„Schaarhörn“Dieser Hamburger Dampfer fährt noch wie 1908

Marc Bielefeld

 · 11.10.2026

Die „Schaarhörn“ in Fahrt. Früher waren die Gäste an Bord eher gut betucht, heute ist das Schiff für alle offen.
Foto: Uwe Messenbrink
​Die bald 120 Jahre alte „Schaarhörn“ hat ein bewegtes Leben hinter sich. Früher sollte sie dem Kaiser dienen, gleichzeitig als Vermessungsboot fahren. Zum Schluss landete sie als Schiffsleiche in England. Heute ist der schicke Dampfer zurück an der Elbe – fein restauriert und für Ausfahrten immer zu haben. Ein Bordbesuch.

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​Das Paradies für Ship-Spotter liegt tief versteckt im Hamburger Hafen. Im Süden der Containerterminals, umgeben von Kränen und Lagerhallen, führt am Bremer Kai eine Gangway zu den Pontons. Möwen kreisen, ein nasser Westwind weht. Dann kommen die Schiffe in Sicht. Diverse Dampfer und alte Kähne liegen dort unten im kalten Wasser, allen voran die „Peking“. Über 50 Meter hoch ragt die Takelage der berühmten Viermastbark in den grauen Himmel. Ein Gigant unter den Zeitzeugen der alten Seefahrt.

Weiter vorn, direkt an der Wasserkante, dümpelt die nächste Schönheit. Ein weißer Bug steigt empor, verziert mit goldenem Wappenschmuck. In großen Lettern ist der Name des Schiffs auf den Rumpf gepönt: „Schaarhörn“. Die 42 Meter lange und 6,80 Meter breite Nautiquität ist vermessen mit 268 Bruttoregistertonnen.

Elegant ruht das Schiff an seinen Festmachern. Und das weitgehend in jenem Originalzustand, in dem der stählerne Zweischrauben-Dampfer 1908 von der Schiffswerft und Maschinenfabrik in Hamburg-Steinwärder erbaut wurde. Das Besondere: Die „Schaarhörn“ wird bis heute mit Kohle befeuert. Zwei Dreifach-Expansions-Dampfmaschinen mit je 412 PSi und 150 Umdrehungen treiben die Grande Dame durch die Fluten, wenn sie während der Saison ihre Ausfahrten macht und die Menschen an der Elbe zum Staunen bringt. Was da vor den Augen des Publikums vorbeizieht, wirkt wie eine schwimmende Filmkulisse. Ein tutendes und schmauchendes Relikt aus den Tagen der vorletzten Jahrhundertwende.

216 Mitglieder halten die „Schaarhörn“ am Leben

Unten am Ponton steht Dirk von Reith. Er ist Vorstandsvorsitzender des Vereins „Freunde des Dampfschiffs Schaarhörn“. 216 Mitglieder engagieren sich, um das fast 120 Jahre alte Schiff am Leben zu halten. Darunter 50 Männer und Frauen, die als Mannschaft parat stehen. Bei Ausfahrten sind mindestens 22 Leute nötig, um alle Posten zu besetzen: Kapitän, Rudergänger, Heizer, Maschinisten, Decksleute sowie Crew für Service und Gäste.

„So einen Dampfer instand zu halten und im Sommer die Fahrten durchzuführen ist keine Kleinigkeit“, sagt der 66-jährige von Reith. „Das kostet, von den Auflagen ganz zu schweigen.“ Von Reith war Ingenieur in der Luftfahrtbranche, als Pensionär hat er sich tief in die Materie der Dampfschifffahrt eingearbeitet. Auf der „Schaarhörn“ fährt er als Maschinist.

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Winterarbeit zwischen Teakdeck und Kohlebunkern

An diesem Mittwoch im März sind gut zwei Dutzend Vereinsmitglieder gekommen, um Winterarbeiten zu leisten und das alte Schiff klar für die Saison zu machen. Von Mai bis September stehen über 20 Ausfahrten an. Die „Schaarhörn“ dampft dann mit Gästen über die Elbe, über die Hafengrenze hinaus bis nach Wedel und zum „Willkomm Höft“ am „Schulauer Fährhaus“.

An Bord wird heute gepönt und geschliffen, die mächtige Ankerwinde braucht ein neues Fundament. Auch im Maschinenraum sind Experten am Werk, um die betagte Technik in Schuss zu halten. Beim Gang an Bord ist es, als beträte man eine andere Epoche. Trotz des derben Stahls ist der Dampfer überaus liebevoll ausgestattet. Viel Messing, viel Teak. Dicke Trossen hängen über Belegnägeln, dunkel lackiert ragen die beiden Masten empor – auch wenn sie gar keine wirkliche Aufgabe erfüllen.

„Damals rüstete man selbst die Dampfer noch mit Masten aus“, sagt von Reith. „Aus den Jahrhunderten der Segelschifffahrt war man es eben so gewohnt. Ein Schiff ohne Masten war kein Schiff!“ Über die Schein-Takelage der „Schaarhörn“ allerdings wurden stets nur Flaggen und Beleuchtung gefahren. Auffällig sind auch die großen runden Eisendeckel, die an Steuerbord und Backbord in das stäbige Teakdeck eingelassen sind. „Unsere Kohlebunker“, erklärt von Reith. Auf beiden Seiten des Rumpfes befinden sich statt Tanks die dunklen Keller des Schiffs. Über nach oben an Deck führende Schächte nehmen sie zweimal 20 Tonnen Kohle auf. Kräne hieven dafür riesige Big Bags an Bord, bevor die staubigen Brocken durch Trichter in die Tiefe rasseln.

Der mattgelbe, kapitale Schornstein streckt sich imposant gen Himmel. Darunter an Deck die knuffigen Beiboote, klassisch geklinkert. Mit freiem Blick auf See und Horizont ist auf dem Oberdeck auch das elegante Ruderhaus beheimatet. Die Brücke der „Schaarhörn“, erbaut aus Holz und für ein Schiff kunstvoll mit Kassetten und runden Fensterbögen versehen.

Das alte Steuerrad ist zu sehen, daneben der große Maschinentelegraf aus poliertem Messing. Unter der Decke des Führerhauses ist ein einsehbarer Spiegel montiert, der dazu gehörende Kompass der Firma W. Ludolf versteckt sich auf dem Dach der Brücke. Viel Platz bietet der Kommandostand, einen großen Kartentisch mit diversen Schubladen, dazu hübsche Grätings und eine Sitzecke mit noblen Lederpolstern.

Bemerkenswert auch das alte Sprachrohr, das funktioniert wie früher. Über Rohrleitungen werden Befehle von der Brücke zum Rudergänger und in den Maschinenraum übermittelt. Zuvor bläst man in die Öffnung, bis am anderen Ende eine Trillerpfeife ertönt. Soll heißen: „Achtung, Kommando kommt durch!“

Neue Elektronik ist auch an Bord. GPS, Funk, Plotter, das moderne Panel für die Positionsbeleuchtung. Der Gesamteindruck bleibt aber überaus original. Wer hier oben auf der Brücke weilt, wähnt sich in einem wilhelminischen Salon auf See. Und auch das dürfte sich kaum verändert haben: Überall duftet es nach frischem Kaffee, wenn die Mannschaft wohl orchestriert an Bord herumwuselt und den Dampfer auf Vordermann bringt. In der Kombüse an Steuerbord werden gerade heiße Würstchen zubereitet, im großen Decksaufbau auf dem Achterdeck sitzen weitere Mitglieder, um anstehende Arbeiten zu besprechen.

Ein Jugendstilsalon für Hamburgs Bürgermeister

Ein weiteres Schmuckstück der „Schaarhörn“ ist ihr Jugendstilsalon von 1908, Senats-Saal genannt. Ein Ölschinken hängt an der Wand, der gesamte Raum ist umfangen von hohen Fenstern in massiven Messingrahmen. Hinten ein breites Sofa, in der Mitte die imposante Tafel, an der 14 Personen bequem sitzen können. Der erste Platz an der Stirnseite war dabei stets für Hamburgs Bürgermeister reserviert. Denn ursprünglich sollte die „Schaarhörn“ vor allem im Dienste der hohen Herrschaften fahren – von Politikern bis hin zu Kaiser Wilhelm persönlich.

Der Jugendstilsalon zeugt noch heute von den einst mondänen Absichten des Schiffs. Der Raum ist tatsächlich dem Senats-Saal im Hamburger Rathaus nachempfunden, inklusive des markanten Oberlichts, das aus einer bunten Bleiverglasung gefertigt ist. An den Ecken des riesigen Skylights sind vier stilisierte Frauenköpfe aufs Glas gemalt, die vor über 100 Jahren für vier Kontinente standen: Europa, Amerika, Afrika, Asien. Australien fehlt. Es diente weiland noch als britische Strafkolonie.

Eigenwillig auch die zehn offenen Glühbirnen, die in güldenen Fassungen unter der Decke prangen. Das elektrische Licht war damals eine technische Errungenschaft, die gerade erst die Welt eroberte und die man auf der „Schaarhörn“ stolz zur Schau stellen wollte. Ein Schiff, das eben nicht nur elegant aussehen sollte, sondern auch den technischen Fortschritt repräsentierte.

Vom Repräsentationsdampfer zum Kriegsschiff

Unten im Salon kennen alle die lebhafte Historie des Dampfers. Die Heizer, Maschinisten und Nautiker, die das Schiff heute ehrenamtlich betreiben und fahren. 1907 wurde die „Schaarhörn“ vom Amt für Strom- und Hafenbau bestellt, um auf der Elbe Vermessungen durchzuführen. Der Preis damals: 213.000 Goldmark.

Ausdrücklich gewünscht war jedoch kein rein zweckmäßiges Schiff, sondern ein luxuriöser, schneller Dampfer mit modernster technischer Ausstattung. Der Grund: In seiner zweiten Funktion sollte die „Schaarhörn“ als adäquates Schiff dienen, um Kaiser Wilhelm II. persönlich durch den Hamburger Hafen zu schippern. Eine hoheitliche Angelegenheit mit allem dazugehörigen Pomp. Dazu jedoch kam es nie.

Bis 1914 fuhr die „Schaarhörn“ als Peildampfer. Sie war obendrein vorgesehen für Repräsentationszwecke des Hamburger Senats, wenn die Herren auf dem Wasser zu tagen gedachten. Später folgten Einsätze bei den Minensuchern, Fahrten als Untersuchungsfahrzeug. Im Ersten Weltkrieg dann diente die „Schaarhörn“ Soldaten als Wohn- und Verpflegungsschiff. Und so schrieb sich die Biografie des adretten Elbkahns immer weiter: überaus wechselhaft.

Im britischen Schlick begann der Dampfer zu verfallen

Als „Bereisungsdampfer“ brachte das Schiff bald Beamte zu den Wasserbaustellen, evakuierte später Weltkriegsflüchtlinge aus dem Osten. Die „Schaarhörn“ dampfte über die Ostsee bis nach Swinemünde und Danzig. Danach ging es von Cuxhaven aus wieder zur Seevermessung in die Elbmündung. So leistete das Schiff jahrzehntelang stoisch seinen Dienst, bis es 1973 – nun schon reichlich betagt – nach Großbritannien verkauft wurde.

In Newcastle zu einem Restaurant umfunktioniert, überführten die Briten das Schiff 1979 an die Westküste, wo es als Museumsdampfer aufgelegt wurde. In Maryport allerdings verkam das hanseatische Prachtstück allmählich und endete in traurigem Zustand. Jahrelang gammelte die „Schaarhörn“ im Schlick der britischen Tidenreviere vor sich hin. Erst 1990 nahte die Rettung.

Mithilfe von Altonaer Kaufleuten wurde die „Schaarhörn“ erstanden und per Dockschiff zurück nach Hamburg überführt, wo die angegriffene Schönheit anschließend fünf Jahre lang restauriert wurde. Möglich machten dies Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen auf der Werft des Vereins „Jugend in Arbeit Hamburg“, deren Mitwirkende den Dampfer mit aller Liebe zum Detail wieder herausputzten. Und das offenbar mit viel Geduld und handwerklichem Geschick.

Denn schon 1993 wurde die „Schaarhörn“ als erstes Schiff in die Hamburger Denkmalliste aufgenommen und seit Mai 1995 dann von einer ausschließlich ehrenamtlichen Besatzung als fahrendes Museum in Betrieb gehalten. Im Jahr 2002 wurde das Schiff schließlich an die Stiftung Hamburg Maritim übertragen.

Wer heute über Deck geht, kann die bewegte Vergangenheit noch immer spüren. Aus jeder Niete und jedem Ventil scheinen die 120 Jahre zu sprechen, die das Fahrzeug auf dem Buckel hat. „Greifbar wird diese Geschichte ganz besonders im Maschinenraum“, sagt Dirk von Reith und bittet nun in jene Räumlichkeiten, die man getrost die Höhle des Löwen nennen könnte.

Eine halbe Tonne Kohle pro Stunde

Unten im Rumpf breitet sich ein Wust vergangener Technik aus, an dem Daniel Düsentrieb seine reine Freude hätte. Mittelpunkt ist der kohlebefeuerte, zweizugige Großraumwasserkessel der Ottenser Eisenwerke, Baujahr 1908. Heizfläche 186 Quadratmeter, Dampfdruck 13,2 bar, Kohleverbrauch rund eine halbe Tonne pro Stunde. Von Reith: „Bis zu 200 Grad heiß wird das Wasser im Kessel, da sollte man schon wissen, an welchem Ventil man dreht.“

Er zeigt auf den Elektrizitätsgenerator, die Rudermaschine, die Duplexpumpe, „alles dampfgetrieben“. Zu sehen sind tausend ineinander verknotete Pumpen, Leitungen, Ventile, verbaute Zirkulinen, Injektoren, Ejektoren. Ein prustendes und polterndes Spektakel ließe sich demnach vermuten, wenn sich das ganze Ungetüm von Maschine erst einmal in Bewegung setzt.

Allein: Das Gegenteil ist der Fall! „Unter Fahrt ist das Schiff absolut leise und vibrationsarm“, erklären die Techniker unten im Maschinenraum. „Wir haben schließlich keinen lärmenden und schlagenden Diesel an Bord, hier funktioniert alles mit Wasserdampf.“ In der Tat gleitet die „Schaarhörn“ derart still durchs Wasser, dass unten, inmitten des Maschinenraums, schon einmal eine Dixie-Jazz-Band spielte – und sogar während der Fahrt bestens zu hören war.

Dafür geht es im Maschinenraum ziemlich heiß her. Auf bis zu 40 Grad Celsius klettert die Quecksilbersäule zwischen all den Pumpen und Leitungen, und das bei enormer Luftfeuchtigkeit. Das längst unter Denkmalschutz stehende Schiff ist heute ein echtes Kuriosum zur See. Ein seegehender Oldtimer, der qualmend und anmutig über die Elbe zieht. Eine Bühne auf schwankenden Planken, die schon viele in den Bann zog.

Karl Lagerfeld auf der Brücke

Und zwar nicht nur das schiffsbegeisterte hanseatische Publikum. Auch an Prominenz mangelt es bis heute nicht. Für den Film „Honig im Kopf“ drehte Til Schweiger einige Szenen an Bord, und früher saßen nicht nur Bürgermeister im Salon. An Deck stand schon der frühere UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali, als der 1996 zur Eröffnung des Seegerichtshofs in Hamburg weilte.

Einen ganz besonders schillernden Passagier aber wird man an Bord der „Schaarhörn“ wohl nie vergessen. 2013 hatte die Chefredakteurin der deutschen „Vogue“ zu einer Hafenrundfahrt geladen und dafür die „Schaarhörn“ angefragt. Ehrengast war niemand Geringeres als ein bezopfter Modepapst: Karl Lagerfeld. An Bord gab es einen Cocktail-Empfang, bevor die Bagage auf die Elbe hinaussteuerte. Lagerfeld stand hochgeschlossen auf der Brücke, Brille auf der Nase, Cola-Light in der Rechten, voraus seine alte Heimat Hamburg-Blankenese.

Ausfahrten und Ringelnatz-Abende an Bord

Letztlich aber ist die „Schaarhörn“ ein durch und durch bodenständiges Boot. Jeder Gast ist heute an Bord willkommen und kann das Schiff von der Brücke bis zum Kessel besichtigen. In der Sommersaison sind auch die Ausfahrten auf der Elbe für jedermann zu buchen. Und im Winter lädt die „Schaarhörn“ zu speziellen Abenden. Zehnmal finden in den dunklen Monaten Lesungen an Bord statt, garniert mit einem Drei-Gänge-Menü. Das Thema der literarischen Soirees ist immer dasselbe: Joachim Ringelnatz. Den ganzen Abend werden ausgewählte Texte des humoristischen Dichters vorgelesen.

Ringelnatz fuhr früher als Kommandant auf kleinen Booten, stationiert bei der Minensuchdivision in Cuxhaven. Nach den Einsätzen traf er sich damals regelmäßig mit anderen Marineleuten zum Feiern, und zwar auf keinem anderen Dampfer als der „Schaarhörn“, die in jenen Jahren in der Elbmündung ihre Vermessungsfahrten machte. Die Truppe um den abenteuerlustigen Dichter hätte sich kein besseres Plätzchen zum Anstoßen suchen können. Sie tranken und tanzten auf dem wohl schniekesten Peildampfer, der jemals auf der Elbe unterwegs war.


​Technische Daten der „Schaarhörn“

boot/100231798_ec3720c48c1d3d8d381b54acbfb606b2Foto: Stiftung Hamburg Maritim
  • Baujahr: 1908
  • Länge: 42 m
  • Breite: 6,80 m
  • Tiefgang: ca. 3,0 m
  • Antrieb: 2 Dreifach-Expansions-Dampfmaschinen mit je 412 PSi
  • Kessel: Heizfläche 186 qm; Dampfdruck 13,2 bar
  • Mannschaft: 1908 8 Mann; heute ca. 23 Personen
  • Bauwerft: Schiffswerft und Maschinenfabrik Hamburg-Steinwärder

Die „Schaarhörn“ macht maritime Geschichte bis heute erlebbar. Sind Sie schon einmal mit einem historischen Dampfschiff gefahren? Erzählen Sie uns davon in den Kommentaren.

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