Noch ist „Aurelia WINO“ keine schwimmende Tankstelle für elektrische Boote. Der Prototyp aus Kiel berührt aber eine zentrale Zukunftsfrage der elektrischen Schifffahrt: Woher kommt der Strom, wenn unterwegs kein Hafen mit Landanschluss in Reichweite ist? Oder: Wie lässt sich die Reichweite elektrobetriebener Boote vergrößern? Ab Herbst 2026 soll das Wellenkraftwerk in der Nordsee zeigen, was unter realen Offshore-Bedingungen möglich ist.
Die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel versteht „Aurelia WINO“ bislang nicht als Ladepunkt für Freizeitboote, sondern als Technologietest für die Stromerzeugung aus Wellenenergie. Als mögliche Anwendungen nennt die Hochschule mobile und autarke Energieversorgung auf See, zum Beispiel für Forschungsplattformen, Messstationen oder Unterwassertechnik. Auch die Forschungsplattform FINO 3 selbst soll während des Tests zumindest einen Teil ihres Strombedarfs mit grünem Strom decken, statt ausschließlich auf Dieselgeneratoren angewiesen zu sein.
Bei elektrisch angetriebenen Booten dreht sich die Debatte oft um Motorleistung, Batterien und die sich daraus ergebende Reichweite. Im Hinblick auf die Reichweite könnte Energieversorgung unterwegs wichtig werden. An diesem Punkt wird das Kieler Projekt für Elektromotorboot-Fahrer interessant. Es geht nicht um den nächsten Schnelllader im Hafen, sondern um einen möglichen Baustein für Stromversorgung auf See, dort also, wo klassische Infrastruktur fehlt.
Der Probebetrieb ist bei der Forschungsplattform FINO 3 in der Nordsee geplant, rund 80 Kilometer westlich von Sylt. Dort soll „Aurelia WINO“ mindestens sechs Monate lang unter Realbedingungen erprobt werden. Das Team um Prof. Dr.-Ing. Christian Keindorf will herausfinden, wie sich das System unter rauen Offshore-Bedingungen verhält. Nach Angaben der HAW Kiel liegen die mittleren signifikanten Wellenhöhen dort im Herbst und Winter bei etwa zwei Metern. Bei starken und lang anhaltenden Stürmen können Wellenhöhen von bis zu zehn Metern auftreten.
Gebaut wurde der Prototyp bei German Naval Yards Kiel. Derzeit liegt er in einer Halle der Werft. In den kommenden Monaten sollen letzte Funktionstests laufen und das Verladen vorbereitet werden. Basishafen ist die Kieler Förde. Zur Offshore-Position soll die knapp 43 Meter lange „Fortuna Bluebird“ das System bringen. Die Route führt zunächst durch den Nord-Ostsee-Kanal. Bei Helgoland ist ein Schleppvorgang vorgesehen. Parallel dazu laufen noch die behördlichen Genehmigungen.
Am Einsatzort soll „Aurelia WINO“ mit drei Ankern im Abstand von jeweils 120 Grad gesichert werden. Geplant ist außerdem ein Stromkabel auf dem Meeresboden, das den Prototyp mit FINO 3 verbindet. So könnte die Plattform während des Tests zumindest einen Teil ihres Strombedarfs direkt aus Wellenenergie decken.
Technisch basiert das System auf einer Stabboje mit Schwimmkörper, die dem Seegang folgt und sich vertikal auf und ab bewegt. Aus der Relativbewegung zwischen Schwimmkörper und Stabboje treiben Führungsstangen zwei Lineargeneratoren an. Diese wandeln die mechanische Energie direkt in elektrische Energie um. Der Prototyp ist rund zwölf Meter hoch und wiegt etwa zehn Tonnen.
Im Fokus stehen laut HAW Kiel vor allem die elektrotechnischen Komponenten des Antriebsstrangs und deren Zuverlässigkeit unter rauen Umweltbedingungen. Während des Einsatzes sollen außerdem die Energieerträge in Kilowattstunden erfasst werden. Daraus will das Projektteam auch das CO₂-Einsparpotenzial gegenüber fossilen Kraftwerken ableiten. Gefördert wird das Projekt im Landesprogramm Wirtschaft 2021 bis 2027 mit rund 660.000 Euro aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Zuvor war bereits das Transport- und Installationskonzept mit rund 140.000 Euro unterstützt worden.
Die HAW Kiel formuliert ihre Perspektive bislang ausdrücklich vorsichtig. Genannt werden mobile und autarke Energieversorgung auf See, etwa für Forschungsplattformen, Messstationen oder Unterwassertechnik. Ein Ladepunkt für Sportboote oder Motoryachten gehört bisher nicht zu den konkret genannten Anwendungen.
Trotzdem liegt die weitergehende Idee auf der Hand. Wenn sich Wellenkraftwerke dieser Art im Dauerbetrieb bewähren, könnten fest verankerte Systeme in abgelegenen Revieren Strom erzeugen und an maritime Infrastruktur abgeben. Denkbar wären dann auch Ladepunkte für elektrisch angetriebene Boote. Im Moment ist das aber nicht mehr als eine Perspektive.
Christian Keindorf, Professor für Offshore Anlagentechnik an der Fachhochschule in Kiel, erklärt das Funktionsprinzip
So viel Energie steckt in Wellen

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