Auf dem Markt für Reiseboote ist die neue Omikron so etwas wie ein UFO. Bei 18,41 Meter Länge ist sie mit sechs Metern auffällig breit. Ein Bugspriet hilft, das Design dennoch gestreckt wirken zu lassen. Das Flush-Deck und ein um 360 Grad verglastes Steuerhaus sorgen zudem für eine gewisse Eleganz. Wer aber hat sich das ausgedacht? Nun, nicht nur das Boot ist ungewöhnlich. Auch die Entstehungsgeschichte der Marke Omikron ist alles andere als alltäglich. Deren Initiator ist der milliardenschwere griechische Reeder George Prokopiou.
Unter Luxusyacht-Enthusiasten sorgte er für Aufsehen, als er 2018 den Umbau einer 106 Meter langen, ausgedienten Fähre in eine private Superyacht in Auftrag gab: Die „Dream“, die meist im Hafen von Piräus vor Anker liegt, ist sein Arbeits- und Hauptwohnsitz geworden. Als begeisterter Segler finanziert Prokopiou auch den Bau der „Argo“, einer futuristischen, 54-Meter-Maxi-Rennyacht aus Alu und Carbon. Gleichzeitig hat der Reeder Olympic Marine gekauft, einen modernen Yachthafen 60 Kilometer südlich von Athen. Seit 2021 sponsert er zudem eine Bootsmesse, um die Wassersportbranche seines Landes zu pushen. Für die Omikron holte sich Prokopiou den argentinischen Starkonstrukteur Juan Kouyoumdjian sowie den renommierter italienischen Yachtdesigner Lorenzo Argento an Bord. Kouyoumdjian hatte für den Griechen bereits die Pläne für die Argo 54 entworfen. Argento hatte eine Reihe von Motoryachten entworfen sowie den innovativen Elektro-Foiler Candela C-8. Den beiden zur Seite standen eine Reihe junger griechischer Schiffsingenieure, die bereits an der Umrüstung der „Dream“ mitgewirkt hatten.
Der OT-60-Rumpf war Gegenstand tausendfacher CFD-Berechnungen, einem digitalen Verfahren zur Optimierung der Strömungsdynamik von Schiffsrümpfen in Abhängigkeit von Parametern wie Geschwindigkeit und Seegang. Dem Technik-Team der Werft waren dabei keine Grenzen gesetzt, es konnte die OT-60 mit einer Hightech-Konstruktion versehen. Unter anderem ist der geschäumte Sandwich-Rumpf mit einem Aufbau aus Kohlefaser versehen, der in den oberen Bereichen Gewicht spart. Der gleiche Ansatz wurde für das Deck gewählt, das 40 Prozent leichter ist als eine Konstruktion mit herkömmlichem Verbundwerkstoff.
Mit einem Gewicht von unter 20 Tonnen erreichte die Test-Omikron bei Vollgas knapp 14 Knoten. Unter zehn Knoten ist sie besonders sparsam, bei etwa acht Knoten werden nur 1,25 Liter pro Meile verbraucht. Die Reichweite beträgt etwa 900 Meilen, plus Reserve. Die meiste Zeit ist man mit Autopilot unterwegs, zur Navigation stehen zwei 16-Zoll-Garmin-Plotter bereit. Ein zweiter Steuerstand befindet sich im Cockpit. Hafenmanöver sind dank des großen Abstands zwischen den Motoren und dem leistungsstarken Bugstrahlruder ein Kinderspiel.
Generell zeichnet sich die OT-60 durch eine großes Cockpit mit freier Sicht nach achtern aus. Am Heck führen zwei Treppen hinab zur Plattform, die integraler Bestandteil des Rumpfes ist. Das eher kompakte Steuerhaus ist weit vorne auf dem Deck positioniert und bietet eine außergewöhnliche 360-Grad-Verglasung. Weiter vorn scheint der Raum dank eines großen, offenen Bereiches auf der unteren Ebene in der Luft zu schweben. Am Fuße des Niedergangs stößt man auf einen zusätzlichen Wohnbereich, dessen Aufteilung an einige niederländische Stahlboote erinnert. Die Breite des Bootes ermöglicht einen Essbereich für vier Personen auf der Backbordseite und eine geräumige, voll ausgestattete Miele-Küche an Steuerbord. Zwei Doppelkabinen mit jeweils eigenem Bad befinden sich beidseits der Treppe. Die große Hauptkabine ist im Vorschiff untergebracht. Aus gutem Grund ist die Omikron 60 als Powerboat of the Year in der Kategorie Long Range Cruiser ausgezeichnet worden. Die Serienfertigung ist angelaufen. Und auf der nächsten boot in Düsseldorf will die Werft ein 24-Meter-Modell präsentieren. Man darf gespannt sein.