Ein Schiff, das durch die Kanäle von Paris tuckert und wenig später auf offener See vor Anker liegt. Was nach einem Widerspruch klingt, ist das Ziel der Contemporary Barge, einem Konzept, das zwei komplett unterschiedliche Bootswelten unter einem Rumpf vereinen will. Gian Paolo Nari, der bereits das Außendesign der 59 Meter langen Explorer-Yacht Akula verantwortete, hat zusammen mit dem Berater und Gutachter Lorenzo Cappugi einen Entwurf entwickelt, der mit klassischen Hausbooten kaum noch etwas gemein hat. Das Schiff misst 19,90 Meter in der Länge und 4,85 Meter in der Breite, soll europäische Kanäle ebenso befahren können wie Küstengewässer. Als möglicher Baupartner steht bereits die Werft Cantieri Navali di Termoli bereit, die Erfahrung im Bau von Stahl- und Aluminiumschiffen mitbringt.
Die Maße der Contemporary Barge sind kein Zufall, sondern Kalkül. Mit 19,90 Metern Länge, 4,85 Metern Breite, 1,20 Metern Tiefgang bei Volllast und 3,40 Metern Durchfahrtshöhe vom Wasser bis zum Hardtop hält sich das Kanalschiff exakt an das sogenannte Freycinet-Maß. Dieser über 150 Jahre alte Standard legt fest, welche Schiffsgrößen das dichte europäische Kanalnetz überhaupt befahren dürfen, von Frankreichs Seine-Nebenarmen bis zu belgischen und niederländischen Wasserstraßen. Statt möglichst viel Raum herauszuholen, haben die Entwickler das Schiff also bewusst in diesen engen Rahmen gezwängt. Welche Routen am Ende tatsächlich befahrbar sind, hängt von der finalen Konfiguration ab, jedes Schiff lässt sich individuell anpassen, muss aber innerhalb dieser technischen Grenzen bleiben.
Genau hier zeigt sich der eigentliche Clou des Projekts: Der Stahlrumpf soll laut Nari nach CE-Kategorie C oder B zertifiziert werden. Kategorie C erlaubt Fahrten in Küstengewässern bei Windstärken bis 6 und Wellenhöhen bis 2 Meter, Kategorie B erweitert das auf Windstärke 8 und bis zu 4 Meter Wellenhöhe. Für den Eigner bedeutet das eine Route, die auf einer klassischen Yacht kaum denkbar wäre: gemütlich durch Frankreichs Binnenwasserstraßen schippern, bei Marseille oder Sète ins Mittelmeer wechseln und von dort aus die Küste entlangfahren oder kurze Seestrecken zurücklegen, alles mit ein und demselben Schiff.
Auch beim Antrieb bleibt das Konzept konsequent. Geplant ist ein serieller Hybrid-Elektroantrieb, wahlweise diesel-elektrisch oder komplett elektrisch. Zwei Elektromotoren mit je 80 Kilowatt Leistung treiben das Schiff an, ein 45-Kilowatt-Generator verlängert bei Bedarf die Reichweite. Die Reisegeschwindigkeit liegt zwischen 7,5 und 8,5 Knoten, maximal sind 10,5 Knoten möglich, Werte, die für gemütliches Kanalfahren völlig ausreichen. Dazu kommen ein Batteriepaket, Solarpaneele auf dem Dach und ein Landstromanschluss für lange Liegezeiten in der Stadt.
Nari und Cappugi nennen ihr Konzept selbst ein schwimmendes Penthouse, und genau so ist es auch gedacht: als temporärer oder dauerhafter Wohnsitz in Städten mit großen Wasserstraßen. Paris und London liegen dabei besonders nahe. Statt eines Apartments mit Blick aufs Wasser hätte der Eigner dann direkt das Wasser selbst als Grundstück, inklusive der Möglichkeit, bei Lust auf Tapetenwechsel einfach abzulegen. Besonders bemerkenswert: Das Schiff soll sich ohne dauerhafte professionelle Crew führen lassen. Diese Autonomie ist kein Nebenaspekt, sondern einer der zentralen Entwurfsgedanken.
Wer an Bord geht, merkt schnell: Hier wurde eher wie bei einer Stadtwohnung geplant als wie bei einem klassischen Boot. Die Haupträume liegen auf dem Unterdeck. In der Mitte befindet sich ein großer Wohnbereich mit Salon und Essplatz, direkt daneben die Kombüse. Der Schlafbereich umfasst zwei Kabinen, die Eignerkabine liegt im Bug und führt von dort zu einer privaten Außenlounge, abgeschirmt von den gemeinschaftlichen Flächen auf dem Oberdeck. Achtern sind Technik und Maschinenraum untergebracht, das Steuerhaus sitzt erhöht Richtung Heck und sorgt so für bessere Sicht bei der Fahrt durch enge Kanäle. Das komplette Oberdeck ist fast vollständig als Terrasse angelegt, mit Essbereich, Sofas, Liegen und reichlich freier Fläche. Die für diese Länge ungewöhnliche Breite von 4,85 Metern schafft dabei spürbar mehr nutzbaren Raum, als man von einer vergleichbar langen Yacht kennt.
Noch einen Schritt weiter geht eine Variante des Entwurfs: ein Bereich auf dem Oberdeck für die Landung von Passagierdrohnen oder eVTOLs, electric Vertical Take-Off and Landing-Fahrzeugen. Diese Luftfahrzeuge stecken zwar noch mitten in der Entwicklung, könnten aber in einigen Jahren Teil urbaner Mobilität werden, und das Schiff würde dann zum Knotenpunkt zwischen Wasser, Land und Luft. Aktuell bleibt das Vision, zeigt aber, wie konsequent zu Ende gedacht das Projekt ist: Ein jahrhundertealter Schiffstyp wird komplett neu für das Leben von morgen interpretiert.
Am Ende versteht sich das Kanallschiff als Plattform, nicht als fertiges Produkt. Außendesign, Innenausbau, Raumaufteilung und Navigationseigenschaften lassen sich an die Wünsche des jeweiligen Eigners anpassen. Cantieri Navali di Termoli würde die Baukompetenz für Stahl- und Aluminiumschiffe beisteuern, während das Design yacht-typische Elemente einbringt. Die Stabilität von Stahl bleibt dabei Kernelement, ergänzt um Lösungen für nachhaltiges Fahren. Weder Yacht in Kahnform noch luxuriöser Lastkahn, entsteht hier ein eigener Schiffstyp, der ausgerechnet die strengen Beschränkungen der europäischen Binnenschifffahrt zum Gestaltungsprinzip macht.

Redakteur Test & Technik
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