermutlich auch nicht mehr dicht sein würde.
Ähnliche Diagnose beim Schuh von Sebago: Die Schalensohle lässt sich nur mit passendem Ersatz reparieren. Da es den Schuh noch gibt, könnte die Sohle sogar zu beschaffen sein. Bis Redaktionsschluss hatten wir aber noch keine Antwort erhalten. Beim Decksschuh von Henri Lloyd hingegen konnte eine neue Sohle aufgeklebt werden. Unter der brüchigen alten Sohle ist ein Schaumstoff, der noch elastisch und stabil genug ist. Die Reparatur war nach zwei Stunden erledigt und kostet 60 Euro. Danach ging es mit dem neuen alten Segelschuh auf die Decksbeläge: Das Ergebnis kann mit 35 Grad Neigung überzeugen. Zudem rutscht man nicht einfach weg. Damit liegen die Decksschuhe auf dem Niveau neuer Treter.
Wenn die Schuhe, abgesehen von der Sohle, noch in Ordnung sind oder es sich um besondere Lieblingsstücke handelt, lohnt sich die Reparatur auf jeden Fall. Im Sinne der Nachhaltigkeit und Reduzierung von Müll sowieso. Teurer wird es, wenn der Schuhmacher auch eine Naht nacharbeiten muss, dann kann die Reparatur bis zu 120 Euro kosten. Klar ist aber auch, Schuhe mit gerader Sohle lassen sich einfach reparieren. Hier haben klassische Decksschuhe wie etwa Docksides einen Vorteil, was die Langlebigkeit angeht.
Wenn die Sohle keinen guten Halt mehr bietet, kann aber in jedem Fall beim Schuster nachgefragt werden, immerhin ist die Einschätzung des Profis kostenlos.

Redakteur Test & Technik