ReportageDas „Antique Boat Museum“ – Home of the Legends

Christian Tiedt

 · 05.12.2022

Geschichte des Rennsports unter einem Dach
Foto: Morten Strauch
Das “Antique Boat Museum” in Clayton, NY

Das „Antique Boat Museum“ in Clayton im US-Bundesstaat New York verfügt über die weltweit größte und faszinierendste Sammlung von klassischen Motorbooten. Wir haben die Legenden zuhause besucht

Gleich kann es losgehen! Zumindest scheint es so, als würde die noch menschenleere Halle nur darauf warten, dass sich ihre Tore für erwartungsvolle Besucher öffnen. Messebesucher. Alles ist vorbereitet: Stoffbahnen in den Farben des Sternenbanners schmücken Decke und Wände, die Stände sind geputzt, die Informationstafeln aufgestellt und am Kiosk in der Mitte liegen Übersichtspläne aus. „Welcome to the ,National Motor Boat Show‘“, steht breit geschwungen über dem Eingang.

Alle Größen der Branche sind gekommen, um ihre Bestseller, Flaggschiffe und schönsten Stücke zu zeigen

Gar Wood Incorporated etwa, „the Greatest Name in Motorboating“, wie man selbst sagt. Die Firma des Sport- und Rennbootpioniers zeigt unter anderem ihre Baby Gar von 1927, seinerzeit das schnellste Seriensportboot der Welt. Dank eines Zwölfzylinder-Flugzeugmotors vom Typ Liberty T-25 (der nach dem Ersten Weltkrieg leicht zu haben war) kommt der 33-Fuß-Gleiter auf mehr als 40 Knoten. Der Preis? Keine 10.000 Dollar. Sicher, der amerikanische Durchschnittsarbeiter verdient momentan nicht mehr als 1400 jährlich. Aber dafür wird auch ein Traum Wirklichkeit, oder? Ansonsten wäre noch der Speedster von 1935 im Angebot. Etwas kleiner zwar, aber dafür fast genauso schnell – und das zu einem Zehntel des Preises. Deal?

Gemächlicher geht es gegenüber bei der Electric Launch Company zu – kurz Elco. Schließlich ist man auf komfortable Motorkreuzer spezialisiert. „Your home afloat“, so das Motto, „Ihr schwimmendes Zuhause“. Zwei Modelle hat man mitgebracht, darunter die Forty-Two, ein Backdecker mit edlen Linien und scharfem Steven – der aber dennoch Platz für sieben Kojen bietet. Beim Rundgang an Bord kann man sich davon überzeugen. So geht es weiter in der Halle: Dodge Boats, die Consolidated Shipbuilding Company und natürlich Christopher Columbus Smith und seine Söhne, besser bekannt als Chris-Craft, die auch ihr barrel-back De Luxe Runabout von 1942 präsentieren. Mahagoni, Chrom und Messing überall: eine glanzvolle Versammlung.

Doch der Schein trügt: Natürlich ist es keine Bootsmesse im eigentlichen Sinn, die der Besucher vor sich hat. Nichts ist hier verkäuflich – zum Glück! Auch die Zeitreise ist eine Illusion. Man schreibt weder die „Goldenen Zwanziger“ noch die boomenden Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Und der Schauplatz ist nicht New York City, wo im Jahr 1905 die erste echte nationale Motorbootausstellung der Vereinigten Staaten stattfand.

Ein Museum, das über die weltweit größte Sammlung klassischer Motorboote verfügt

Die hier so passend präsentierten Schätze sind nur ein kleiner Teil der Kollektion des „Antique Boat Museums“ in Clayton, weit im Norden des Bundesstaates New York. Diese Region am Übergang von Lake Ontario und Sankt-Lorenz-Strom, direkt an der Grenze zu Kanada, ist mit ihren vielen Inseln seit jeher ein Mekka des Wassersports. Ihr Name: Thousand Islands. Die richtige Ecke also für ein Museum, das über die weltweit größte und faszinierendste Sammlung von klassischen Motorbooten verfügt. Im vergangenen Jahr feierte man das fünfzigste Jubiläum.

Boote verbinden Menschen miteinander, mit dem Wasser und mit der Welt um sie herum – so lautet die Philosophie des „Antique Boat Museum“. Und während sich zu Beginn nur Reiche dieses Hobby leisten konnten, wurde es bald für einen immer größeren Teil der Gesellschaft zugänglich. Dieser Trend hält bis heute an und spiegelt sich auch in der Geschichte der Sammlung wieder. Am Anfang stand jedoch – wie so oft – ein Zufall: An einem warmen Sommertag des Jahres 1964 fiel den Youngs ein altes Holzboot auf, das offenbar seit Längerem ungenutzt an Land vor sich hindämmerte. Das Ehepaar war aus der Gegend, erwarb den Fund, der sich als eine 1924 ganz in der Nähe gebaute Hutchinson Launch herausstellte, und ließ es restaurieren.

Als „Idyll Oaks“ im nächsten Frühjahr fertig war und wie neu glänzend vor ihnen lag, waren die beiden so begeistert, dass sie Freunde und Bekannte, die ebenfalls klassische Boote besaßen, zu einem Treffen einluden. Das folgende Get-together auf dem Wasser sorgte nicht nur bei den Bootsleuten für so viel Begeisterung, dass man beschloss, es jährlich zu wiederholen. Immer mehr Teilnehmer kamen. Das erste Meeting für klassische Motorboote in Nordamerika war geboren – die „Annual Antique Boat Show“.

Die vorhandenen Räumlichkeiten des neuen Museums drohten schon bald wieder aus allen Nähten zu platzen

1968 folgte bereits der nächste Meilenstein – wenn auch weit weniger spektakulär als in vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens. In diesem Jahr kam die noch recht junge aber bereits erfolgreiche Veranstaltung unter die Organisation des Regionalmuseums in Clayton. Man wurde sesshaft und kaufte ein erstes Grundstück direkt am Wasser. Das Gebäude darauf war zuvor im Besitz einer Werft gewesen. Nun machte man die bereits vorhandenen Sportbootschätze unter dem neuen Namen „Thousand Islands Shipyard Museum“ erstmals dauerhaft für Besucher zugänglich. Jetzt kam die Geschichte so richtig ins Rollen: Eine engagierte Gruppe von Unterstützern konnte mit Spürsinn, Beharrlichkeit und Leidenschaft nicht nur immer mehr hölzerne Oldies für die Ausstellung sichern, sondern auch viele andere Originale rund um den motorisierten Wassersport. Viel wurde gespendet, von Firmen wie Privatpersonen. Die vorhandenen Räumlichkeiten drohten jedenfalls schon bald wieder aus allen Nähten zu platzen – nicht nur vor Booten, auch vor Motoren.

Auch unter den Außenbordern finden sich einige echte Pioniere

Auch davon gibt es interessante Vertreter in der Ausstellungshalle zu sehen. Etwa bei den Innenbordern: Vom Palmer NR-3, der mit elf Pferdestärken 1914 immerhin schon doppelt so stark war wie ein Postkutschengespann, bis zum Scripps 302. Kaum 20 Jahre später stemmte dieser reinrassige big block bereits 300 PS auf die Welle. Was die technische Innovation betrifft, sind auch unter den Außenbordern einige echte Pioniere. So verfügte der Caille Pennant von 1927 bereits über einen Verstellpropeller, der seinem Eigner Optionen bot wie kaum ein anderer Hersteller zu seiner Zeit: Vorwärtsgang, Leerlauf und Rückwärtsgang.

Ein Bestseller war dagegen der Zephyr, der 1949 auf den Markt kam. Als kleinster Vierzylinder in der Produktpalette von Evinrude war der leichte und dennoch verlässliche 5-1/2-PS-Motor so beliebt, dass er seinen Teil zum Aufstieg der noch heute erfolgreichen Marke beitrug. Auch bei der Outboard Motors Corporation sah die Zukunft über viele Jahre strahlend aus. Zu Beginn der Siebzigerjahre lief das Geschäft noch wie geschmiert. 1971 wurde im Werk von Peterborough, gleich nebenan in Kanada, gerade der millionste Außenborder mit dem zu OMC gehörenden Traditionsnamen Johnson produziert. Grund genug, den 50 PS starken Seahorse zu „vergolden“. Das schwere, kantige Unikat hat heute einen Ehrenplatz auf der Empore der Ausstellungshalle in Clayton und glänzt noch wie am ersten Tag. Bei Johnson aber ist der Lack längst ab: 2007 kam das endgültige Ende für die Marke.

Für das „Thousand Islands Shipyard Museum“ selbst ging es seit den Siebzigern dagegen nur noch in eine Richtung – nach oben. Die Sammlung wuchs, und mit ihr das Ausstellungsgelände an der Waterfront von Clayton. Das Grundstück einer benachbarten Sägemühle wurde angekauft und neue Gebäude entstanden. Auch die inzwischen sehr umfangreiche Bibliothek bekam nun angemessene Räumlichkeiten. 1986 erkannte der Bundesstaat New York die Bedeutung der Sammlung als Bildungseinrichtung an – der Ritterschlag für die engagierte Arbeit aller Beteiligten seit den Anfängen keine zwanzig Jahre zuvor. Die treffende Umbenennung in „Antique Boat Museum“ erfolgte schließlich 1990.

Unter dem hohen Dachstuhl im Museum geht es nicht mehr um Entspannung auf dem Wasser, sondern um Spannung

Was sich in diesen Jahren getan hat, wird deutlich, wenn man das „Haxall Building“ mit dem Eingangsbereich verlässt und die „Mary Street“ überquert. Mit der „French Bay Marina“ und ihren vollen Stegen zur Rechten und dem silbern glänzenden Kirchturm von „St. Mary’s“ zur Linken, kommt man zum neuen „Morgan Building“. „The Quest for Speed“ steht neben dem Eingang – „Die Suche nach Geschwindigkeit“. Unter dem hohen Dachstuhl aus gezimmertem Gebälk geht es nicht mehr um Entspannung auf dem Wasser – sondern um Spannung. Die große Zeit der Rekordjagden wird hier verewigt. Der „Gold Cup“, der zur gleichen Zeit seinen Anfang nahm wie die „National Motor Boat Show“, und den Gar Wood höchstpersönlich zwischen 1917 und 1921 fünf Jahre lang in Folge erobern konnte. Es war die Ära der gentleman racer – und nicht weniger ladies.

Delphine Dodge aus Detroit zum Beispiel. Die Tochter des Automobilmagnaten war in den Ballsälen der „Motor City“ für ihr strahlendes Lächeln berühmt. Auf dem Wasser jedoch, hinter dem Steuer von „Miss Syndicate“, legte sie den Schalter um: 1927 gewann sie als erste Frau den begehrten „President’s Cup“ auf dem Potomac River in der Hauptstadt Washington. Glänzende Trophäen, glänzende Motoren, glänzende Boote: „Detroit VII“, so frisch wie an dem Tag, als sie 1923 aus der Werfthalle von Gar Wood geschoben wurde. Siegerin des 10 000 Dollar schweren, 150 Meilen langen „Sweepstakes Race“. Oder „Chrysler Queen“. Zusammen mit ihrem Fahrer Buddy Byers holte das hölzerne hydroplane sechs mal die US-Meisterschaft. Höchstgeschwindigkeit: 270 Stundenkilometer.

Superlative bietet auch das „Antique Boat Museum“ selbst: Zehn Gebäude umfasst das Ausstellungsgelände heute mit rund fünfeinhalb Quadratkilometern nutzbarer Fläche. Doch selbst das reicht bei Weitem nicht aus, um die mehr als 300 historischen Boote, hunderte Motoren und tausende weitere Exponate zu jeder Zeit zeigen zu können. Ein Großteil ist eingelagert, wobei aber immer wieder durchgetauscht wird, damit möglichst viele der Schätze zu ihrem Recht kommen. Denn wenn es eine Sache gibt, die den Prinzipien des Museums zuwider läuft, dann ist es jene, die Sammlung statisch verstauben zu lassen.

So nimmt uns die „Miss“ mit hinaus auf den Strom und hinein in das Labyrinth der „Tausend Inseln“

Der Weg zum letzten Highlight führt deshalb auch zurück aufs Hauptgelände: Durch die Lobby und über die Veranda, vorbei am „Stone Building“, in dessen Werkstatt gerade eines der vielen Restaurationsprojekte läuft, am Prunkhausboot „La Duchesse“ vorbei, führt er zum „Mc Nally Yacht House“. Hier wartet die In-water fleet des Museums auf jene Besucher, die nicht nur sehen, sondern auch fühlen und hören wollen. Sechs Klassiker aus Holz gehören derzeit zur „aktiven“ Flotte und können für verschiedene Anlässe gebucht werden. Originale wie „Gadfly“, ein sedan commuter von 1931 im Stil der Autoboote jener Zeit, oder Replikas wie „Teal“, der allerdings niemand ansehen würde, dass sie erst dreißig Jahre alt ist. Der Originalentwurf des eleganten 28-Fuß-Runabouts aus Mahagoni stammt nämlich von Gar Wood aus dem Jahr 1937.

„Miss Thousand Islands II“ von 1999 ist ein weiterer perfekter Nachbau. In diesem Fall stand ein triple-cockpit von Hacker Craft aus den Zwanzigerjahren Modell. Wer sich auf die schweren Ledersitze fallen lässt, wird sofort überrascht sein, wie solide und sicher sich das Boot anfühlt. So nimmt uns die „Miss“ mit hinaus auf den Sankt Lorenz, hinein in das Labyrinth aus Inseln mit ihren uralten Bäumen und weißen Villen, dass den Thousand Islands ihren Namen gegeben hat. Und spätestens wenn der Gashebel nach vorne geschoben wird, der V8 von Chevy mit seinen satten 7,4 Litern Hubraum so richtig lebendig wird (das Modell 454 steckte auch in der legendären Corvette Stingray von 1971) und man im hinteren Cockpit sein eigenes Wort nicht mehr versteht, dann wird klar, warum dieses Hobby das beste der Welt ist ...

Besucherinformationen Antique Boat Museum

Lage des Museums Foto: BOOTE
Lage des Museums

Das „Antique Boat Museum“ befindet sich in Clayton, im US-Bundesstaat New York. Die Entfernung bei der Anreise mit dem Auto beträgt von New York City 540 km (5,5 Stunden Fahrt), von Boston 625 km (6 h), von Montreal in Kanada 270 km (3 h) und von Toronto, ebenfalls in Kanada, 330 km (3,5 h).

Die Museumssaison geht von Anfang Mai bis Ende Oktober. Öffnungszeiten: 9 bis 17 Uhr. Neben der Ausstellung bietet das Museum weitere Aktivitäten wie Bootsausflüge, Veranstaltungen und Workshops. Eine Bibliothek ist ebenfalls vorhanden.

Aktuelles gibt es im Internet auf www.abm.org. Informationen zu Clayton und zur Urlaubsregion der Thousand Islands allgemein: www.1000islands-clayton.com


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