FlugbooteMit Wasserstoff über die Wellen fliegen

Jill Grigoleit

 · 19.11.2024

Mit über 135 Knoten über das Wasser fliegen - ist das die Zukunft?
Foto: Sea Cheetah
Was das amerikanische Unternehmen Sea Cheetah auf seiner Webseite präsentiert, erinnert an Science-Fiction. Die futuristisch anmutenden Flugboote versprechen Geschwindigkeit, Stabilität und minimale ökologische Auswirkungen. Ein Paradigmenwechsel für den Reiseverkehr auf dem Wasser – oder besser gesagt über dem Wasser. Aber ist das noch ein Boot oder schon ein Flugzeug?

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Ursprünglich hatte das in Miami ansässige Unternehmen Sea Cheetah mit der Entwicklung seiner wasserstoffbetriebenen Flugboote den Ultra-Luxus-Markt im Blick. Nun präsentiert das Start-up Unternehmen die neuste Generation sogenannter WIGE-Boote als potenzielle Revolution auch für Kreuzfahrtreisen und die Seenotrettung.

Die Bodeneffekt-Technologie

Bodeneffektfahrzeuge gelten als Exoten unter den Fortbewegungsmitteln. Sie sind eine Mischung aus Wasserfahrzeug und Flugzeug. WIGE steht für „wing-in-ground-effect“. Dabei wird das aerodynamische Prinzip des Bodeneffekts genutzt, bei dem der Auftrieb erhöht und der Luftwiderstand reduziert wird, wenn nahe an der Oberfläche geflogen wird. Neu ist die Technologie nicht. Bereits 1947 nutzte man den Effekt bei der Entwicklung der „Fichtengans“ in den USA. Die sowjetische Marine baute im Kalten Krieg unter dem Namen Ekranoplan (Schirmgleiter) einige sehr große Bodeneffektfahrzeuge, wovon im Westen durch Satellitenaufnahmen erstmals das „kaspische Seeungeheuer“ bekannt wurde. Bekannteste Deutsche Entwicklung ist die Seafalcon vom Rostocker Unternehmen Meerestechnik Engineering GmbH (MTE), das in den 90er Jahren mit Millionen Fördergeldern unterstützt wurde. Doch 2007 endete einer der Testflüge mit einem Unfall. Für den Piloten verlief der Crash zwar glimpflich. Für MTE aber bedeutete er das Aus.

Renaissance der Flugboote

Nun scheint die Entwicklung von Bodeneffektfahrzeugen in mehreren Ländern wieder Schwung aufzunehmen. In Singapur testet die Firma ST Engineering in einem Joint Venture mit Peluca (früher Widgetworks) den AirFish 8, einen achtsitzigen Prototypen. Das ursprünglich 2001 in Deutschland entwickelte Fahrzeug sollte eigentlich als eine Art Bootstaxi in Ozeanien eingesetzt werden. Aufgrund technischer Probleme und finanzieller Schwierigkeiten der Produzenten fand es allerdings keine große Verbreitung. Nach mehreren Unternehmensumstrukturierungen will nun ST Engineering aus Singapur 2025 eine überarbeitete 10-sitzige Version auf den Markt bringen. 10 Exemplare wurden bereits von der türkischen Firma Eurasia Mobility Solutions (EMS) bestellt, mit der Option auf 10 weitere Flugzeuge. In Korea tüftelt Wingship Technologies gar an Fahrzeugen, die bis zu 50 Personen befördern sollen.

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Schneller als ein Rennboot, billiger als ein Flugzeug

Die WIGE-Boote fliegen knapp drei Meter über der Wasserfläche und erreichen dabei Geschwindigkeiten von über 135 Knoten (250 km/h). Laut Sea Cheetah können sie dabei hunderte von Meilen zurücklegen, ohne Wasserstoff auftanken zu müssen. Und wenn dies doch mal nötig ist, so hat Sea Cheetah direkt eine Lösung parat: Mit dem H2Hub will das Unternehmen schwimmende Wasserstofftankstellen anbieten. An diesen "Boxenstopps" sollen die Fahrzeuge vor Ort produzierten grünen Wasserstoff tanken können.

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Aber zurück zu der Frage, ob es sich überhaupt noch um ein Boot handelt: In den USA hat die Luftfahrtbehörde Federal Aviation Association (FAA) bestätigt, dass sie nur fliegende Fahrzeuge, die über 50 Fuß, also ab einer Höhe von 15 Metern, reguliert. Bodeneffektfahrzeuge fallen also aus ihrem Zuständigkeitsbereich. Die „Piloten“ benötigen einen Bootsführerschein und keinen Pilotenschein.


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Neu wäre die Nutzung von Wasserstoff als Energiequelle, wie Sea Cheetah sie verspricht. Wasserstoff ließe sich deutlich schneller tanken, als Batterien laden können Derzeit arbeitet das Unternehmen mit „H3 Dynamics“ zusammen, welches Brennstoffzellen für die Luftfahrt entwickelt.

Transportmittel der Zukunft?

Bodeneffektfahrzeuge sind sehr effizient. Durch den Bodeneffekt steigt die Reichweite und es können große Lasten transportiert werden. Außerdem kann man sie günstiger herstellen als Flugzeuge. Sie haben also das Potential, die Dekarbonisierung des Transportwesens zu revolutionieren.

Die Vision der Entwickler: Schneller, umweltfreundlicher und komfortabler Transport von Personen, aber auch von Lebensmitteln, Medikamenten und anderen wichtigen Ressourcen, zwischen Inseln und abgelegenen Küstengebieten. Außerdem könnten sie aufgrund ihrer Schnelligkeit und Stabilität eine entscheidende Rolle bei der Seenotrettung spielen.

Noch aber ist das alles Zukunftsmusik. Das Unternehmen befindet sich in einer frühen Phase und hat bisher nur Renderings veröffentlicht. Ein Termin für die Markteinführung ist noch nicht bekannt.


Jill Grigoleit

Jill Grigoleit

Redakteurin Reise

Jill Grigoleit lebte zehn Jahre mit ihrer Familie auf einem Hausboot im eigenen Hafen südlich von Hamburg und schrieb ein Buch über den Hausbootbau und das Leben mit Kindern auf dem Wasser. Seit 2020 schreibt sie vor allem Reisereportagen und Revierporträts für YACHT und BOOTE und konnte damit ihre zwei großen Leidenschaften zum Beruf machen: Reisen und darüber schreiben. Seit Januar 2024 gehört sie fest zum Team des Reiseressorts der Wassersportredaktion von Delius Klasing. Seither sammelt sie in den verschiedensten Regionen Reviertipps und Geschichten über Menschen, die am und auf dem Wasser leben - von der Mecklenburgischen Seenplatte über die bretonische Küste bis ins kanadische Ontario.

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