„Sie hat alles, was ein ausgewachsener Daycruiser braucht“, schrieb schon Ralf Marquard, als er 2018 die Atlantic Marine 720 DC testete. Damals wurde das Boot von einem Mercury Verado mit 250 PS angetrieben. Bei 250 PS ist es geblieben, diesmal allerdings mit einem Honda-Außenborder. Aber fangen wir von vorne an: Wir haben die Atlantic Marine 720 DC bereits 2018 ausgiebig getestet. Trotzdem wollten wir sie noch einmal fahren, um zu sehen, ob sie auch noch für den Bootsmarkt 2024 aktuell ist und ob das Boot noch konkurrenzfähig ist.
Ein paar Kleinigkeiten wie eine verbesserte Bauqualität und bessere Materialien haben sich laut dem deutschen Yachthändler Tony Pilipenko aus Schwerin geändert, sind aber nicht wirklich erwähnenswert und für den Otto Normalverbraucher auch nicht sofort ersichtlich.
Das Layout des Bootes ist gleich geblieben. In der Kabine lässt sich durch zwei zusätzliche Holzbretter eine große Liegefläche von 2,05 x 1,90 Metern in Schulterhöhe schaffen. So finden zwei Erwachsene ausreichend Platz für einen Kurztrip. Eine Chemietoilette (extra) ist ebenfalls vorhanden und wird unter die Plicht geschoben. Wer eine richtige Marinetoilette wünscht, kann diese ebenfalls als Extra bestellen. Für beides gibt es aber keinen separaten Raum – ein typischer Daycruiser mit Wert auf viel Lebensraum außerhalb der Kabine eben.
Im Cockpit ist noch eine L-Sitzbank eingebaut, die man mit Einlegeböden und einem extra Polster zu einer Liege umbauen kann. Diese Einlegeböden sind zwar nicht leicht, bieten aber eine gute Stabilität, sind aber nicht in der Grundausstattung enthalten. Die Liegefläche vergrößert sich dadurch auf 2,15 x 1,76 Meter. Wer sich abkühlen möchte, kommt über die zweigeteilte Badeplattform mit Leiter bequem ins Wasser und wieder heraus. Nach dem Bad sorgt eine Heckdusche für salzfreie Haut.
Das Cockpit ist mit zwei Displays ausgestattet: Das linke dient der Navigation und ist von Garmin. Das rechte dient ausschließlich der Anzeige von sämtlichen Motordaten. Letzteres ist ein Honda-eigenes Panel. Alle Bedienelemente sind gut erreichbar, Lenkrad und Schaltung sind elektrisch. Das gefällt uns sehr und ist angenehm leichtgängig. Ein Zubehörteil unseres Testbootes ist die automatische Trimmeinheit von Zipwake, die die Trimmklappen steuert. Typischerweise funktioniert das sehr gut.
Kurz zur Erklärung: Zipwake ist auf fast allen modernen Motorbooten installiert und nicht mehr wegzudenken. Die Zipwake ist ein System von senkrechten Klappen, die direkt am Heck eines Motorbootes angebracht sind. Unabhängig von der Antriebsart (Z-Antrieb, Außenbordmotor, IPS oder Welle) lenkt die Zipwake-Klappe den Wasserstrom um, um die Trimmlage zu verändern. Diese Klappen befinden sich auf beiden Seiten des Bootes und sind voneinander unabhängig. Sie ermöglichen es, die seitliche Trimmung, auch Krängung genannt, zu beseitigen und die Nase des Rumpfes beim Beschleunigen zu halten. Für Letzteres werden beide Klappen ausgefahren. Wer das System interessant findet, kann sich auf YouTube zahlreiche Videos zum Thema anschauen. Auf Bootsmessen zeigt der Hersteller ebenfalls das System auch live in einem Glaskasten mit Wasser und einem Gashebel.
Das eingebaute Soundpaket von Fusion mit vier Lautsprechern, einem 10-Zoll-Subwoofer und einem Digitalverstärker gehört unserer Meinung nach mit auf die Must-have-Options-Liste des Bootes. Seien wir ehrlich, die beiden Buchstaben DC stehen für „Day Cruiser“, da gehört ein ordentliches Soundsystem im Jahr 2024 einfach dazu.
Aber ein Boot will auch gefahren werden. Im Test 2018 haben wir die dünnen Polster des Fahrersitzes bemängelt. Dieser Punkt wurde behoben und die verbauten Sportsitze sind angenehmer gepolstert und bieten guten Seitenhalt. Wer im Stehen fahren möchte, sollte den Sitz ganz nach hinten schieben. So hat man genügend Platz zum Lenken. Im Sitzen lässt sich der Sitz dann wieder zurückstellen. Bei einer Körpergröße von etwa 1,84 Metern kann man gut nach vorne schauen. Auch beim Beschleunigen hebt sich die Nase nicht zu stark an (Zipwake ein- und ausgeschaltet).
Hafenmanöver und die langsame Verdrängerfahrt von etwa 6 Knoten absolviert die Atlantic Marine zielsicher und ohne zu schlingern. Auch beim Angleiten und langsamen Dahingleiten mit rund 12 Knoten fährt sie problemlos geradeaus.
Schiebt man den Hebel nach vorne, bringen einen die 250 PS zügig voran, eine größere Motorisierung wünschen wir uns nicht, wäre aber möglich. Die Werft gibt eine maximale Motorisierung von 300 PS an. Als Höchstgeschwindigkeit erreichen wir bei unserem Test 37,8 Knoten bei 6460 Umdrehungen pro Minute. Damit ist das Boot alles andere als langsam, aber tatsächlich auch ganze sieben Knoten langsamer als beim damaligen Test mit dem Mercury (44,8 Knoten). Wind, Strömung, Wellen und die Wahl des Propellers machen natürlich einen Unterschied, aber man kann sagen, dass der Verado schneller war. Allerdings war er mit 91 dB(A) auch etwa drei Dezibel lauter, was durchaus wahrnehmbar ist. Dennoch lässt sich das Boot auch bei dieser Geschwindigkeit gut und ruhig steuern. Kleinere Wellen schneidet der polnische Rumpf gut oder springt darüber hinweg.
Das Eintauchen erfolgt weich und ohne Bandscheibenvorfall. Wenn man das Boot im normalen Bereich bewegt, erreicht man eine wirtschaftliche Gleitgeschwindigkeit von 17,4 Knoten. Dabei dreht der Motor mit 3500 Umdrehungen pro Minute und zieht 1,26 Liter aus dem 207-Liter-Tank. Mit 15 Prozent Reserve erreichen wir eine Reichweite von 139 Seemeilen. Das konnte der Mercury nicht so gut. Die wirtschaftliche Gleitfahrt lag damals zwischen 4000 und 4500 Umdrehungen pro Minute bei 26,8 bis 32,2 Knoten. Der Verbrauch betrug 1,52 Liter pro Seemeile bei einer Reichweite von 116 Meilen. Das Tankvolumen der verschiedenen Baujahren blieb gleich. Man kann also sagen, dass der Honda-Motor in diesem Fall leiser und sparsamer ist. Gerade Letzteres ist erfreulich und passt gut in die heutige Zeit von Benzinpreisen, um zwei Euro der Liter (Bootstankstelle).
Geht es mit der Atlantic ins schnelle Karussell, dreht der Rumpf mit getrimmtem Außenborder, ohne zu murren, seine Runden, bis der Propeller Luft zieht. Dann heißt es kurz Gas wegnehmen und weiter geht’s. Ohne Trimm wird es enger und das Boot kippt in die eigene Welle. Slalomkurse sind mit und ohne Trimm genauso sicher zu fahren wie das Manöver „Ruder verreißen“. Auf langsamen Kursen wie im Hafen oder in kleinen Kanälen sollte man unter 6 Knoten bleiben, damit die Heckwelle keine uferbedrohende Höhe erreicht.
Zum Thema „Sicherheit“ fehlte uns schon damals in der Standardausführung eine Handlenzpumpe, die auch bei Stromausfall funktioniert. Eine elektrische Pumpe, die auch bei ausgeschaltetem Hauptschalter läuft, ist natürlich vorhanden. Besonderheit: Eine zweite, zuschaltbare Pumpe ist ebenfalls serienmäßig eingebaut. Auf das Vordeck gelangt man über den Mitteldurchstieg in der Windschutzscheibe, der über angenehm breite und rutschfeste Stufen zu erreichen ist.
Zum Festmachen bietet die Werft vier ausreichend große Klampen an. Die Mittelklampe, die besonders beim Einhandschleusen von Vorteil sein könnte, steht auf der Zubehörliste. Gleiches gilt für alle Arten von Persenningen und Cabrioverdecken; damals wie heute.
Bei den Installationen hat uns die Kraftstoffanlage mit dem fest verschraubten Tank, dem Absperrhahn und dem Kraftstofffilter überzeugt – und hier besonders der elektrische Wassermelder. Die Leitungen und Schläuche sind fachmännisch gebündelt und befestigt.
Die gesamte Verarbeitung und auch die Bauqualität zeigen ein hohes Niveau. Dazu gehören zum Beispiel die versiegelten Kunststoffkanten, der weiße Schutzanstrich auch an Stellen, die man normalerweise nicht sieht, aber auch alle Anbauteile wie die Klampen oder die Echtglas-Windschutzscheibe.
Die eingangs gestellte Frage, ob das Boot auch sechs Jahre nach dem ersten boote-Bootstest noch zeitgemäß ist und mit Sportbooten aus dem Jahr 2024 mithalten kann, können wir eindeutig mit Ja beantworten. Weder die Fahreigenschaften noch die Kompatibilität mit neueren Motoren und neuen Systemen wie der elektronischen Lenkung sind beeinträchtigt. Man kauft also immer noch ein modernes Boot, auch wenn der Riss schon etwas älter ist.
Die Atlantic Marine 720 DC ist damals wie heute ein gelungenes Boot aus Polen. Die Bauqualität lässt keine Wünsche offen und kann sich sehen lassen. Sportliche Eigner kommen mit der 720 genauso auf ihre Kosten wie Leute, die ein Dayboat zum Baden suchen. Auch für den Wassersport ist das Boot geeignet und kann getrailert werden.

Redakteur Test & Technik