Der Motor erwacht, die Schaltung klickt, der Rückwärtsgang ist eingelegt. Leise schiebt sich die Silver Raptor ST aus dem Liegeplatz in Finnland. Schon nach den ersten Metern wird klar: Dieses Boot will gefahren werden und ist genau für diesen Ort gebaut. Die Heizung läuft, das Wasser schimmert in den Schären, und das Boot gleitet ruhig hinaus.
Silver, eine Marke mit nordischen Wurzeln und bekannt für hochwertigen Aluminium-Bootsbau, zeigt mit der Raptor ST, dass ihre Boote sportlich und funktional zugleich sein können. Anders als viele Modelle der Werft setzt die Raptor-Baureihe auf einen modernen GFK-Rumpf, der Dynamik, präzises Handling und hohe Endgeschwindigkeiten ermöglichen soll. Die Linien sind scharf, der Auftritt ist selbstbewusst, die DNA dennoch unverkennbar – sicher, kontrolliert und konsequent auf den Fahrer fokussiert, aber die Passagiere dabei nicht außer Acht lassend. Zwischen Sportboot und Allrounder positioniert, eignet sich die Raptor ST nicht nur für schnelle Passagen zum Ferienhaus, für Angeltrips, Sonnenbaden oder Wassersport, sondern sie vereint Fahrspaß ohne Verzicht auf Alltagstauglichkeit, so der Werftmarketing-Sprech.
Am Bug fällt sofort die robuste Gummipartie ins Auge, die das Anlegen und Einsteigen deutlich erleichtert. Die Nase kann der Fahrer vorsichtig gegen den Steg drücken, ohne dass er das Boot demoliert. Gerade beim Übersteigen an Land kann das hilfreich sein. Da die Boote unter anderem für die Bedürfnisse in Schweden, Norwegen und Finnland gebaut werden und Fahrten zu Inseln hier alltäglich sind, ist das ein nützliches Feature, welches auch in unseren Gewässern nicht schaden kann. Gegen den Steg sind wir schließlich alle schon mal gefahren. Meist aber eher unbeabsichtigt. Ebenfalls integriert sind eine optionale Buglampe von Zaurac und eine Zugöse zum Trailern. Der zweigeteilte Bugkorb ist hoch, stabil verschraubt und vermittelt bereits beim ersten Kontakt ein sicheres Gefühl. Selbst bei kräftigem Ziehen wackelt hier nichts. Wer sich die Silver als gebrauchtes Boot kauft, sollte hier genauer hinschauen. Wird dort oft stark dran gezogen, könnten Haarrisse im Gelcoat entstehen. Bei unserem Testboot fühlt er sich jedoch absolut solide an.
Der integrierte Ankerkasten ist selbstentwässernd. Einziger Wermutstropfen ist der überhängende Anker, der beim Aufsteigen minimal stören kann – für weniger mobile Personen könnte ein vorheriger Abbau sinnvoll sein. Praktisch: Eine Bugleiter ist hier fest verbaut, was den Aufstieg an Bord vereinfacht. Der Rumpf wirkt modern und zeichnet sich durch nach vorne abfallende Linien aus. Vom Bug bis zum Beginn der Windschutzscheibe ist er leicht eingezogen. Dadurch wird Wasser seitlich weggeleitet und kein Spray fliegt über das Boot. Dies konnten wir während unserer Testfahrt bestätigen. Auch Heckwellen größerer Boote, wie die der XO Explorer 44 mit geschätzten einem Meter Höhe, stellen kein Problem dar. Weder die Wellen selbst noch der daraus resultierende Sprung und die Landung bereiten Schwierigkeiten. Der Raptor-Rumpf verfügt über zwei Stufen, die weit hinten im Heck positioniert sind. Der große Außenborder macht das Boot beim Fahren etwas hecklastig, so wären Stufen im Vorder- oder Mittschiffsbereich wenig sinnvoll. Auffällig ist zudem der lange Überhang, der das Boot aggressiver wirken lässt und die Wasserlinie verkürzt. Dies reduziert die Rumpfgeschwindigkeit leicht, ermöglicht aber, dass die Gleitphase früher beginnt. Vorteil im Winterlager: Weniger Antifouling malen. Nachteil: Mehr Polieren.
Betreten wir das Boot vom Heck aus, fallen die großen Badeplattformen sofort auf. Plural, weil es jeweils auf Steuerbord und Backbord eine gibt. Diese sind voneinander getrennt, man muss also durchs Cockpit gehen, um von der einen Seite zur anderen zu gelangen. Ein Durchgang durch die Heckwanne ist zwar möglich, erfordert aber einen großen Schritt oder einen tiefen Abstieg. Wer sportlich ist, wird vermutlich den großen Schritt bevorzugen. Beim Anlegen, laufendem Motor oder kabbeliger See sollte man dies jedoch sorgfältig abwägen.
Bei Bedarf lässt sich ein Wasserski-Bügel installieren. Diese Halterung aus Edelstahl unterscheidet sich von den üblichen Bügeln. Anders als bei einer einfachen Stange verläuft er einmal um den Außenborder herum. Dadurch wird der Motor zusätzlich geschützt und die Wasserskileine kann weder über den Motor laufen noch sich in der Schraube verfangen. Das ist sehr praktisch und durchdacht gelöst. Der Bügel kostet genauso viel wie die Buglampe (990 Euro), sorgt aber definitiv für mehr Spaß. Bei einem Außenborder dieser Größe sollte man auf dieses Zubehör keinesfalls verzichten. Für uns ist es ein absolutes Muss auf der Ausrüstungsliste.
Das Cockpit ist geschlossen, was vor Wind und Spritzwasser schützt, und bietet Sitzplätze auf drei Seiten, Haltegriffe, große Stauräume sowie die Möglichkeit, einen Cockpittisch aufzubauen. Wird dieser abgesenkt, entsteht eine Liegefläche für zwei Personen. Die Backskisten an Bord sind abschließbar und ausreichend dimensioniert. In der Pantry finden sich ein zweiflammiger Gaskocher, eine Spüle mit elektrischer Wasserpumpe, Stauraum und optional ein ausziehbarer Kühlschrank von Dometic. Alles ist funktional und übersichtlich angeordnet.
Der Fahrstand der Raptor ST überzeugt mit einer leicht erhöhten Sitzposition, die eine gute Sicht nach vorne erlaubt. Die Rücklehne kann umgeklappt werden, sodass man entweder nach vorne oder zum Heck blickt. Ein elektronischer Gashebel sorgt für präzise Leistungsdosierung, die Steuerung erfolgt hydraulisch. Optional lässt sich ein Trimmsystem von Zipwake installieren, das wir sowohl aktiviert als auch deaktiviert getestet haben. Auf glattem Wasser waren die Unterschiede kaum spürbar, das Boot fährt geradeaus stabil, und Gewichtsverlagerungen einzelner Passagiere wirken sich kaum auf die Fahrt aus. Wer möchte, kann eine Ankerwinsch mit Funkfernbedienung am Steuerstand installieren. Serienmäßig ist ein 9-Zoll-Plotter verbaut, ein Upgrade auf 12 Zoll ist möglich.
Unter Deck fallen eine solide Verarbeitung und viel natürliches Licht durch die Rumpffenster auf. Unter der vorderen Koje befindet sich großzügiger Stauraum, die Matratzenauflage wird von Gasdruckfedern gehalten, das Be- und Entladen geht somit leicht von der Hand. Die vordere Koje ist ausreichend groß für ein bis zwei Erwachsene, während die Unterflurkabine eher für Kinder geeignet ist, die hier ein gemütliches Höhlen-Feeling genießen können. Groß genug für eine Nacht ist sie dennoch. Optional ist auf der Ausstattungsliste eine Webasto-Heizung verfügbar. Das kleine WC-Kompartiment ist funktional, wenn auch kompakt.
Wie bereits erwähnt, liegt das meiste Gewicht im Heck des Bootes. Das ist auch während der Fahrt zu spüren, was völlig wertungsfrei gemeint ist. Bei glattem Wasser fährt sich das Boot sehr angenehm, ohne Aufschaukeln oder Wippen der Bugspitze. Wellen werden problemlos übersprungen, Absprung und Landung sind weich und komfortabel, ohne Rückenschmerzen zu verursachen. Auch in welligen Gewässern sollte dies keine Probleme bereiten.
Die Steuerung ist angenehm und präzise. Mit dem elektronischen Gashebel lässt sich die nötige Leistung sehr gut dosieren. Kurven, Slalomfahrten oder enge Kehrtwenden meistert das Boot problemlos. Letztere sind bei ganz nach unten getrimmtem Motor sogar sehr sportlich. Die zahlreichen Haltegriffe sorgen dafür, dass auch die Gäste sicher sind.
Aus fahrerischer Sicht ist das Boot daher ideal für Einsteiger, gleichzeitig aber auch nicht langweilig für Fortgeschrittene. Auf gerader Strecke erreicht das Boot eine maximale Geschwindigkeit von 47,8 Knoten. Bei kleinen Wellen wird das Boot spürbar anfälliger und etwas unruhiger. Mit optimalem und mehr fahrbarem Powertrimm lassen sich jedoch immer noch rund 45 Knoten bei 6.000 Umdrehungen pro Minute erreichen. Das Boot fährt sich dann angenehmer, wenn man nicht das Maximum an Geschwindigkeit herausholen möchte. Für ein acht Meter langes Boot ist das definitiv schnell genug. Auch der Spritverbrauch von 133,4 Litern bei maximal 6.200 Umdrehungen pro Minute ist akzeptabel. Angebaut ist am Heckspiegel ein Honda BF350 XDU mit einem Edelstahl-Propeller mit drei Flügeln und den Maßen 16 mal 18 Zoll. Die wirtschaftlichste Drehzahl für das Boot liegt bei rund 3.500 Umdrehungen pro Minute, was laut GPS einer Geschwindigkeit von 24,3 Knoten entspricht.
Das Boot ist in der sogenannten Spray-up-Laminierungstechnik gebaut. Dabei werden flüssiges Harz und kurz geschnittene Glasfasern gleichzeitig mit einer Spritzpistole in eine Form aufgetragen. Die Fasern stammen meist aus Glasfaser-Rovings und werden in der Pistole automatisch auf die gewünschte Länge geschnitten. Diese Technik hat Vor- und Nachteile. Für die Werft ist sie kostengünstiger und deutlich schneller. Das Laminat muss allerdings dicker sein und wird schwerer, da die Fasern unregelmäßig liegen und keine gezielten Kräfte aufnehmen können. Trotzdem ist die Technik weit verbreitet, um Boote herzustellen. Die Zeitersparnis gegenüber dem Handauflegeverfahren liegt bei schätzungsweise 40 bis 60 Prozent.
Das „ST“ im Namen steht übrigens für „Sport Top“. Das Dach ist der einzige Unterschied zur normalen Raptor-Version, macht sie aber alltagstauglicher.
4G-Router · Abloy-Schlösser · Anti-Frost-System für Windschutzscheibe · Bug-strahler ·Fender am Bug · Kabinen mit Matratzen und Teppich · elektrische Bilgenpumpe und Seewasser-Toilette · Feuerlöscher · Hydraulische Lenkung · Navigationslampen · Seekarten für Plotter
Das Boot wird im Spritzgussverfahren gebaut. Bei der sogenannten Spray-up-Lamination werden flüssiges Harz und kurz geschnittene Glasfasern gleichzeitig mit einer Spritzpistole in einer Form aufgetragen.
Bei Hafenmanövern hilft das standardmäßig verbaute Bugstrahlruder Side-Power SE 30/125 S mit dazugehöriger Fernbedienung gut aus.
Die doppelte Sitzbank kann umgeklappt werden. So können noch zwei weitere Personen am Tisch im Heck sitzen. Außerdem sind sie recht gemütlich.
Die Galley ist mit einem zweiflammigen Kocher und einer Spüle mit Kaltwasser für einen Wochenendtörn gut ausgestattet. Auch Stauraum ist ausreichend und dem Boot entsprechend vorhanden.
| Drehzahl U/min | Geschwindigkeit kn | Geschwindigkeit km/h | Verbrauch l/h | Reichweite sm | Reichweite km |
| 660 | 2,9 | 5,5 | 2,4 | 272 | 503 |
| 1.000 | 4,3 | 8,0 | 4,8 | 200 | 371 |
| 1.500 | 6,2 | 11,4 | 9,4 | 147 | 271 |
| 2.000 | 7,5 | 13,8 | 15,3 | 108 | 201 |
| 2.500 | 9,1 | 16,8 | 24,6 | 82 | 151 |
| 3.000 | 16,2 | 30,0 | 29,7 | 121 | 223 |
| 3.500* | 24,3 | 45,0 | 33,0 | 163 | 301 |
| 4.000 | 29,5 | 54,7 | 47,35 | 138 | 255 |
| 6.000 | 45,0 | 83,3 | 115,0 | 86 | 160 |
| 6.200 | 47,8 | 88,51 | 134,0 | 79 | 146 |
* Hier liegt der wirtschaftlichste Bereich in einer guten Gleitfahrt. Gemessen bei unserem Test mit drei Personen an Bord, leichtem Wellengang und zehn Knoten Wind. Tanks: 40 Prozent Benzin und 10 Prozent Wasser.
Die Silver Raptor ST überzeugt als vielseitiger Allrounder, der Fahrspaß, Komfort und Alltagstauglichkeit gekonnt miteinander verbindet. Das Boot fährt sich sportlich, präzise und sicher. Es meistert Wellen souverän und lässt sich sowohl von Einsteigern als auch erfahrenen Skippern gut kontrollieren. Kleine Schwächen werden durch zahlreiche Pluspunkte mehr als ausgeglichen. Ein gutes Boot für fast jeden Anwendungszweck. Gerade für die Ostsee.
Moderner GFK-Rump
Schwere Bauweise
Anker kann stören
Sportlich präzise
Gute Allround-Performance
Bauqualität
Gut belüftet
Heckwanne recht tief, Seitenwechsel erschwert
Starke Motorisierung auch in der Minimum-Version
Karten für den Plotter inkl.
Feuerlöscher serienmäßig
Das offene Schwesterboot der ST ohne Sport‑Top‑Dach, aber mit ähnlichem Konzept: Daycruiser mit Kabine, Pantry und WC. Den Rumpf teilen sich die beiden Modelle. Preis: 105.900 €.
Die 80 DC kombiniert die Vorteile eines Daycruisers mit denen eines Walk‑around‑Bootes: Große, gut beleuchtete Kabine mit Schlafplätzen, separatem WC, Pantry und Sitzbereich. Preis: 130.000 €.
Die Quicksilver Activ 805 Cruiser ist ein Kajütboot/Daycruiser mit Kabine und komfortabler Einrichtung, der für Familien‑ und den Freizeit‑Einsatz konzipiert ist. Preis: 90.900 €. Hier finden Sie den BOOTE-Test.

Redakteur Test & Technik