Erlebt: Schleuse Geesthacht - Großes Schweigen auf Kanal 22Foto: Jürgen Straßburger

Leben an BordErlebt: Schleuse Geesthacht - Großes Schweigen auf Kanal 22

Unbekannt

 12/19/2015, Lesezeit: 4 Minuten

Wie das Leben so spielt: Die irre Geschichte von helfenden Skippern und ignoranten Schichtleitern an einem ganz normalen Tag in der Schleuse Geesthacht

Das liebevolle Wort "Schleusenmeister" fällt mir schon lange nicht mehr ein, wenn ich an die Schleuse Geesthacht an der Elbe denke. Seit Jahren durchfahre ich diese Schleuse mehrmals im Jahr, und noch nie ist
es mir gelungen, auf UKW-Kanal 22 mit einem dieser sicher stets wechselnden "Schichtleiter" (früher hätte ich gesagt "Schleusenmeister") in Kontakt zu treten. Ich gehöre nämlich zu dieser altertümlichen Art von Sportbootfahrern, die sich vor jedem Schleusengang ordnungsgemäß per UKW anmelden.

Mein frommes Sprüchlein "Schleuse Geesthacht, Schleuse Geesthacht, bitte kommen für Sportboot ,Troll‘ ..." führe ich von vornherein dadurch ad absurdum, dass ich meiner Crew schon vorab verkünde, dass sich die Schleuse Geesthacht von meinem Ruf nicht wird erhören lassen.

So war es auch in diesem Jahr wieder. Zum Saisonstart in Bergfahrt am 18. Juni und in Talfahrt am 27. August. Nun war die Wartezeit am Sportbootanleger im Oberwasser der Schleuse am 27. August erfreulich kurz, und schon nach 20 Minuten wurden die wartenden Sportboote per Lautsprecher aufgerufen, hinter einem Berufsschiff in die Kammer einzufahren. Unmittelbar vor uns die Motoryacht "C’est la vie", davor ein weiteres Sportboot, und in letzter Sekunde läuft hinter uns noch ein kleines Segelboot mit gelegtem Mast ein.

Der Schichtleiter bleibt so stumm wie mein Motor. "Das gibt es doch nicht", denke ich und sehe, wie von vorn ein Sportboot in die Kammer einläuft

Um 14.40 Uhr öffnet sich das Untertor, das Berufsschiff und die beiden Sportboote vor mir laufen aus. Nun bin ich an der Reihe. Dann der Schock: Das Zündsystem ist mausetot, der Motor springt nicht an. Der Blick durch das Untertor verspricht nichts Gutes: Ein Berufsschiff richtet seinen Bug schon Richtung Tor. Schnell an die Funke und den Schichtleiter informiert, dass mein Motor nicht anspringt.

Der Schichtleiter bleibt so stumm wie mein Motor. "Das gibt es doch nicht", denke ich und sehe, wie von vorn ein Sportboot in die Kammer einläuft. Von hinten kommt plötzlich die Ansage: "Willst du nicht mal rausfahren?" "Würde ich gern", rufe ich dem Skipper des kleinen Segelbootes zu, "aber mein Motor springt nicht an." "Ach du Scheiße", sagt der und entspricht sofort unserer Bitte um Hilfe: "Dann gib mir mal ’ne Leine rüber." Gesagt, getan.

In dem Moment sehe ich, dass die Motoryacht "C’est la vie" auf der anderen Seite der Schleusenkammer unsere Höhe erreicht hat. Der Skipper ruft mir zu: "Wir haben euch über Funk gehört und sind zurückgekommen, um euch in Schlepp zu nehmen!" "Danke", rufe ich zurück, "wir hängen schon am Haken."

Mein UKW-Gerät hört immer noch Schleusenfunk ab, aber von einem Schichtleiter ist nichts zu hören. Interessiert es ihn denn gar nicht, ob bei uns alles klar ist? Offensichtlich nicht! Auch als mir vor ein paar Jahren ein Crewmitglied in der Schleusenkammer ins Wasser fiel, gab es keine Reaktion des Schichtleiters. Werden die Kammern nicht per Video überwacht? Oder dürfen die Schicht-leiter keinen UKW-Kontakt mit Sportbooten aufnehmen? Auf so dumme Gedanken kommt man angesichts dieser Vorfälle.

"C’est la vie", sagt der Franzose, wenn er für das Unabänderliche Trost spenden will.

Was wirklich Sache ist, wollten wir doch amtlich und an höchster Stelle klären: "Natürlich gibt es keine Dienst-anweisung, die es den Schichtleitern verbietet, mit Sportbooten Funkkontakt aufzunehmen", sagt Bettina Kalytta, Amts-vorstand des zuständigen WSA Lauenburg, einigermaßen entsetzt. "Ich wusste bis heute gar nicht, dass die Schichtleiter auf Anrufe von Sportbooten nicht reagieren. Ich werde das im Amt zur Sprache bringen." Auch will sie klären lassen, ob die Null-Reaktion auf die Meldung meines Motorschadens möglicherweise technische Gründe hatte. Wir könnten ja in einer Abschattung gelegen haben...

"C’est la vie", sagt der Franzose, wenn er für das Unabänderliche Trost spenden will. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass der Skipper eines kleinen Segelbootes mit 4-PS-Außenborder (Name unbekannt) uns tatsächlich geholfen hat, und der Skipper der Motoryacht "C’est la vie" seine Hilfe unter ungewöhnlichen Umständen angeboten hat. Dafür sage ich auf diesem Wege danke!