Das besondere BootPionier-Motorboot “Marie” sollte Daimler-Motor populär machen

Nils Theurer

 · 10.04.2026

Die „Marie“ steht im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart und wirkt wie ein zierliches Modell. Der kleine Prachtbau war ein Werbe­geschenk von Gottlieb ­Daimler für Reichskanzler Otto von Bismarck.
Foto: Nils Theurer
​Der Benzinmotor war erfunden, nur wollte ihn kaum jemand. Gottlieb Daimler setzte daher früh aufs Wasser: Motorboote als Türöffner für den Verbrenner. Seine „Marie“ ist eines der ersten Freizeit-Motorboote.

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​Im 13. Oktober 1887 präsentierte Gottlieb Daimler seinen neuartigen Verbrennungsmotor auf dem Waldsee bei Baden-Baden. Eingebaut in die nur sechs Meter lange „Rems“, zog der Jockel die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich. Nie zuvor hatte es etwas Vergleichbares gegeben.

Trotz der technischen Sensation erschien die Meldung über Daimlers Vorführung nur unter der Rubrik „Verschiedenes“. Das „Badener Wochenblatt“ zählte devot die anwesenden Würdenträger auf: Großherzog und Großherzogin, Prinzen, Bürgermeister und Stadträte. Dabei erlebten die höflich lobenden Herrschaften soeben eine Sensation: den ersten leichten, sparsamen Motor in einem Boot. Wer weiß, was aus den Daimler-Motoren, überhaupt aus Gottlieb Daimler, ohne seine Motorboote geworden wäre.


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Außerdem bemerkenswert war das Design. Die „Rems“ glich einem winzigen Dampfer, sie war das erste kleine Motorboot der Welt, der Urahn heutiger Freizeitboote sozusagen. So wie kurze Zeit später auch die „Marie“.

Das „Badeblatt für die Großherzogliche Stadt Baden“ staunte immerhin: „Es wird mit großer Geschwindigkeit bewegt“, der Motor arbeite „regelmäßig und ohne nennenswerthes Geräusch“. Der Einzylinder mit anderthalb Pferdestärken erzeugt ein warmes Pöttel-Pöttel, das man heute noch im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart hören kann. Dort steht eine solche „Standuhr“, wie der Motor wegen seiner senkrechten Bauweise genannt wurde.

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Motorbestückte „Reitwagen“

Die „Rems“ ist dort neben den historischen Motorwagen nicht zu sehen. Die stand im Deutschen Museum München, bis Bomben knapp ein Viertel der Exponate vernichteten. Dafür gibt es aber im Mercedes-Benz Museum die „Marie“, eine glückliche Rückgabe. Und eigentlich ein Fall fürs Lobbyregister.

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Das kam so: Daimler, heute ein Prototyp des Start-up-Unternehmers, hatte nach seiner Zeit bei der Gasmotorenfabrik Deutz in Köln nicht nur Aktien im Wert von 112.000 Mark, sondern auch seinen Erfinder Wilhelm Maybach mitgenommen. In seinem Haus im Stuttgarter Stadtteil Cannstatt baute er ein Gewächshaus zur Werkstatt um. Zusammen mit Maybach entwickelte er einen leichten Motor, der Fahrzeuge antreiben sollte – zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Doch die Bevölkerung war skeptisch. Die Stuttgarter Polizei verbot dem Innovator Probefahrten mit seinem motorbestückten „Reitwagen“, im Sommer 1885 hatte er ihn zum Patent angemeldet. Also wich er 1886 auf den Neckar aus, wo er nachts Boote testete, weil es tags zunächst unmöglich war. Um die Vorbehalte zu zerstreuen, tarnte er den Motorkasten mit Porzellan-Isolatoren und behauptete, das Boot laufe „öllektrisch“, mit schwäbischer Mundart etwa „elektrisch“.

„Marie“ ist Sonderausgabe dieses ersten Motorboots

Die Honoratioren in Baden-Baden „sprachen sich auf das Anerkennendste über die sehr beachtenswerthe Erfindung aus“. Sie ließen sich zum Bahnhof Baden-Baden kutschieren – zu Pferde. Daimler demonstrierte hier seine Motor-Draisine mit Verbrennungsmotor. Allerdings fuhren dampfbetriebene Züge bereits seit zweiundzwanzig Jahren nach Baden-Baden. Die Draisine muss gegenüber den schweren Eisenbahnwaggons bescheiden gewirkt haben, im Prinzip bestand sie aus zwei Kirchenbänken in Spurbreite auf vier Rädern mit ebenjener „Standuhr“.

Wie elegant war dagegen das Motorboot! Den Rumpf hatte Daimler bei Friedrich Lürssen bestellt. Die „Rems“, benannt nach einem Neckar-Zufluss, besaß hübsch strakende Linien und hatte einen netten Deckssprung, optisch unterstützt durch die Klinkerbauweise. Das Boot endete in einem weit ausladenden Heck. Korrespondierend dazu der beinahe senkrechte Steven, durch einen Kniff mit einem verlängerten Stevenknie auf den eigentlich positiven Bug gesetzt.

Und die ausgestellte „Marie“ ist eine Sonderausgabe dieses ersten Motorboots, sehr prächtig, es gibt sie gerade ein Mal. Kein anderes Motorboot dieser Ära ist erhalten. Dabei war die „Marie“ lediglich ein Werbegeschenk. Obwohl der Rumpf wie auch folgende Rümpfe bereits bei Anderssen in Neckarsulm vom Stapel lief, war der erste Auftrag eine, nun ja, Initialzündung für die kleine Bremer Werft. Mittlerweile ist Lürssen ein Werftverbund mit neunstelligem Umsatz, Genaues wird nicht publiziert.

Heute präsentiert sich die Werft auf Yachtmessen stolz mit einem Modell des ersten Motorbootes „Rems“. Manche zukünftigen Eigner bekommen eines; welche Mindestlänge der Auftrag haben muss, verrät die Werft nicht.

Zurück ins 19. Jahrhundert. Daimler hatte vor seiner Präsentation in Baden-Baden bereits für Reklame gesorgt. Bei einer Ruderregatta in Frankfurt fuhr er mittels seines Motors erstmals öffentlich, aber keineswegs offiziell, vor den verblüfften Zuschauern mit rund sechs Knoten in einem, jawohl, Pappboot auf und ab. Die Polizei erschien, womöglich kam ihm das Aufsehen als Werbung gerade recht. Die war nötig, denn bei den Landfahrzeugen lief es ja nicht. Und Daimler wusste zudem von diesem Konkurrenten Carl Benz, der im Oktober 1883 seine „Gasmotorenfabrik“ im badischen Mannheim gegründet hatte, gar nicht weit von Stuttgart entfernt. Dessen Geld stammte von seiner vorausschauenden Partnerin Bertha, die ihre Aussteuer investierte, noch bevor die beiden geheiratet hatten. Dieser Carl Benz hatte 1886 mit seinem dreirädrigen Benz-Motorwagen verblüfft. Das Gefährt war ein neu entwickeltes Fahrzeug, leicht, innovativ, geschäftsschädigend. Richtig, Daimler und Benz kamen erst viel später zusammen, seinerzeit waren sie Konkurrenten.

Revanche an Bertha Benz

Als Bertha Benz sich dann im August 1888 den Motorwagen ihres Gatten schnappte und mit zweien der Söhne die hundertsechs Kilometer zu ihrer Mutter in Pforzheim holperte, mag Gottlieb Daimler erkannt haben, dass er diesem Ereignis etwas entgegenzusetzen hatte. Nicht nur dass Bertha wenige Tage später zurückfuhr – sie hatte dabei zudem alle technischen Probleme selbst gemeistert. Unter anderem isolierte sie mit ihrem Strumpfband ein elektrisches Kabel, und die verstopfte Benzinleitung reinigte sie mithilfe einer Hutnadel.

Wenige Tage nach ihrer Rückkehr startete von Daimlers Fabrikhof also ein Motor-Luftschiff, wohl eine Revanche. Vier Kilometer betrug die Luftlinie von Cannstatt bis nach Kornwestheim, die erste Motorluftfahrt überhaupt. Die Gebrüder Wright starteten mit ihren aerodynamischen Motorflugzeugen erst fünfzehn Jahre später.

Dr. Friedrich Hermann Wölfert ist zwar der Initiator jener gasgefüllten Zi­tro­ne mit Gondel, wiegt aber hundert Kilogramm. Daimlers Angestellter Gotthilf Wirsum, dreißig Kilogramm leichter, springt ein und ist somit der erste Pilot eines Motorflugzeuges. Auch in der Luftschiffgondel arbeitet die „Standuhr“, nun ein Modell mit zwei PS. Die dreht zwei stoffbespannte Schrauben für Vor- und Auftrieb mit verblüffenden zwölf Umdrehungen pro Sekunde.

“Marie”, ein Schiffchen für Otto von Bismarck

Außerdem bekommt im selben Jahr 1888 Reichskanzler Otto von Bismarck ein Schiffchen, ebenjenes Motor-Prunkboot „Marie“. Das glich der „Neckar“ für zehn Personen, dem größten der drei Pilotboote von Daimler. Eng ist das, wenn man sich die in der kleinen „Marie“ vorstellt. Daimler lieferte das Werbegeschenk „Marie“ mit messingglänzenden Handläufen – oder sollten die eine Reling andeuten? Es gibt Goldfarbe am ausladenden Bugdekor, den hat die Stuttgarter Kunstgießerei Paul Stotz & Co. gefertigt, aus Eisen oder Bronze. Entsprechend ein kleiner Stockanker auf dem winzigen Vordeck, um das ungünstige Deplacement weit über der Wasserlinie nicht weiter herauszufordern. Das stimmige Sonnenverdeck ruht hier auf Messingstützen, eckige Volants korrespondieren mit der Anmutung des Lustbootes.

Bismarck taufte auf den Namen seiner ersten Tochter, Marie, und setzte es auf der aufgestauten Aue neben seiner neuen Heimat Friedrichsruh ins Wasser. Er erhielt so viele Geschenke, dass heute zwei Museen damit bestückt werden, teilt die Otto-von-Bismarck-Stiftung mit.

Der Verkauf lief jedenfalls an, und nicht nur in Cannstatt rettete das Motorboot die Zeit bis zur Autoproduktion. Die „Marie“ gilt derweil als Vorbild für Hunderte von Motorbooten im Hafen von Hamburg. Am 18. Oktober 1888, also recht exakt ein Jahr nach der Präsentation auf dem Waldsee, nutzte Gottlieb Daimler die Eröffnung des Freihafens in Hamburg, ein großes Fest, um seine „Sieben Schwaben“ zu präsentieren, das erste Motorboot im Salzwasser. Wie klug! Die sieben Schwaben sind sieben Tölpel, die versuchen, einen Hasen gemeinsam mit einer Lanze zu jagen. Schwabenstreiche eben. Wie sehr Daimler doch über sich selbst lachen konnte.

In zehn Jahren 87 Boote samt Motor verkauft

Ein Jahr später, 1889, gab es bereits das erste Daimler-Motorboot vor New York. Dann folgten Einheiten in Amsterdam, Triest, Stockholm, Kopenhagen, London. Wenn es mit den Automobilen zunächst nicht klappen sollte, die Motorboote hielt Mobilitätspionier Daimler über Wasser. Am Neckarufer bei Cannstatt ließ er eine Werft errichten. Die Rümpfe wurden aber in anderen Betrieben auf Kiel gelegt, Daimler fügte Antrieb und Boot zusammen. In den zehn Jahren bis 1898 verkaufte das Unternehmen 87 Boote. Und Motoren, das Wichtigste.

Die Preisliste von 1992 verspricht Motoren, die „fast keiner Reinigung bedürfen, weder durch Hitze, Rauch oder Geruch belästigen“. Das mag eher relativ zu verstehen gewesen sein. Das kleinste Motorboot mit fünf Metern gab es ab 2.680 Mark, die Zwölf-Meter-Konstruktion, „elegant, mit Setzbord, mit Bankkisten“, lag bei 11.000 Mark. Kajütboote wurden einfach mit „Mark 8.000 bis zu Mark 25.000“ gelistet. Grundlegendes Werkzeug, etwa „1 Zündhutschlüssel“ oder „1 Hammer“, waren neben Skulls inklusive, Flaggenstock, Anker und Ketten aber nicht. Außerdem waren Maschinen für Schaufelrad-Konstruktionen im Programm, wohl auch zum Ersetzen bestehender Dampfmaschinen. Für einen Einbau vor Ort konnte man Schiffsmoto­ren-Techniker ordern, zu „10,50 Mark täglich bei 10-stündiger Arbeitszeit sowie Fahrtkosten in der III. Wagenklasse“.

Im Jahr dieser Preisliste, 1892, umrundete ein Daimler-Boot Sizilien, 540 Seemeilen, 88 Stunden, gut sechs Knoten im Schnitt. Ein Bertha-Benz-Törn sozusagen. Im selben Jahr entwickelte er als weiteren „Use Case“, um beim Start-up-Vokabular zu bleiben, eine Motor-Feuerspritze. Auch die ist im Mercedes-Benz Museum zu sehen. Bemerkenswert ist die Deichselhalterung, die Spritze wurde noch durch Pferde zum Einsatz gezogen. Zu groß waren die Vorbehalte der Wehren, bei Bränden mit feuergefährlichem Benzin zu hantieren. Aber schließlich, die Motorpumpen waren in wenigen Minuten einsatzbereit und nicht wie die herkömmlichen Dampfspritzen stundenlang vorzuheizen. Als 1892 eine Fabrik für Bettfedern in Cannstatt brannte, ersetzte eine Motorspritze während fünf Stunden 32 Feuerwehrleute an Handpumpen. Gute Werbung.

Markt für Motorboote mit kleinem Innenborder wächst

Heute kaum vorstellbar, war wenig Liebe zwischen den Automobilen und der Bevölkerung zu spüren. Es mag Glück oder Verzweiflung gewesen sein, dass die Benz, Maybach und Daimler in Frankreich erste Kunden fanden. In schickeren französischen Kreisen mehrte so ein technisches Spielzeug den Status. Sowohl Benz wie auch Daimler präsentierten zunächst spezielle, eigens auf die Motoren abgestimmte, nun ja – Autos? Bei Benz war es der dreirädrige Motorwagen, bei Daimler der ebenso innovativ konstruierte Stahlradwagen. Beide waren aber erst mit optischen und technischen Rückschritten erfolgreich, die ersten hierzulande verkäuflichen Motorwagen glichen wieder Kutschen, obwohl deren Schwerpunkt für einen Motorwagen ohne Pferde unnötig und gleichzeitig viel zu hoch war. Ähnlich den ebenfalls sehr klassisch gestalteten Motorbooten.

Verbürgt ist, dass Daimler und Benz sich nie sprachen. Voneinander wussten sie, vielleicht hätten sich die Motoren ohne den Wettstreit nicht so rasant entwickelt. Dass auch der Markt für das Ersatzprodukt, Motorboote mit kleinem Innenborder, endlich sein konnte, erlebten die beiden Pioniere ebenfalls.

Ein gewisser Ole Evinrude erfand den Außenbordmotor zwar nicht, tatsächlich gab es bereits seit 1881 Experimente mit diesem Motortyp. Evinrude zeigte das Konzept jedoch einem breiten Publikum, und er war im Marketing Daimler und Benz ebenbürtig. Der Marketingkniff stammte von seiner Frau Bess, die eine Anzeige mit dem Text entwarf: „Rudert nicht! Werft die Riemen weg!“ Innerhalb der ersten vier Monate orderten tausend Menschen.


Technische Daten der “Marie”

Werbeanzeige Daimler-Motoren-Gesellschaft,: "Daimler-Motor-Boote", erschienen in "Fliegende Blätter", 1894Foto: Mercedes-Benz AG
  • ​Länge/Breite: 5,50 m/1,45 m
  • Tiefgang: 1,90 m
  • Verdrängung leer: 905 kg
  • Motor: Stehender wassergekühlter Viertakt-Benziner, Einzylinder
  • Leistung: 1,1 PS bei 650 U/min.
  • Kraftübertragung: Direkt auf die Schraube
  • Höchstgeschwindigkeit: ca. 5,5 kn
  • Konstruktion: Gottlieb Daimler

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