Schon am Freitag hatte Leonie Frank, die Tochter von Unternehmensgründer Mike Frank, die “Pioneer One” auf dem Gelände der Volkswerft Stralsund getauft - allerdings auf dem Trockenen. Für eine Einwasserung war es schlicht zu stürmisch. Die ist nun nachgeholt worden. Nun stehen Probefahrten an, um das Schiff unter realen Bedingungen zu testen, bevor es im September auf dem Cannes Yachting Festival seine Weltpremiere feiern soll.
Der über 18 Meter lange Katamaran ist nach Herstellerangaben der erste in Deutschland entwickelte und gebaute Zweirumpfer dieser Größe, der zu 100 Prozent mit Solarenergie betrieben wird. Pioneer Yachts pachtete Anfang 2024 eine Produktionshalle auf dem rund 34 Hektar großen Werftgelände. Innerhalb von gut einem Jahr entstand dort der erste Neubau. Das Unternehmen verbindet nach eigenen Angaben deutsches Engineering mit italienischer Designkompetenz und innovativer Energietechnologie. Das Rumpfdesing stammt vom italienischen Studio Cossutti & Ganz, das auch für Bavaria Yachts und erfolgreiche Regattayachten arbeitet. Die Inneneinrichtung entwarf Micheletti + Partners, bekannt durch Projekte für Baltic Yachts und Nautor's Swan.
Das Herzstück der “Pioneer One” bildet die sogenannte Integrated Energy Architecture. Antrieb, Solarstromerzeugung und Energiespeicherung funktionieren als koordiniertes System. Die großflächigen Solarpaneele auf dem Dach erzeugen die Energie für den normalen Fahrbetrieb, während Batterien Strom für lautlose Navigation und längere Autonomie speichern.
Das Schiff erreiche eine Höchstgeschwindigkeit von elf Knoten und fahre im normalen Betrieb mit siebeneinhalb Knoten, heißt es vom Hersteller. Die Konstruktion sei von Grund auf für solar-elektrischen Antrieb konzipiert worden, nicht als nachträgliche Anpassung einer konventionellen Motoryacht. Rumpfgeometrie, Gewichtsverteilung und Aufbauproportionen seien speziell für den Solarantrieb entwickelt worden, um den Energieverbrauch zu reduzieren. Das Schiff arbeite mit einem 48-Volt-Bordnetz, das alle wichtigen Systeme ohne die Komplexität von Hochspannungsarchitekturen versorge. Diese Niederspannungstechnik ziele auf Sicherheit, Zuverlässigkeit und einfache Wartung ab.
Mike Frank, Ingenieur und Unternehmer, will die “Pioneer One” selbst betreiben und als Entwicklungsplattform nutzen. „Das Boot im Wasser zu sehen, ist einer dieser Momente, die man nicht vergisst. Das ist kein weiterer Elektro-Katamaran. Es ist eine komplett neue Art von Yacht für dieses Segment, gebaut für den echten Betrieb. Ich bin sicher, dass die bevorstehenden Probefahrten das beweisen werden", wird Frank in einer Mitteilung der Werft zitiert. Die Daten aus dem praktischen Einsatz sollen in künftige Produktionsmodelle einfließen.
Das Unternehmen beschäftigt derzeit rund 20 Mitarbeiter. Innerhalb der kommenden drei Jahre plane man eine Vergrößerung auf etwa 70 Beschäftigte. Die Produktionskapazität solle auf bis zu zehn Yachten pro Jahr steigen. “Pioneer Yachts” wurde erst vor zwei Jahren gegründet, nachdem Frank eine Marktlücke für zuverlässige solar-elektrische Yachten erkannt habe. Das Team bringe eine kombinierte Erfahrung von mehr als 275 Jahren im Yachtbau mit.
Die Volkswerft Stralsund blickt auf eine lange Schiffbautradition seit 1948 zurück. Der Standort gehörte bis zur Insolvenz 2021 zum Verbund MV Werften als Teil des asiatischen Genting-Konzerns. Die Corona-Pandemie brachte das Unternehmen in Schieflage. Die Hansestadt Stralsund übernahm 2022 das Gelände und entwickelte einen maritimen Industrie- und Gewerbepark. Rund 25 Unternehmen haben sich inzwischen angesiedelt. Das Spektrum reicht von Schiffsreparatur über Stahl- und Maschinenbau bis hin zu maritimen Technologien.
Oberbürgermeister Alexander Badrow sagte anlässlich der Taufe: „Für uns als Hansestadt Stralsund ist dieser Moment weit mehr als die Fertigstellung eines Schiffes. Er steht für den erfolgreichen Wandel unserer Volkswerft in einen modernen Standort der maritimen Wirtschaft und zeigt, dass unser Konzept aufgeht." Die Stadt habe als Eigentümerin und Verpächterin alles dafür getan, dass Pioneer Yachts beste Bedingungen vorfinde. Mit Hallen, Schiffslift, Schwerlastflächen, Kaianlagen und direktem Wasserzugang biete der Standort hervorragende Voraussetzungen für maritime Unternehmen.
Neben Pioneer Yachts will auch Dörries Yachts künftig am Standort Yachten bauen. Ende 2025 wurde die Ansiedlung des Schiffbauers Fassmer aus Berne in Niedersachsen bekannt. Fassmer arbeitet in Stralsund am Forschungsschiff “Walther Herwig”. In den rund 85 Meter langen Neubau im Auftrag des Bundes fließe ein dreistelliger Millionenbetrag. Die Stadt setzt auf Vielfalt am Standort, um nicht zu riskieren, dass eine einzelne Firmenpleite ihn wieder komplett lahmlegt.

Textchef YACHT
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