Dass die „Gorch Fock“ in der Förde unter Vollzeug unterwegs ist, bleibt eine Ausnahme. Für das Manöver müssen zahlreiche Abläufe an Deck und in der Takelage präzise ineinandergreifen. Dutzende Offizieranwärter bewegen die schweren Rahen, setzen und bergen Segel, während am Ruder mehrere Rudergänger gemeinsam Kurs halten. Windjammersegeln ist Teamarbeit in ihrer unmittelbarsten Form: Jeder Handgriff zählt, jede Bewegung muss sitzen. Schon eine kleine Unachtsamkeit kann bei einem 89 Meter langen Dreimaster mit rund 1800 Quadratmetern Segelfläche große Folgen haben.
Die spektakuläre Einfahrt bildet den vorläufigen Schlusspunkt einer außergewöhnlichen Ausbildungsreise. 165 Tage war die „Gorch Fock“ unterwegs, mehr als 14.000 Seemeilen liegen hinter Schiff und Besatzung. Die 189. Auslandsausbildungsreise führte zunächst von Kiel über Bayonne, Las Palmas und Hamilton auf Bermuda über den Atlantik nach Westen. Anders als bei modernen Schiffen war die Route nicht allein eine Frage von Fahrplänen und Maschinenleistung. Die Besatzung musste sich den Passatwinden anvertrauen, Wind und Wetter lesen und den Kurs immer wieder an die Bedingungen auf See anpassen.
Über Norfolk und Baltimore erreichte der Großsegler die Vereinigten Staaten. Höhepunkt der Hinreise war der 4. Juli in New York. Zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit nahm die „Gorch Fock“ an der großen Windjammerparade vor Manhattan und auf dem Hudson River teil. Vor der Skyline der Stadt und in der Nähe der Freiheitsstatue setzte sie als einziger Rahsegler alle Segel. Zwischen Dutzenden Großseglern aus aller Welt wurde das deutsche Schulschiff damit selbst zum Botschafter – und lieferte zugleich eine eindrucksvolle Demonstration seiner seglerischen Fähigkeiten. Wir hatten darüber berichtet.
Wenig später wartete die sportliche Herausforderung. Bei der Neuauflage der Five Sisters Trophy traf die „Gorch Fock“ auf ihre drei noch aktiven Schwesterschiffe: die amerikanische „Eagle“, die portugiesische „Sagres“ und die rumänische „Mircea“. Die Bezeichnung „Four Sisters“ liegt angesichts der vier gestarteten Schiffe zwar nahe, offiziell heißt die Trophäe jedoch „Five Sisters Trophy“. Sie erinnert an die ursprünglich fünf Schiffe der Klasse, die bereits 1976 zur 200-Jahr-Feier der USA gegeneinander angetreten waren.
Die Regatta von New York nach Boston wurde zu einem deutschen Erfolg. Auf der rund 60 Seemeilen langen Messstrecke benötigte die „Gorch Fock“ knapp siebeneinhalb Stunden und war damit 38 Minuten schneller als die „Eagle“. Die „Sagres“ folgte mit einer Stunde Rückstand, die „Mircea“ mit zwei Stunden. Entscheidenden Anteil daran hatten die intensive Segelvorausbildung, eine ausgefeilte Taktik und eine Mannschaft, die auch bei auffrischendem Wind die gesamte Segelfläche stehen lassen konnte. Der Pokal bleibt damit an Bord des Kieler Schulschiffs (hier geht’s zum ausführlichen Bericht).
Nach weiteren Ausbildungsabschnitten in Halifax begann die anspruchsvollste Etappe der Reise: die Rückkehr über den Nordatlantik. Von Kanada aus führte der Kurs durch ein Seegebiet, das für schwere Stürme, hohe Wellen und rasch wechselnde Bedingungen bekannt ist. Die Offizieranwärter trainierten dort nicht für eine Regatta, sondern für die Wirklichkeit der Seefahrt: Manöver, Wenden, Notfallabläufe und das sichere Arbeiten auf einem schwankenden Deck.
Besonders eindrucksvoll wurde die Reise, als die „Gorch Fock“ Ende August erstmals seit 2009 den Polarkreis überquerte. Dicht vor Grönland passierte sie große Eisberge und bekam das grönländische Festland in Sicht. Später folgte der Abstecher nach Reykjavík, bevor das Schiff endgültig Kurs auf die Heimat nahm. Polarlichter, Eisfelder und der raue Nordatlantik boten dabei Bilder, die mit dem klassischen Postkartenmotiv vom weißen Schwan der Ostsee kaum etwas gemein haben.
Nun ist die „Gorch Fock“ wieder in Kiel – und hat noch einmal gezeigt, warum sie weit mehr ist als ein schwimmendes Stück Marinegeschichte. Sie ist Ausbildungsstätte, Botschafterin und ein lebendiger Beweis dafür, dass traditionelles Segeln auch im 21. Jahrhundert seinen Platz hat.

Textchef YACHT
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