Seit Dezember 2025 betreibt Philip Simon mit wattenschipper.de eines der gefragtesten Portale für Gezeitenreviere an der deutschen Nordseeküste. Der Informatiker, der beruflich auch als Grafiker gearbeitet hat und früher eine Druckerei führte, hat die Seite grundlegend neu gestaltet, technisch erneuert und um zusätzliche Funktionen ergänzt. Im Mittelpunkt steht dabei eine kostenlose, interaktive Seekarte mit vielen praktischen Werkzeugen.
Simon hat die Plattform von Peter Renken und Christoph Essing übernommen. Die beiden haben seit 2009 vermutlich Tausende ehrenamtliche Stunden investiert, um Sportbootfahrern sichere Wege zu attraktiven Zielen im Watt zu zeigen. Nach einer gründlichen optischen und technischen Überarbeitung ging die neue Version im Dezember 2025 online – weiterhin ausschließlich über Spenden finanziert. Sein Anspruch: Technik und Gestaltung sollen zusammenpassen. Wenn etwas programmiert wird, soll es aus seiner Sicht nicht nur funktionieren, sondern auch gut aussehen und sich intuitiv bedienen lassen.
Die Idee für die Karte entstand aus Simons eigener Praxis. Für die Törnplanung wollte er die Informationen, die man im Wattenmeer benötigt, gebündelt in einer Karte sehen. Früher nutzte er dafür unter anderem hochauflösende Satellitenbilder, weil sie Veränderungen der Morphologie häufig aktueller und detailreicher zeigen als klassische Seekarten. Für eine präzise Planung kommen außerdem Gezeiten, Wasserstandsvorhersagen und Wetterdaten hinzu – bisher oft nur mit ständigem Wechsel zwischen mehreren Anwendungen. Genau das sollte sich ändern: Alles Relevante sollte in einer einzigen Kartenansicht zusammenlaufen. Herausgekommen ist eine Seekarte mit verschiedenen zuschaltbaren Ebenen, die sich bequem über ein Menü aktivieren lassen.
Als Kartengrundlage nutzt Simon die Seekarten von Freenauticalchart.net. Das Projekt verarbeitet fortlaufend frei verfügbare Daten des BSH zu einer kostenlosen Seekarte und stellt sie Nutzern gratis bereit. Gleichzeitig weist das BSH darauf hin, dass diese kostenlosen Karten keine kommerziellen Seekarten ersetzen können, weil nur Daten verwendet werden, die nicht speziell für die sichere Navigation ausgewertet und geprüft wurden.
Trotzdem eignen sie sich als Fundament für ein Planungstool – besonders dann, wenn man sie bei Bedarf mit aktuellen, kommerziellen Seekarten ergänzt. Auf die Basiskarte von freenauticalchart.net legt Simon zusätzliche Ebenen, darunter hochauflösende Luftbilder, Pegelanzeigen, Grenzen von Schutzgebieten und Seezeichen. Mit Adam Lucke, dem Betreiber von Free Nautical Charts, steht er im Austausch. In der Community teilt man sich Quellen und Erfahrungen, wer welche Daten gefunden und nutzbar gemacht hat.
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Für die Praxis heißt das: Sportbootfahrer können vorab prüfen, wo Priele verlaufen, wie das Watt geformt ist, ob alte Hafenstrukturen noch existieren oder wo sich glatte Sandflächen zum Trockenfallen anbieten. In Kombination mit eingeblendeten Seezeichen wird die Planung deutlich präziser als mit einer Seekarte allein. Simon verwendet diese Ansicht auch, um neue Ankerplätze zu entdecken – zum Beispiel westlich der Einfahrt von Juist, wo eine lange Spundwand und eine größere Sandfläche gutes Liegen ermöglichen, oder östlich vom Hafen Baltrum, wo auf den Luftbildern häufig fünf bis sechs Boote zu erkennen sind.
Auch bei den Pegelständen bringt die Karte spürbare Erleichterung. Das BSH veröffentlicht Wasserstände bezogen auf den Pegel-Nullpunkt – eine Bezugsgröße, die in der Seekarte für die Einschätzung von Wassertiefen nur bedingt hilft. Die Wattenschipper-Karte zeigt die Werte deshalb nach Seekarten-Null (SKN). So lässt sich direkt beurteilen, ob ein Wattenhoch noch befahrbar ist oder bereits kritisch wird.
Neu ist außerdem: Neben den offiziellen BSH-Pegeln zeigt die Karte auch Wasserstände an kleineren Pegeln der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung. Ergänzt werden diese durch eine Kombination aus astronomischer Gezeitenvorausberechnung und meteorologischer Prognose. Die Daten werden regelmäßig aktualisiert und direkt an den Pegelstandorten in der Karte dargestellt.
Mit der Nordsee-Befahrensverordnung von 2022 gelten im Wattenmeer neue Regeln. Schutzgebiete wurden ausgeweitet oder in ihrem Status verändert. Viele Sportbootfahrer hatten die Sorge, dass beliebte Wattquerungen oder auch Ankern und Trockenfallen kaum noch möglich seien. Simon stellte das Projekt auf der boot Düsseldorf vor und berichtet, dass ihm diese Einschätzung dort häufig begegnete: Viele glauben, man dürfe im Wattenmeer praktisch nichts mehr – weder fahren noch trockenfallen.
Dieser Eindruck kann durch die Darstellung klassischer Seekarten entstehen: Dort sind Schutzgebietsgrenzen oft nur als gestrichelte Linien markiert, die tatsächliche Flächenausdehnung ist schwer zu erfassen. Genau hier setzt das Overlay „Schutzzonen“ an, das Simon integriert hat. Wird es aktiviert, erscheinen Allgemeine und Besondere Schutzgebiete farbig und transparent, sodass die darunterliegende Karte sichtbar bleibt. Kombiniert man das etwa mit Luftbildern, sieht man gleichzeitig Priele, Sandbänke und die Bereiche, in denen man liegen darf. Dadurch werden Grenzen deutlich klarer und Missverständnisse nehmen ab.
In der Karte finden sich außerdem Befahrenshinweise für teils anspruchsvolle Seegatten. Zusätzlich hat Simon diesen Informationen eine eigene Rubrik auf der Website gegeben. Auslöser war ein Vorfall vor drei Jahren: Simon wurde von der Wasserschutzpolizei bei Hooksiel kontrolliert, seine Papierseekarte war über zwei Jahre alt. Obwohl er aktuelle elektronische ENC-Karten auf drei Geräten an Bord hatte, sollte er ein Bußgeld zahlen.
Im Gespräch wurde deutlich, warum solche Kontrollen streng gehandhabt werden: In Seegatten kommt es bekanntermaßen häufig zu Unfällen, teils sogar monatlich, besonders im Bereich Norderney. Simon hält jedoch fest, dass nicht die Seekarten das Kernproblem sind. Entscheidend sei vielmehr das fehlende Bewusstsein dafür, wie gefährlich Seegatten unter bestimmten Bedingungen werden können.
Daraus entwickelte er eine Sicherheitskampagne, die auf der Website über einen roten Button erreichbar ist. Die Seite fasst fünf zentrale Regeln für die sichere Befahrung eines Seegatts zusammen, ist in sieben Sprachen verfügbar und enthält einen QR-Code, damit auch ausländische Gäste – besonders Niederländer, die häufig ins niedersächsische Wattenmeer kommen – die Hinweise schnell abrufen können. Die Inhalte entstanden in Abstimmung mit mehreren Institutionen und sind zusätzlich als Aushang für Hafenschaukästen nutzbar.
Die Hinweise sind bewusst einfach formuliert und enthalten Sicherheitsreserven. So empfiehlt Simon etwa, Seegatten vorwiegend bei auflaufendem Wasser zu befahren, idealerweise ab zwei Stunden vor Hochwasser. Ortskundige hätten zwar oft mehr Spielraum, doch für weniger erfahrene Fahrer sorgt diese Empfehlung für einen sinnvollen Puffer.
Für eine gründliche Törnplanung liefern Karte und Website noch weitere Inhalte, darunter Lottiefen über Wattenhochs, aktuelle Wasserstände sowie Wind- und Wettervorhersagen, mit denen sich sogar ein Wetterrouting erstellen lässt. Zusätzlich sind Routen „über die Wiese“, also quer über das Watt, sowie Plätze zum Ankern und Trockenfallen beschrieben. Diese klassischen Wattrouten, die schon Renken und Essing dokumentiert hatten, bleiben weiterhin verfügbar. Simon betont, dass alle beschriebenen Routen nach wie vor problemlos befahrbar seien, da sie außerhalb der besonderen Schutzzonen liegen.
Trotz der vielen Möglichkeiten ist ihm ein Punkt wichtig: Die Wattenschipper-Karte ersetzt keine amtlichen Seekarten. Sie ist als Planungshilfe gedacht – nicht in erster Linie als Navigationswerkzeug während der Fahrt.
In einem YouTube-Video erklärt Simon die Funktionen:

Redakteurin Panorama und Reise