Es war 1975, als Johnny Hallyday „Hey, Lovely Lady“ herausbrachte. Ob Frankreichs größter Rockstar mit dem Song die Zuneigung zu seinem Boot meinte, mit dem er damals regelmäßig auf der Bucht von Arcachon unterwegs war, ist nicht bekannt. Die Beziehung zu „Dont 3“, einer Bertram Baron 28, muss aber eng gewesen sein.
Auch der besondere Reiz des Reviers war nachvollziehbar: Die weite, geschützte Bucht an der Atlantikküste war weitaus ruhiger als die vom Jetset beanspruchte Côte d’Azur am Mittelmeer – besonders was die Menschen betraf. Hier konnte Frankreichs Antwort auf Elvis Presley abschalten.
Dabei war der Sänger wilde Massen gewohnt: Seine Konzerte, die häufig über 100.000 Anhänger anzogen, endeten nicht selten in komplettem Chaos. Folgerichtig schätzte Johnny den Nervenkitzel bei Fahrzeugen mit starker Persönlichkeit. „Dont 3“ war perfekt für ihn, denn der kleine Offshore-Racer, gebaut von der schon damals legendären US-Werft in Miami, war dank hohem Freibord nicht nur seetüchtig, sondern hatte zudem einen beeindruckenden Topspeed von mehr als 50 Knoten.
Bei einer Länge von 8,53 Metern bei nur 2,23 Metern Breite war die schlanke Bertram also eine echte Sprinterin. Eine Eigenschaft, die Johnny bis zum Anschlag auskostete. Über den Zustand der Motoren machte er sich dabei keine Gedanken. Die Zeit zum Abschalten zwischen den Konzerten war schlicht zu kurz, um vorsichtig zu sein.
Heute befindet sich „Dont 3“ im Besitz von Alexandre Moreau-Lespinard. Als Anwohner an der Bucht von Arcachon wusste er natürlich von dem Boot. Auch ihm gefielen die eleganten Linien sofort. Viel entscheidender für den Kauf war jedoch, dass er ein bedingungsloser Fan von Johnny war und ist. Was für einen besseren Weg konnte es geben, um seinem 2017 verstorbenen Idol die letzte Ehre zu erweisen?
Alexandres Faszination für Johnny hatte 1993 begonnen, bei einem Konzert im Pariser Parc des Princes anlässlich des 50. Geburtstags des Stars. Die Begeisterung war so groß, dass er danach schnell selbst den Überblick darüber verloren hatte, wie viele Gigs er in der Folge besuchte. Sogar bei einer fast privaten Veranstaltung in der Royal Albert Hall in London war er dabei gewesen.
Dass Alexandres Vater James selbst in der Musikindustrie arbeitete und ein absoluter Experte für Klassik und Jazz war, könnte einer der Gründe für das Interesse gewesen sein. Daneben verband Alexandre aber auch eine Leidenschaft für alles Schnelle mit Johnny. Seit Kindheitstagen interessierte er sich für exklusive Automobile: Maserati, Salmson und Hispano-Suiza – für Alexandre haben diese Namen bis heute nichts von ihrem Klang verloren. Die Rennstrecke entlang der Stadtmauern von Angoulême, fünfzig Kilometer vom Atlantik entfernt, machte ihn endgültig zum Motorsport-Fan.
Ein Traum wurde schließlich im Sommer 2014 für ihn wahr: Auf der Karibikinsel St. Barth traf der Fan seinen Star – ein weiterer Motorboot-Enthusiast hatte die beiden miteinander bekannt gemacht. Das Treffen verlief entspannt und herzlich. Alexandres Vater hatte seinem Sohn ein seltenes Cover einer besonderen Aufnahme als Geschenk mitgegeben, das der Rocker nicht kannte und über das er sich sehr freute.
Die „Dont 3“ gehörte Johnny zu diesem Zeitpunkt allerdings schon nicht mehr. Zwei Jahre zuvor hatte er die Bertram Anne-Marie überlassen, Ehefrau seines langjährigen Freundes Jean-Pierre Pierre. Als das Boot dann jedoch vom Aktionshaus Osenat zur Versteigerung angekündigt wurde, war Alexandres Zeit gekommen: Er bekam den Zuschlag.
Für ihn war sofort klar, dass die Baron 28 wieder möglichst nah an den Originalzustand herangebracht werden musste. Der Weg dorthin erforderte jedoch Geduld: Zwei Jahre sorgfältiger Restaurierungsarbeiten waren nötig. Geleitet wurden sie von Ezequiel Cano Lanza, dem Gründer und Designer der Custom-Werft ECLA in Arcachon. An der Ausführung waren ausschließlich Firmen aus der Region beteiligt, häufig mit einigem Stolz, da es sich um ein historisches Objekt mit festem Bezug zur Bucht von Arcachon handelte.
Mithilfe moderner Methoden zur Digitalisierung der Baupläne durch Ezequiels Designbüro, des Abgleichs von Unterlagen mit den Originalen bei Bertram in Florida und erfolgreicher Recherche zur Polsterung im Cockpit und zur Lackierung wurde das gewünschte Ergebnis erzielt.
Die Sitze sind ein gutes Beispiel dafür, mit wie viel Liebe zum Detail gearbeitet wurde, von den auffälligen schwarzen Nähten bis zur Verlängerung des gelben Zierstreifens auf der Rücksitzbank. Auch das Armaturenbrett erstrahlt in altem Glanz. Fast schon übergroß prangt hier das Emblem von Bertram in Chrom, ein Adler über einem Winkel, ein Element, das auch bei Autoherstellern jener Zeit populär war. Anzeigen und Armaturen sind eng gruppiert und geben vollen Überblick über die Verfassung von Boot und Motoren. Alle Beteiligten waren sich sicher, dem ursprünglichen Zustand so nah wie möglich gekommen zu sein.
Allerdings gab es auch Ausnahmen vom Standard. So wurde auf die flache Bugreling verzichtet – aus dem einfachen Grund, das schnittige Profil des Racers optisch nicht zu beeinträchtigen. Andererseits: Wer hätte schon Lust, sich dort ohne Not aufzuhalten, selbst bei geringer Geschwindigkeit? Da wählt man doch lieber das einladende, tiefe Cockpit als einzigen Ort, an dem man keine Gefahr läuft, bei engen Kurven oder weiten Sprüngen hinauskatapultiert zu werden.
Herausfordernd war aber ein anderer Aspekt des äußeren Erscheinungsbilds: die originale Lackierung. Historische Schwarz-Weiß-Fotos vermochten die Frage nicht zu klären, ob das während der Zeit in Nizza aufgetragene Schema mit roter Grundfarbe auch schon bei der Auslieferung so ausgesehen hatte. Erst der Besuch eines Einwohners von Arcachon, der „Dont 3“ von früher kannte, konnte das Rätsel lösen: Dunkelblau war das Boot gewesen, mit einem gelben Streifen auf der Oberseite vom Vordeck bis zum Heckspiegel. Weitere Recherche bestätigte die Kombination. Komplett war der originale Look des Boliden aber erst, als beidseitig des Bugs auch das eigentliche Erkennungszeichen prangte: der stilisierte Kopf eines Weißen Hais.
Die beiden originalen MerCruiser-Innenborder mit jeweils 215 PS Leistung, vom Rocker seinerzeit stark beansprucht, wurden durch zwei neue Motoren mit je 5,7 Litern Hubraum ersetzt, Triebwerke desselben Herstellers, die allerdings zusammen satte 600 PS aufs Wasser brachten. Der Austausch machte die knapp 50 Jahre alte Bertram nicht nur wartungsärmer, sondern auch sicherer und langlebiger. Den Einbau der beiden Big Blocks mit ihren Bravo-One-Z-Antrieben übernahm die Werft Marine Plaisance.
Auch dank der neuen MerCruiser kommt „Dont 3“ noch immer spielend auf 50 Knoten. Bei so viel Kraft im Rumpf erfordert die empfindliche Power-Ultraflex-Steuerung allerdings stoische Ruhe, besonders bei den Hafenmanövern in unmittelbarer Nähe der edlen Klassiker mit makelloser Bordwand in der Marina von Arcachon.
Der Liegeplatz der restaurierten Bertram ist längst auch Pilgerstätte geworden für die nach wie vor stattliche Zahl von Johnny-Hallyday-Fans. Allerdings laufen sie hier diskreter ab als an seiner letzten Ruhestätte auf dem Friedhof Lorient auf dem fernen St. Barth. Auch wenn das Boot von Land aus schwer auszumachen ist, das Wummern der Maschinen selbst im Leerlauf lässt die Suchenden aufhorchen.
Es geht los, hinaus auf die im Abendlicht ruhende Bucht. Sobald Arcachon achteraus liegt, werden die Holley-Vierfachvergaser aufgedreht, um ins Gleiten zu kommen und „Dont 3“ in die Spur zu bringen. Kein Wunder, dass Johnny dieses Boot liebte, die Stärke und der Klang der großvolumigen Motoren, die Vibrationen des GFK-Rumpfs. Für ihn war das der American Way of Life.
Bei Alexandre sind die Empfindungen ganz ähnlich, als er mit 40 Knoten über das Fahrwasser jagt. Das Vordeck wirkt aus der Tiefe des Cockpits gewaltig, lässt den Offshore-Racer deutlich länger wirken. Jetzt in Gleitfahrt verdrängt der Rumpf nur wenig Wasser, das tiefe V hält ihn auf Kurs. Weit fliegt die Gischt zu beiden Seiten. Alexandre genießt den Moment, das ist klar. Für die Dauer der Fahrt ist es für ihn wie eine Fortsetzung jener allzu kurzen Begegnung mit Johnny Hallyday in jenem Sommer auf St. Barth.
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