Ein Text von Gerald Guetat
Das Jahr 1956 steht in Cannes ganz im Zeichen des Meeres. Im Mai geht bei den Filmfestspielen die Goldene Palme an den Dokumentarfilm „Le Monde du Silence“ von Jacques-Yves Cousteau, bei dem der junge Taucher und Filmemacher Louis Malle Regie führte. Einige Wochen später ist der erlesene Motor-Yacht-Club der Côte d’Azur (MYCCA) Gastgeber der Weltmeisterschaften im Rahmen seiner 16. Powerboating Week, die vor der Croisette, entlang der Küste von Cannes, ausgetragen wird. Diese Rennen sind den verschiedenen Kategorien der vom Weltdachverband des motorisierten Wassersports, der Union Internationale Motonautique (UIM), anerkannten zweisitzigen Rennboote und insbesondere der europäischen Klasse E2 mit mittlerer Verdrängung vorbehalten.
Es ist eine spärliche, aber hochkarätige Rennaufstellung, die sich am Start mit den zwei deutschen Teilnehmern, Jürgen Baginski aus Berlin und Markus Glas vom Starnberger See, den französischen Meistern Machat und Van Praet entgegenstellt. Baginski ist ein echter Sportsmann mit dem Körperbau eines jungen Spitzenathleten, der einige Jahre zuvor mit beachtlichem Erfolg in den Motorbootsport eingestiegen war.
In den 1950er-Jahren ist der Motorboot-Rennsport den Profis und Wohlhabenden vorbehalten. Baginski gehört zur zweiten Kategorie: Sein Vater steht an der Spitze eines erfolgreichen Unternehmens, das unter anderem die beliebtesten Aspirin-Tabletten der Nachkriegszeit in seinem Land herstellt. Co-Pilot am Steuer seiner „Berlin VI“ ist kein Geringerer als der Architekt und Konstrukteur des Bootes, Kurt Gersch, dessen Werft sich am Rheinufer in Mainz befindet. Die „Berlin VI“ ist ein klassisches Hydroplane Rennboot seiner Zeit, fast flach am Boden und sehr schnell auf gerader Strecke. Seine Holzkonstruktion ist ebenso leicht und steif wie präzise bis ins kleinste Detail, dank des perfektionistischen Handwerkers: Kurt Gersch ist selbst Rennbootfahrer mit langjähriger Erfahrung. Für die Motorisierung sorgt die seinerzeit führende Marke für Rennbootmotoren, die unschlagbare italienische BPM aus Mailand. Leistung, Zuverlässigkeit und Gewichtskontrolle sind die Hauptmerkmale dieser in der Hauptstadt der Lombardei aus Aluminium gefertigten Blöcke, die eine unübertroffene Bilanz von Weltbestleistungen und Siegen vorweisen können.
Erwartungsgemäß scheint Ende August 1956 in Cannes die Sonne, doch der Wind sorgt für Turbulenzen. Die Wasseroberfläche ist nicht so ruhig, wie man es in dieser Postkartenlandschaft erwarten könnte. Die Meisterschaft wird in drei Runden ausgetragen, und die Baginski-Gersch-Crew kommt zweimal als Zweite ins Ziel. Für die dritte Runde muss sich das Team etwas einfallen lassen.
Die Idee: Um das Boot leichter zu machen, gibt Kurt Gersch seinen Platz als Mechaniker und Beifahrer an eine junge Frau ab. Sie ist die Tochter eines der Organisatoren. Noch ahnt sie nicht, dass sie gleich dazu beitragen wird, einen Weltmeistertitel zu erobern. Tatsächlich wird die Zielflagge gesenkt, als Baginski mit der „Berlin VI“ die Ziellinie an der Spitze des Rennens passiert. Nach Auszählung der Gesamtpunkte geht der Titel an die deutsche Mannschaft. In die Geschichte eingehen wird vor allem der außergewöhnliche dritte Durchgang des Rennens. Zurück in der Heimat berichtet die deutsche Presse begeistert von dem Erfolg des deutschen Teams und des Rennboots „Berlin VI“. Für sie hätte das Jahr 1956 mit sechs nationalen Siegen und einem Weltmeistertitel kaum besser laufen können.
Doch schon bald erfordert der väterliche Pharmaziebetrieb mehr und mehr die Anwesenheit des Weltmeisters, der sich endgültig vom Wettkampfsport und seinem etwas verspielten Leben verabschieden muss. Die Werft von Kurt Gersch, der in Cannes ebenfalls den Weltmeistertitel errungen hatte, ist damit beschäftigt, Baginskis letztes Rennboot und die gesamte Ausrüstung einzulagern. Jahrzehnte vergehen, und Rolf Gersch tritt die Nachfolge seines Vaters an der Spitze der Familienwerft und des Yachthafens an. Um Platz zu schaffen und weil sich niemand mehr darum kümmern will, wird die Weltmeisterin „Berlin VI“ im Laufe der Zeit mehrmals verkauft. Der Besitzer scheint das Interesse an den glorreichen Zeiten seiner Jugend verloren zu haben.
Nach einer bundesweiten Suchaktion taucht die „Berlin VI“ Jahrzehnte später, im Jahr 2009, in einem verrosteten Container in Regensburg wieder auf. Ungeachtet des Zustands des inzwischen zum Teil umgebauten Champion-Hydroplanes kauft der Sohn des Konstrukteurs, Rolf Gersch, das heruntergekommene Boot, um es liebevoll zu restaurieren. Die Arbeiten zur Wiederherstellung des Originalzustands nehmen Jahre in Anspruch. Doch dank der sorgfältig aufbewahrten Archive und Pläne seines Vaters gelingt Gersch die Restaurierung des Klassikers an Bord seines großen Rheinkahns, der seine historische Restaurierungswerkstatt beherbergt.
Genau wie sein Vater ist er ein Perfektionist und haucht dem Boot geduldig Stück für Stück neues Leben ein. Um das Andenken seines Vaters zu ehren und sein Talent als Architekt und Bauweltmeister zu würdigen, vernachlässigt er kein Originaldetail, auch nicht den glänzenden 2800 Kubikzentimeter BPM-Vierzylinder-Rennmotor, der beim ersten Schlüsseldreh auch nach all den Jahren noch laut und zornig anspringt.