Porträt“Victorious” - Über Umwege zur Perfektion

Sören Gehlhaus

 · 31.10.2022

Porträt: “Victorious” - Über Umwege zur PerfektionFoto: Blue iProd
85 Meter mit zwei Gesichtern: Auf dem Achterdeck parkt ein Zwölf-Meter-Limotender von Akyacht, nicht im Bild sind Mittelkonsole und Wakeboardboot. Ein Deck tiefer entspannt es sich im 200-Quadratmeter-Beachclub mit Spa, Gym und Pool.

Ein türkischer Eigner holte einen 2006 auf Kiel gelegten Stahlkasko aus dem Dornröschenschlaf und machte daraus in einer eigens aufgebauten Werft die 85 Meter lange „Victorious“.

Gäbe es ein Guinness-Buch der Yachtingrekorde, „Victorious“ wäre darin ein Platz sicher. Der Eintrag müsste lauten: Yacht, die am meisten Seemeilen auf eigenem Kiel, aber ohne eigenen Antrieb zurückgelegt hat. 37.000 waren es, was einer Strecke von anderthalb mal um den Äquator entspricht. Den Stahlrumpf legte eine Werft in Chile 2006 als 77 Meter lange „Gin Tonic II“ auf Kiel. Als der Eigner in finanziell schwieriges Fahrwasser geriet, übernahm der neuseeländische Unternehmer Graeme Hart im mittleren Baustadium und ließ die Metallkonstruktion in sein Heimatland verholen. Nach zwei Jahren verlor Hart das Interesse und entschloss sich, „Ulysses“ zu bauen.

Verlagssonderveröffentlichung

Kaskos, die aufgrund von unvorhergesehenen monetären Miseren in einen Dornröschenschlaf verfallen, sind nichts Ungewöhnliches im Yachting. Und auch was sich nun ereignete, war eine dieser Kuriositäten, die keine Ausnahme darstellt in einer von Tatkraft geprägten Branche. 2016 fand das Brokerhaus Fraser einen neuen Eigner aus der Türkei, den erfolgreichsten Mietwagenunternehmer des Landes: Vural Ak. Er suchte mehr als sechs Monate nach einer geeigneten Werft, die seinen Explorer zu Ende bauen konnte. Vergeblich. Also baute er sich mit Akyacht seinen eigenen Bauplatz auf und organisierte einen Schleppzug von Auckland nach Izmit. Eine Autostunde von Istanbul entfernt entstanden zwei klimatisierte Hallen mit eigener Tischlerei und Polsterei.

Die Highlights der “Victorious”:

Schönes Schwergewicht: Auch die Aufbauten des 2164 Tonnen verdrängenden Fünfdeckers  bestehen aus Stahl, mit Ausnahme des von  Akyacht hinzugefügten Topdecks.

Der 50-jährige Ak hat bereits mehrere Yachten besessen, ist aber in erster Linie Auto-Enthusiast und -Sammler (unter anderem von 22 identischen Porsche GT3), Offroad-Champion und Betreiber der Rennstrecke Istanbul Park Circuit. Das verdeutlichte auch der metallicblaue Bentley Continental, der sich während der Monaco Yacht Show auf dem 8,20 Meter durchmessenden Helipad des Bugs sonnte. Als die Formel 1 im Jahr 2020 nach neun Jahren in die Türkei zurückkehrte und der neue Asphalt nicht den nötigen Grip aufwies, ließ Vural Ak einige Fahrzeuge aus seiner 45000 Mietwagen großen Flotte die Bitumenschicht abfahren.

Exterior-Modifikationen und neue Innenraumgestaltung

Am östlichen Ende des Marmarameeres wuchs sein 37.000 Seemeilen weit gereistes Explorer-Projekt, nun auf „Victorious“ getauft, dank Bugspriet und einer Sechs-Meter-Heckverlängerung für den Indoorpool im Beachclub auf 85 Meter an. Akyacht änderte die Rumpflinien von Michael Leach Design und die Stahlaufbauten leicht ab und wandelte das kommerzielle in ein fein verspachteltes Superyacht-Finish um. Ein eigenes Team aus Ingenieuren erweiterte nach oben um ein Deck, dem einzigen, das wie die Schanzkleider aus Aluminium besteht. Zwar reisten containerweise Elemente des ursprünglich angedachten Innenausbaus mit, Ak entschied sich für die 1.316 Quadratmeter großen Gästebereiche jedoch kurzfristig für ein neues Interior von H2 Yacht Design, was eine Querverbindung zum Interimseigner Graeme Hart schafft. Der ließ seine beiden „Ulysses“-Explorer ebenfalls von Jonny Horsfield und seinem Team ausgestalten.

„Victorious“ wurde als Familienrefugium angelegt, erläutert Akyachts Projektmanager Kıvanç Nart auf dem Hauptdeckflur, von dem seitlich vier Doppelkabinen und vorn eine VIP-Suite abgehen. Auf das mittlere Unterdeck verteilen sich Unterbringungsoptionen für acht weitere Gäste, mit deren Ausbau zum Teil in Neuseeland begonnen wurde und die im Charterbetrieb der Crew vorbehalten sind. Dank fünf Pullman-Betten schlafen allein hier bis zu 13 Personen. An jeder Tür geben Plaketten die Namen von bekannten Formel-1-Parcours wieder. Natürlich ist die Mastersuite auf dem hinteren Brückendeck nach Aks Istanbul Park Circuit benannt. Hier zeigt sich besonders gut, wie präzise die Tischler von Akyacht die Vorgaben von H2 Design umsetzten. Es findet sich Anigré-Furnier an den Wänden, Ebenholz auf Einbaumobiliar und helles Eichenholz auf dem Boden sowie Teak als Raumtrenner oder Deckenelement in luftig verlegter Leistenform. Abgehängte Decken sind meist cremefarben und dienen der indirekten Beleuchtung. Die Bäder erweitern den Materialmix um silbernen Travertinstein und Calacatta-Marmor, auf Eignerwunsch entsprechen die Armaturen dem American National Standard.

Das Eignerpaar teilt sich 85 Quadratmeter, was der Größe von Brücke und Kapitänsgemach entspricht und damit eher zurückgenommen ist. Dafür befinden sich dazwischen zwei Kabinen für die Zwillingssöhne. Den Jungs geht es darüber hinaus auch ganz gut an Bord; auf dem Hauptdeck nutzen sie an Steuerbord das stufenweise erhöhte Kino für Gaming oder vertreiben sich die Zeit in einem überdimensionalen Spielzimmer an der Stirnseite zum Tender-Achterdeck.

Humidor, Echtholzkamin sowie Wein- und Whiskeyschrank

Es ist gut möglich, dass der Designprozess seinen Lauf vom obersten Deck abwärts genommen hat, top-down sozusagen – man also davon ausgeht, dass das Familienoberhaupt seinem liebsten Raum an Bord den Vorrang bei der Planung gewährte. Wo sonst luftige Sonnendecks mit Entspannungs- und Bräunungskapazitäten angesiedelt sind, wünschte Vural Ak einen Gentlemen’s Club auf 143 Quadratmetern. Der verzichtet zwar zugunsten einer halbmondförmigen Ledergarnitur auf Chesterfield-Sessel, ist aber großzügig mit Ebenholz ausgeschlagen und setzt auf Arbeitsplatten aus schwarzem Marmor.

Gentlemen’s Lounge: Auf dem obersten Deck klingen Abende aus. Den Innenausbau nahm Akyacht in Eigenregie vor und kaufte Designmobiliar dazu.Foto: Blue iProd
Gentlemen’s Lounge: Auf dem obersten Deck klingen Abende aus. Den Innenausbau nahm Akyacht in Eigenregie vor und kaufte Designmobiliar dazu.

Im Pflichtenheft standen Bar, Humidor, Wein- und Whiskeyschrank sowie zwei mannshohe Musikboxen, die historischen Kino-Soundanlagen nachempfunden sind. „Sie wurden von einem engen Freund von Herrn Ak handgefertigt, einem Akustikingenieur“, lässt Projektmann Nart wissen und berichtet, welche Sicherheitsvorkehrungen der zentrale, mit weißem Marmor verkleidete Echtholzkamin erforderte: eine separate Klimaanlage, ein System zur Kontrolle der Ablufttemperatur, Kohlenmonoxidmelder und eine CO2-Feuerlöschanlage. Die Lagerstelle für das Holz hat einen angeschlossenen Crewzugang. Nart betont: „Der Eigner liebt Feuerstellen, an Land hat er sie überall, sogar in seinem Büro.“ Das Ambiente hier oben ist gemütlich-locker und doch vornehm-maritim. Für die Gewinnerzigarre lässt sich ein Großteil der Fenster des Frontovals öffnen oder bietet sich das Achtercockpit an.

Tenderflotte oben, glamouröser Beachclub unten

Die 232 Quadratmeter des gesamten Oberdecks dienen gesellschaftlichen Anlässen. Der zeitgenössische, von heller Eiche bestimmte Stil spricht viele Geschmäcker an, ist äußerst Charter-kompatibel. Innen beginnt es achtern mit dem Salon, einer kleinen Lounge – mit Bar –, Speiseraum respektive Konferenzraum und Observation-Lounge mit Piano. Außen steht ein Spa-Pool am hinteren Ende, davor eine lange Tafel für 16 Personen, denen 14 Strahler in der Decke einheizen.

Alle Ebenen, bis auf das oberste Deck, verbindet ein Aufzug mit jeweils einem Zugang für Crew und Gäste. Auf dem Unterdeck erwartet sie ein Beachclub, der für einen Explorer eher ungewöhnlich ist: mit einem Spa inklusive Hamam, Massageraum sowie Entspannungszonen und hinter der Lazarette mit einem sechs mal drei Meter messenden Pool mit Gegenstromanlage und 1,20 Meter Tiefe. Projektmanager Kıvanç Nart weist auf die Partytauglichkeit hin: „Den Raum beschallen sechs Lautsprecher und drei Subwoofer in der Decke.“ Die gleichen Abmessungen wie der Pool haben jeweils die beiden Rumpfklappen, von denen das Gym backbords und der kombinierte Friseur-/Schönheitssalon an Steuerbord profitieren.

Badeclub: Im sechs mal drei Meter großen Becken schwimmt man gegen den Wasserstrahl an. In der Decke darüber verstecken sich drei Subwoofer.Foto: Blue iProd
Badeclub: Im sechs mal drei Meter großen Becken schwimmt man gegen den Wasserstrahl an. In der Decke darüber verstecken sich drei Subwoofer.

Alle Bereiche des Beachclubs addieren sich auf eine Fläche von insgesamt 200 Quadratmetern, da Tender comme il faut für diesen Yachttypus auf dem Achterdeck liegen und von zwei Sieben-Tonnen-Kränen bewegt werden. Den größten Stellplatz beansprucht ein 12,80 Meter langer als Limousine genutzter Alukat aus Akyacht-Fertigung für sich. Die 11,50- Meter-Mittelkonsole von Fountain entspricht mit ihren drei je 224 Kilowatt starken Außenbordern ganz dem Performance-Geschmack des „Victorious“-Eigners. Wiederum Familienspaß verspricht ein 6,10 Meter langes Wakeboardboot (Mastercraft Pro Series 190). Bei drei Sea-Doos, zwei Jetboards, zwei E-Foilern und diversen Surf- und Tauchgeräten haben Wassersport-vernarrte Chartergäste viel zu tun während eines einwöchigen Aufenthalts, für den Burgess 800000 Euro berechnet.

Die Herausforderung: Schon vorhandene Systeme an die neuen Wünsche anpassen

Akyacht stand vor der Herausforderung, verbaute Bordsysteme oder bereits dafür geschaffene Voraussetzungen technisch an den neuesten Stand anzupassen. Zwei zusätzliche Generatoren platzierten die türkischen Ingenieure auf dem Unterdeck vor dem Schönheitssalon und hinter dem Motorkontrollraum. Das Tankdeck verteilt sich auf zwei Ebenen. Der Grund: Der Tiefgang beträgt stolze 4,74 Meter und ist eine Konsequenz aus der Verdrängung von 2164 Tonnen, die sich wiederum aus der soliden Konstruktion mitsamt Stahlaufbauten ergibt. Der 85-Meter-Explorer führt allein sieben Tonnen Öl und 160 Tonnen Wasserballast mit. Auf der oberen Ebene des Tankdecks arbeiten zwei Caterpillar-Zwölfzylinder mit jeweils 1100 Kilowatt Leistung.

Mit frisch darunter gebunkerten 264.330 Litern Diesel würde „Victorious“ die gut 10.000 Seemeilen vom ursprünglichen Bauplatz in Chile nach Istanbul mittlerweile aus eigenem Antrieb und nonstop schaffen. Und würde bei konstanter Fahrt von zehn Knoten zusätzlich vom Bosporus nach Monaco und zurück gelangen. Den Verbrauch gibt die Werft dann mit 240 Litern pro Stunde an, bei 16,5 Knoten Topspeed fließen stündlich knapp 600 Liter Diesel durch die Kraftstoffleitungen. Großzügige Bevorratungsoptionen sollen sechs Monate Autonomie gewährleisten. Kıvanç Nart informiert, dass Eigner Vural Ak ein zusätzliches Paar Stabilisatoren forderte. Das vordere Paar der Quantum-Finnen lässt sich zum Teil einfahren, beide Roll- und Stampf-Eliminatoren unterstützen Zero-Speed-Positionierung.

Der Bugspriet liefert Titanic-Momente.Foto: Blue iProd
Der Bugspriet liefert Titanic-Momente.

Akyacht expandiert und hofft auf große Aufträge

Trotz seines bemerkenswert persönlichen Engagements will Vural Ak zum Zeitpunkt unseres Besuches verkaufen. 125 Millionen Euro verlangt er für „Victorious“, die mit knapp über 2291 Gross Tons etwas weniger Volumen als klassisch weiße Yachten vergleichbarer Länge und aktueller Bauart offeriert. So kommt die 85-Meter-Lürssen „Solandge“ auf 2900 Gross Tons. Dafür erhält man eben doch einen waschechten Explorer mit hochgezogenem Bug und einem unverbauten, aber prall gefüllten Achterdeck. Aufgrund der Kiellegung vor über 15 Jahren wurde nach LY2 zertifiziert, wodurch es bei privater Nutzung maximal 24 Betten plus fünf Pullman-Kojen zu belegen gilt. Im Chartermodus befinden sich bis zu zwölf Gäste und 26 Besatzungsmitglieder an Bord.

Wer eine eigene Werft hat, die zwar für Refits gut gebucht ist, will diese sicher ihrer eigentlichen Bestimmung zuführen und dort einen „echten“ Neubau entstehen lassen. Zwei zusätzliche 120 Meter lange Hallen seien bereits in Planung. Vielleicht überrascht uns Vural Ak in den nächsten Jahren mit einem neuen Eintrag ins Guinness-Buch der Yachtingrekorde. „Als Projektmanager hoffe ich das doch sehr“, schließt Projektmanager Kıvanç Nart die „Victorious“-Tour ab. Das könnte dann die erste in der Türkei gebaute Gigayacht werden.

Brückendeck: Zwischen Kapitänskabine und Mastersuite schlafen die Söhne des Eigners. Ein Deck höher erstreckt sich der Gentlemen’s ClubFoto: Blue iProd
Brückendeck: Zwischen Kapitänskabine und Mastersuite schlafen die Söhne des Eigners. Ein Deck höher erstreckt sich der Gentlemen’s Club

Oberdeck: Der Aufzug hat zwei Zugänge und führt vom Unter- bis zum Brückendeck. Die Außentafel bietet sich für Bankette an.Foto: Blue iProd
Oberdeck: Der Aufzug hat zwei Zugänge und führt vom Unter- bis zum Brückendeck. Die Außentafel bietet sich für Bankette an.

Hauptdeck: Das Kino liegt gegenüber der kommerziellen Galley und hinter den Gästequartieren. Ganz achtern ist das riesige Spielzimmer.Foto: Blue iProd
Hauptdeck: Das Kino liegt gegenüber der kommerziellen Galley und hinter den Gästequartieren. Ganz achtern ist das riesige Spielzimmer.

Unterdeck: Die vier Kabinen verfügen über Pullman-Betten und werden im Charterbetrieb von der Crew 
belegt, die sonst davor wohnt.Foto: Blue iProd
Unterdeck: Die vier Kabinen verfügen über Pullman-Betten und werden im Charterbetrieb von der Crew belegt, die sonst davor wohnt.

Technische Daten “Victorious”

  • Länge über alles: 85,00 m
  • LWL: 73,10 m
  • Breite: 14,20 m
  • Tiefgang: 4,74 m
  • Verdrängung (leer): 2164 t
  • Gross Tonnage: 2291 GT
  • Material: Stahl, Aluminium
  • Motoren: 2 x Caterpillar 3152B
  • Motorleistung: 2 x 1100 kW
  • Geschwindigkeit (max.): 16,5 kn
  • Geschwindigkeit (Reise): 12,5 kn
  • Reichweite bei 10 kn: 13000 sm
  • Verbrauch bei 10 kn: 240 l/h
  • Kraftstoff: 264330 l
  • Navigation: Simrad, Furuno
  • Exteriordesign: Michael Leach, Akyacht
  • Interiordesign: H2 Yacht Design, Akyacht
  • Klasse: Lloyd’s Register, LY2
  • Werft: Akyacht, 2021
  • Broker: Burgess
  • Preis: 125 Mio. Euro

Dieser Artikel erschien zuerst bei unserem Schwester-Magazin BOOTE EXCLUSIV

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