Der 19 Meter lange Solarkat „100%“ hat bewiesen, dass man den Atlantik auch unter Motor und fast ohne fossile Brennstoffe überqueren kann. Mitte November letzten Jahres begann die Reise in Gibraltar – die Route führte über Marokko, die Kanarischen Inseln und die Kapverden bis in die Karibik. Am 12. Dezember 2025, nach 3.800 Seemeilen, war Antigua erreicht.
Das Ziel war dabei nicht, möglichst schnell zu sein, sondern mit der Kraft von Sonne und Wind zu reisen und wenig Diesel zu verbrauchen. Mit an Bord waren drei Wingit Softkites mit zehn Quadratmeter Fläche, die so ähnlich auch andere Silent Yachts-Ablieferungen beim Vortrieb unterstützen. Das Unternehmen war für die Eigner Jay und Rebecca Dollries weit mehr als nur ein technologisches Experiment – es erfüllte einen langjährigen Traum, mit der eigenen Yacht den Atlantik zu überqueren.
Vier Jahre lang hatte sich vor allem Jay auf dieses Abenteuer vorbereitet. An Bord begleiteten ihn sein langjähriger Freund und Abenteuerpartner Randy Lane sowie Will Mitchell, der Kapitän der „100%“, für den dies die erste Atlantiküberquerung war. Komplettiert wurde die Crew durch den Ingenieur und Kite-Surfer Michael Scherdel sowie Steve Bell, den stellvertretenden Vorsitzenden von Silent Yachts. Für Bell war es bereits die dritte Atlantiküberquerung, jedoch die erste an Bord eines Silent-Yachts-Kats. Das Flaggschiff von Silent Yachts.
Die Ozeanüberquerung bot die perfekte Gelegenheit, sämtliche Systeme unter realen Bedingungen zu testen. Vier Schlüsseltechnologien bildeten das Rückgrat der Reise: hocheffiziente Solarmodule, die an optimalen Tagen 50 bis 60 kWh erzeugten, flüssigkeitsgekühlte LFP-Batterien, die den Antrieb und die Bordsysteme mit Strom versorgten, die Elektromotoren sowie ein Dieselgenerator, der zum Nachladen der Batterien an den Start ging, wenn nicht genügend Sonnenenergie zur Verfügung stand. Der tägliche Energiebedarf lag je nach Reisegeschwindigkeit zwischen 350 und 600 kWh.
Gegen Ende der Reise setzte die Crew die Range Extender aber auch deshalb in Gang, „weil sie ein paar Tage früher ankommen wollte“, verrät Steve Bell. Der Werftmanager zeigte sich während der langen Überfahrt so entspannt, als läge der 19-Meter-Kat längst in einer karibischen Traumbucht. Die fünfte Technologie kam leider nicht so zum Einsatz wie geplant, alle drei Kites gingen kaputt. „Es funktionierte nicht, wie wir dachten“, gibt Bell zu.
„Die Bedienung erfordert schon etwas Vorbereitung und Übung”, sagt Stephan Schröder, CEO von Wingit Kite Boat Systems, der die Reise der „100 %” mitverfolgte. Mit seinem Team entwickelt er bereits neue Modelle, auch für einen 80-Füßer. Unterm Strich ist das Kite-Fazit positiv: In den kurzen Flugzeiten war der zusätzliche Antrieb deutlich spürbar: Der Drachen sparte etwa 15 Kilowatt E-Leistung ein – und theoretisch 100 Liter Diesel pro Tag. Unterwegs lernte die Crew viel über das Handling, zudem war das Setzen und Einholen eine gute Beschäftigung. Laut Bell gingen Einige mitten auf dem Ozean Kitesurfen.
Was an Bord technisch passierte, konnte die Welt täglich verfolgen. Die Werft mit Standort in Fano teilte täglich Daten zur Solarausbeute, zum Verbrauch und zur Systemleistung transparent auf einer Website (www.silentatlantic.com) sowie in den sozialen Medien. Fotos und Videos zeigen die Crew zum Beispiel beim Fischen und beim Hantieren mit den Kites.
Darüber hinaus wurden während der Überfahrt umfangreiche Betriebsdaten gesammelt, die weit über das hinausgehen, was in Echtzeit kommuniziert werden konnte. Das Unternehmen analysiert diese Daten und will sie nach und nach veröffentlichen.
„Das Leben an Bord verlief ruhig“, kommentierte Steve Bell nach der Ankunft. „Entspanntes Cruisen, gemeinsame Mahlzeiten und lange Gespräche, Momente der Stille beim Betrachten des Horizonts und TV-Abende, wenn das Wetter es zuließ.“ Die Crew hielt täglich eine einfache Routine ein, mit Workouts auf der Flybridge und regelmäßigen Systemchecks.
Silent Yachts war 2018 die erste Werft, die mit der Silent 64 eine solarbetriebene Atlantiküberquerung abschloss. Mit der erfolgreichen Reise der „100%“ bekräftigt das Unternehmen seine Mission, Unabhängigkeit auf See durch saubere Technologie zu ermöglichen. „Nur sehr wenige Eigner werden jemals einen Ozean überqueren“, sagte Bell. „Aber zu wissen, dass ihre Yacht das nachhaltig, zuverlässig und mit minimalem Kraftstoffverbrauch kann, bietet echte Sicherheit.“

Redakteurin News & Panorama